Schröders Traum: Cajo ins Dollarland

Es ist noch nicht allzu lange her, da fühlte sich so mancher Deutsche von den Amerikanern böse in seiner nationalen Größe herabgesetzt, als diese dem deutsch-europäischen Kandidaten für den IWF-Chefposten die Kompetenz zwar nicht in geschäftlichen, wohl aber in politischen Dingen absprachen, und so seine Wahl verhinderten. Die Stammtischerklärungsmuster für das Verhalten sowohl der amerikanischen, als auch der deutschen Protagonisten dieses Vorgangs wurden von der christlichen Opposition in Kritik an der Regierung umgemünzt; wie die Regierung ihrerseits bemüht war zu erklären, es handle sich um eine Ablehnung des europäischen, nicht des deutschen Kandidaten. Darüber zu streiten, ob nun die Rotgrüns den Schwanz einziehen oder die Ablehnung des europäischen Kandidaten der europäischen Integration nur förderlich ist und außerdem zeigt, wie weit diese schon gediegen ist, oder gar wiedermal ein Beispiel für amerikanische Boshaftigkeit darstellt, scheint allerdings wenig lohnend bei dem Versuch zu verstehen um was es geht.

Die Funktion des IWF besteht zunächst darin, konvertible Währungen zu schaffen, also ein Zahlungsmittel für den Weltmarkt, der dem Kapital ermöglicht, sich auch über nationale Schranken hinaus zu verwerten. Zweitens aber, gibt es bei der internationalen Konkurrenz Gewinner und Verlierer. Wenn da bei einem Land Schwierigkeiten mit seiner Zahlungsbilanz vermutet werden, kann es passieren, daß das Finanzkapital sich nicht aufs Verrechnen beschränkt sondern mal abrechnet, was dann zu einer Bredoullie für das betroffene Land führen kann: Eine Geldkrise. Das Land verfügt einfach nicht über genügend Weltgeld, um die Ansprüche auszugleichen, die da gestellt werden. Die Folge ist ein Verfall des Wechselkurses der nationalen Währung (zwecks Ausgleich der Verbindlichkeiten) und ein Verlust des Kredits. D.h.: Das Land verfügt nicht mehr über international anerkannte Zahlungsmittel und so hat niemand mehr Lust mit ihm Geschäfte zu machen, weil das Land i) nicht über brauchbare Zahlungsmittel (Devisen) verfügt, um Investitionen zu verrechnen, und ii) aus dem selben Grund selbst nirgends investieren kann. Da das Anliegen des IWF aber vor allem ein funktionierender Weltmarkt ist, hält er für solche Fälle Kredit bereit. Dieser Kredit besteht bisher zum größten Teil aus Einlagen derjenigen Nationen, die über »harte Währungen« verfügen. Im Prinzip verfügt der IWF lediglich über Zahlungsversprechungen, die nur deshalb etwas gelten, weil die maßgeblichen Nationen sie gegenseitig anerkennen und gegen andere ihre Anerkennung durchsetzen.

Wenn nun ein Land seinen Kredit verliert, stellt der IWF diese Zahlungsversprechungen dem betroffenen Land bedingt zur Verfügung - nicht mit irgendeinem karitativen Interesse, sondern lediglich um es weiterhin fürs internationale Geschäft verfügbar zu halten. Dieser Kredit gilt den möglichen Investoren gleichviel wie Devisenvorräte. Wenn aber derart kreditierte Unternehmungen nicht profitabel geraten, es also nicht gelingt das Zahlungsversprechen nicht einlösen zu müssen, weil man es - ob des gelungenen Geschäfts - einfach mit den Aktiva in der Bilanz verrechnen kann, dann geht das auf Kosten der Einlagen, über die der IWF verfügt. Welche wegen dieses Risikos eben nur bedingt dem betroffenen Land zur Verfügung gestellt werden; da gibt es eine ganze Menge Arbeit für die Volkswirte, die sich wirtschaftspolitische Vorschriften ausdenken, welche erfüllt sein wollen, wenn ein Land einen Kredit vom IWF erhält - der dann meistens nur in Raten »ausbezahlt« wird, damit man seinen Bedingungen auch durch Aussetzen der Ratenzahlung Geltung verschaffen kann. Die Imperialisten müssen sich da permanent überlegen, was ihnen mehr, bzw. wie viel gilt: die Glaubwürdigkeit des eigenen Kredits im Hinblick auf die Konkurrenz mit anderen »harten Währungen«, oder die Verfügbarkeit auch des letzten Winkels dieser Erde für die Kapitalverwertung. Trotz der sehr großen Einigkeit über die Wichtigkeit von letzterem überlegt natürlich jeder einzelne seperat, was die Sorge darum, für den jeweils eigenen Kredit bedeutet, welche Maßnahmen also beim Bemühen um das gemeinsame Anliegen, dem eigenen am dienlichsten sind. Um die Verlierer geht es dabei nur insofern, daß sie ein Mittel für die eigenen Zwecke sind, weshalb auch die Entscheidungen darüber, wer und nach welchen Maßgaben vom IWF kreditiert wird, stets Gegenstand politischer Auseinandersetzungen und nicht nur volkswirtschaftlicher Kalkulationen sind.

Vor diesem Hintergrund schickt sich nun der EURO an, dem Dollar als weltweit bevorzugtes, weil mit dem Vertrauen in die amerikanische Ökonomie und Ordnungsgarantie ausgestattetem Zahlungsmittel Konkurrenz zu machen. Wenn da ein Caio Koch-Weser deswegen noch lange keinen Reformbedarf für die Organisation des Weltweiten Kredits sieht, sondern die bisherige Vorgehensweise gar noch durch Aufstocken der Fonds-Einlagen ausweiten will, erklären die USA ihn freilich für politisch inkompetent. Warum sollen sie denn auch mit ihrem eigenen Kredit sich an dem Risiko beteiligen, wenn es den Europäern darum geht, die EURO-Menge durch Risikokredite und Niedrigzinspolitik soweit zu erhöhen, daß das Geld überhaupt für ein Weltgeld taugt, daß also, trotzdem Reserven in EURO gehortet werden, noch genug zum Geschäftemachen da ist. Die Vorschläge aus den USA, den IWF zu privatisieren oder gar ganz abzuschaffen, sind wohl auch zum Teil eher diplomatische Maximalforderungen. Man macht ja auch ganz einträgliche Geschäfte miteinander (es ist ja nicht so, daß in den Industrienationen die Mehrwertschöpfung nicht mehr funktioniert - das nur nebenbei) und da würde ein neuerlicher Isolationismus wohl eher abträglich sein. Da kommt ein Köhler gerade recht, der nicht zuletzt durch seine Erfahrungen in der Osteuropabank prädestiniert ist für die Kompromißlösung; nämlich daß die Zuständigkeiten differenzierter werden, ohne den IWF als Konvertibilitätsgarant überflüssig zu machen. Was die Verlierer betrifft, wird dann eben das währungspolitische Wagnis, sie für das eigene Kapital zur Verfügung zu halten, zu einer Angelegenheit nur derer, die sich was davon versprechen; während diejenigen Staaten, deren Mittel der Weltmarkt ist, sich - bis ihnen was anderes einfällt - wohl noch weiterhin gegenseitig ihres Kredits versichern. (sg)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 8. April 2000.