Die moderne Wissenschaft von der Frau (1890-1930)

Die Wissenschaft um die und nach der Jahrhundertwende zeugt - in ihrer ganzen Vielfalt und Auseinanderdifferenzierung - allgemein von hohem Vertrauen in die Möglichkeit, durch Klassifizierung der Empirie die Welt rational erklären und letztlich auch technisch beherrschen zu können. Max Weber bezeichnet diesen Vorgang der Rationalisierung als »Entzauberung der Welt«. Ausdruck dieses Booms moderner Forschung ist die wissenschaftliche Typenbildung.

Ein Beispiel für diese Vorgehensweise liefert etwa Richard von Krafft-Ebing, der in seinem Werk »Psychopathia sexualis« durch das Übereinanderlegen empirischer Fallbeispiele zu bestimmten Verhaltensmustern gelangt, die er dann als »Anthropophagie« oder »Besudelung weiblicher Personen« betitelt.

Im Aufbau seiner Klassifikation gelangt man über die breite Überschrift »Allgemeine Neuro- und Psychopathologie des Sexuallebens« durch verschiedene Unterüberschriften vom Allgemeinen zum Paradigma der Einzelfälle, die aus ihrer Vielzahl heraus zu Typen geordnet und so wissenschaftlich greifbar werden.

In dieser Art wissenschaftlichen Vorgehens ist eine asymmetrische Beziehung von Forscher und Forschungsobjekt zum einen und zum anderen der Anspruch erkennbar, die wahre Welt - ideologie- und zweckfrei - abgebildet zu haben.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts etabliert der Arzt Pouchet in Frankreich eine selbständige Gynäkologie, die es sich zum Ziel gesetzt hat, »die weiblichen Körper vom Stigma klerikaler Vorurteile und Jahrhunderten volkstümlichen Aberglaubens zu befreien und dabei den Priester als den moralischen Präzeptor der Gesellschaft durch den Arzt zu ersetzen.« (Laqueur S. 244) Dabei allerdings fällt er mit der Gleichsetzung von menschlicher Menstruation und tierischer Hitzigkeit hinter die ungenauen, aber in der Annahme letztlich zutreffenden Erkenntnisse des Mediziners Haller um 1750 zurück. Die Frühe Moderne entwickelt in der Tradition Pouchets eine umfangreiche Wissenschaft von der Frau, in der diese einmal bereits durch ihre Einordnung als Forschungsgegenstand - ohne eigene Stimme - zum Objekt wird. Auf der anderen Seite geht die Wissenschaft von der Frau schon im Ansatz von ideologiebeladenen und medizinisch falschen Prämissen aus, so daß ihre Analyse immer auch ein - in aller Regel patriarchatserhaltendes - Neukonstruieren der Frau ist.

»Diese radikale Naturalisierung, die Reduktion von Frauen auf ein Organ, das jetzt zum ersten Mal einen inkommensurablen Unterschied zwischen den Geschlechtern markierte und angebliche Verhaltensweisen hervorbrachte, die bei Männern nicht zu finden waren, beinhaltete für sich selbst genommen noch nicht irgendeine Festlegung hinsichtlich des sozialen oder kulturellen Ortes von Frauen. Entscheidend war die Argumentationsweise selbst, die Bewegung vom biologischen zum sozialen Geschlecht, vom Leib zum Verhalten, von der Menstruation zur Moral.«(Laqueur S. 245)

Der Frau (als Typus, weshalb in diesem Vokabular auch nicht von Frauen im Plural gesprochen werden muß) wird ein eigenes Bewußtsein abgesprochen, sie kann auch in der Wissenschaft nicht Subjekt sein. Sie ist passive Stütze der Gesellschaft, der Mann deren Fortentwickler:

»In der Heldenverehrung des Mannes kommt abermals zum Ausdruck, daß Genialität an die Männlichkeit geknüpft ist, daß sie eine ideale, potenzierte Männlichkeit vorstellt; denn das Weib hat kein originelles, sondern ein ihr vom Manne verliehenes Bewußtsein, sie lebt unbewußt, der Mann bewußt: am bewußtesten aber der Genius.« (Weininger S. 144)

Frauen, die es bevorzugen, selbst zu entscheiden fehlt die Legitimation der Wissenschaft. Vergewaltiger hingegen werden entsprechend gerechtfertigt.

