Warum müssen Mama und Papa arbeiten gehen?

Indoktrination, das passiert in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung selbstverständlich nicht. Wenn die Leute mit etwas nicht klarkommen, dann wird ihnen lediglich erklärt, warum das nicht anders geht, wieso das also so sein muß. Wer einen Vorschlag hat, wie man es denn besser machen könnte, ist herzlich willkommen; Kreativität und Eigeninitiative - das sind gar tolle Eigenschaften und sehr gefragt auf dem Arbeitsmarkt. Wenn aber jemand nicht das, was getan wird besser machen will, sondern überhaupt etwas anderes machen will, dann gilt das für eine Ausgeburt der Naivität, für utopisch oder gar kommunistisch. »Die Kommunisten sind doch nur arbeitsscheues Gesindel, Sozialschmarotzer«. Hier ist das Urteil schnell gefällt und man gefällt sich in seinem Bienenfleiß, seiner Aufopferung für das Volk. Doch ab und zu - ganz privat - fragen sich auch die sonst anständigen Leute mal ganz grundsätzliche Sachen. Das ist dann das Spielfeld der Sinnsuche, der Selbstzweifel, Sinnkrise, Unklarheiten, schlechten Karmas, schlimmen Planetenkonstellationen etc. Die Benutzeroberfläche des Kapitalismus lässt einem da alle Freiheiten, die man sich wünschen kann. Schließlich ist hier alles tolerant, Lebensplaning, Karrieremanaging, Wellness - alles erlaubt, schön und toll. Sachen wie Sinn spielen sich irgendwie im jeweils privaten Jenseits ab. Ab und zu gibt es aber auch hier Risse; dann liegt alles im Argen und die Fragen werden grundsätzlich: Ist eine Erlebnis- oder Gesprächstherapie besser? - Kindisch derlei dumme Fragen. Lächerlich macht man sich mit solchen Fragen; Schwächlinge, verklärte Romantiker, Taugenichtse - oder Kinder. Kinder dürfen sowas fragen, denen kann man dann auch mal antworten. Muß ja nicht unbedingt ein Kinderbuch sein, kann ja auch mal in der Zeitung stehen sowas, z.B. im Kindermagazin der Süddeutschen Zeitung »Jetzt«. Warum eigentlich nicht auch im Erwachsenenmagazin, ist doch lustig mal die Kinder vorzuführen, sicher amüsant, mal einen Spezialisten mit einer Kinderfrage zu konfrontieren (vielleicht kann man ja auch noch was lernen).

Wer könnte wohl kompetenter sein, diese Frage zu beantworten als ein Nobelpreisträger; genauer: Reinhard Selten, Nobelpreis 1994 für Wirtschaftswissenschaft.

»Kinder fragen, Nobelpreisträger antworten. Folge 3: Warum müssen Mama und Papa arbeiten gehen?« (SZ-Magazin, 3.3.2000) - Das Magazin fragt nach - und so kommen Mama und Papa zu ihrer Antwort, ohne selbst zu fragen (denn selbstverständlich wußten sie das immer schon). Ausgestattet mit der unantastbaren Kompetenz eines Nobelpreisträgers, macht sich Herr Selten ans Werk. Wie erwartet, liegt die Antwort auf der Hand: Arbeiten muß man, weil man Geld braucht. Wozu das gut ist, erklärt uns Herr Selten kindgerecht: »Schließlich weiß man ja nicht, ob der Bäcker eine Murmel oder einen Buntstift haben will. Wenn er schon viele Murmeln oder Buntstifte zu Hause hat, will er sein Brot dafür nicht mehr hergeben.« Der Bäcker will also Geld für sein Brot haben. Wie viel, das wird so bestimmt: »Der Bäcker stellt kleine Schilder auf, auf denen steht, wie viel man bezahlen muß (...) Die Zahlen, die auf den Schildern stehen, nennt man Preise«, daß die allerdings nicht ganz willkürlich sind, leuchtet ein, »Es leuchtet ja ein, daß ein großes Schiff mehr wert ist, als ein Hosenknopf, oder?« Womit also schon was über Wert erklärt wäre. Viel Geld ist viel wert, große Sachen sind mehr wert als Hosenknöpfe und der Preis entspricht dem Wert einer Sache. Nach dieser Abschweifung kommt Herr Selten wieder zum Thema, »warum deine Eltern arbeiten müssen. Es klingt entsetzlich, aber die Sache ist nun einmal so: Sie brauchen immer wieder neues Geld. (...) Das ist übrigens manchen Erwachsenen nicht ganz klar, aber egal.«

