Eine logische Lösung des Leib-Seele-Problems

Professor Blaus mythischer Monismus

Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ist in Zeiten des Feudalismus eine weit verbreitete Unsitte gewesen. Gewandet in die christliche Religion, gab er eine wunderbare Grundlage für die Legitimation der Fürstlichen Herrschaft ab. Das Geschäft der Theologen und Philosophen war es zu erklären, warum die Welt so ist und nicht anders, weshalb sie in Anbetracht der allgemeinsten Prinzipien notwendig so sein muß. Das irdische Jammertal verdankte der Mensch letztlich seiner Freiheit, seine Unterwerfung unter die fürstliche Willkür andererseits ergab sich infolge der göttlichen Gnade, derer der Fürst teilhaftig wurde. Die Möglichkeit dieser Gnade bereits im Irdischen ergab sich aus dem Tod Jesu: »ich sterbe für eure Sünden«, welches 'eure' sich aus diversen Gründen nur auf die Fürsten bezog, zumindest was die Praxis anbelangt. Praktisch wurde auch auf Latein gepredigt und die Leute konnten zum großen Teil nicht die Bibel lesen, so war denn, was hängen blieb, lediglich die einfache Regel: Wenn du nicht in die Hölle willst, dann sei demütig und ertrage auch die schlimmste Folter ohne Hass auf deine Peiniger, denn es ist letztlich nur um deiner Seele Willen, sie vor der Hölle zu bewahren. Die Unsterblichkeit, oder die Meinung, daß der irdische Tod nicht das Ende sei und erst später, beim letzten Gericht oder so, die eigentliche Entscheidung über Glück oder Unglück fällt, also daß das ganze diesbezügliche Irdische ohnehin der menschlichen Unzulänglichkeit unterliegt und insofern nur bedeutungsloser Kram ist, wo es darauf ankommt, brav zu sein und sonst alles zu ertragen, ist die zentrale Vorstellung im christlichen Glauben, solange er als Legitimation weltlicher Macht dient. Der Doppelcharakter des Menschen im christlichen Glauben ist also der, daß der Mensch einerseits grundsätzlich Gottes Ebenbild und somit oder insofern unsterblich ist, andererseits in der Welt aus Erde geformt wieder zu Erde wird, insofern er leidend, frei und also sündig (qua durch Sünde in die Welt gebracht) ist.

Daß dem Grundsatz nach nicht irgendwie einfach Schluss sein kann, ist auch heute noch eine weit verbreitete Überzeugung. Die Vorstellung von sich selbst als noch ganz anders, zumindest der Potenz nach autonom und nicht auf seinen oder durch seinen Körper beschränkt, das was halt nach dem Tod eigentlich noch da sein müßte, der freie Geist, die unsterbliche Seele ist auch heutzutage noch populär. Die zweite, ganz private Natur des Menschen, seine Seele und wie diese sich zur Welt incl. eigenem Körper verhält, hat sich dieses Semester Prof. Blau zum Thema gemacht. Nicht unbedingt christlich voreingenommen, sondern modern und mit dem Anspruch einer Arbeitshypothese zwecks Lösung logischer Paradoxien, schlägt er einen mythischen Monismus vor, der auf seine Weise die alte Unsterblichkeit erhält, indem er das individuelle Sein für nur die eine Seite des insgesamt ewigen, selbstgenügsamen Seins erklärt. Daß solche Vorstellungen auf dem Boden der bürgerlichen Praxis gedeihen, und letztlich nur die Oberfläche dieser Praxis wissenschaftlich versiegeln, also wieder nur erklären warum es so sein muß, wie es ist, zu zeigen ist Anliegen dieses Artikels.

