Big Brother is watching for you

Es ist wie es ist – sagt nicht bloss die liebe sondern auch die neue serie »Big Brother«, die ab nächster woche in RTL II anläuft. Sie liefert uns das was wir uns so sehnlich vom fernsehen wünschen: transparenz. Im doppelten sinne, denn so durchsichtig die wände unserer neuen fernseh wohngemeinschaft sind auch unsere motive geworden, die uns eine handvoll menschen betrachten lassen, die nichts weiter machen als für einige wochen zusammen zu leben.

Genau das ist es was uns in dieser unserer gesellschaft ein wenig verloren geht, zusammen zu leben. Ein dumpfes gefühl davon, dass wir, verdinglicht, als ware einen sehr anstrengenden aber nicht gerade erfüllten kampf um karriere, familienbande, sexuelles befriedigtsein, anerkennung, überhaupt um einen bestimmten status führen, lässt uns von einem freien und abenteuerlichen leben nur noch träumen. Unsere harmoniesucht, die ein reibungsloses leben in der (nicht mehr ganz so) sozialen marktwirtschaft mit menschen zu denen wir die unterschiedlichsten einstellungen haben gewährleistet, wird von der medienwelt kompensiert. Konflikte werden dort für uns ausgetragen, und wir können lernen wie man sich offen und produktiv auseinandersetzt. Aristoteles hätte seine freude an dem gedanken gehabt dass »das was als Unterhalung daherkommt, in Wirklichkeit Erziehung ist« (Georg Seeßlen, Glazen und Glamor, Konkret Verlag).

Die wichtigen gespräche zwischen mutter und kind oder zwischen zwei freunden werden in der Lindenstrasse oder in Beverly Hills geführt. Die helden der leinwand drucksen nicht ewig herum sondern sagen was sie denken und scheuen auch den streit nicht. In der Carraza werbung wird der »Italiener ins uns« geweckt und mehr einrichtungsgegenstände zertrümmert, als in einem deutschen mietshaus in jahren. Trennungen von menschen, die sich nicht mehr lieben, die sich aus angst vor isolation und veränderung über jahre hinwegziehen werden in wenigen minuten hinter sich gebracht, und wo im fersehen ein »ich liebe dich nicht mehr« die ereignisse radikal verdichtet, warten wir in der realität oftmals darauf, ob der/die andere noch einmal anrufen, sonst wars das wohl wieder einmal.

Unser leben ist heillos überfrachtet, und weil es uns nicht mehr möglich scheint es zu ändern, suchen wir anteil am leben anderer, z.b bei »Big Brother«.

Die identifizierung mit den interessen des kapitalismus (in den verschiedenene ausprägungen zum beispiel als verantwortungsvoller mitarbeiter, guter staatsbürger, hemdsärmliger manager, der sich nicht zu schade ist, mit dem proleten mittag zu essen) ist in »big brother« konsequent und logisch weiterentwickelt. Ein leben mit anderen menschen zu führen, interaktion, erotik, zuneigung, streit kann dem deutschen kleibürger nach getaner arbeit nicht mehr zugemutet werden und so kann er sich um 20.15 uhr das zu gemüte führen, was ihm zur zeit nicht möglich ist. Die eigene langweile im ehebett erfährt durch das geschehen im fernsehen eine angenehme unterbrechung. Während die im dunkeln filmenden grünlichtkameras auf sendung sind, steigen die einschaltquoten..

Das sich das leben der menschen durch »Big Brother« nicht verbessern wird, ist klar; da es sich aber durch die ökonomischen verhältnisse und eine restriktive sozialpolitik, die alle menschen jenseits von stand und klasse erfasst, dramatisch verändert, ist »big brother« eher eine art hilfe beim scheinbar einzigen abwehrmechanismus: dem rückzug ins private.

Um das fernsehen zur tragenden säule eines jeden deutschen haushalts zu erhalten, war es realistisch, schauspieler zu engagieren, die darüber hinweg spielten, wie jämmerlich die verhältnisse in wirklichkeit doch sind. Werden wie in »Big Brother« leute angeheuert, die keine schauspielerische ausbildung haben und zum leben als schillernde persönlichkeiten verdammt, so braucht es ein anderes motiv, um klar zu machen wie sich einer vom bekannten alltagsverhalten abhebt: das geld.

Ganz und gar demokratisch wie jüngst ein viertel aller österreicher entschied, dass die zeit von 38-45 doch nicht so schlecht war, werden die langweiler aus der show alle 10 tage per ted herausgewählt bis schliesslich einer von ihnen reich werden darf. Die ohnmacht an realen verhältnissen und sachzwängen etwas zu ändern wird kompensiert durch die macht als zuschauer seine individuelle meinung in die gestaltung der serie einzubringen. Für jede der zehn personen werden sich bald internetseiten mit sympathie- und antipathiebekundungen füllen. Als kunde ist jeder ein könig und so wie wir frei sind zwischen den verschiedensten produkten zu wählen dürfen wir auch verlauf A von B unterscheiden, auch wenn uns die wahl manchmal schwerfallen mag. Es handelt sich sogar um ein recht, ähnlich unserem recht auf information, so wie wir während des krieges das recht hatten von mehreren quellen aufschluss zu bekommen über den serbischen untermenschen oder immer neue massengräber die dann von US-amerikanischen geheimdiensten nicht zu finden waren. (für einen bericht gehe man unter www.stratfor.com unter dokumente zu jugoslawien). Diese freiheit soll uns keine macht der welt nehmen dürfen.

»Big Brother« ist objektiv weder besonders menschenverachtend noch qualitativ unterschieden von anderen fersehproduktionen. Zur so hoch gepriesene privatheit gehören in vielen deutschen heimen gewalt und kindesmissbrauch. auch bei den täglichen talkshows sehen wir diese mischung von halb authentischen halb gestellten gesprächsteilnehmer die über vaterbeziehungen oder homosexualität reden. Mit »Big Brother« werden die inzwischen ritualisierten tabu-brüche weitergeführt, wie wir sie längst kennen von der einführung der werbung zwischen den filmen bis zum Reality –TV, also der stoff eines neuen bürgerlichen diskurses, wo sich jeder gedanken machen darf wie krass doch diese welt ist, und das es jetzt entgültig zu weit gehe. Diese empörung drückt ein verlangen aus, endlich etwas wirkliches aufregendes passiere. natürlich werden die konservativen auf den schutz der familie pochen und das fersehen in dieser oder anderer art eine dreckschleuder nennen, und schliesslich einsehen müssen, dass sich noch ein ganzes stück privatheit an die öffentlichkeit verkaufen lässt.

»Big Brother« ist noch einigen regeln verplichtet, die sich weiter ausser kraft setzen lassen. für die sehnsucht nach der authenzität und reinheit eines Truman ist noch viel raum. Die synthese zwischen action news und »Big Brother« könnte in absehbarer zeit ein erfolgreiches marketing konzept werden und dieses ist auch nicht zu kritisieren weil es rein kapitalistischer logik gehorcht. Wir werden uns vielleicht auf berichte von gefängnissen freuen dürfen, wo häftlinge gegen beteiligung früher entlassen werden. (nur ungefährliche versteht sich, und nur auf freiwilliger basis) oder vom krieg wie sie in dem film Starship Troopers oder bei Christoph Schlingensief mittels direktleitungen schon gezeigt wurden. Gespenstisch ist nur das der Titel ironisch gemeint unbewusst auf eine gesellschaftsform hindeutet, die wir nicht bereit sein dürfen in kauf zu nehmen. Gruber


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 11. Maerz 2000.