Der Zweck als List der Vernunft

In der Ausgabe #6 des Streitblatts wurde uns von Markus Bleicher nahegelegt, »Abstraktionen« und »die Vermutung eines hinter dem offensichtlichen Getriebe dieser Gesellschaft stehenden ‚tieferen’ Zusammenhangs« zu vermeiden und stattdessen »zu den Sachen selbst« zu gehen. So sehr uns die Erklärung der Sachen selbst am Herzen liegt, offenbart es einen grundlegenden Fehler anzunehmen, eine solche Erklärung könnte ohne die Gesetze auskommen, denen das Zeug unterworfen ist. Was soll das denn für eine Erklärung sein, die alles ausschließt, was nicht unmittelbar ist — alles ausschließt was also das Erklären ausmacht.

Die Abstraktion ist ein Wundermittel bürgerlicher Wissenschaft von dem abzusehen, was sie ursprünglich erklären wollte. Sie ist eine nicht nur leere, sondern falsche Abstraktion, indem sie vorgibt, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, dabei aber nicht das Wesentliche der untersuchten Sache meint, sondern das Wesentliche des Prinzips, unter das die Sache gefasst wird: bei einem solchen »Wesentlichen« ist natürlich von allem, was die Sache selbst ausmacht, nichts mehr vorhanden — und die Philosophie kommt notfalls ganz ohne die Realität aus.

Dass es hinter dem ganzen Verhau, der so herumliegt, »tiefere« Zusammenhänge gibt, Gesetze genannt, stößt normalerweise auch dem bürgerlichen Individuum nicht so unangenehm auf, solange es sich auf die Physik oder gerade mal noch die Chemie bezieht. Dass es so etwas aber in der Gesellschaft geben sollte, dass die ganzen freien Persönlichkeiten irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten unterworfen sein sollten, gilt schnell als Hokuspokus und ist dann das, was der deutsche Michel unter Ideologie versteht. Die Gesetzmäßigkeiten im einzelnen abzuleiten sprengt leider viel zu oft den Rahmen einzelner Artikel, die andererseits auch nicht im leeren Raum stehen, sondern selbstverständlich andere theoretische Resultate voraussetzen. Wer einen Autounfall beschreibt, leitet auch nicht vorher die ganze Mechanik ab.

Gesetzmäßigkeiten unzureichend zu erklären ist eine Sache und wert kritisiert zu werden; eine ganz andere Sache ist es, zu behaupten, es gäbe gar keine. Letztlich liefe das auf die These hinaus, es gäbe, bei all dem, was in der Gesellschaft so abläuft, gar keine Gemeinsam- und Regelmäßigkeiten und alles wäre rein zufällig. Eins ist aber richtig: Zusammenhänge hinter dem Getriebe gibt es nicht. Die Gesetze und das Getriebe sind das gleiche, das Getriebe gehorcht den Gesetzen und die Gesetze zeigen sich im Getriebe, müssen sich zeigen. Darum müssen sich die Gesetze übrigens auch nicht an der Praxis bewähren – sie sind schon die Praxis. (Hier ist nicht der Platz, Marx zweite Feuerbachthese zu diskutieren, wo er genau das zu vertreten scheint, was hier kritisiert wird. Tatsächlich spricht er zwar davon, dass sich die Wahrheit in der Praxis beweisen müsse, meint damit aber nur, dass sich Gesetze und Praxis nicht trennen lassen und fährt dementsprechend ja mit seiner Polemik gegen die Frage fort, ob das Denken (von der Praxis getrennt), wirklich sei oder nicht.)

Eine Verkürzung wird gerne attestiert, wenn einer meint, es würden nicht alle relevanten Details berücksichtigt, es würde nicht genug abgewogen. Tatsächlich lässt sich von einer Verkürzung aber nur reden, wenn der Begriff zu eng für seinen Gegenstand ist, wenn also von vorneherein Momente, die zum Gegenstand nun mal gehören, aus der Analyse ausgeschlossen werden. Eine Darstellung, die sich auf den Grund und Zweck einer Sache beschränkt und nicht alle Verlaufsformen durchnimmt, ist in diesem Sinne keine Verkürzung; wohl aber eine Darstellung, die sich mit der Oberfläche des »Getriebes« begnügt und sich damit einen unzureichenden Begriff von der Sache macht.

Die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft haben einen Zweck, sonst gäbe es sie nicht. Die List der Vernunft, die für ihre Setzung und Durchsetzung sorgt, ist freilich eine sehr partielle. Die List der Vernunft zeigt sich im Wasserrad, wo nicht der Natur ein fremder Wille aufgezwungen wird, sondern der Mensch sich die Natur zunutze macht, indem sie ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Die List der Vernunft zeigt sich aber auch im gesellschaftlichen Betrieb, in dem Individuen wie Institutionen einem objektiven Zweck gehorchen müssen. Dieser Zweck, der gleichbedeutend mit dem Bestreben ist, die Sachen, an denen man nun mal beteiligt ist, am Laufen zu halten (sei es Familie, Schule oder Staat), verweist natürlich stets auf einen Grund, der solch zweckgerichtetes Handeln nötig macht — und der liegt nur allzu oft in der Konkurrenz.

Aber Zweckmäßigkeit ist noch keine Vernunft. Der Kapitalismus ist nicht vernünftig. Marx ist gerade dadurch über Hegel hinausgewachsen, dass Vernunft und Wirklichkeit bei ihm nicht zusammenfallen (bzw. wie bei Hegel gewaltsam – im wahrsten Sinne in der Rechtsphilosophie – versöhnt werden). Gerade einer vernünftigen, planmäßigen Einrichtung der Gesellschaft steht der Kapitalismus ja entgegen, indem seine jeweils nur in der kapitalistischen Gesellschaftsform gültigen Gesetze als Naturgesetze erscheinen. Der Kapitalismus wird auch nicht dadurch vernünftig, dass er von einem Verein freier Menschen bzw. dem Kommunismus abgelöst wird. Erstens ist diese Entwicklung nicht zwingend, zweitens wäre der Kapitalismus selbst dann nur unumgänglich, nicht vernünftig.

Gerade weil der Kapitalismus nicht vernünftig ist, kann seine Kritik nur eine wissenschaftliche Analyse sein. Denn nur sie kann die irrationale Reproduktion scheinbarer Gesetzlichkeiten vermeiden. (fb)


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