Das Kapital, Kapitel 8: »Der Arbeitstag«

»Man sieht: Von ganz elastischen Schranken abgesehen, ergibt sich aus der Natur des Warentausches selbst keine Grenze des Arbeitstags, also keine Grenze der Mehrarbeit. Der Kapitalist behauptet sein Recht als Käufer, wenn er den Arbeitstag so lang als möglich und womöglich aus einem Arbeitstag zwei zu machen sucht. Andererseits schließt die spezifische Natur der verkauften Ware eine Schranke ihres Konsums durch den Käufer ein, und der Arbeiter behauptet sein Recht als Verkäufer, wenn er den Arbeitstag auf eine bestimmte Normalgröße beschränken will. Es findet hier also eine Antinomie statt, Recht wieder Recht, beide gleichmäßig durch das Gesetz des Warentausches besiegelt. Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt. Und so stellt sich in der Geschichte der kapitalistischen Produktion die Normalisierung des Arbeitstages dar - ein Kampf zwischen dem Gesamtkapitalisten, d.h. der Klasse der Kapitalisten, und dem Gesamtarbeiter, oder der Arbeiterklasse.« (S. 249)

Kurze Zusammenfassung. Die Arbeitskraft wird im Kapitalismus behandelt wie eine Ware. Sie zirkuliert in der Warenzirkulation (Arbeitsmarkt) und kann durch Konsumption (Lohnarbeit) daraus abgezogen werden. Die Ideologie der »Unternehmer der eigenen Arbeitskraft« dückt das schon ganz richtig aus, nur liegt hier die Betonung auf der Eigenverantwortlichkeit, als Resultat aus der überaus wünschenswerten unternehmerischen Freiheit. Wir gehen davon aus, daß alle Waren - auch die Arbeitskraft - zu ihrem Wert bezahlt werden. Warum das zunächst langfristig nicht anders sein kann, wurde in Kap.4, 2. »Widersprüche der allgemeinen Formel« erörtert. Nun könnte jemand, der seine Arbeitskraft zu ihrem Wert verkauft, einfach aufhören zu Arbeiten, sobald er soviel Wert produziert hat, wie seiner Arbeitskraft entspricht. Bedauerlicherweise entbehrt das jeder Rechtsgrundlage. Freilich kostet mehr Arbeitskraft mehr Geld als wenig Arbeitskraft. Wie man die Menge Mehl in Kilo bestimmt, so bestimmt man die Menge Arbeitskraft in Tagen (nur der Einfachheit halber, zum Erklären; man könnte natürlich auch sagen Gewicht und Zeit, statt Kilo und Tage. Um es auf den Wert zu beziehen, wäre es gar sinnvoll zu sagen: »Anteil am täglich notwendigen gesellschaftlichen Mehlprodukt« bzw. »Anteil an der täglich notwendigen gesellschaftlichen Arbeitskraft« - welches »täglich« daher rührt, daß die Bedürfnisse der Menschen (incl. das des Kapitalisten nach Mehrwert) sich täglich erneuern, also quasi auch täglich Mehl gebraucht wird, und somit auch täglich welches gemacht werden muß; könnte man auch »pro Zeiteinheit« nennen, wie notwendig das ist, ist letztlich jedem selbst überlassen). Laut Marx hat die Länge des Arbeitstags keine Grenze, die sich aus den Gesetzen des Warentausches ergibt. Aber sie hat eine physische Grenze, weil Arbeiter irgendwann schlafen müssen und essen, oder eben einfach nach einer Weile tot oder bewußtlos umkippen. Und sie hat eine moralische Grenze (Moral = ewiges, göttliches, etc. Gesetz; oder bei Marx: Ergebnis des Klassenkampfes). Die moralische Grenze muß zwischen Arbeiterklasse und der Klasse der Kapitalisten verhandelt werden, weil hier beide mit demselben Recht ihr Interesse durchsetzen wollen. Hier muß allerdings folgendes beachtet werden. Wieviel Wert ein Kapitalist durch Konsumption eines Arbeitstages produzieren läßt, hängt nicht von dem Wert dieses Arbeitstages, also dem von der Ware »ein Tag Arbeitskraft« ab. Der Kapitalist investiert um Produkte zu erhalten, constantes und variables Kapital. Also den Wert seiner Produktionsmittel, und den der Arbeitskraft, die darauf angewendet wird. Im Arbeitsprozess wird erstens der Wert der Produktionsmittel anteilig an das Produkt übertragen (Verschleiß) und zweitens