»Und warum das so ist, erkläre ich dir jetzt.« Hier folgt die Geschichte einer Holzlokomotive. Vom Fällen des Baumes über die Fabrik bis zum Laden und auch der Transport wird nicht vergessen. Alle daran Beteiligten; also Holzfäller, Fabrikarbeiter, etc. arbeiten und bekommen für ihre Arbeit Geld. Soweit ganz einfach. Doch nun kommt der Fabrikbesitzer ins Spiel, welcher seine fertigen Lokomotiven an den Spielzeughändler verkaufen muß und »von dem Geld, das er dafür bekommt das Holz bezahlen und alle Leute, die daran gearbeitet haben, um aus dem Holz eine Lokomotive zu machen.« Wir sehen schon, so einfach, wie sie gestellt wurde, ist die Frage wohl doch nicht zu beantworten. Offenbar macht der Fabrikbesitzer noch etwas anderes als Mama und Papa; er bekommt sein Geld nicht für seine Arbeit, sondern für seine Lokomotiven. Aber lassen wir doch lieber Herr Selten erklären, wovon der Fabrikbesitzer lebt (schließlich kann ich nicht voraussetzen, daß alle unsere Leser auch das SZ-Magazin lesen): »Es dauert lange, bis der Fabrikbesitzer mehr Geld an den Holzlokomotiven verdient, als er ausgibt. Wenn er mehr verdient, als er ausgibt, dann sagen die Erwachsenen: Er macht Gewinn. Wenn er zu viel für die Herstellung der Holzlokomotiven ausgibt und zu wenig damit verdient, dann sagen die Erwachsenen: Er macht Verlust, denn dann verliert er Geld. (...) Er macht Verlust und kann seine Angestellten nicht mehr bezahlen. Vielleicht muß er sie dann sogar entlassen; (...). Der Fabrikant hat also eine große Verantwortung für alle, die bei ihm arbeiten.« Die Frage, warum Mama und Papa arbeiten müssen, mutiert hier unterschwellig zu der Frage, was denn der fürsorgliche Fabrikant so für Probleme hat, sie überhaupt arbeiten zu lassen. Der muß nämlich »auch aufpassen, daß nicht zu viele Leute an der Holzlokomotive arbeiten, denn er muß sie alle dafür bezahlen.« Was bezahlt der Fabrikbesitzer, wie viel Geld bekommen Mama und Papa? Auch darauf hat Herr Selten eine Antwort, sie »bekommen dafür, daß sie arbeiten am Monatsende Geld. Das Geld ist so viel wert, wie die Arbeit, die sie gemacht haben.« Um Herr Selten besser zu verstehen, fassen wir kurz zusammen, was wir bisher über Wert gelernt haben.

Wert kann die Form des Geldes haben. Viel Geld ist mehr wert als wenig Geld. Zweitens können aber auch Dinge einen Wert haben; wobei große Dinge mehr Wert haben als Hosenknöpfe und die Preise der Dinge ihrem Wert in Geld ausgedrückt entsprechen. Und zuletzt haben wir gelernt, daß auch die Arbeit von Mama und Papa einen Wert hat, denselben wie das Geld, das sie dafür bekommen, daß sie arbeiten. Dieses Geld ist also der Preis für ihre Arbeit. Freilich gilt auch hier, daß mehr Arbeit mehr wert ist; arbeitet man einen Monat, dann bekommt man einen Monatslohn, für zwei Monate zwei,... der Preis der Arbeit, so lassen die Ausführungen des Herr Selten uns schließen, wird größer, je länger sie dauert und entspricht stets ihrem Wert.

