Comicfestival 1999 & 2000: Kunst & Cash

Von »Übermenschen« & Milliardären – Superhelden als Kampfmittel in der Konkurrenz um die kulturelle Standortfrage

Im harten Kampf um die Kulturstandortfrage wollte die Stadt München mitsamt ihrem Kulturreferenten Nida-Rümelin zeigen, daß sie in Sachen Kunst schon gar nicht hintenansteht. Im ständigen Wettbewerbsgerangel mit europäischen Konkurrenten und Hauptstadt Berlin (Loveparade, Babelsberg, Silvesterfeiern), wollte das Kulturreferat München da einen Sonderpunkt: mit dem COMIFESTVAL 1999, das ab September 2000 wieder abgehalten wird. Neben einer angeblichen Besonderheit des Tagungsortes (Praterinsel), und der Tatsache, daß es auch zahlreiche andere Comicfeste allerortens gibt, wird - sich stolz abgrenzend – im offiziellen Katalog herausgestellt:

»Als einziges Kultur-Comicfest in Deutschland trägt das Comicfest München dazu bei, daß nun endlich auch in Deutschland erkannt wird, was viele unserer europäischen Nachbarn schon lange Wissen: Comic ist Kunst.«

Ein wunderbarer Zirkelschluß: Das EINZIGE KulturCOMICFEST, weil im Namenszug Kultur davorgeschrieben wird im Gegensatz zu anderen Comicfesten. Und: WEIL es eben mal IN MÜNCHEN stattfindet, kann Comic auch nur KUNST sein, zumal erstmals auf der Praterinsel. Was es wohl wäre, wenn das Kunstcomicfest am Flauer stattfände – ob dann weniger oder keine oder mehr KUNST – läßt Nida-Rümelin auch besser gleich weg. Einzigartigkeit weil München, Praterinsel und als Kunst benannt. DAS soll Comic dann erst zur Kunst machen. Damit hat es die Abgrenzung zu SCHUND erfahren, ist etabliert. Eltern brauchen keine Angst mehr zu haben: Das Bildungsbürgertum definiert Comic als Kunst. Freilich wird dieses großschnäuzige Gebaren gleich relativiert: Es sei nur ein Beitrag, denn derlei Comicfeste gibt es viele, in Europa, auch in Deutschland. Die Einzigartigkeit ist da eher der marketingträchtigen Eitelkeit des Kulturstandortes und ihres Referenten zu verdanken, denn zugegebenermaßen will man ja auch nur beitragen, was andere Comicfeste schon lange ohne derartige kulturchauvinistische und großkotzlerische Anspruchsverbalinjurien faktisch machen. So stilisiert man sich zum Vorkämpfer und Avantgardist in Sachen KUNST, bzw. Comic. Die ehemalige Stadt der Bewegung und des Herrenmenschentums wollte unter Julian Nida-Rümelin keine nationalen Sonderwege gehen, d.h. in diesem Falle als weltweite, europäische oder gar deutsche Schlußleuchte glänzen. Zumal umgekehrt das Thema ja auch so passend in den philosophischen Sloterdijkdiskurs über »Übermenschentum« so gut paßt und somit auch wiederum sehr traditionell und identitätsstiftend anmutet – wenn auch in modernerer Form:

»Erstmals widmet sich das Comicfest München außerdem einem thematischen Schwerpunkt, dessen Rennaissance in den vergangenen Jahren den gesamten Comic-Markt beherrschte: Superhelden (...) In der umfangreichen und detaillierten Ausstellung WOSH – World of Superheroes, die bis zum 3. Oktober gezeigt wird, gewinnt der Besucher Einblicke in Wesen, Ursprung und Geschichte der ‚Übermenschen‘.« (Nida-Rümelin im Katalog COMICFEST MÜNCHEN 1999, S.2).

Weder die Ausstellung noch der Katalog versprechen, was der Münchner Kulturreferent verspricht. INHALTSMÄßIG kommt nahezu nichts zum Wesen und Ursprung der Superhelden. Auch keinerlei Kritik, ob denn »Übermenschen«-Ideologie nicht etwas sturzreaktionäres ist. Man erfuhr auch nichts über die gesellschaftliche Funktion, die das Überbauphänomen Comic/Superhelden zu seinem Unterbau hat, weder etwas über die gesellschaftlichen Bedürfnisse und Inhalte, dessen Ausdruck die Comics sind.