menschliche Arbeitskraft für das Produkt verausgabt, also Wert erzeugt. Nur aus dem Zweiten erhält der Kapitalist Mehrwert. Würden nun die Arbeiter aufhören zu arbeiten, wenn sie dem Produkt soviel Wert hinzugefügt haben, wie dem Lohn, den sie für ihren Arbeitstag bekommen entspricht, dann hätte der Kapitalist genausoviel Wert in den Produkten, wie zuvor in den Produktionsmitteln und dem Geld für die Löhne. Er will aber Mehrwert und deshalb, daß die Arbeiter pro Tag länger arbeiten, als bis sie den Wert ihrer Löhne produziert haben. Die Arbeiter wollen aber freilich so kurz wie möglich arbeiten. Unterstellte man ihnen Einsicht in die Notwendigkeit, dann würden sie gar freiwillig solange arbeiten, bis sie genug produziert haben um davon zu leben, also den Wert ihrer eigenen Arbeitskraft (wozu es letztendlich gar keinen Wert bräuchte, weil man dann auch einfach nach Bedürfnissen produzieren könnte, also nicht mehr mittels irgendeiner Metaphysik diese mit dem gesellschaftlichen Gesamtprodukt vermitteln müßte - die historische Planwirtschaft ist zum Teil sicherlich ein Versuch das zu machen, was dabei falsch gelaufen ist hoffen wir demnächst in der Gegenuniversität ergründen zu können). Weil aber der Klasse der Kapitalisten die Produktionsmittel, das Land, etc. gehören, müssen die Arbeiter - sofern sie nicht die Legalität verlassen wollen - den Kapitalisten einen Arbeitstag anbieten, der auch deren Interesse rechnung trägt. Sonst können sie mit ihrer Arbeitskraft nämlich gar nichts anfangen, außer Verhungern - und da sie nichts anderes haben als ihre Arbeitskraft (incl. historisch-moralisches Element), die zu ihrem Wert bezahlt wird, werden sie auch nie mehr bekommen (klassenmäßig betrachtet, denn freilich gibt es auch den Tellerwäscher, der zum Millionär und ideologisch ausgeschlachtet wird). Als Resultat aus diesem Interessenkoflikt, wo gleiche Rechte konkurrieren, ergibt sich der Normalarbeitstag, den möglichst lange zu machen die Kapitalisten ein Interesse haben.

Die Frage warum der Kapitalist nicht einfach den Stundenlohn senkt, statt die Länge des Arbeitstages zu erhöhen. Der Kapitalist kann natürlich nicht den Tag länger als 24 Stunden machen, weshalb »die Länge des Arbeitstages zu erhöhen« auch bedeutet, »die Länge der Zeit während eines Tages, für die der Arbeiter dem Kapitalisten seine Arbeitskraft, für den Wert eines Arbeitstages, zur Verfügung stellt zu erhöhen.« Es ist klar, daß es auf dasselbe hinausläuft, wenn man die Zeit, die man kauft erhöht, wie wenn man den Preis, den man zahlt senkt. Entscheidend ist das Verhältnis von gezahltem Preis (Wert eines Arbeitstages) zur Menge der Ware, die man dafür bekommt (Dauer des Arbeitstages). Dies ist eines der grundlegenden Verhältnisse, die von den Klassen verhandelt werden. Wenn die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft sich die verschiedensten Möglichkeiten ausdenkt, das zu formulieren, dann könnte man spekulieren sie tue nur dumm - wahrscheinlich ist das jedoch nicht, schließlich wird sich aufrichtig verausgabt. Es ist schon eher so, daß sie gar nicht anders kann als die Angelegenheit nicht zu verstehen, weil sie sich selbst dem verdankt, daß sie nichts versteht. Als anschauliches Beispiel hiervon mag, wenn man ihn vielleicht auch nicht als Wissenschaftler im engeren Sinne betrachten kann, der Verfasser des »Essay on Trade and Commerce« dienen (S.291f.). Diese Argumentation ist beispielhaft, und nimmt in gewisser Weise die heutige Ideologie der Globalisierung vorweg. Wollen WIR in der internationalen Konkurrenz bestehen, dann solltet IHR euch »bescheiden, 6 Tage für dieselbe Summe zu arbeiten, die sie [resp. IHR] nun in 4 Tagen verdienen [t]« (ebd.). - Um darauf nicht hereinzufallen, sollte man stets im Auge behalten, wer zu wem spricht.