Die praktische Metaphysik des Kapitalismus: Der Wert

Die Arbeitsprodukte in der kapitalistischen Produktionsweise sind Waren. Als solche sind sie einerseits, weil sie Bedürfnisse befriedigen und indem sie zu diesem Zweck konsumiert werden, Gebrauchswerte. Andererseits sind sie, weil sie für den Austausch produziert werden und indem sie sich in bestimmten Verhältnissen mit anderen Waren tauschen, Tauschwerte oder überhaupt erst Waren. Als Waren oder Wertdinge sind die Produkte trotz ihrer sinnlichen Verschiedenheit gleich. Worauf es den Produzenten ankommt, ist im Kapitalismus nicht der spezifische Gebrauchswert einer Sache, sondern der allgemeine oder Tauschwert. Indem die Arbeitsprodukte als Werte getauscht werden, behandeln die Produzenten ihre verschiedenen Dinge als qualitativ gleich und unterscheiden sie nur noch quantitativ. Sie sehen von allen Unterschieden der Arbeitsprodukte ab und außer der Eigenschaft überhaupt Produkte menschlicher Arbeit zu sein, ist nichts an den Waren, wodurch sie Werte sind. Durch das qualitative Gleichsetzen der Arbeitsprodukte als Werte, setzen die Produzenten auch ihre Arbeiten qualitativ gleich als bloß menschliche Arbeit. Was noch weiter an der kapitalistischen Produktionsweise ist, welche Konsequenzen das hat usw. könnt ihr in der Gegenuniversität erfahren, auch wie man zu den hier getroffenen Behauptungen kommt. Was hier zählt, ist jedoch lediglich das Metaphysische am Wert, oder der Doppelcharakter, der daraus dem Menschen erwächst, daß er einerseits besondere Fähigkeiten und Bedürfnisse hat, andererseits diese mit dem natürlichen Reichtum nur über den Wert vermittelt sind. (Was letztlich auf dem Eigentum beruht, aber das ist ein anderes Thema.) Diese Praxis der Warenproduktion führt dazu, daß verschiedene Fähigkeiten und Bedürfnisse, indem sie, was ihre Anwendung bzw. Befriedigung betrifft, auf die Produktionsweise (Kapitalismus) bzw. das Produkt (Waren) verwiesen werden, nur noch danach unterschieden werden, ob sie Wert schaffen bzw. zahlungsfähig sind. So sieht die gesellschaftliche Praxis von allen individuellen Unterschieden ab, und behandelt nur abstrakte oder gleiche Individuen; Rechtssubjekte bzw. Eigentümer, sei's auch nur der eigenen Arbeitskraft: bloß Menschen.

Das inhaltslose Bewußtsein oder die drei schwierigen Sätze des Prof. Blau

Herr Blau macht die philosophische Leib-Seele-Problematik an drei Sätzen fest. Der erste ist der, daß Alles physikalisch ist, also Alles was ist, sich beschreiben lässt. Um diesen Satz sinnvoll zu machen und um der Klarheit der Darstellung willen, formulieren wir ihn um: Alles was ist, ist mit sich selbst identisch, was also verschieden von sich ist, ist nicht. Der zweite Satz, und hier liegt der Hund begraben, ist, daß es psychophysische Wechselwirkung gibt. Das soll heißen, daß psychologische Sachen wie etwa Schmerz und physikalische Angelegenheiten wie etwa ein Hammer, der auf den Fuß fällt, miteinander wechselwirken. Das zu behaupten wird nur deswegen nötig, weil einige Philosophen eine Schwierigkeit darin sahen, daß es so ist. Was aus dem dritten Satz folgen kann, nämlich daß das Bewußtsein außerhalb von Raum und Zeit ist.

Der Wiederspruch ergibt sich zwischen dem ersten und dem dritten Satz. Wenn nur ist, was mit sich selbst identisch ist, das Bewußtsein aber weder räumlich noch zeitlich spezifizierbar ist, sich also insofern nicht identifizieren lässt, dann kann das Bewußtsein nicht sein, oder es ist einfach, also nur ein einziges, nicht mehrere raumzeitlich verschiedene, sondern nur eines und nur bestimmt als mit sich selbst identisch. Die Behauptung der psychophysischen Wechselwirkung ist hier insofern wichtig, daß der erste Satz und der Dritte stimmen sollen, daß also das Bewußtsein auf jeden Fall sein soll.

