Alltagspoesie

Die große Stadt fließt dahin in einer warmen Sommernacht.

Menschen flanieren ohne Hast dahin.

Aus vorbeifahrenden Autos dringen Fetzen leichter Musik,

Frauengelächter in lockeren Menschentrauben.

Und vorauseilende Kinder hüpfen sorglos auf dem Trottoire.

Aus dem Restaurant an der Ecke klingt leise, magenfreundliche

Musik. Der weit offene Eingang scheint die vibrante Lebendigkeit

der Straße in’s Innere saugen zu wollen, zu den wohlbedienten

Gästen, die im lustvollen Singsang ihrem leiblichen Wohle frönen.

Alertes Auge, nervöses Fußwerk, steht der Oberkellner,

ganz Aufmerksamkeit,

auf den Stufen vor dem Eingang und blickt hinaus

in die warme Nacht der großen Stadt.

Schwarze Augen, cremeglänzendes Haar.

Er ist in ständiger Bewegung, fließend,

streift sich den Hosenboden glatt,

zupft am Hemd,

schiebt den Notizblock in der Hemdentasche zurecht

und dreht seinen Kuli zwischen seinen langen, wohlgepflegten

Fingern.

Ab und an der kurze, prüfende Blick zurück in’s Restaurant.

Die Augen wandern zwischen den Winkeln, er ist voll da.

Nochmals gleiten seine Hände über seinen straffen Arsch,

der sich in der engen Hose quetscht.

Satt von der Straße wendet er sich wieder seinen Gästen zu.

Sein Körper bewegt sich permanent,

obgleich er schon minutenlang am selben Fleck steht.

Seine stete Spitze an Aufmerksamkeit offenbart sich in

körperlicher Präsenz.

Nichts entgeht ihm.

Keiner seiner kleinen, graublau uniformierten Servierer

tut etwas im Lokal, das er nicht sieht:

frisches Wasser auf die Tische, Bestellungen servieren,

Tee, Reis, Fleisch, Bier.

Ein Kommen und Gehen.

In seinem blütenweißen Hemd ist er der Oberkellnerboß,

nimmt die Bestellungen entgegen, schreibt Rechnungen,

schnippt Befehle, auf die seine Graublauen mit der

Geflissenheit diensteifriger Hunde reagieren.

Alles läuft wie am Schnürchen. Routine.

Doch heute passiert das bisher Ungeschehene.

Drüben an der Kühltruhe hantiert, weit vornübergebeugt,

ein winziger, graublauer Servierer mit Getränken.

Sein kleiner Arsch steht weit nach oben.

Der Oberkellnerboß,

der alles sieht,

gerät in nervöse Bewegung.

Seine Augen sind plötzlich doppelt so behende,

die Hände gleiten über Hemd und Hose,

alles stimmt und sitzt.

Action.

Er dreht sich und bewegt sich wie ein arroganter Kater.

Kurz seine Schritte und entschlossen, im Vollbesitz seiner

Gegenwart, vorbei an der Garderobe, ist er flugs auf leisen

Sohlen an der Kühlbox und schnell und sicher, wie alles an ihm,

ergreift er den Graublauen sanft von hinten. Eine breite Hand

auf dessen Rücken gebietet ihm ruhigen Gehorsam.

Und im nächsten Moment schon rutscht ihm wie von Geisterhand

die graublaue Hose zu einem Sack um seine Füße. Für einen

Augenblick kommt eine zu große, blaue Unterhose zum Vorschein.

Und schon ist auch sie am Boden.

Sein kleiner, weißer Arsch blickt,

einen Augenzwinker lang,

unverhüllt in’s erstaunte Restaurant.

Doch schon ist der Oberkellnerboß zur Stelle,

die Hände fest um des Untergebenen Hüften,

den Blick in wohliger Ferne, reitet er

auf dem Rücken seines treuen Bediensteten in eine unerwartete

Seligkeit von kurzer, starker Exstase.

Ein tiefer, genußvoller Grunzer auf dem Höhepunkt.

Sonst kein Ton von beiden.

Lautlos und geschwind.

Und schon ist es vorbei.

Der Servierer fischt nach seinen graublauen Klamotten.

Der Oberkellner wirft ein vertrauliches Grinsen hinüber

zu seinen Gästen, halb in Trance noch.

Aber mit gewohnter Behendigkeit ist gleich alles wieder hopp und

top bei ihm. Er dreht sich federnd weg, geht wieder seinem

Geschäfte nach, ein Lächeln im Gesicht, das um verständnisvolle

Nachsicht bittet.

Amüsiert greift alles wieder zu Besteck und Gläsern,

läßt sich’s wieder schmecken

und genießt die laue Nacht,

die sanft hereinfließt von der Straße.

Gerhard Lassen


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.