Zur Kritik von Joseph M. Gillman - "Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate"

Teil I

0. die Übersetzung ist miserabel.

a) die marxsche Terminologie wird nicht rückübersetzt (z.B. »s« statt »m« für den Mehrwert oder »fallende Tendenz« statt »tendenzieller Fall« der Profitrate)

b) unverständliche deutsche Bezeichnungen (z.B. »Übergewinnsteuer«) usw.

1. mit der Formulierung des Gesetzes hat Marx lt. Gillman die »vergängliche Natur des Kapitalismus«(S.8) bewiesen. Im Unterschied zu Ökonomen wie Ricardo habe er »die Bedeutung der fallenden Profitrate als das entscheidende Schicksal des Systems erkannt« und in ihr das »Omen für den Untergang« gesehen (S.11).

Marx war jedoch nichts weniger als ein Prophet, sondern wissenschaftlicher Sozialist. Die Aufforderung der »Internationale« an die Arbeiter: »uns aus dem Elend zu erlösen müssen wir schon selber tun«, trifft sich mit seiner Intention: er wollte den Kapitalismus wissenschaftlich begreifen und kritisieren. Aufgrund wissenschaftlicher Einsicht von den Bewegungsgesetzen und Notwendigkeiten des Kapitals wollte er die Arbeiterbewegung zum Kampf gegen das Kapital aufhetzen. Die Arbeiterklasse sollte das Kapitalverhältnis aufheben, den Kapitalismus abschaffen; aber nicht um eine historische Mission zu erfüllen oder den Arbeitern Gerechtigkeit zu verschaffen, sondern weil sie begriffen hat, daß ihr ganzer Zweck und Lebensinhalt darin besteht, Mittel für die Vermehrung des Reichtums des Kapitals zu sein.

2. Gillman behauptet, daß der Kapitalismus sich seit Marx gewandelt habe. Nach seiner stürmischen Frühphase, die Marx erlebt habe, sei er in die Periode des Monopolkapitalismus eingetreten. Diese Behauptung wird auch dadurch nicht besser, daß sie seit Lenin unter Marxisten üblich geworden ist (Stamokaptheorie).

Marx schreibt dazu, daß das Kapital diese Tendenz zum Monopol habe, um sich wegen der Konkurrenz Extraprofite zu sichern. Warum aber diese Tendenz historisch Überhand nimmt und so zu einer von Marx nicht vorhersehbaren Qualität wird, erklären ihre Anhänger nicht. – In der BRD ist man z.B. doch immer sehr stolz auf den sogenannnten Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, (Firmen mit 50 bis ca. 2000 Beschäftigten). Von Monopol ist da nicht viel zu bemerken, sondern eher von munterer Konkurrenz vieler Einzelkapialisten

3. Von daher ist auch zu fragen, ob die von Gillman für notwendig erachteten Modifikationen am Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate richtig sind.

Daß der Kapitalismus seit Marx Wandlungen erfahren hat, die zu Modifikationen der politischen Ökonomie Anlaß geben, ist sicher richtig. Nur müssen diese Modifikationen stimmig sein und dafür sollte Voraussetzung das Begreifen von Marx »Kritik der politischen Ökonomie« im Kapital sein.

Teil II

Ein Streitblatt-Leser äußerte seine Enttäuschung darüber, daß die Kritik an Gillman sich nicht mit dem Hauptpunkt des Buches: »Die Notwendigkeit für eine Neuformulierung« etc., also Gillmans Modifikationen des Gesetzes auseinandersetzt. Das sei hiermit nachgeholt.

0. Der 3. Band des Kapitals, in dem das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate behandelt wird, wurde ebenso wie der 2. Band von Engels nach Marx´s Entwürfen-Manuskripten, wenn auch äußerst sorgfältig redigiert, herausgegeben. Das Werk war also von Marx nicht für den Druck fertiggestellt worden, und auch nicht von Engels. Insofern ist es auch mit dem nötigem Verständnis und den gebotenen Einschränkungen zu nehmen.

1. Zum Begriff/Definition des »Profits« bei Marx:

Zunächst (bei der Entwicklung des Gesetzes) ist »Profit« der ganze Mehrwert (p=m), es wird nicht zwischen seinen einzelnen Teilen (industrieller Profit, Zins, Grundrente etc.) unterschieden. Andererseits bezieht Marx sich bei Beispielen und Vergleichen (Smith, Ricardo) dann doch wieder auf den industriellen Profit.