Prof. Blaus Argument für die psychophysische Wechselwirkung enthält einen entscheidenden Fehler in seiner Überlegung. Das Problem dieser Wechselwirkung erwächst aus der Behauptung des Außerhalb-von-Raum-und-Zeit-Seins des Bewußtseins und der Behauptung, alle raumzeitlichen Prozesse hätten raumzeitliche Ursachen. Dennoch lässt sich eine Wechselwirkung zwischen physikalischen und psychologischen Zuständen beobachten, gibt es also psychophysische Wechselwirkung. Diese Wechselwirkung funktioniert in die eine Richtung als Wille, vom Psychischen ins Physische, in die andere als Empfindung von Irgendwas. Blaus Argument geht so: »In stammesgeschichtlich alten Bereichen - Atmung, Bewegung, Ernährung, Fortpflanzung,... ist unter alten Standardbedingungen das biologisch zweckmäsigere Verhalten gewöhnlich auch das angenehmere.« (Blau, »Leib und Seele«, S. 58) Diese Übereinsimmung von Angenehmem und Zweckmäßigem wäre ohne Wechselwirkung nicht möglich: »Irgendwann traten die ersten angenehmen und unangenehmen Empfindungen auf, (...) die Individuen waren ihnen hilflos ausgeliefert. Aber irgendwann haben einige sich so zu verhalten gelernt, daß eher angenehme Empfindungen folgten, und nun bekamen diese Selektionswert, vermutlich nicht für die Individuen, aber für ihr Verhalten. Schließlich traten Individuen auf, die biologisch zweckmäßige Verhaltensweisen angenehm fanden, und nun bekamen die Empfindungen positiven Selektionswert für die Individuen und generationsübergreifend positiven Selektionswert für zweckmäßiges Verhalten. Also spielen Empfindungen für das Verhalten eine kausale Rolle. Einverstanden?« (ebd., S. 60) - Nein, nicht einverstanden! Woher kommt die Annahme, daß die Empfindungen irgendwann einfach auftraten, quasi mit dem Bewußtsein, das sich einfach hinterrücks in die Welt schlich? Ausgehend davon, ist Prof. Blaus Argument eines gegen die psychophysische Wechselwirkung. Wenn das Bewußtsein (oder einfach das empfindende Ding) nach dem Angenehmen strebt und dann lernt, sich so zu Verhalten, daß angenehme Empfindungen folgen, und dann irgendwie Individuen auftreten, bei denen das Angenehme - aus welchen Gründen auch immer - mit dem Zweckmäßigen zusammenfällt, dann ist das nicht die Folge irgendeiner Wechselwirkung, sondern Zufall. Die Tatsache, daß bei den heute lebenden Leuten das Angenehme mit dem Zweckmäßigen zusammenfällt (was übrigens nahezu ausschließlich in »stammesgeschichtlich alten Bereichen« der Fall ist, die nichts oder nur wenig mit dem zu tun haben, worin wir normalerweise die Freiheit unseres Willens behaupten und betätigen), heißt nichts weiter, als daß die, bei denen das nicht so ist, eben ausgestorben sind. Sollte es tatsächlich mal jemanden gegeben haben, der Atmen als ausgesprochen unangenehm empfand, dann wird er es wohl unterlassen haben. Blaus Schlußfolgerung lässt sich nur dann halten, wenn Verhalten, das zu angenehmen Empfindungen führt und zweckmäßiges Verhalten von vornherein zusammenfallen. Es kann also nicht so sein, daß der Zweck des empfindenden Dings der ist, angenehme Empfindungen zu haben, und der Zweck desselben Dings, insofern körperlich, ein davon unabhängiger biologischer ist, wenn man nicht auf psychophysische Wechselwirkung verzichten will; außer, und das macht Blau, man behauptet ein inhaltsloses empfindendes Ding, ein bloß abstraktes Individuum. »Monist: Und warum tendiert dein Bewußtsein zu solchen [angenehmen] Zuständen? - Dualist: Aufgrund eines synthetischen Urteils a priori. So nenne ich ein Urteil, das weder auf Logik, noch auf Erfahrung beruht, trotzdem unmittelbar einleuchtet und Vorbedingung von Logik oder Erfahrung ist. Ein solches Urteil ist das Glück-Schmerz-Prinzip: (...) Das Angenehmere soll ceteris paribus eher verwirklicht werden!« (ebd., S. 61f). Mit diesem Urteil ausgestattet, tritt also das empfindende Ding in die Welt, und beginnt zu versuchen, sich so zu verhalten, daß dabei angenehme Empfindungen entstehen. Nur ist das ein sehr abstraktes Urteil und wohl eher dem Kopf von Prof. Blau entsprungen, als einfach irgendwann mit dem Bewußtsein oder als das Bewußtsein aufgetreten. Für das inhaltslose Bewußtsein ist es jedoch die einzige Chance, die psychophysische Wechselwirkung vor Blaus Tabellenkalkulationsmonist zu retten. Dabei muß man aber dann in Kauf nehmen, daß diese Wechselwirkung letztlich nur evolutionär, also generationenübergreifend als eine zwischen dem allgemeinen überhaupt empfindendes Ding Seien und dem konkreten dies und das Seien ist, oder eben die Zufälligkeit des Zusammenfallens des Angenehmen mit dem Zweckmäßigen eingestehen.

