Ästhetik statt Aussage

Die Unpolitischen der Domagkateliers machen Kunst

In den Jahren vor und während des Ersten Weltkrieges tragen Heinrich und Thomas Mann einen Bruderstreit aus, der eine Kunstdebatte des frühen 19. Jahrhunderts fortschreibt - die Debatte um die Frage von Kunst und Kritik. Thomas Mann schreibt in seinem Essay »Bilse und ich« (1906):

»Wenn ich aus einer Sache einen Satz gemacht habe - was hat dann die Sache noch mit dem Satz zu tun? [...] Die Wirklichkeit, die ein Dichter seinen Zwecken dienstbar macht, mag seine tägliche Welt, mag als Person sein Nächstes und Liebstes sein; er mag dem durch die Wirklichkeit gegebenen Detail noch so untertan sich zeigen, mag ihr letztes Merkmal begierig und folgsam für sein Werk verwenden: dennoch wird für ihn - und sollte für alle Welt! - ein abgründiger Unterschied zwischen der Wirklichkeit und seinem Gebilde bestehen bleiben: der Wesensunterschied nämlich, welcher die Welt der Realität von derjenigen der Kunst auf immer scheidet.«

Heinrich Mann bezieht die entsprechende Gegenposition (Brief an Paul Hatvani 3.4.1922):

»1914 vollendete ich auch den ‘Untertan’, der 1912 begonnen, aber schon 1906 entworfen war. Die Romanreihe, die hiemit anfing, ist in meinem Gesamtwerk nichts Alleinstehendes oder Neues. Durchweg sind meine Romane soziologisch. Den menschlichen Verhältnissen, die sie darstellen, liegen überall zu Grunde die Machtverhältnisse der Gesellschaft. Die am häufigsten von mir durchgeführte Idee ist eben die der Macht.«

In ähnlicher Weise fordert ein Jahrhundert zuvor der Autor des ‘Hessischen Landboten’, Georg Büchner, einen neuen künstlerischen Realismus als postklassische Abkehr von Schillers ästhetischem Idealismus, dessen Ziel als pädagogisches Heraufziehen des Publikums in die bessere Sphäre der Kunst formuliert war. Das Totschlag-Argument des 20. Jahrhunderts gegen eine kritische, auf Wirklichkeit antwortende Kunst heißt im wesentlichen: Ist Kunst kritisch, so verliert sie das Künstlerische, das Ästhetische und hört in gewisser Weise auf, Kunst zu sein. Kunst soll um der Kunst willen geschaffen werden, ‘l’art pour l’art’. Ordnet man diese Position in größere Zusammenhänge ein, so zeigt sich unschwer, daß dieses Prinzip, ‘l’art pour l’art’, nahezu ausschließlich im konservativen Künstlerspektrum zu finden ist. Der Anspruch, über der Gesellschaft zu stehen, selbst unpolitisch und von sozialen Kontexten unabhängig Kunst zu schaffen, erweist sich so bereits als Position des Systemerhalts, doch geht der frühe Thomas Mann in seinen bezeichnenden »Betrachtungen eines Unpolitischen« (1915-18) einen Schritt weiter:

»Es ist die ‘Politisierung des Geistes’, die Umfälschung des Geist-Begriffes in den der besserischen Aufklärung, der revolutionären Philanthropie, was wie Gift und Operment auf mich wirkt; und ich weiß, daß dieser mein Abscheu und Protest nichts unbedeutend Persönliches und zeitlich Bestimmtes ist, sondern daß in ihm das nationale Wesen selbst aus mir wirkt. Geist ist nicht Politik[.]«

»Der Unterschied von Geist und Politik enthält den von Kultur und Zivilisation, von Seele und Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur; und Deutschtum, das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur.«

