»Die Europäer haben dem äthiopischen Militär die Lebensmittel geliefert«

Interview mit dem Exil-Eritreer Fidel zu Krieg, Theorie und Flucht

streitblatt: 10% aller Eritreer sind eingezogen, inzwischen auch die 70jährigen. Nach 30 Jahren Dekolonisationskrieg gegen Äthiopien ist nun auch die Folgegeneration - bei noch nicht abschätzbaren Verlusten von vielen Zehntausenden - zu einer Kriegsgeneration geworden. War eine solche Entwicklung absehbar?

Fidel: Natürlich spreche ich als ein Beobachter, der schon seit 20 Jahren in Deutschland lebt. Aber die sieben Friedensjahre nach Kriegsende, in denen ich dreimal in Eritrea war, waren schon eine Zeit der Hoffnungen. Äthiopien allerdings hat sich mit der Loslösung Eritreas nie abgefunden, was viele Menschen nicht verstanden haben. Es gab damals zwei Positionen. Die eine sagte, militärische Stärke sei nicht länger von Nutzen und wenig sinnvoll, die andere - so auch die Regierung - vertrat die Notwendigkeit eines 'national service'. Diese Form des Militärdienstes sollte zwei Funktionen wahrnehmen: Jugendliche, die in den ehemaligen äthiopischen Garnisonsstädten in Eritrea heranwuchsen und keine Kriegserfahrungen hatten, sollten von der westlichen Dekadenz abgebracht werden, die die Äthiopier dort zuließen, um die Jugend in den Städten zu halten. Ihnen sollte zusammen mit dem Mythos des Befreiungskampfes beigebracht werden, daß Krieg voller Mühen und Entbehrungen steckt und daß das Ergebnis des Sieges geschätzt werden muß. Die zweite Aufgabe des 'national service' war das Vermitteln der fortwährenden Bedrohung und die Schaffung eines potentiellen militärischen Nachwuchses als Schutz vor Äthiopien. Heute sind diese jungen Leute an der Front, die Übervierzigjährigen werden zum Städteschutz eingeteilt.

streitblatt: Eritrea hat bis zum 30.5. seine Truppen 20 km hinter die umstrittenen Grenzen zurückgezogen und zur Schaffung neuer Verteidigungslinien erneut eingegraben. Äthiopien hat am 31.5. den Krieg als Gewinner für beendet erklärt. Wie beurteilst Du die aktuelle Lage?

Fidel: Bekanntlich hat sich der Krieg nicht um die umstrittenen Gebiete gedreht. Im ordnungspolitischen Konzept der USA soll Äthiopien mit 60 Mio. Einwohnern eine regionale Großmacht sein, Eritrea mit 3,5 Mio. wird dem untergeordnet. Deshalb hat ein eritreischer Landanspruch kein Gewicht, ein äthiopischer aber erhält seine Legitimation daraus, daß die USA und die EU gemäß dieses Konzepts Äthiopien unterstützen.

streitblatt: Die vor kurzem geräumte Grenzstadt Zalambessa aber ist auf einer offiziellen Karte des Tourismusministeriums von 1994 nicht als eritreisches Territorium eingetragen. Warum wurde sie von Eritrea eingenommen?

Fidel: Zalambessa war seit 1998 aus militärisch-strategischen Gründen besetzt. Die Gegend ist dort sehr gebirgig, von Zalambessa ist eine Überwachung bis weit nach Tigray hinein möglich.

Es war aber sicher ein Fehler der eritreischen Regierung, die US-Position falsch eingeschätzt zu haben. Ein Rückzug hätte vor Beginn der Vernichtungs- und Materialschlachten stattfinden müssen. Die USA waren erst nach diesem Rückzug aus den umstrittenen Gebieten zum Druck auf Äthiopien bereit. Sie haben Äthiopien stets direkt und indirekt - etwa über Israel - mit Geld und Waffen unterstützt.

Beim Ausbruch des Kriegs haben sie die Vermittlung zwischen den Konfliktgegnern als 'Chefsache' an sich gezogen, die EU hatte zunächst keine Einflußmöglichkeiten. Dann kam die Hungersnot und die Europäer haben ohne weitere Kontrolle dem äthiopischen Militär Lebensmittel geliefert. Die Russen verkauften Waffen an beide Seiten. Als Äthiopien bereits die ersten zwanzig Kilometer nach Eritrea eingedrungen war, habe ich weder von der EU noch von den USA ein Wort hierzu gehört.

streitblatt: Äthiopien hat im besetzten Westen Eritreas Vetreter der Alliance of Eritrean National Forces etabliert, einem künstlichen Oppositionsbündnis, dessen Spektrum von linken Konkurrenzbewegungen aus den 80ern bis zum Djihad reicht.

