Vom Nutzen wissenschaftlicher Benimmregeln

Kritik des Artikels »Der Zweck - ein metaphysisches Prinzip«

Es mag ja sein, dass man das Urteil, das Kapital sei der Grund für alle anderen Bereiche dieser Gesellschaft, nicht teilen mag. Darauf statt mit einer sachlichen Kritik mit wissenschaftlichen Anstandsregeln - konkret statt abstrakt; Bedingungen statt eines hypostasierten Wesens usw. - zu kontern, führt einerseits weg davon, über die Welt nachzudenken; statt über Kapitalismus und Demokratie denkt man jetzt darüber nach, wie man über diese nachdenken darf und soll. Diese Bemühung ist dabei so überflüssig wie ein Kropf, weil zirkulär:

»Theorien über die Entwicklung des Fordismus, also die Massenproduktion und Massenkonsumption, die Anfang des 20. Jahrhunderts sich in Amerika ausbreitete, zu erklären versuchen, können auf eine Erweiterung des Bezugsrahmens nicht verzichten.«

»Fordismus« ist erstens nicht einfach eine Theorie über Massenproduktion und -konsumption, sondern die falsche Behauptung, dass ausgerechnet durch Rationalisierungen, also die Verbilligung der Lohnstückkosten, die Arbeiter instand gesetzt worden wären, ihr eigenes Produkt zurückzukaufen. Zweitens aber wird hier mit einem - falschen - Urteil über den Gegenstand dafür plädiert, mit welchem wissenschaftlichen Rüstzeug man sich ihm nähern soll:

Kurzum, das Argument selber unterstellt, dass man die kapitalistische Produktion ganz ohne »kategorialen Bezugsrahmen«, was immer das sein soll, als »Fordismus« bestimmen kann, um daraus zu folgern, dass ein - vom Schreiber des Artikels im übrigen völlig unbestimmtes - bestimmtes theoretisches Rüstzeug her muss, um ihn zu bestimmen. Wenn man aber den Gegenstand schon erkannt haben muss, um herauszufinden, welche Methode ihm angemessen ist, kann man die Methode gleich weglassen - man hat ihn doch schon erfasst.

Andererseits ist die Verlagerung aufs methodische Gleis ja kein einfacher Gegenstandswechsel - man fängt nicht an, statt über den Kapitalismus über Denkformen nachzudenken, statt politischer Ökonomie Logik zu betreiben. Die Denkregeln, die aufgestellt werden, transportieren nämlich durchaus inhaltliche Vorurteile, aber perfider Weise nicht als sachliche Bestimmungen, um die man sich streiten kvnnte, sondern in der Form von Verfahrensregeln, die man beim Denken zu beachten hätte:

»Das Außerachtlassen von historischen und kulturellen Gegebenheiten bei der Erklärung von je spezifischen Sachverhalten ist unsinnig.« Warum eigentlich?

Entfernt man sich nicht vom ach so spezifischen Gegenstand, wenn man eine gemeinsame Verfahrensregel zur Erfassung aller besonderen Dinge aufstellt? Was ist mit der so emphatisch betonten Besonderheit, wenn man allen Besonderungen mit derselben Denkfigur zuleibe rückt? Hat man mit seiner Feier der Spezifik jeden Gegenstands nicht sowieso die abstrakteste Aussage gemacht, die man über einen Sachverhalt treffen kann, nämlich die inhaltslose Versicherung, dass er bestimmt sei - statt ihn zu bestimmen? Dass man damit in der Erklärung auch nur irgend eines Umstands weiterkommen würde, ist ein schlechter Witz: Was sind die »historischen und kulturellen Bedingungen« denn anderes als Metaphern für »Besonderheit«? Wir lernen also: Um die Spezifik einer Sache zu erfassen, muss man ihre besonderen - eben historischen und kulturellen - Umstände beachten. Nur, was sind denn ihre besonderen Umstände, wenn man den Sachverhalt gar nicht für sich betrachten darf? Das Ganze kürzt sich also auf die Tautologie zusammen:

Beim Besonderen muss man auf die Besonderheit achten - wer hätt´s gedacht. Gleichzeitig hat es diese Tautologie aber in sich: Sie ist ein Angriff auf jeden Versuch, die allgemeinen Bestimmungen von was auch immer zu erfassen:

Besonders ist besonders und deshalb nix allgemein, ist die negative Botschaft dieser Verfahrensregel.