»Nicht der nouveau esprit des jungen Frankreich ist es, der eigentlich Deutschenhaß nährt; auch er liegt im Kriege heute mit uns, aber wir sind ihm ein Feind, den er ehrt. Deutschlands Feind im geistigen, instinktmäßigsten, giftigsten, tödlichsten Sinn ist der ‘pazifistische’, ‘tugendhafte’, ‘republikanische’ Rhetor-Bourgeois und fils de la Révolution, dieser geborene Drei-Punkte-Mann, - und er war es, mit dessen Wort und Willen der deutsche Vertreter des politischen Geistes, er, der das Neue Pathos im Sinne der ‘menschlichen Zivilisation’ handhabt, im Jahre 1914 sofort sein eigenes Wort und seinen eigenen Willen vereinigen konnte und dessen abscheulichen Argot er redete, wie er es schon immer getan hatte. Ich wiederhole: Nicht mit der anständigen, ritterlich respektvollen Feindschaft draußen, nicht mit dem nouveau esprit, welcher im Geistig-Sittlichen mit Deutschland im Grunde sympathisiert, war er im Einvernehmen, sondern mit dem politischen, dem giftigen Feinde[...].«

Thomas Mann, der ‘gute Deutsche’ des Zweiten Weltkrieges als Hetzer des Ersten. Walter Benjamin weist auf die Identität des ‘l’art pour l’art’ (Kunst um der Kunst willen) mit ‘la guerre pour la guerre’ (Krieg um des Krieges willen) hin und stellt so die Nähe des unpolitischen Thomas Mann zum Kriegsästheten Ernst Jünger und seinen kathartischen ‘Stahlgewittern’ heraus (siehe auch ‘le travail pour le travail’, die Arbeit um der Arbeit willen, bei Robert Kurz). Auch ein Gottfried Benn zieht sich nach seinem Sündenfall im Faschismus in den 50ern als nunmehr Unpolitischer thematisch auf das ‘absolute Gedicht’ zurück. ‘Unpolitisch sein’ ist eine politische Haltung, in welcher sich ein breites Spektrum systemerhaltender Kunstschaffung sammelt.

Kunst ist vom sozialen Kontext, in welchem sie entsteht, nicht zu trennen. Sie hat dann den Anspruch, kritisch zu sein, wenn sie eine entsprechende Rezeption anbietet - wie das in Heinrich Manns Roman »Der Untertan« bereits programmatisch im Titel geschieht. Die Wirkung eines Kunstwerkes hängt jedoch eben nicht nur mit dessen immanentem Rezeptionsangebot sondern auch mit der Rezeption selbst zusammen, welche relativ unabhängig vom Produzenten stattfindet.

Die Integrationskraft bürgerlicher Kultur

Nachdem Anfang der 90er sich die Techno-Welle breit macht und als musikalische Revolution gefeiert oder verteufelt wird, läßt sich schon bald absehen, daß sich mit ihr ein üblicher Generationenkonflikt nur wieder einmal einen neuen Weg sucht. Gleichzeitig stellen sich gelbhaarige Raver, die sich jedes Wochenende Unmaßen an Pillen einwerfen, als neue bürgerliche Avantgarde heraus. Unter der Woche als Bank- oder Versicherungskaufleute tätig, wird von Freitag bis Sonntag ‘abgefeiert’ - die Jugendrevolution als systemerhaltendes Regenerationsmodell. Das extreme Phänomen ‘Ecstasy’ wird in eine neue Bürgergeneration im wahrsten Sinne des Wortes inkorporiert. Piercing als ursprüngliches Kennzeichen des extremen Punk geht in der Masse auf und verliert so sein Potential an Widerstand, ebenso die Tätowierung, früher ein Vorrecht von Malochern und Ex-Knackis. Frühere Extreme, Ausdruck subkultureller Codices, verlieren durch Vermassung ihre Bedeutung. Ein Überholtwerden solcher Trends durch neue, zu entleerende Kulturphänomene ist absehbar.

