Der Zweck - ein metaphysisches Prinzip

Dieser Text ist eine Kritik der funktionalistischen - d.h. eine den Zweck, die Funktion, die Aufgabe bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse für den Kapitalismus zu ihrer Existenzbedingung machende - Analyse der Wirklichkeit. Um mich auf den Inhalt zu konzentrieren, lasse ich die durchaus ungewöhnliche Form der Darstellung wie die polemische Verwendung von 2-Wort-Zitaten oder die Begeisterung (!) für Ausrufungszeichen (!!) zur Kommentierung (!) außer acht.

Den Zweck-Begriff als Kernpunkt menschlichen Handelns zu sehen, also Alles als Mittel für die kapitalistische Verwertung zu betrachten, suggeriert eine ungeheure Rationalität der Entwicklung dieser Gesellschaft. Wer oder was ist so rational? Ich kann da nichts erkennen.

Die Vorstellung einer objektiven, den Lauf der Geschichte bestimmenden Vernunft ist für die Aufklärung prägend gewesen. Sie macht eine systematische Geschichtserklärung erst möglich. Nun stellt sich insbesondere nach diesem 20.Jahrhundert die Frage: Ist das nicht grundsätzlich falsch?

Das Außerachtlassen von historischen und kulturellen Gegebenheiten bei der Erklärung von je spezifischen Sachverhalten ist unsinnig.

Es gibt eben keine simple Ableitung der konkreten Verhältnisse in einer Gesellschaft aus dem abstrakten Kapitalverhältnis mit Hilfe der Formel:

Welchen Zweck erfüllt dieses oder jenes für die kapitalistisch formierte Gesellschaft. Deshalb kann eine auch an »Idealen« (die Leute haben, und nicht irgendwelchen Institutionen zuschreiben (sollten)) orientierte Politik durchaus wirkungsmächtig und sinnvoll sein.

Sind Gewerkschaften dem »Zweck« des Kapitalismus gemäß? Es ist unstreitig, dass Gewerkschaften zumindest in Teilen ihrer Geschichte wesentliche Veränderungen in den jeweiligen Verhältnissen bewirkt haben. Das mit ihrer Nützlichkeit für die Mehrwertproduktion zu erklären, erscheint mit hanebüchen.

Theorien, die die Entwicklung des Fordismus, also die Massenproduktion und Massenkonsumption, die Anfang des 20.Jahrhunderts sich in Amerika ausbreitete, zu erklären versuchen, können auf eine Erweiterung des Bezugsrahmens nicht verzichten.

Auch am Beispiel der Imperialismus-(Kriegs-)Analyse zeigt sicht eine Verkürzung, das prinzipielle Konstatieren von abstrakten Sachverhalten wie den »Interessen Deutschlands«.

Diese falschen Vorstellungen tragen dann auch Früchte. Wenn man meint, der Zweck des Produktionsprozesses lasse eine Ausbildung darin nicht zu (S.7, 2.Spalte, mitte), sollte man sich schon fragen, warum es dann überhaupt Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen gibt. Auch die Existenz von Kinderarbeit, die eine Ausbildung der Betroffenen im Normalfall unmöglich macht, ist eher ein Beleg für die mangelnde Vernünftigkeit der Kapitalisten denn für ihr Gegenteil.

Die behauptete »positivistisch-instrumentelle« Ausrichtung der Naturwissenschaft (wobei die Relativitätstheorie sicher ein besseres Beispiel ist als die Quantentheorie) wirklich zu belegen, fällt sicher schwer: zum einen gibt es die Naturwissenschaften (auch - was öfter bestritten wird - in einer sehr ähnlichen Form wie heute), zum anderen stellt sich natürlich die Frage des »Zweck« z.B. der Astronomie.

Die Naturwissenschaft als dem Mehrwertbildungsprozess untergeordnet zu betrachten, ignoriert die komplizierten Zusammenhänge zwischen persönlichen, institutionellen und ideologischen Faktoren bei der Frage was wie erforscht und erklärt wird.

Ist die Beschränkung auf funktionelle Analyse nicht auch schon eine bürgerliche Deformation, denn Zweckorientiertheit gehört nun zu ihrer ideologischen Grundausstattung (wie in der Legitimation der Marktwirtschaft durch ihre »Effizienz«)?

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass der Verkauf von Polizeiausrüstung im Internet nicht etwa als ganz rational und zweckmäßig zu erklären versucht wird, sondern ironisch-zynisch (seht was ihr habt an dieser Gesellschaft: selbst mit Gewalt handeln sie.) dargestellt wird.

Das »streitblatt« selbst ist ja in seiner Konzeption (zumindest dem Namen nach) eine Alternative zu den hier kritisierten Betrachtungsweisen: Nicht eine »objektive« Vernunft gibt es, sondern die Gesellschaft wird »intersubjektiv« verhandelt, im »Diskurs«, im »Streit«. Das ist für mich leider ebenso wenig eine Möglichkeit wie die modernen (und postmodernen) Varianten: die Diskurstheorie von Habermas, der »Wir müssen nur darüber reden« theoretisch unterfüttert, oder die Systemtheorie von Luhmann, die recht verquast jede prinzipielle Verstehensmöglichkeit aufgibt.

Was bleibt: Die subjektive Vernunft, der Versuch des praktischen Verstehens. Das sollte sich äußern in einer »oberflächlicheren« Behandlung der Gegenstände, dem Vermeiden von Abstraktion und der Vermutung einer hinter dem offensichtlichen Getriebe dieser Gesellschaft stehenden »tieferen« Zusammenhangs, in dem Ausspruch (wäre es nicht bereits der Leitspruch einer philosophischen Richtung, der ich mich nicht zurechne): zu den Sachen selbst! Markus Bleicher


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 11. Maerz 2000.