Fidel: Auch die untereinander zerstrittenen ELF-Gruppen haben schon seit längerem ihre Büros in Addis Ababa. Ob eine solche Opposition in der eritreischen Bevölkerung auf Resonanz stoßen wird, ist allerdings fraglich. Es wird kaum akzeptiert werden, daß diese Gruppierungen sich von Äthiopien unterstützen lassen, was sie schließlich dem Verdacht aussetzt, bloße Marionetten zu sein. Kritik an der EPLF-Regierung ist sicher legitim, aber sie muß von innen kommen. Bei einer Opposition von außen sollte man Fremdinteressen wittern.

Viele andere afrikanische Länder haben das bittere Schicksal der ethnischen Balkanisierung erlitten. Diese Perspektive verursacht in der eritreischen Bevölkerung eine große Sorge, die man als eine offene Wunde des Landes seit der Unabhängigkeit bezeichnen könnte.

streitblatt: Der Staatsmythos Eritreas basiert auf dem Gedanken der 'self-reliance'. Läßt sich dieser überhaupt umsetzen?

Fidel: Der Gedanke der 'self-reliance' stammt aus den 70er Jahren und verkörpert mehrere Aspekte. Als Kernaussage lehnt die 'self-reliance' eine Entwicklung von außen ab und will Selbstbestimmung durchsetzen. Das Umsetzen der Theorie in die Realität stößt allerdings auf Widerstand. Oft genug wird 'self-reliance' - von außen - zum einen als gefährlicher Nationalismus beschrieben, zum anderen stellt sie natürlich ein Hindernis für Investitionen aus dem Ausland dar. Postkoloniale Einflußnehmer und Konzerne verkaufen sie als »schlechtes Beispiel«, das die anderen afrikanischen Staaten nicht nachahmen sollten.

streitblatt: Du hast selbst Mitte der 70er an der Universität in Addis Ababa studiert. Wie hast Du die Anfänge des Unabhängigkeitskrieges mitbekommen?

Fidel: In diesen Jahren waren sehr viele Eritreer an der Uni in Addis Ababa, während in Eritrea selbst sowohl die ELF als auch die EPLF aktiv waren. Wir haben nächtelang Diskussionen über unsere unterschiedlichen Parteizugehörigkeiten geführt: Zwei große Befreiungsbewegungen in einem Land mit nur 3,5 Mio Menschen!

Damals habe ich, außer Lenin und Marx, Nyereres Ujamaa-Schriften und Frantz Fanons »Die Verdammten dieser Erde« gelesen, wir interessierten uns überhaupt für das Beispiel Algerien - ebenso wie auch für Kuba.

Seit 1974 war Mengistu Haile Mariam in Äthiopien an der Macht. 1977 schließlich unterzog er die Stadt Addis Ababa einer Kampagne zur Säuberung von Oppositionellen, womit der 'red terror' begann. Ich mußte in den Sudan fliehen.

streitblatt: Wie standen TPLF und EPLF im ersten Eritrea-Krieg zueinander?

Fidel: Eine erste Befreiungsfront im Tigray war die TLF, eine Bewegung der Bourgeoisie, der Verlierer unter der kommunistischen Regierung Mengistus. Aus ihr kristallisierte sich die TPLF heraus, in welcher sich vor allem junge Leute, Studenten und Intellektuelle sammelten, eine geistige Elite also, die keinen Zugang zur Macht hatte. Ab den 70er Jahren exportierte die EPLF, die von wenigen Leuten gegründet ebenfalls durch den Beitritt junger Leute stetig wuchs, ihr Gedankengut nach Äthiopien hinein. Bis in die 80er Jahre schließlich erhielten die TPLF-Rebellen ihre militärische Ausbildung bei der EPLF. Während die EPLF sich jedoch zunehmend vom Ostblock löste, unterhielt die TPLF starke Kontakte nach Albanien und favorisierte dementsprechend das agrarisch-autarkische albanische Modell. Zum Ende des ersten Krieges vor der Regierungsübernahme der TPLF in Äthiopien bzw. der EPLF in Eritrea hatten beide Fronten getrennte Theorien, doch zwang sie die Stärke der äthiopischen Regierungstruppen zu einer Allianz. Die Streitigkeiten untereinander wurden vertagt. Innerhalb der TPLF gab es auch Pläne zu einer Konföderation des Tigray mit Eritrea bzw. zu eigener Unabhängigkeit, nachdem die EPLF ablehnte - sie wollte Äthiopien nicht ethnisch zerstückeln. Von vorneherein unterschieden sich TPLF und EPLF dadurch, daß sich die eine auf eine ethnische, die andere auf eine postkoloniale Basis gründete.

streitblatt: EPLF und TPLF waren Rebellenbewegungen mit - wenn auch unterschiedlicher - marxistischer Ausrichtung. Aber auch Mengistu Haile Mariam nahm eine solche für sich in Anspruch. Wie war ein Krieg zwischen Marxisten möglich?

