Der Hessische Landbote - eine Flugschrift

Mit 139 Exemplaren des 'Hessischen Landboten' in Rock und Stiefeln wird am Abend des 1. August 1834 der zwanzigjährige Karl Minnigerode am Selzertor Gießens auf eine Denunziation hin verhaftet. Minnigerode ist Mitglied der geheimen 'Gesellschaft der Menschenrechte', Sektion Gießen, und der Text der bei ihm vorgefundenen Flugschrift beginnt mit einer deutlichen Warnung an die Leser: »[...] 1) Sie müssen das Blatt sorgfältig außerhalb ihres Hauses vor der Polizei verwahren; / 2) sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen; / 3) denen, welchen sie nicht trauen, wie sich selbst, dürfen sie es nur heimlich hinlegen; / 4) würde das Blatt dennoch bei Einem gefunden, der es gelesen hat, so muß er gestehen, daß er es eben dem Kreisrat habe bringen wollen; [...]« Keine gute Ausgangslage und tatsächlich verschwindet Minnigerode für drei Jahre in Festungshaft, wo er schwer erkrankt und nur deshalb in den Genuß einer vorzeitigen Entlassung kommt.

Der Hessische Landbote stammt in Idee und verschollenem Urtext von Georg Büchner, damals 21 Jahre alt und Student der Medizin an der Universität Gießen. Sein im März entstandener Text geht nach Bearbeitung durch den Butzbacher Rektor Friedrich Ludwig Weidig in Botanisierbüchsen versteckt zum Druck nach Offenbach, Auflage zwischen 700 und 1000 Stück. Nach einer ersten Verhaftungswelle, welcher Büchner sich enziehen kann, indem er sich dreist beim zuständigen Universitätsrichter Georgi über die rechtlich fragliche Durchsuchnug seines Schreibtisches beschwert, und der Verteilung des Landboten in hessischen Dörfern um Butzbach und Gießen kommt es in Marburg zu einer veränderten Neuauflage, der 'November-Fassung', initiiert durch den Arzt Leopold Eichelberg.

Die drei Fassungen - *März, Juli, November - und ihre Autoren bzw. Herausgeber allerdings spiegeln in etwa das Spektrum der hessischen Oppositionsbewegung wieder: Büchner als Radikaler, Weidig als idealistischer Intellektueller, Eichelberg als Liberaler. Büchner war bereits mit der Bearbeitung Weidigs unzufrieden, hatte der doch 'die Reichen' durch 'die Vornehmen' ersetzt, um es mit den oppositionellen Liberalen nicht zum Streit kommen zu lassen. ('Vornehm' weckt die Assoziation 'adlig' bzw. 'vornehm durch Abstammung' und nimmt das in der Entstehung begriffene Besitzbürgertum von Kritik aus.)

Büchners rhetorische Strategie ergibt sich aus der Verwendung zweier Hauptquellen, der Lutherbibel und einer offiziellen Steuerstatistik des Großherzogtums Hessen. Büchner selbst war Materialist, doch ging es ihm um Überzeugung nicht der Stadtintellektuellen, sondern der Bauern und Landarbeiter. In einem Brief an seinen Verleger Karl Gutzkow, ein Vertreter der Autorengruppe 'Junges Deutschland', schreibt Büchner im Sommer 1836:

»Unsere Zeit ist rein materiell, wären Sie je direkter politisch zu Werke gegangen, so wären Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehört hätte. Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen.

Ich habe mich überzeugt, die gebildete und wohlhabende Minorität, so viel Konzessionen sie auch von der Gewalt für sich begehrt, wird nie ihr spitzes Verhältnis zur großen Klasse aufgeben wollen. Und die große Klasse selbst? Für die gibt es nur zwei Hebel, materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede Partei, welche diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen. Unsre Zeit braucht Eisen und Brod - und dann ein Kreuz oder sonst so was.«

Seine rhetorische Konfliktlinie hieß dementsprechend 'arm versus reich', den sich ankündigenden bürgerlichen Staat hatte Büchner erkannt und daher seine Kritik im Hessischen Landboten nicht nur auf den Adel beschränkt.

»Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!

Im Jahr 1834 siehet es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am 5ten Tage und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.«

Auf die November-Fassung des Landboten, die Eichelberg editierte, konnte weder durch Büchner noch durch Weidig Einfluß genommen werden (Büchner ging Anfang September 1834 aus Sicherheitsgründen nach Darmstadt). Eichelberg strich wesentliche Teile von Büchners Kritik an den postnapoleonischen Verfassungen der deutschen Fürstentümer und am machtlosen hessischen Landtag (in welchen auch die Liberalen saßen). In obiger Einleitung strich Eichelberg den bereits von Weidig abgeschwächten Ausdruck der 'Vornehmen' und sprach nur noch von »Fürsten und Großen«, der Schweiß des Bauern wurde zum »Salz auf dem Tische des Zwingherrn«.

Büchner erwartete nicht, mit einer Publikation wie dem Landboten die ländlichen Massen zur Revolution zu verleiten, doch wollte er die Möglichkeit nutzen, der Landbevölkerung einen Denkanstoß zu bieten und langfristig zu einer Bewußtseinsveränderung beizutragen. Blickt man heute zurück, so kann die November-Fassung des Landboten als Versuch des aufsteigenden Bürgertums verstanden werden, auf den Zug der Revolutionäre aufzuspringen, ihn umzuleiten und die Armen ideologisch auf die liberale Bürgerherrschaft vorzubereiten - was sich in unserer Zeit erneut als bürgerliche Revolutionsbegeisterung für 1789 oder 1848 offenbart. (mt)

Literatur: Georg Büchner: Werke und Briefe. Münchner Ausgabe. 1988


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