Zeugnisse - wozu gibt es die?

»Hurra, es gibt wieder Zeugnisse!« - freuen sich die einen. »Wie erzähle ich es meinen Eltern?« - fürchten sich die anderen. Klare Sache ist dabei, dass ein jeder Schüler für seine Zensuren selber verantwortlich ist! Entschuldigungen werden im Falle des Versagens fällig, man hat sich zu schämen, die Konsequenzen sind weit gefächert vom Taschengeldentzug bis zur Nachhilfe und einer Mutter, die einem ständig ein schlechtes Gewissen einzureden versucht. Wenn es sich nicht gerade um Halbjahreszeugnisse handelt, ist nicht nur Strafen angesagt in der familiären Idylle, sondern es steht eine ganze Lebensplanung auf dem Spiel: ob - und mit welchem Durchschnitt - man versetzt wird, oder nicht, entscheidet über den Fortgang der schulischen, beruflichen oder studentischen Karriere. So kann jeder Schüler eine Reihe von Mitschülern aufzählen, die »abgegangen« oder »hängengeblieben« sind, und nun auf einer anderen Schule ihren Abschluss machen müssen - und von den Optionen, die z.B. ein Abiturient hat, erst einmal ausgeschlossen sind. Dabei könnte es ja mal einem merkwürdig vorkommen, dass Nicht-Wissen nicht mit erhöhten Lehraufwand und verstärktem Unterricht begegnet wird, bis die Lücken im Wissenstand gefüllt sind - sondern mit Ausschluss von weiterer Bildung quittiert wird und der Verpflichtung, auf einer »niederen« Schule sein Glück zu versuchen. Hier geht es offenbar nur sehr bedingt um die Vermittlung von Wissen. Wozu man das alles über sich ergehen lässt, lernen die Schüler spätestens, wenn sie während ihrer Schulzeit noch nicht wissen, was sie machen sollen, wenn sie (k)einen Abschluss haben. Dann müssen sie sich auf dem freien Arbeitsmarkt in aller Freiheit ihres Willens wegen ihrer Freiheit von Mitteln des Geldverdienens danach umgucken, ob nicht ein Geldbesitzer so frei ist, sie zu beschäftigen. Der Schulabschluss gilt eben nur als Voraussetzung für das freie Konkurrieren um die Arbeitsplätze. Ob dann ein (womöglich auch noch gut bezahlter) Job am Ende herausspringt, hängt gar nicht in erster Linie an den Schülern, die nur versuchen können, die besten Bedingungen an sich herzustellen dafür, dass sie sich für irgendeinen fremden Geldbeutel nützlich machen können: das ist schließlich Voraussetzung dafür, dass sie Geld bekommen. Schließlich geht es in der Marktwirtschaft ums Geld - und wenn wegen verbesserter Produktionstechniken immer weniger Arbeit profitabel eingesetzt werden kann, dann entsteht Jugendarbeitslosigkeit, die von den Politikern immerhin die Ehre erwiesen bekommt, den Titel »Problem« zu verdienen - da könnte dann jedem arbeitslosen Jugendlichen eigentlich auffallen, dass es nicht um sein Problem geht, sondern er eins ist: weil er so nichts zur »Steigerung des Bruttosozialprodukts« beiträgt. Aber um den Gott auf Erden, namens Markt, den auch alle anbeten, soll es im folgenden nicht gehen, sondern um die Institution, die für die freiheitliche Gesellschaft schult. Unabhängig von der privaten Kalkulation, ob einem die Schule für das spätere Leben als Arbeitskraft etwas taugt, hat der Staat sowieso schon entschieden, dass jeder zur Schule gehen muss: Mit der Schulpflicht unterbindet der Staat alle abweichenden Überlegungen und verpflichtet die Schüler darauf, in einer bestimmten Zeit sich die elementaren und allgemeinen Kenntnisse anzueignen, und somit auf Beruf und Staatsbürgerdasein vorzubereiten. Mündiger Bürger wird man erst, wenn man sich auch noch folgendes einverleibt hat: die Demokratie verherrlichenden, also verklärenden Politikstunden, die moralisch hochwertigen und deshalb Vernunft austreibenden