Aufgestellt wurde diese Regel mit dem »Argument«: Es ist unsinnig, nicht zu machen - worauf es dem Verfasser der Polemik ankommt. Solches »Argumentieren« ist leicht - und schon wieder ein falsches Argument: Darauf kritisch zu deuten, dass jemand etwas außer Acht gelassen oder ignoriert habe, setzt argumentlos voraus, dass der vernachlässigte Gesichtspunkt ganz wichtig für die Erklärung der Sache gewesen wäre. Dass und wie z.B. die »historischen und kulturellen Gegebenheiten« zu den »je spezifischen Sachverhalten« gehvren, erfährt man ebenso wenig, wie auf der anderen Seite, was denn so schlimm daran gewesen ist, sie wegzulassen, was also der Fehler des vorgetragenen Arguments gewesen sein soll. Noch ein schönes Indiz: Wir, die wir nicht im Besitz Euerer Ausgabe 5 sind, haben nach ausführlichem Studim des Kritik-Artikels nicht die geringste Ahnung, worüber es bei der kritisierten Ausgabe 5 gegangen ist. Das einzige was sich aus der Kritik ersehen lässt, ist, dass das Streitblatt das Kapital zum Grund irgend einer Scheiße erklärt hat, und das dem Kritiker hinten und vorne nicht passt.

Neben dem als Kritik verkleideten Beharren des Verfassers darauf, die Welt doch so zu sehen, wie er, wird der Angriff über vollkommen haltlose Gleichsetzungen abgewickelt:

»Den Zweckbegriff als Kernpunkt menschlichen Handelns zu sehen, also: Alles als Mittel für die kapitalistische Verwertung zu betrachten, suggeriert eine ungeheuere Rationalität der Entwicklung dieser Gesellschaft. Wer oder was ist so rational? Ich kann da nichts erkennen. Die Vorstellung einer objektiven, den Lauf der Geschichte prägenden Vernunft ist für die Aufklärung prägend gewesen...« Wer den Kapitalismus analysiert - ob richtig oder falsch - äußert sich Gott sei Dank nicht dazu, was der Kernpunkt menschlichen Handelns sei; er hat ein anderes Thema; zweitens äußert er sich nicht zu »Allem«, sondern zu einer bestimmten historischen Gesellschaftsformation. Drittens behauptet die Analyse eines Zwecks nicht, dass die Geschichte, also der pure Zeitablauf, ein eigenständiges Subjekt sei und viertens und vor allem ist die Analyse eines Zwecks nicht identisch mit der Behauptung, dass der analysierte Zweck - offenbar weil überhaupt analysierbar - vernünftig, also zu billigen wäre.

Erklären und Billigen ist ein für allemal nicht dasselbe. Wenn Erklären und Billigen zusammenfallen, dann nur, weil ein Theoretiker von vornherein mit der Haltung an seinen Gegenstand herangeht, ihn verstehen, ihm ein besseres Weiß warum unterstellen zu wollen.

Wenn man aber beides identifiziert, bleibt eine seltsame Alternative übrig:

Entweder der Kapitalismus ist unerklärbar, ein Aggregat zufälliger Umstände. Dann kann man ihn schon deswegen nicht kritisieren, weil es keinen Kapitalismus, ja nicht einmal eine einheitliche Gesellschaftsformation gibt. Dann muss man ihn aber auch gar nicht kritisieren, weil niemand geschädigt, und niemand Zwängen unterworfen, sondern jeder durchaus frei wäre, sich in dem zufälligen, durch nichts zusammengehaltenen Gewurschtel sein Plätzchen zu schaffen. Oder aber, es gibt einen Kapitalismus, eine Gesellschaft, in der der Zweck der Kapitalverwertung regiert. Den kann man dann aber nicht kritisieren, weil Kapitalverwertung ein Zweck und deswegen per se vernünftig ist. Die vorgetragene »Kritik« ist also das Gegenteil von Kritik, nämlich die Verpflichtung zu affirmativem Denken.

Dass man nach demselben Strickmuster und ohne irgend ein Urteil über die Sache abzugeben, nicht nur Marxisten das Maul verbieten, sondern auch noch irgendwelche favorisierten gesellschaftlichen Hoffnungsträger zu ihrem segensreichen Wirken beglückwünschen kann, führt der Artikel auch noch vor:

»Es ist unstreitig, dass Gewerkschaften zumindest in Teilen ihrer Geschichte wesentliche Veränderungen in den jeweiligen Verhältnissen bewirkt haben. Das mit ihrer Nützlichkeit für die Mehrwertproduktion zu erklären, scheint mir hanebüchen.«

Hanebüchen scheint uns da schon eher, mit welcher Wichtigtuerei hier nichts, aber auch gar nichts gesagt wird: Dass Gewerkschaften wann auch immer, wie auch immer, was auch immer verändert - kurzum also: dass sie existiert haben, wird mitgeteilt und mit einem dicken Plus versehen – weil's der Verfasser so will. Was sie warum, wann wie verändert haben, braucht den nicht zu interessieren, für den das Lob der Gewerkschaft schon feststeht. Eine Kritik des Kapitals und seiner schwarz-rot-goldenen Arbeitsfront braucht man sich deswegen noch lange nicht verbieten lassen. SG

P.S.: Die kritisierte Ausgabe Eurer Zeitung kennen wir nicht. Aber selbst wenn Ihr Unsinn aufgeschrieben habt, solltet Ihr diese metaphysische Kritik nicht einfach so stehen lassen.


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 14. Mai 2000.