Destruktivität bringt uns nicht weiter?

I Aus der wissenschaftlichen Erkenntnis des Kapitalismus folgt seine praktische Abschaffung. Das "Kapital" als Bibel zu betrachten, was wohl heißen soll, daran jeden Zweifel auszuschließen (wie übrigens auch jener widersprüchliche Quatsch von wegen wissenschaftlicher Weltanschauung) würde diese Erkenntnis unmöglich machen.

II Nur irgendwie oder auch schwer dagegen zu sein, reicht nicht hin. Weil im Kapitalismus Wesen und Erscheinung nicht zusammenfallen, kann man sich nicht durch die Erscheinung (bzw. deren Verneinung) leiten lassen, ohne - zumindest unbewusst - die Gesetzmäßigkeiten, die sich aus dem Kapitalverhältnis ergeben, immer schon als Voraussetzung zu nehmen.

III Wer nicht das Kapitalverhältnis als Ursprung dieser Gesetze erkannt hat und darum abschaffen will, dem bleibt bei allem guten Willen nur, innerhalb der in der bürgerlichen Gesellschaft abgesteckten Grenzen "Was tun!" zu schreien.

IV Weil den Kapitalismus erkennen heißt, erkennen, dass die ganzen Schweinereien (von Armut und Arbeitslosigkeit bis Rassismus und Antisemitismus) keine Fehler im System sind, sondern zu ihm gehören, sollte verständlich sein, dass ich rein ganz und gar nichts von irgendwelchen Versuchen halte, die bürgerliche Gesellschaft zu besser (z.B. gerechter, humaner, sozialer) zu machen und damit die besagten Schweinereien noch reibungsloser ablaufen zu lassen.

V Einen ,Spannungsbogen" zwischen "Was will ich?" und "Was kann ich vielleicht erreichen?" gibt es nicht. Dass wir diese bürgerliche Gesellschaft weghaben wollen, darüber sind wir uns offenbar einig. Erreichen kann man entweder genau das (bzw. es zumindest vorbereiten) oder man kämpft eben - und auch das ist ja ganz legitim - für sein tägliches Überleben: da nehme ich jetzt mal den Kampf gegen Abschiebungen, etc auch dazu. Und das läuft gerade eben nicht darauf hinaus, nur Maximalforderungen zu stellen und bescheidenere Forderungen zu verschmähen. Ich stelle gar keine Forderungen«: einen besseren Staat will ich genauso wenig wie einen gerechteren Kapitalismus. Leute, die nur in mehr oder eben eher weniger (= realistischen) Forderungen denken können, haben sich auch noch nie vom Rektor einladen lassen, um sich sinnvoll zu besaufen und dabei die Möglichkeit aus der Hand gegeben, "ins Gespräch zu kommen" und ein paar Sachen "aus unserer Sicht" darzustellen.

VI Bündnisarbeit, Einheitsfrontpolitik, etc lässt sich übrigens ganz vernünftig betreiben - aber eben auch völlig verkehrt. Die theoretischen Kenntnisse, die man sich erarbeitet hat, dürfen dabei auf keinen Fall aufgegeben werden (obwohl natürlich Einwände gegen die Theorie immer ernst zu nehmen sind); die praktischen Konsequenzen, die man aus diesen Erkenntnissen zieht ermöglichen (und verlangen möglicherweise) eine Zusammenarbeit auch ohne völlige Übereinstimmung in allen theoretischen Bereichen. Hier sind dann auch Kompromisse in der Form von Aktionen möglich.

VII Etwas als schlecht erkanntes zu verteidigen, weil es noch schlimmer kommen könnte oder zu fordern, weil es nicht ganz so schlimm wäre, ist aus zwei Gründen falsch: Erstens affirmiert eine solche Politik die Gesetzmäßigkeiten, die dem als schlecht erkannten zugrunde liegen und macht sich damit praktisch einer anti-revolutionären Haltung schuldig. Zweitens macht eine solche Vorgehensweise die Form politischer und sozialer Auseinandersetzungen zu ihrem Inhalt und verbaut sich damit den Weg theoretischer Kritik am Bestehenden.

VIII Zusammenfassung: Ich hatte nicht kritisiert, dass praktische Politik gemacht wird, die irgendwelche Maximalforderungen nicht stelle. Ich habe diejenige Politik kritisiert, die Bestehendes verbessern und damit erhalten will, einige Beispiele dafür angeführt und gezeigt, dass sich diese affirmative Politik durchweg auf theoretische Missverständnisse zurückführen lässt. Florian Beck


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 11. Maerz 2000.