Im wesentlichen werden die Comics und Superhelden PER SE als etwas Modernes, Progressives und Positives gedeutet. Die Beweisführung ist sehr simpel: Weil Captain America Adolf Hitler in seiner Erstausgabe eins auf den Schnurrbart gab, weil sich ein paar Erzkonservative und Law&Orderfreds gegen Comics aufgebärdeten, »sogar Comics verbrannten« (Bücherverbrennung), der eine oder andere Superheld sich auch mal für Umweltschutz einsetzte und es auch Frauen als SuperheldINNEN gibt, wird der Comickitsch schon kritiklos und rundum als BEFÜRWORTENSWERT angesehen. Typen, die Jazzmusik als Neger- und Affenmusik ansahen, gab es ja auch bezüglich Comics – wonach der Comic und das Bild wohl verdümmelnd wirkten anstelle des GUTEN Buches und des Wortes, das da am Anfang war. Klar, daß solche Primitivreaktionäre da ihre Beschwerden an der FORM aufmachen. Daß Comics halt eine andere InformationsFORM sind, sagt aber umgekehrt noch nichts über den damit übertragenen INHALT. Und der steht beim Comicfestival und seiner Fangemeinde erst gar nicht zur Diskussion. Schon gar nicht, daß »ÜBERMENSCHEN« wohl vielleicht schon ein kritikabler INHALT sind – das wird schon gar nicht thematisiert. Denn hier soll die Marketingtrommel für eine moderne KUNSTFORM gerührt werden, die der NEUEN MULTI-SUPER-KOMMUNIKATIONREPUBLIK DEUTSCHLAND jugendlich-futuristische Ästhetik und Espirit einhauchen soll. Zumal auch eben der MARKT und seine unsichtbare Hand per se schon unschlagbares Argument und Legitimation sind – das liest sich dann als »Schwerpunkt, dessen Renaissance in den vergangenen Jahren den gesamten Comic-Markt beherrschte: Superhelden.« Motto: Was der Markt befiehlt, ist rational, dem gehorchen wir. Dem folgen wir – dann eben auch so Irrationalismen wie »Übermenschen«. Freilich gehört Nida-Rümelin zu der Sorte, die dann wiederum gegen Kommerzialisierung, Amerikanisierung und Personalisierung von Kultur und Wahlkämpfen auftritt, wenngleich nicht gegen »Sponsoring« und »Persönlichkeiten«. Gegen »Übermenschen« offensichtlich schon gleich gar nicht. Denn der Superheldenkosmos »macht deutlich, warum es Superhelden gibt – sie sind unsere Gestalt gewordenen (Alp-) Träume. Träumen Sie mit und lassen Sie sich in die Welt der ‚Neunten Kunst‘ und in den Kosmos der Superhelden entführen.« (Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, Kulturreferent).

Die Erscheinungsform des Unterbaus soll schon Erklärung des letzteren sein, sich selbst genügsame Erklärung sein. Auseinandersetzung wird erst gar nicht gefordert, sondern hemmungslose Konsumtion, Affirmation, Tagträumen und ‚Sich-Entführenlassen‘. Bitte nicht denken! Hier beginnt die Tieftraumphase. Ein Störling und Kunstbanause auch, der sich nicht »entführen« lassen will.

Ansonsten folgt kleingedruckt auf der untersten Seite eines der vielen Poster noch ein Verweis auf ein Buch. Möge sich selbst mit solchem Quatsch beschäftigen, wer da will. Jedenfalls ist eine KRITIK von den »Übermenschen« das letzte, wozu das Comicfest abzielt. Zumal: In Rest-Europa und den USA ham die Comics ja schon KUNSTstatus – da will man als Münchner Lokalpatriot in Sachen Kunststandort nicht hinterwälderisch, provinziell oder nicht weltfrauisch erscheinen. Ja nicht gegen den Trend, den Markt, gegen den Rest der Welt. »Inhaltsmäßig« erfährt man über Superheldencomics im wesentlichen: Es gab da ein Golden/Silver/Bronze/Modern Age. Diese Perioden werden nach formalen Kriterien eingeteilt (nach Zeichenstil/Stilmitteln, Vermenschlichung der Übermenschen und einigen Gerichtsbeschlüssen bezüglich Zensur und Anerkennung als Kunstform) und dann auch noch anhand des jeweiligen Wechselwirkungsgrades mit anderen Massenmedien – und Geschäftszweigen (TV, Kino, Werbung, Merchandising). Hier kommt das Festival auch auf seinen wesentlichen Interessegegenstand: Superhelden als Profitbringer für/mittels Hollywood, TV, Werbung und Merchandising = KUNST = KOHLE. Eigentlich ist das Comicfestival eine Verkaufs-, Werbeshow wie auch eine Art BWLseminar für alternative Newcomer samt Jugendwettbewerb, d.h. Ködern von Nachwuchstalenten und anderm Human Capital.

Denn mag zwar die Zeit der Karrieren vom Tellerwäscher zum Millionär seit Spülmaschine abrupt beendet oder von der Garage zu Microsoft seit Bill Gates ein recht beschwerlicher Weg sein, so gilt doch:

»Inzwischen sind die Comic-Helden fester Bestandteil der Wirtschaft. So hat es SPAWN-Schöpfer Todd McFarelane durch Merchandising zum Millardär gebracht.« (Katalog S.8). (ro)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.