Der Traum vom sozialistischen Studium

Eine Replik auf Der Traum von der gerechten Universität in Ausgabe 5.

Im großen und ganzen hat er schon recht mit seiner Analyse, der (fb). Guter Wille reicht für eine fundierte Kritik nicht aus und führt beinahe zwangsläufig zu einigermaßen naiven Positionen. Und ganz nebenbei beweist man derart dem späteren Arbeitgeber, daß man die nötige Führungsqualität besitzt, um auch mal zu sagen, was einem nicht paßt - und was man optimieren sollte. Klar, da haben wohl alle, die sich in irgendeiner Weise in AStA und Fachschaften engagieren oder engagiert haben, die eine oder andere Leiche im Keller. Die Dekonstruktion des eigenen Denkens und Handelns eröffnet Horizonte, die sich hernach nicht mit einer Handbewegung vom Tisch wischen lassen. Gut, wir haben also auf eine Ebene null reduziert - aber nun?

»Wir sind eher der Meinung, daß die Kritik des Kapitalismus auf ganz was anderes hinausläuft: Nämlich die Kaderschmiede des deutschen Imperialismus konsequent zu boykottieren den daran verzweifelnden ein sozialistisches Studium zu ermöglichen das auf die Abschaffung des Kapitalismus auf wissenschaftlicher Grundlage abzielt [sic]« (aus der AStA-Kandidatur der FSZ Philosophie).

Im Klartext, wir gehen nicht mehr zur Uni, betrachten das Kapital als Bibel und uns als seine prophetischen Barfußprediger, die mit der Argumentationsweise »nur wenn..., dann...« immer fein raus sind?! Daß hier kein Mißverständnis auftritt: Fundamentale Kritik ist ein unbedingtes Muß, ohne welche die in (fb)s Analyse zitierten Peinlichkeiten zustande kommen. Sich selbst diese Kritikfähigkeit durch Lektüre grundlegender Texte anzueignen, empfiehlt sich schlechthin. (Und wer darauf keinen Bock hat, der kann immer noch zum Linksruck.) Es ist also völlig in Ordnung, der linken Familie den Spiegel vorzuhalten. Nur hat "leben" stets etwas mit "anpassen" zu tun, Leben ist Kompromiß. Man kommt auf die Welt in einer Gesellschaft, die durch Faschismus reich geworden ist, man besucht die Schule, weil es hierzu gar keine Alternative gibt, man studiert an der Uni, deren Ziel es ist, Eliten des Systemerhalts im weitesten Sinne heranzuzüchten. Wir leben im Kapitalismus und sind als Studierende, Konsumenten, Nutznießer ein Teil davon. Und selbst im Falle einer Revolution, deren Verfilzung in weniger als einem Jahrzehnt so sicher als das Amen..., so ist das mit dem Sozialismus in einem Land wieder so eine Sache. Aussteigen hieße ganz einfach, sich das Leben nehmen. Natürlich gibt es Zwischenstufen: ein Sennerleben im Hochallgäu, Obdachlosigkeit, Amoklauf.

Mit der Einsicht in unsere unvermeidbare und ständige Tätigkeit als Systemerhalter (selbst als Suizidrebellen) sind wir in unserem Gedankenspiel gezwungen, die Ebene null wieder zu verlassen - nicht, sie zu vergessen - und nach einer analytischen Dekonstruktion mögliche Alternativen der Rekonstruktion zu prüfen.

»Mit ganz viel Moral und gutem Willen irgendwie in irgendwelchen gerade mal aktuellen politischen Problemen Stellung zu beziehen und zwar im Bündnis mit irgendwie fortschrittlichen Gruppen und - wirklichen, erträumten oder erdichteten - Bewegungen: so wird hier seit Jahren Politik gemacht« (S. 6, Spalte 1).

Selbstverständlich darf man aus der erstellten Analyse heraus einen kritischen Bildungsauftrag herleiten, doch ist schon deshalb jede Stellungnahme, der ich die Einsicht in meine Analyse abspreche, von vorneherein Scheiße, weil sie mein Schulungsangebot nicht durchlaufen hat? Ist es schlichtweg Unsinn, wenn eine Gruppe von siebzig AktivistInnen aus den verschiedensten Richtungen und jeden Alters aus Protest gegen Abschiebungen für eine Stunde im Flughafen Transparente entrollt? Ist es dämlich, als BBB oder AK gegen Studiengebühren zu kämpfen, weil man da wieder Interessenpolitik für Studierende betreibt? Ist es Verrat an der Sache, Deutschkurse anzubieten, literarische Lesungen zu organisieren, Pressemitteilungen rauszufaxen oder eine SIB am Laufen zu halten? Daß man damit nicht allzu viel erreicht, ist wenigstens denen klar, die nicht zu den Erleuchteten der Szene gehören, aber das grundsätzliche Resignieren rechtfertigt ebensowenig ein Nichtengagement wie die Forderung, zuvor umfassend sozialistische Wissenschaft betrieben haben zu müssen - schließlich ist die Abschiebung heute um zwei und je mehr Leute kommen, desto besser (aber in zehn Jahren gibt"s sicher auch noch welche, da kann man dann mit dem Porsche schnell rausfahren und nebenbei nach der neuen Frequent-Flyer-Karte fragen).

Worauf ich raus will, ist der Spannungsbogen zwischen "Was will ich?" und "Was kann ich vielleicht erreichen?", in welchem wir uns bewegen. Da es nicht möglich ist, den Kapitalismus abzuschaffen, obwohl dies zweifelsohne wünschenswert wäre, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als sich zu aktuellen Problemen zu äußern oder zu schweigen immerdar. Die erarbeitete fundamentale Kritik wird vermutlich die eine oder andere Handlung nicht mehr zulassen wie etwa Grünwählen oder auch Grünwählen. Andere Handlungsmöglichkeiten aber müssen im Einzelfall durchdacht werden. Meiner Ansicht nach kann es durchaus sinnvoll sein, sich gegen Antimigrationspolitik mit asylgewährenden Kirchen zu verbünden oder mit der FDJ »Können einem toten Mann nicht häääälfen« zu flöten. Ja, ich behaupte sogar, es kann in Ordnung gehen, sich vom Rektor zum Essen einladen zu lassen, wenn man daran denkt Vieles und Teures zu verschlingen und nicht daran, wie man Scheinstudenten erkennt und entfernt.

Da man als Mensch für gewöhnlich in soziale Strukturen eingebunden ist, ist man gezwungenermaßen angepaßt, es kommt aber nun darauf an, den Grad dieser Anpassung zu bestimmen. Dabei unterliegen wir natürlich Bedingungen von Macht und Autorität, doch sind bei aller möglichen Kritik diese nicht mit der Fernbedienung wegzuzappen - zwar auch dann nicht, wenn die Fernbedienung etwas anderes als einen Fernseher bedient, aber ebensowenig, wenn man das "Kapital" schwenkend im Speakers" Corner steht.

Gegenuni und streitblatt sind ein notwendiger Ausdruck möglicher Emanzipation, aber nicht per se hinreichend. Tatsächlich steckt nämlich in dem abgeschmackten Spruch »Die Lage ist aussichtslos, packen wir"s an!« mehr, als man meinen könnte.

MT

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Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 11. Maerz 2000.