Der eigentliche Fehler besteht in der Annahme dieser Inhaltslosigkeit des Bewußtseins, deren Konsequenz die ist, daß es eben nur ein Bewußtsein gibt oder - altmodisch formuliert - der Glaube an die unsterbliche Seele. Um damit fertig zu werden, zitieren wir kurz Kant: »Allein, er bedachte nicht, daß, wenn wir gleich der Seele diese einfache Natur einräumen, da sie nämlich kein Mannigfaltiges außeinander, mithin keine extensive Größe enthält, man ihr doch, so wenig wie irgendeinem Existierenden, intensive Größe, d.i. einen Grad der Realität in Ansehung aller ihrer Vermögen, ja überhaupt alles dessen, was das Dasein ausmacht, ableugnen könne, welcher durch alle unendlich vielen kleineren Grade abnehmen, und so die vorgebliche Substanz, (das Ding, dessen Beharrlichkeit nicht sonst schon feststeht,) obgleich nicht durch Zerteilung, doch durch allmähliche Nachlassung (remissio) ihrer Kräfte, (mithin durch Elangueszenz, wenn es mir erlaubt ist, mich dieses Ausdrucks zu bedienen,) in nichts verwandelt werden könne.« (Kant über Platon, »Kritik der reinen Vernunft«, nach Meiner 1990, S. 396ff) Kants Lösung, einfache Postulation, entspricht wohl nicht dem, was Blau eine erklärung nennen würde, daher nun ein anderer Vorschlag.

Anfang einer materialistischen Lösung

Was die psychophysische Wechselwirkung betrifft, so kann man davon ausgehen, daß der Archetyp sowohl des unangenehmen Empfindens, als auch dem eigenen Zweck entgegengesetzter Umstände, nicht irgendein gedachtes oder erlebtes Urteil ist, sondern das tatsächliche Aufhören bzw. Verschwinden. Das Problem für den Materialisten ergibt sich in dem dritten Satz, daß das Bewußtsein außerhalb von Raum und Zeit sei, nur insofern er den Menschen nicht als gesellschaftliches Wesen auffasst, und die Materie nicht dialektisch, insofern er also den Materialismus nur als Physikalismus begreift, und den Menschen dem entgegensetzt, also letztlich an seine Unsterblichkeit glaubt. Dazu Marx: »Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich-menschliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus - der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt - entwickelt.« (Marx, »Thesen über Feuerbach« 1. These) Diese abstrakte, tätige Seite ist bei Blau sein a priorischer Imperativ, der sich nicht auf die Welt bezieht, sondern auf das jenseitige Angenehme. Das Bewußtsein erhält sich aber eben gesellschaftlich und historisch in den oder als die Individuen. Dazu Bloch: »Damit aber tritt ein völlig neues (...) Substrat des Materialismus auf den Plan: das Substrat der menschlichen Bewegung, der menschlichen Tätigkeit. Nicht mehr das angeschaute Objekt der Physik, sondern das Objekt des tätig-menschlichen Subjekts, das ist der menschlichen Arbeit. Das undeutliche Subjekt der physikalischen Bewegung erhebt sich zum deutlichen Subjekt der menschlichen Arbeit; die Dialektik der Natur springt über in die Dialektik der menschlichen Geschichte; Leben wie Denken sind Bewegungsformen einer höher qualifizierten Materie und der Geist kein total Anderes, gar dualistisch Entgegengesetztes, sondern deren »höchste Blüte« [(Engels)]« (Ernst Bloch, »Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz«, Suhrkamp 1985, S. 308).

Herr Blaus Fragen sind durchaus berechtigt, allerdings bleiben seine Antworten auf der Oberfläche der gesellschaftlichen Praxis, weil sie sich damit überhaupt nicht auseinandersetzen. Historisch taucht das Bewußtsein für Blau darum einfach irgendwann auf. Dann bleibt es einfach und also allein. (äg)


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