Zum Begriff/Definition der »Profitrate« bei Marx:

Darunter wird verstanden das Verhältnis des in einem bestimmten Zeitabschnitt (zunächst in einer Umschlagsperiode des zirkulierenden Kapitals) produzierten Mehrwerts (Profits) zum vorgeschossenen Gesamtkapital (p´=m/C=m´(v/(c+v))). Jahresprofitrate: p´=n m/C = nm´ (v/(c+v)), wenn das zirkulierende Kapital n mal im Jahr umschlägt

(zirkulierendes Kapital = zirkulierendes konstantes + variables Kapital, das seinen Wert ganz an das Produkt abgibt (jeweils in einer Umschlagsperiode), im Unterschied zum fixen konstanten Kapital, daß zwar ganz vorgeschossen ist, aber jeweils nur einen Teil seines Werts an das Produkt abgibt).

weitere Begriffe:

Konzentration des Kapitals:

im Zuge des dem Kapital immanenten Drangs zur Steigerung der Produktivität häuft das Kapital als Ganzes als auch jedes einzelne Kapital eine immer größere Masse an Produktionsmitteln (Maschinen, Anlagen etc.) an.

steigende organische Zusammensetzung des Kapitals (c/v):

mit der Steigerung der Produktivität und der damit erfolgenden Konzentration ändert sich die technische Zusammensetzung des Kapitals und damit auch seine wertmäßige Zusammensetzung: Eine gegebene Arbeitsmenge setzt eine immer größere Masse an Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffen) in Bewegung. Andererseits erfolgt damit auch eine Wertminderung des konstanten Kapitals. Jedoch nimmt die Masse der Prod.Mittel noch schneller zu als ihre Wertminderung durch Steigerung der Produktivität.

Mit technischer Zusammensetzung des Kapitals ist also das Verhältnis gemeint zwischen einer gegebenen Arbeitsmenge und den Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffen), die sie in Bewegung setzt; sie ist durch die Natur des jeweiligen Prod.Prozesses gegeben.

Mit wertmäßiger Zusammensetzung des Kapitals ist das Verhältnis gemeint zwischen konstantem Kapital (Prod.Mitteln) und variablem (Arbeitskraft).

Das wertmäßige Verhältnis c/v, soweit es die technische Zusammensetzung ausdrückt, nennt Marx die organische Zusammensetzung des Kapitals.

2. Doch nun zu Gillman:

Gillman hat sich die Wirtschaftsstatistik der verarbeitenden Industrie der USA (des wichtigsten Mehrwert produzierenden Sektors der Wirtschaft) seit 1849/1880 angesehen, vorerst bis 1939, um, wie er sagt, das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate zu »überpüfen«. Das Resultat: bis 1919 (=in der«vormonopolistischen« Periode) stimmt die »Vorhersage« von Marx; die organische Zusammensetzung des Kapitals (c/v) steigt, die Mehrwertrate (m´) bleibt überwiegend konstant, die Profitrate (p´) fällt. (warum m´ für die Gültigkeit des Gesetzes konstant sein muß, bleibt Gillmans Geheimnis, auch wenn er diese »Annahme« später doch wieder relativiert. Marx betont doch des öfteren, daß eine fallende Profitrate gerade auch mit steigender Mehrwertrate korrespondiert.)

Ab 1920 (in der »monopolistischen« Periode) stimmen die Trends nicht mehr mit dem Gesetz überein: c/v geht eher zurück, m´ steigt auf ein höheres Niveau und p´steigt kontinuierlich.

3. Bei der Suche nach den Gründen für diese »Abweichungen« vom Gesetz ergeben sich interessante Einblicke in die Entwicklung des amerikanischen Kapitalismus, die sicher auch Standards gesetzt hat für den Kapitalismus weltweit. Gillman stellt fest, daß ab ca. 1920 das konstante Kapital (c) sich wertmäßig kaum verändert hat. Die technologischen Veränderungen führten nicht zu einer Erhöhung von c, sondern einerseits zu seiner Verbilligung durch die neue Krafterzeugung mittels Elektrogeneratoren statt der teureren Dampfkessel, und andererseits zu effektiveren und somit kostensparenden Verfahren zur Nutzung von c mit automatischen Reglern, Steuerungsinstrumenten etc.