»Ohne Zweifel hat der Mann ein lebhafteres geschlechtliches Bedürfnis als das Weib. Folge leistend einem mächtigen Naturtrieb, begehrt er von einem gewissen Alter an das Weib. Er liebt sinnlich, wird in seiner Wahl bestimmt durch körperliche Vorzüge. Dem mächtigen Drange der Natur folgend, ist er aggressiv und stürmisch in seiner Liebeswerbung. Gleichwohl füllt das Gebot der Natur nicht sein ganzes psychisches Dasein aus. Ist sein Verlangen erfüllt, so tritt seine Liebe temporär hinter anderen vitalen und sozialen Interessen zurück.

Anders das Weib. Ist es geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes. Wäre dem nicht so, so müsste die ganze Welt ein Bordell und Ehe und Familie undenkbar sein. Jedenfalls sind der Mann, welcher das Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht, abnorme Erscheinungen.« (Krafft-Ebing S. 12-13)

Eine ordentliche Erziehung sichert die Anständigkeit einer Frau und stabilisiert die männerdominierten Gesellschaftsinstitutionen Ehe und Familie. Weibliche Sexualität und sexuelle Autonomie der Frau wirken gesellschaftszersetzend und sind als krank zu betrachten. Unter dem Banner einer unfehlbaren Wissenschaft werden scheinbar unabdingbare Normen aufgestellt, die von den betroffenen Objekten unter Drohung gesellschaftlicher Sanktionen einzuhalten sind. Soziale Phänomene - wie die Prostitution durch Verschuldung als Folge der Industrialisierung - werden medizinisch erklärt und die Frau auf diese Weise zum Mythos verklärt. Der Wiener Gynäkologe Bernhard Bauer beginnt das Schlußwort seines bezeichnenden frauenwissenschaftlichen Hauptwerkes »Wie bist Du, Weib? Betrachtungen über Körper, Seele, Sexualleben und Erotik des Weibes« folgerichtig mit diesen Worten:

»So bist du Weib. Wie und was du bist, du großes Rätsel des Lebens - ich habe mich bemüht, es dir zu sagen. Wie du uns geboren, warum du uns als Kinder geherzt und geküßt, als Jünglinge begeistert, als Männer entzückt und berauscht hast, was du bist, o Weib, ich habe es dir verraten. Ich habe dir erklärt, wieso du Kriege entfachen, Könige vom Throne stürzen, arme Menschen reich, reiche wieder bettelarm machen kannst.« (Bauer S. 599)

Es fällt auf, daß die Frau selbst nicht in der Lage zu sein scheint, sich in vollem Umfang zu erkennen, dies wird ihr - ohne, daß sie selbst eine Stimme hat - aus unverhüllt patriarchaler Position mitgeteilt. Trotzdem aber soll sie es sein, die die Geschicke der Welt lenkt.

Aus der Zeit erklären lassen sich die gegebenen wissenschaftlichen Arbeiten, die schließlich darin übereinstimmen, die Frau und ihre Sexualität zum besten aller gesellschaftlich zu kontrollieren, unter Umständen als Reaktionen auf eine erste Frauenbewegung, die neben dem Wahlrecht auch den Zugang zu Bildung und Wissenschaft forderte. Allein durch die Tradition war in dieser Zeit des Umbruchs die Unterdrückung der Frauen nicht länger zu rechtfertigen. (mt)

Literatur:

Laqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Frankfurt 1992

Bauer, Bernhard: Wie bist Du Weib? Betrachtungen über Körper, Seele, Sexualleben und Erotik des Weibes. Wien u.a. 1925

Weininger, Otto: Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. Wien 1903

Krafft-Ebing, Richard von: Psychopathia sexualis. 14. Aufl. Wien 1912


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