Deutschaufsätze und die passende Ergänzung zur deutschen Moral: der Irrationalismus namens Religionsunterricht - oder für weltliche Spinner: Ethik/Philosophie - um deren Eigenarten es im folgenden nicht gehen soll. In den Zahlen, die den einzelnen Fächern zugeordnet werden, und die korrekt nach mathematischen Regeln auch noch zur Durchschnittsnote zusammengezählt werden, ist nämlich vom Inhalt des Unterrichts, von richtigen und falschen Argumenten gründlich abgesehen worden. Es ist der - wohlgemerkt - Ausdruck einer schülerischen Leistung in einer Ziffer - aber wie kann man etwas qualitatives denn quantitativ ausdrücken? 3 Rechtschreibfehler = 1 falsches Argument: von der Schule wird dieser Unsinn wahr gemacht! Die Lehrer erklären einem ja auch nicht, was der Staat ihnen da für einen grausamen Unsinn vorschreibt, sondern zerbrechen sich lieber - ganz idealistisch - ihren Kopf, wie sie auch ja »gerecht« benoten können. Wenn von diesen Zahlen die »Lebenschancen« der Schüler abhängen, dann ist wohl auch die Zahl am Ende wichtiger, als der gelernte Lehrstoff - jeder Schüler weiß das auch, wenn er zwei Wochen nach einer Klassenarbeit das Meiste schon wieder vergessen hat und es überhaupt nichts ausmacht. Wenn es auf diese Zahlen so dermaßen ankommt, wenn alle Welt soviel Wert auf die Noten legt, dann sind sie wohl auch der eigentliche Witz an der Schule. Und wenn am Ende gute und schlechte Schüler herauskommen, dann ist beides sehr wohl gewollt vom Staat. Dann ist der 5-er Kandidat nicht nur ein Unglücksfall, sondern offenbar das gewollte, vom Lehrer vielleicht mit einem bemitleidendem »leider« bedachte, eigentliche Resultat des Unterrichts. Der Staat schreibt das so vor, der Lehrer führt es aus - und bemitleidet auch noch seine Schüler für die an ihnen - von ihm - hergestellte Notenhierarchie: und schon ist das eigene Gewissen rein. Bravo! Fragt sich bloß noch, wie die Noten denn zustande kommen, und wozu diese sachfremden Urteile nützen. Noten sind - auch wenn es Leute, die sich viel auf ihre guten Noten einbilden, nicht gerne hören wollen - nämlich nicht die reine Beurteilung einer Lernleistung am Maßstab des verstandenen Unterrichtsinhalts, sondern sind die in einer Lernkonkurrenz zustande gekommenen Vergleichsurteile, die eine über den lernenden stehende Prüfinstanz nach einem der Sache äußerlichen Maßstab fällt. Anders gesagt: Wo einer am Ende landet, hängt gar nicht nur an seiner eigenen Leistung, sondern vielmehr daran, wie gut die anderen Schüler in der abverlangten Sache sind. Nicht nur, dass die Lerninhalte des Lehrplans den Schülern vorgesetzt werden und somit unabhängig vom Interesse der Schüler bestimmt werden, sondern auch die Mitschüler, mit denen man als Schüler verglichen wird, sind eine unabhängig vom eigenen Zutun zusammengewürfelte Truppe. Mit denen muss man sich dann messen - wenn ein Schüler mehr weiß als andere, wird das zum Schaden seiner Mitschüler. Jemand der viel weiß, kann sich oft melden - und das nützt nicht den anderen Schülern, die so mehr lernen, sondern bedeutet für sie einen Nachteil, weil sie sich ja gerade nicht so oft melden können bzw. seltener gemeldet haben. Auf dieser Grundlage entsteht die schöne »Klassengemeinschaft«, in der immer ein »Streber« dabei ist und in der Schüler sich wechselseitig nicht die Hausaufgaben abschreiben lassen, weil damit ihr Vorteil gegenüber den anderen Schülern zunichte gemacht würde - und wenn sich bei der Notenvergabe immer alle »ungerecht« behandelt fühlen, anstatt mal gegen die Benotung und das staatliche Interesse, der es sich verdankt, zu argumentieren - dann hat die Schule