Ästhetik statt Aussage

Entgegenung auf Die Unpolitischen der Domagkstraße machen Kunst

Als erstes möchte ich mich beim Streitblatt bedanken für die Möglichkeit, Stellung zu beziehen.

Die Verfasser des vorangehenden Artikels verdienen meine volle Anerkennung, was Ihre Belesenheit und Literaturkenntnis angeht.

Mir kommen allerdings Zweifel über die Stichhaltigkeit Ihrer Argumente bezüglich der Domagkstraße, wenn ich bedenke, daß WENIGER ALS EIN DRITTEL des Textes sich mit dem vorgegebenen Thema beschäftigt, nämlich der angeblichen »Verbürgerlichung« der Domagkstraßenateliers.

In diesem fünftel des Textes werden jedoch leider eine Unmenge nicht begründeter Behauptungen, sogar Verleumdungen aufgestellt. Wer große Literaten für die eigene Argumentation heranzieht, sollte (egal für welche politisch-philosophische Richtung) es sich verkneifen, Meinungsmache im Bildzeitungsstil zu betreiben.

Also: Von wem sprechen denn die Autoren, wenn es heißt: »...propagiert man eine neue Form der Selbstdarstellung: Nur mehr noch Künstler sollen Wohnberechtigung haben«?

Wer propagiert etwas? Niemand! Dies ist einfach zu beweisen: Die als Saubermacher und Karrieristen verunglimpften Vorstände (wer sonst soll gemeint sein?) der Häuser 45 und 49 zum Beispiel beherbergen in ihren Häusern von Anfang an einen etwa doppelt so hohen Anteil von Nichtkünstlern als etwa die Häuser 50 oder 31. Darüber hinaus ist die Verwaltung der Atelierhäuser eine zeitaufwendige unbezahlte Arbeit, die keiner Karriere auch nur im geringsten zuträglich sein kann. Sie zielt allein darauf ab, erschwingliche Ateliermieten zu erreichen, damit überhaupt Kunst gemacht werden kann, WELCHE Kunst in den privaten Räumen entsteht oder ausgestellt wird, darauf kann und will niemand Einfluß nehmen. Die Unterstellung, irgend jemand würde Mieter in irgend einer Weise beeinflussen, sollte erst einmal an einer konkreten Tat oder Aussage festgemacht werden, sonst ist sie nichts weiter als infamer Rufmord.

Meine Nachfolger im Vorstand von Haus 49 haben es in eineinhalb Wochen erreicht, den Stadtratsbeschluß über den Abriß des Geländes nach Plan des tiefschwarzen Planungsreferates zu kippen. Der Großteil der tatsächlichen »radikalen Mythosbegründer des Domagkdorfes« hat bereits verstanden, welche politische Leistung das bedeutet. Wer seine Fachgebiete woanders hat, soll meiner Meinung nach nicht über Kunst oder Domagkstraße schreiben, oder sich zumindest informieren. Den indirekten Vorwurf des »Verrates am Geist« möchte ich den Verfassern zurückgeben. Sie sollen wissen: Die größte Ateliergemeinschaft Europas ist es Wert, um sie mit allen Mitteln zu kämpfen. Wenn auch einige selbsternannte Anarchie-Polizisten es nicht verstehen, die Öffentlichkeit muß lernen, daß es auch andere Arten gibt, zu leben und zu wohnen, jenseits von teuren Glasfassaden und Einbauküchen. Das sind die Tatsachen.

R.S., zwei Jahre lang Vorstand eines Atelierhausvereines und seit fünf Jahren Mieter im Haus 49.


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.