Fidel: Theoretische Nähen gab es schon, aber hat nicht auch Stalin die Balkanländer annektiert? Mengistu war zunächst ein erfolgreicher Militärputschist, erst nach seiner Machtergreifung gab er sich marxistisch. Sicher kann er auch als Modernisierer Äthiopiens gelten, was seine Alphabetisierungspolitik und seine Verbesserungen im Schul- und Krankenhauswesen vor allem im Süden des Landes betrifft, auch profitierte die Landbevölkerung durchaus von Landreform und Agrargenossenschaften. Diese Maßnahmen helfen, sie machen aber noch keinen Marxisten aus. Mengistu, der Eritrea als festen Bestandteil Äthiopiens betrachtete, schickte eben diese Bauern als militärische Man-Power-Ressourcen in ihre Vernichtung im Eritrea-Krieg. Auch seine Pläne zur Zwangsumsiedlung der Bewohner von Tigray, als einem »unfruchtbaren Land«, in den fruchtbaren Süden offenbarten ihn einfach als einen großen Diktator, was ihm auch den Spitznamen »schwarzer Stalin« einbrachte.

streitblatt: Der Bruch zwischen zwei Staaten geht mitten durch viele Familien. Besteht die Möglichkeit einer Versöhnung?

Fidel: In den letzten zwei Jahren hat die Woyane-Regierung 70.000 Eritreer, die seit 30 oder 40 Jahren in Äthiopien gelebt und gearbeitet haben, meist wohlhabende Geschäftsleute, über Nacht ausgewiesen und ihr Habe konfisziert. Die mitausgewiesenen Kinder sind in Äthiopien geboren und sprechen kein Tigringna oder andere eritreische Sprachen. Die offizielle Begründung lautete, diese Menschen seien Parteigänger der EPLF und mit ihren Organisationsstrukturen - in Kulturvereinen etwa - ein Sicherheitsrisiko. Die Welt hat hierzu geschwiegen und weggesehen, dabei war hier eine erste Versöhnung bereits »unterwegs« gewesen, der 30jährige Krieg war im Begriff, vergessen zu werden. Über die Möglichkeit zur Versöhnung entscheidet in erster Linie die Frage, wie lange die Regierung in Addis Ababa noch an der Macht bleiben wird. Erst eine neue Regierung wird bereit sein, die Fehler der letzten aufzuarbeiten. Auch nach dem ersten Krieg wurde die Versöhnung mit dem Sturz des Mengistu-Regimes möglich.

streitblatt: Du bist in den 80er Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen und bist heute selbst Deutscher. Wie konntest Du Dich in unserer xenophoben Gesellschaft zurechtfinden?

Fidel: Ich habe nach meiner Flüchtlingserfahrung des 'red terror' unter Mengistu über den Umweg Sudan in der BRD ein neues Zuhause gefunden. Wichtigster Schlüssel hierfür ist die Sprache. Am Anfang hatte ich schon Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, weil ich Ausländer war. Aber es gab immer auch hilfreiche Leute und diese positiven Erfahrungen wiegen die Schwierigkeiten für mich wieder auf. Ich versuchte durch Flucht einer schlechten Situation zu entkommen, ich hatte keine Erwartungen und keine Ansprüche. Nur wer mit großen Ansprüchen kommt, kann schmerzlich enttäuscht werden.

streitblatt: Was kann und soll man den hier aufwachsenden Kindern eritreischer Eltern von der zerstörten 'alten' Heimat vermitteln?

Fidel: Es gibt hier zwei Positionen. Die einen Eltern wollen es ihren Kindern ermöglichen, nach Ausbildung oder Studium in die Heimat ihrer Eltern zurückzukehren, dazu vermitteln sie ihnen Sprache und Kultur. Die anderen wollen mit ihrem Herkunftsland nichts mehr zu tun haben. Eritrea bedeutet für sie Afrika und Afrika heißt Elend und Ödnis. Diese Eltern vermitteln ihren Kindern in diesem Sinne nichts. Für die Kinder aber, die hier aufwachsen, ist Deutschland ihre Heimat, nur wenige wollen und können zurück, was nicht zuletzt von der EPLF-Regierung abhängt. Hier entwickelte Vorstellungen von Leben, Arbeit, Technologie u.ä. müssen in Eritrea wiedergefunden werden können. Das Leben besteht aus zwei Aspekten: menschlicher Wärme und materiellen Notwendigkeiten. Afrika war bisher reich an ersterem und arm an letzterem. All die Selbstverständlichkeiten - von fließendem Wasser bis hin zu 20 Sorten Käse oder Wurst - gibt es in einem eritreischen Dorf eben nicht. Als ich selbst mit Mitte zwanzig nach Deutschland gekommen bin, war ich neidisch auf die Flüchtlinge im Schulalter, da sie die Chance hatten, hier eine Ausbildung zu machen und diese dann in Eritrea zu nutzen. Nicht zuletzt durch den Krieg sind solche Überlegungen aus anfänglicher Hoffnung heute sicher komplizierter geworden.

streitblatt: Fidel, wir danken für das Gespräch.

(Die Fragen stellte mt.)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 19. Juni 2000.