Die Frage warum Germanisten weniger als Informatiker bekommen, obwohl genausoviel abstrakte Arbeit zur jeweiligen Ausbildung der Arbeitskraft verausgabt wurde. Abstrakt betrachtet, könnte man sagen, der Wert der jeweiligen Arbeitskraft richtet sich eben nach der NOTWENDIG dafür verausgabten Zeit, abstrakt- menschlicher Arbeit. Notwendig wird diese Zeit durch zahlungsfähiges Bedürfnis nach dem Produkt, wozu auch das Mehrwertbedürfniss der Klasse der Kapitalisten gehört. Allerdings: NUR für welche Dauer für das jeweilige Produkt gesellschaftlich notwendige Arbeit verausgabt werden muß, bestimmt die Größe des Werts des Produkts. Ob durch Arbeit überhaupt Wert produziert wird, hängt in jeder warenproduzierenden Gesellschaft davon ab, ob ein Bedürfnis nach dem Arbeitsprodukt vorhanden ist, das bereit ist, es gegen irgendwelche Wertdinge (Waren) zu tauschen; und andersherum natürlich auch davon, ob das Produkt für den Austausch produziert wurde, der Produzent es also nicht selber konsumieren will. In der historisch besonderen, kapitalistischen Form der Warenproduktion, heißt ein solches Bedürfnis ZAHLUNGSFÄHIG. Welche Arbeit auch sonst verrichtet wird, Wert produziert sie nur, wenn ein zahlungsfähiges (-in doppeltem Sinn, also quasi auch bezahlbares) Bedürfnis nach dem Produkt vorhanden ist. Und in der Sphäre zwischen dem Bedürfnis, dem Anteil der, um es zu befriedigen verausgabten Arbeitskraft an der gesamten-, und der gesamten, auf das Produkt verausgabten Arbeitskraft, gilt tatsächlich das Gesetz von Angebot (die gesamte, auf das Produkt verausgabte Arbeit) und Nachfrage (Nur der Teil der Arbeit, für den ein zahlungsfähiges Bedürfnis vorhanden ist). Nur insofern, daß diese Nachfrage vorhanden ist, wurde überhaupt Wert produziert. Wie groß dieser Wert im VERHÄLTNIS zur Dauer der gesellschaftlich gesamten abstrakt- menschlichen Arbeit, die für das Produkt verausgabt wurde ist, zeigt sich im Verhältnis von Angebot und Nachfrage (Vom entwicklungsstand der Produktionsmittel hängt die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung eines Produkts dagegen absolut ab). Hier kann es, und das ist mal ein Charakteristikum des Kapitalismus, zu Überproduktion kommen. Wie groß der Wert an und für sich ist, hängt von der Dauer der Anwendung von gesellschaftlich notwendiger Arbeit auf das Produkt ab. Das heißt für einzelne Germanisten, daß der Wert ihrer Arbeitskraft nicht davon abhängt, wie lange sie studiert haben, sondern davon, für welchen Anteil, der auf ihre Arbeitskraft (als BLOß die eines Germanisten, also die Arbeitskraft aller Germanisten) verausgabten gesammtgesellschaftlichen Arbeitszeit, eine zahlungsfähige Nachfrage vorhanden ist (Angebot und Nachfrage). Nimmt man den Betrag dieses Anteils, z.B. in Stunden (alle Stunden, die durch jedes einzelne, der an der Produktion der Arbeitskraft »Germanistik« beteiligten Individuen, dafür notwendig verausgabt wurden, miteinander addiert) pro Gesamtarbeitszeit einer Germanistengeneration (bloß als Germanisten, also gesellschaftliches Gesammtprodukt an »Germanistik«, also Anzahl aller Germanisten einer Generation multipliziert mit der durchschnittlichen Lebensarbeitszeit eines Germanisten, z.B. in Stunden), erhält man eine Größe, die direkt proportional zum durchschnittlichen Wert einer Stunde Arbeitskraft eines Individuums dieser, historisch besonderen, Germanistengeneration ist. Und weil der Kapitalismus gerecht ist, ist auch zu erwarten, daß der Stundenlohn eines Germanisten dieser Generation, ebenso direkt proportional zur errechneten Größe ist. Genauso geht es den Informatikern. Insofern der Anteil der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit an der gesamten, für ihre jeweilige Arbeitskraft verausgabten Arbeitszeit, bei beiden variieren kann (je nach historischen Umständen), kann der Wert ihrer Arbeitskraft grundsätzlich also verschieden sein, obwohl jeweils genausoviel abstrakt- menschliche Arbeit für die jeweilige Arbeitskraft verausgabt wurde. Konkret könnte ein unterschiedlicher Wert aber auch z.B. vom unterschiedlichen Entwicklungsstand der Produktionsmittel zur Erzeugung von »Computer bedienen können« und »Germanistik - Arbeitskraft« kommen. Das zu untersuchen, könnte man z.B. vergleichen, wieviel Leute, die ein Informatikstudium beginnen, dieses auch abschließen (oder vielleicht auch, wie viel von dem gesellschaftlichen Gesammtprodukt an »Computer bedienen können«, darauf verwendet werden muß, diese Arbeitskraft wieder zu produzieren); und ob sich dieses Verhältnis von demselben bei den Germanisten unterscheidet. Man sollte bei solchen Fragen vor allem den Fehler vermeiden, dem Kapitalismus zu unterschlagen was er tatsächlich leistet, nämlich tatsächlich gesellschaftlich zu produzieren. Allerdings darf man dabei andersherum nicht die Abstraktion, den Wert, für die Vergesellschaftung halten; der ist lediglich die Vermittlung der individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten, mit dem gesellschaftlichen Produktionsprozeß und über den Wert funktioniert die Ausbeutung. (äg)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 19. Juni 2000.