Produktivitätssteigerungen führten so nicht zu einer automatischen Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Hierin ist Gillman sicher zuzustimmen. Heutzutage ist ein ähnliches Phänomen zu beobachten bei der sogenannten »Verschlankung« der Produktion mittels Outsourcing etc., die sich andererseits aber auch auf die Verbilligung von v bezieht.

4. Der zweite wichtige Grund ist für Gillman die Zunahme der sogenannten unproduktiven Ausgaben ab ca. 1920. Er sagt, daß das »Monopolkapital« den zunehmenden Schwierigkeiten bei der Realisierung des Mehrwerts mit Investitionen in diese unproduktiven Ausgaben (er nennt das den Faktor »u«) begegnet. Damit sind im wesentlichen gemeint: Verkaufs-, Werbungs- und Verwaltungskosten. Andererseits fallen unter diesen Faktor u die Steuern, die den Staatskonsum (Sozialausgaben und Rüstungsausgaben) finanzieren. »Tatsächlich sind sie (die Steuern) etwas ähnliches wie Ausgaben für Verkaufsförderung, weil sie darauf gerichtet sind, die kap. Weltmärkte auszudehnen und zu sichern.« (S. 121)

Das Steigen der unproduktiven Ausgaben (u) hat sicher zum einen den angegebenen Grund der zunehmenden Schwierigkeiten bei der Realisierung des Mehrwerts, soweit sich das einzelne Kapital gegen Konkurrenten behaupten will. Steigende Staatsausgaben sind andererseits damit aber nicht zu erklären!

5. Soweit so gut, könnte man meinen. Doch da es Gillman ja um die Rettung der »Formel« geht, wegen seiner Zusammenbruchsthese des Kapitalismus (Marx war nie dieser Auffassung – in der Neuauflage des Buches formuliert Gillman diese These etwas vorsichtiger), wird er jetzt zum Hexenmeister. Für ihn stellt sich jetzt gewissermaßen das mathematische Problem: »Wie ist die Formel zu ändern, damit das Gesetz wieder gültig wird?«. Und dabei bzw auch schon zuvor schießt er kapitale Böcke!

a) Er unterscheidet zwischen einer »Strömungs - und einer Bestandsbasis für c bzw C« beim Verhältnis c/v bzw m/C. Unter Strömungsbasis versteht er nur das konstante zirkulierende Kapital (dann noch einmal ohne und einmal mit den Abschreibungen auf das fixe Kapital)

Unter Bestandsbasis versteht er dann das ganze konstante Kapital (inkl. dem fixen), aber hier vernachlässigt er wieder bei C das variable Kapital mit der Begründung, es sei nur ½ oder 2/3 Prozent des fixen Kapitals.

Unberührt vom 2. Band des Kapitals, wo die Vorschüsse des Kapitalisten für das zirkulierende Kapital jeweils für eine ganze Zirkulationsperiode gemacht werden (nur ausnahmsweise sind das ein oder zwei Wochen), sagt er, die Löhne würden ja nur für jeweils ein oder zwei Wochen gezahlt Und spart sich damit, die tatsächliche Größe von v zu ermitteln. (Im 4. Kapitel von Band 3 des Kapitals gibt Engels im Übrigen ein Beispiel zu dieser Ermittlung von v.)

Bei Vergleichen von statistischen Werten über eine Reihe von Jahren ist es natürlich unerheblich, wenn ein Fehler »durchgezogen« wird, also die (falsche) Vergleichsbasis beibehalten wird, hier also die »Strömungsbasis« für c und nicht das ganze konstante Kapital. Dennoch wird hier anders als bei Marx, der auch häufiger bei seinen Beispielen das fixe Kapital vernachlässigt – dies aber immer ausdrücklich vermerkt -, eine Gleichgültigkeit gegenüber der begrifflichen Fassung der Wertverhältnisse deutlich. (Die andererseits wie schon oben gesagt, der Konstanz von m´ eine falsche Wichtigkeit zumißt)

b) Durch folgende Verfahren: erstens den Übergang von der Strömungsbasis zur Bestandsbasis oder umgekehrt und zweitens der Einführung des Faktors u gelingt es Gillman schließlich, dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate auch unter monopolistischen Verhältnissen wieder zur Geltung zu verhelfen. Durch die Differenz (m-u) sowie abzüglich der Kosten für Miete und Zinsen wird der sog. Nettomehrwert ermittelt und anstelle von m in die Formel eingesetzt.