Betrachten wir nochmal die Tätigkeit des Fabrikanten. Der Fabrikant bezahlt das Material für die Holzlokomotiven und die Arbeit der Leute, die das Material zu Lokomotiven zusammensetzen, zu ihrem Wert. Dann verkauft der Fabrikant die Lokomotiven an den Spielzeughändler. Wenn aber der Spielzeughändler nicht einen höheren Preis für die Lokomotiven zahlt, als sie wert sind, wie kommt der Fabrikant dann zu seinem Gewinn? Die eine Möglichkeit ist, daß der Händler tatsächlich mehr zahlt, als die Lokomotiven wert sind. Wenn er das tut, dann muß er selbst sie auch zu einem Preis verkaufen, der über ihrem Wert liegt, weil er sonst Verlust macht. Da die Leute aber nur soviel verdienen, wie ihre Arbeit wert ist, könnten sie sich langfristig, wären die Sachen teurer als ihr Wert, nichts kaufen. Der Händler könnte seine Lokomotiven ebensowenig verkaufen wie der Fabrikant. Langfristig können die Sachen also nicht teurer sein als ihr Wert, wenn nicht auch die Leute ihre Arbeit über Wert bezahlt bekommen würden. Wäre aber das der Fall, dann würde der Fabrikant wieder keinen Gewinn machen.

Die zweite Möglichkeit, wie der Fabrikant zu seinem Gewinn kommen kann, ist die, daß er dem Händler mehr Lokomotiven verkauft, als er selber bezahlt. Wenn der Fabrikant aber alles zu seinem Wert bezahlt; das Material genauso wie die Arbeit, wie kommt er dann zu den unbezahlten Lokomotiven? Um das zu beantworten, müssen wir Herr Seltens Formulierung »Das Geld ist soviel wert, wie die Arbeit, die sie gemacht haben« etwas präzisieren. Das Geld, das die Leute bekommen, die daran - in welcher Weise auch immer - gearbeitet haben, daß die Holzlokomotiven fertig sind, ist nicht soviel wert wie das Arbeitsprodukt, sondern soviel wie die Arbeitskraft dieser Leute. Sie verkaufen dem Fabrikant einen Monat ihrer Arbeitskraft und bekommen dafür einen Monatslohn. In diesem Monat produzieren sie aber Lokomotiven im Wert von z.B. zwei Monatslöhnen. Der Fabrikant verkauft diese (für den Preis »zwei Monatslöhne«), zieht dann vom Erlös noch die Kosten für Holz etc. ab und behält dann einen Gewinn von z.B. einem halben Monatslohn. So kommt er zu mehr Lokomotiven, als er bezahlt, kann also Gewinn machen. Mama und Papa bekommen also nicht den Wert, den sie produzieren, gezahlt, sondern den Wert ihrer Arbeitskraft; oder andersherum: sie produzieren einen halben Monat lang umsonst Wert für den Fabrikanten (»Das ist übrigens einigen Erwachsenen nicht ganz klar, aber egal.«).

Der Grund, weshalb sie ihre Arbeitskraft verkaufen müssen ist der, daß sie sonst nichts anzubieten haben. Ohne etwas verkauft zu haben, kann man eben auch nichts kaufen. Hätten Mama und Papa eine Fabrik, ... dann hätten sie wohl ähnliche Schwierigkeiten wie die, die Herr Selten beschreibt. Der Fabrikant »muß ständig dafür sorgen, daß möglichst viele Leute Holzlokomotiven kaufen. Und wenn keiner mehr [seine] Holzlokomotiven will, muß er sich halt was anderes ausdenken [oder Lohnkosten senken], was die Kinder vielleicht noch lieber haben möchten. Und weil sich die Spielzeugfabrikanten ständig neue Dinge für die Kinder ausdenken, gibt es so wahnsinnig viele schöne Sachen im Spielzeuggeschäft.« Worüber Herr Selten uns hier belehrt, ist zweierlei. Es scheint wohl dem Fabrikanten nicht hinderlich zu sein, eine Holzlokomotivenfabrik zu haben, wenn er irgendwas anderes produzieren lassen will - das nur nebenbei, zweitens aber, führt die Not des Fabrikanten zu all den schönen Sachen, die es so gibt. Toll, Konkurrenz belebt das Geschäft und führt zu schönen Spielsachen. Spätestens jetzt stutzen Mama und Papa. Hat man ihnen nicht neulich im Fernsehen erklärt, daß wegen der harten Konkurrenz im globalen Markt alle den Gürtel ein wenig enger schnallen müssen? Man verdankt also der Konkurrenz einerseits, daß es Handys gibt, die gleichzeitig Schokoriegelformat haben und als Motorrad funktionieren, andererseits, daß man sich das nicht leisten kann.

Also liebe Kinder, lasst euch nicht von Nobelpreisen beeindrucken, auch Nobelpreisträger lassen Fragen offen oder einen Sprung in ihrer Lehre. (sg)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.