schon den ersten Erfolg in der Ausbildung mündiger Bürger verbucht.. So erklärt sich auch das dämliche »Tische-Auseinanderrücken« und »Abguckverbot« bei Klassenarbeiten: Von wegen, hier ginge es um bloßes Abtesten von gelernten Inhalten, zwecks Korrektur der Fehler. Wenn es darum bloß ginge, dann würde überhaupt kein Schüler auf die Idee kommen, das von ihm beherrschte Wissen durch Spicken und ähnliches aufzubessern, sondern würde ehrlich das hinschreiben, was er weiß. Für das Spicken spricht aber l., dass der Unterrichtsgegenstand nur insoweit interessiert, wie er für eine gute Note zu gebrauchen ist, 2. reicht es für eine gute Note gar nicht aus, viel zu wissen über einen Gegenstand, weil man mehr als die anderen wissen muss, außerdem muss 3. nach der Berichtigung eh weitergemacht werden; der Zweck Wissensvermittlung ist so schon dem Lehrplan untergeordnet, und die kontrollierte Leistung wird gar nicht vom Lehrer verbessert, sondern bleibt bestenfalls auf dem Stand der Klausur stehen. Deshalb darf man wohl annehmen, dass Klausuren und sonstige Abfragen nicht bloß nützliche Methoden zum leichteren Lernen sind, sondern einem ganz anderen Zweck dienen: Der Herstellung einer Hierarchie von verschiedenen Lernleistungen, die durch den Vergleich der einen mit der anderen Leistung ermittelt werden und deren Kontrolle einzig und allein der Einordnung der Schüler dient. Der Zweck dieser Veranstaltungen ist es also, gemäß der Leistung die Schüler im Vergleich zu bewerten, um so die Schüler auf die Notenskala zu verteilen; diese Verteilung ist die Vorsortierung für die spätere Hierarchie der Berufe, in die die Schüler so eingewiesen werden. Die Resultate der Notenkonkurrenz werden dann auch noch zur Eigenschaft des Schülers erklärt, der sich als »schlauer« »Einser-Schüler« oder als »handwerklich begabter« »Versager« das Vergleichsurteil zu Herzen nimmt - und zwar als Urteil über sich. Es ist auch so gemeint - auch eine Form von Rassismus, aber halt sehr demokratisch. Noten sind also kein objektives Urteil über jemanden, weil sie 1) immer nur im Vergleich zustande kommen und deshalb 2) von dem Wissen, das ein Schüler hat, sofern nicht prüfungsrelevant zur Schau gestellt, absehen wird. Weil sie allerdings, im Zeugnis zusammengefasst, höchst offiziell und als staatliche Berechtigung zu weiterem Lernen daherkommen, in »ungerechten« Fällen sogar mal einem Richter zur Entscheidung vorgelegt werden können, handelt es sich bei den Noten - und das verrät schon ihr Herkommen vom Lehrer, also einem Staatsdiener - um höchst objektive, weil mit staatlicher Gewalt garantierte Urteile. Es hängt ja auch, wie weiter oben angesprochen, so einiges von ihnen ab. Daß die ständige Bewertung den Schülern nützt, geschweige denn, dass sie mit dem Zeugnis ein Mittel für irgendwas in der Hand hielten - das ist aber nicht der Fall. Und daraus folgt schon gar nicht der Schluss, Zeugnisse sollten doch irgendwie, irgendwo, irgendwann eine gute Sache für den Schüler sein - sondern nur die vernichtende Kritik dieser Scheißdinger und der Gesellschaft, der sie sich verdanken. Es ist eben gerade nicht so, dass die Schüler es in der Hand haben, welche Note am Ende herauskommt, weil dies von der jeweiligen Klasse und dem Lehrer - der einen ja auch mögen muss, der einem ja auch »liegen« muss, ... - abhängt. Und weil es sich um Resultate einer Lernkonkurrenz handelt, sind Noten auch nicht der Ausdruck einer schon immer in den Schülern schlummernden Begabung. Und wer das immer noch meint, soll meinetwegen noch einmal von vorne lesen. spax


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.