Der erste Mai - der Evolution wieder nnähergekommen!

Auf keinen Fall ahistorisch betrachten dürfe man die Veranstaltungen zum ersten Mai, versicherte einer der es wissen muß, weil er die die Hand stets am Puls der revolutionären Arbeiterbewegung hat. Und angesichts der Umstände war dieses Jahr in voller Erfolg:

Polizei und Autonomen war recht langweilig. Nur einer hatte vorgesort, ein Öcalan T-Shirt übergeworfen, dem Staatsapperat so zu ein wenig Bewegung und sich zu einem unterhaltsamen Nachmittag verholfen.

Eifrig verteilten über die Bedrohung ganzes Völker entrüstete »Gewerkschaftskolleginen« Flugzettel auf denen zur Solidarität mit der Bergarbeitergewerkschaft »Trepca« aufgerufen wurde: Die »Albaner« dürfen ihre

Betriebe nicht übernehmen und mit den Paramilitärs des Milosevic-Regimes wurde immer noch nicht richtig aufgeräumt.

Die Ruck-Reden der Gewerkschafter rissen die versammelte Avantgarde von den Socken. Die gerechte Verteilung des »Volksvermögens« wurde angemahnt, wodurch gleich klargestellt war, was hier Gegenstand der Sorge war -- das Volk -- und werer allenfalls, als Teil dieses Volkskörpers, einen Anspruch auf Gerechtigkeit anzumelden hätte. Einhellig wurde darum auch die Green Card als für die Lösung unserer Probleme untauglich entlarvt. Zunächst einmal müsse doch für Gegenwart und Zukunft der deutschen Arbeiter und ihres Nachwuchses gesorgt werden. Freilich, Sorgen um den Standort sind auch Gewerkschaftssorgen: Wenn´s denn unbedingt sein muß, um nicht anderen Völkern gegenüber zurückzufallen, muß eben auch in den Grünen Apfel gebissen werden, aber nur befristet und nur für Computerspezialisten -- sonst kkämen am Ende noch Schaffner der Transsibirischen nach Deutschland oder gar chinesische Stromzählerableser.

Zuzugestehen ist den Gewerkschaftern ihre Aufrechte Sorge um den Zusammenhalt des deutschen Volkes. Wenn es mit der sozialen Ungrechtigeit überhand nähme, wäre der nämlich bedroht. Was anderes gibt´s ja, wie wir alle wissen, sowieso nicht mehr, aber wer gar nichts mehr, könnte ja auf dumme Gedanken kommen. Und außerdem: soziale Gerechtigeit ist ja was worfür es zu kämpfen und zu engagieren sich lohnt -- zum Beispiel bei Gewerkschaften.

Der Münchener Bürgermeister Ude genoss sichtlich seine Rede, die er zum siebenten Mal unverändert halten durfte und stellte fest, daß es den Münchnern vorzüglich ginge -- entsprechend der der Umsttände: die langen Jahre des Kohl-Regimes sind eben immer noch nicht überwunden. Hier war Wahlkampf angesagt. Die PDS pfiff ein bisschen, Ude stellte gegenüber den Gewerkschaftskollegen (als ob da Gefahr bestanden hätte) dar, daß jedwelche Unmutsäußerungen bei ihm schlecht ankäme, und von Idioten stamme, die nicht mal zuhören konnten. Die sollen sich mal ein Beispiel nehmen an den konstruktiven Typen, die Ude den Mikroständer hingestellt hatten und den Kindern später auf dem DGB-Fest eine Kletterwand hingestellt hatten.

Unterdessen hielten einige sittlich hochstehende Leute, die den ersten Mai mit der Revolution verwechselt hatten, hoch erhobenen Hauptes Transparente in Richtung Rednerbühne auf dass sich die korrupte und bestochene Fürhung was schäme. Automone, die nostalgisch von Berlin ´87 träumten, obwohl sie da noch gar nicht auf der Welt waren, pfiffen mit der PDS, die DGB-Organisatoren verstärkten die Performance der vor der Bühne postierten Jubelgarde via Lautsprecher, die Punks nahmen Platz auf dem weichen Boden des Marienplatzes und versetzten die umherstehende Gewerkschaftsbasis in blankes Erstaunen, die nicht begreifen konnten, warum die dem eigens für den ersten Mai herangeschafften Gewerkschaftsbier ihr mitgebrachtes Billigbier vorzogen: »Was wollen die hier? Was wollen die hier?« schrie ein entrüsterer Bierbauch, »die wollen doch nur saufen!« Schaden dass die GdP an ihrem Infotisch so viel zu tun hatten.

Ach ja: Das DGB-Familienfest. Der Höhepunkt kam ja noch! Was für eine Gaudi! Hier war was los. PDS verteilt weiter theorieresitente Zeitungen ihrer Bundestagsfraktion, andere Gruppen versuchten die Restbestände von Flugblättern loszuwerden, auf denen sie nach den Demo sitzen geblieben waren. Der Renner war der Stand der Polizeigewerkschaft, an dem Miniaturhelme feilgeboten und von den kleinen Nachwuchsgewerkschaften geliebt wurden. Ob´s Knüppel auch vorhanden waren, ist unbekannt aber nicht unwahrscheinlich: Früh übt sich ...

Bald hatten die Revolutionäre ihre Infotische abgebaut, sich ins Bierzelt zurückgezogen und die Arbeiter in ihren Reihen ausgemacht, auf daß man dem Geist des Tages auch gerecht würde. Ein Gewitter gegen Abend sorgte für Ernüchterung und einer Reduktion des Bierkonsums. Auf dass man ausschlafen und am zweiten Mai wieder kräftig zupacken könne!

Evolution in action: Endlich wächst alles zusammen: was zusammengehört, und was nicht zusammengehört ganz genauso. (fb)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 14. Mai 2000.