Eine weitere »Verbesserung« erreicht Gillman, »durch die Erweiterung des konstanten Kapitals um den wert von u statt(?) einer Verminderung des Mehrwerts um diesen Betrag. u wird als keinen Mehrwert erzeugende Ausgabe dem gleichfalls keinen Mehrwert erzeugenden konstanten Kapital zugeschlagen« (S. 115)

Die Formel für die Profitrate lautet dann in ihrer modifizierten Form: (m-u)/(c+v+u)

Und das erwünschte Ergebnis dieser Rechentricks:

Auf der Strömungsbasis lautet p´ 1919: 12,0 %, 1929: 9,6, 1939: 8,2 (der Trend ist klar!)

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Gillman bei seinen anderen »Tests«.

6. Noch einmal zu Marx:

Die Kosten bei der Realisierung des Werts und Mehrwerts der Ware, Gillman´s unproduktive Ausgaben — soweit es sie zu Marx´s Zeit schon gab —, heißen bei ihm Zirkulationskosten (ihrerseits aus c+v bestehend). Sie erfordern einen zusätzlichen Kapitalvorschuß, der natürlich mindernd auf die Profitrate wirkt. Sie bilden ein zusätzliches Element (Marx nennt es »nominell«) des Warenwerts. Die sog. Kommerzielle Lohnarbeit ist aber weder wert- noch mehrwertbildend. In diesem nominellen Element wird dem Warenwert wie beim konstanten Kapital lediglich ihr eigener Wert zugesetzt.

Dem Kapitalisten erscheint der Profit als Wertzuwachs auf den Kostpreis (c+v pro rata) der Ware. Daher die Profitrate, die verwandelte Form der Mehrwertrate, für ihn entscheidend. Die Profitrate selbst ist heute wiederum oft verwandelt in die sog. Umsatzrendite (=(Erlöse - Kosten)/Erlöse), also wie bei Gillmans Strömungsbasis.

Diese ist das, was der Kapitalist sieht, im Unterschied zur Mehrwertrate, deren Erhöhung das entscheidende Mittel zur Steigerung des Profits ist.

Beim »Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten« in der Analyse des Kapitals wurden im 1. und 2. Band (der Produktions- und Zirkulationsprozess des Kapitals) die inneren Bewegungsgesetze der kapital. Produktionsweise aufgezeigt. Im 3. Band dann Schritt für Schritt zur sogenannten Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft fortgeschritten. Die Kategorien »Profit« und »Profitrate« wurden, wie oben gesagt, zunächst rein eingeführt, m bzw. p noch nicht in seine verschiedenen Unterarten (Zins, Rente etc.) unterteilt.

Wenn Gillman aber jetzt einen sogenannten Nettomehrwert (m-u) einführt, so werden damit zwar »Oberflächenphänomene« gesehen, aber damit noch lange keine stimmige Modifikation des Gesetzes durchgeführt. Denn wesentlich war für Marx die Ableitung des Gesetzes aufgrund der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals.

Wenn diese aber aufgrund von neuen »Selbstreinigungskräften« des Kapitals (in den USA ab 1920) zurückgedreht wird, so ist das als eine neue Tendenz zur Kenntnis zu nehmen und nicht mit Einführung einer neuen Größe in die Formel die Gültigkeit des Gesetzes »wiederherzustellen«.

7. Fazit: der gute Mann hat einen Mischmasch aus Marxismus und Vulgärökonomie geschrieben und sich dabei mit anderen »Marxisten« wie z.B. Paul Mattick gestritten (Die 1. Auflage erschien 1957). Die Rekonstruktion, also das richtige Begreifen der marxschen Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie begann dann in Deutschland beispielsweise mit Reinhold Oberlerchers Buch »Zur Didaktik der politischen Ökonomie« (1972), in denen er sich mit falschen Kapital-Interpretationen bzw Kritikern von Marx auseinandersetzt (Backhaus, Althusser, W. Becker, W. Hofmann und Konsorten), oder in den Kommentaren zum Kapital der Roten Zellen/AK. m.g.


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.