Heute erleben wir eine musikalische Cuba-Welle, die nur deshalb so erfolgreich sein kann, weil ein konforme Jugend jeglichen sozialen Kontext abschneidet und Inhalte zwanghaft ignoriert. Kritik hört nur, wer sie hören will, ansonsten bleibt der Unterhaltungswert.

Was sich an Jugendkultur besonders deutlich sehen läßt, zeigt das Bildungsbürgertum strukturell in gleicher Weise. Wenn der Dicke auch lieber Hölderlin liest, während Joschka wohl Böll vorziehen dürfte, so gehört trotz Meinungsspektrum Brecht in jedes bildungsbürgerliche Bücherregal. Niemand käme auch auf die Idee, eine spannende Brecht-Aufführung auszuschlagen, die Kontexte sind ausgeblendet; im besten Fall gönnt man sich etwas Sozialkritik zum Samstag abend.

Kunst unterliegt also in ihrer Rezeption einem zwanghaften Ein- und Anpassungsdruck hin zur gesellschaftlichen Mitte unter Entleerung ihrer Inhalte.

Neues Image für die Domagkstraße

Nun öffnet sich - nicht zuletzt unter dem Druck des drohenden Abrisses - einer der wenigen Horte unabhängiger Kunst in München der Verbürgerlichung. In den Häusern 16, 45 und 49 der ehemaligen Funkkaserne in der Domagkstraße propagiert man eine neue Philosophie der Selbstdarstellung: Nurmehr noch Künstler sollen Wohnberechtigung haben. Hier soll Kunst geschaffen werden, die - durch die Wohnstätte - noch den Hauch von Originalität trägt, aber es soll schon so sauber sein, daß sich diese Kunst auch verkaufen läßt. Dies bedeutet zweierlei: Man muß sich zum einen von den nihilistischen und radikalen Mythosbegründern des Domagkdorfes trennen und sich zum andern nach dem Prinzip ‘art sells’ am Geschmack potentieller Käufer orientieren. Über dem Umweg der Kunstproduktion soll ein schnelles Reichwerden außerhalb gängiger bürgerlicher Karriere- und Ausbildungsmuster erreicht werden. Dem rezeptionellen Anpassungsdruck wird dadurch zugearbeitet, daß von vorne herein keine kritische Rezeption mehr angeboten wird - Barleuchten und Schickiphotos statt Trash Art. Man inszeniert sich als junge künstlerische Avantgarde und übersieht, daß Avantgarde keine tiefgreifende Rebellion ist, sondern ein Vorgriff auf den Weg zur Mitte, an welchem dann jedoch verdient wird. Sicher mag es in unserem ökonomischen System völlig gerechtfertigt sein, mit Kunst Geld zu verdienen - welche Kunstschaffenden würden nicht davon träumen, auch wenn sich für gewöhnlich Verdienst und Anerkennung miteinander verbinden. Nur muß klar sein, daß, wenn bessere Liberale und ‘Unpolitische’ sich als Kunstschaffende der Mitte geradezu anbiedern, eine solche Kunst, die ihr eigene, kommunikative Möglichkeit zur Kritik aufgegeben hat, zur Ware geworden ist. Deren Stofflichkeit spielt eigentlich keine Rolle mehr, die künstlerische Ästhetik dient - unter Amputation künstlerischer Aussage - dem Markt.

Etwas pathetisch läßt Heinrich Mann seinen Essay »Geist und Tat« (1910) ausklingen, doch seien sie den ‘Unpolitischen’ nichtsdestotrotz anheimgegeben:

»Ein Intellektueller, der sich an die Herrenkaste heranmacht, begeht Verrat am Geist. Denn der Geist ist nichts Erhaltendes und gibt kein Vorrecht. Er zersetzt, er ist gleichmacherisch; und über die Trümmer von hundert Zwingburgen drängt er den letzten Erfüllungen der Wahrheit und der Gerechtigkeit entgegen, ihrer Vollendung, und sei es die des Todes.« (mt)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.