Der Utilitarismus und seine Kritiker

Worauf zielt eigentlich ein Begriff wie gerecht ab? Doch allenfalls darauf, einen Sachverhalt als gut oder wünschenswert auszuzeichnen. Doch für wen? Gerechtigkeit meint doch immer, was eigentlich sein sollte. Da macht sich also einer Ideale über die Wirklichkeit und fängt dann an zu jammern, daß die Wirklichkeit diesen Idealen nicht entspricht. Daß der einzige Daseinszweck des Arbeiters im Kapitalismus die Schaffung von Mehrwert für den Kapitalisten ist, folgt eben aus den Gesetzen dieser Produktionsweise: der Arbeiter tritt mit dem was er hat in die Konkurrenz ein; weil er auf die Lohnarbeit angewiesen ist, nimmt er am Arbeitsmarkt teil. Weil und wenn er dem Kapitalisten nützlich genug erscheint, bekommt er schließlich das, worauf er zur Reproduktion angewiesen ist.

Was soll daran nun ungerecht sein? Wer über solche Ungerechtigkeiten lamentiert macht zwei Fehler: (1) Er erklärt nichts. Im Gegenteil, einer Erklärung wird konsequent aus dem Weg gegangen, indem ich mich mit dem Sollen und dem Wünschenswerten statt mit der Erklärung der Sache beschäftige. Und damit sind wir bei der Ideologie gelandet: Von meinen Wünschen hängen nämlich die ökonomischen Gesetze garantiert nicht ab. (2) Es wird die spannende Frage unterdrückt, unter welchen Bedingungen sich das Leben des Arbeiters ändern würde: Eben dann, wenn die kapitalistischen Produktionsverhältnisse umgestürzt werden – und zwar nicht der Ungerechtigkeit wegen: Die Ausbeutung im Kapitalismus ist ungefähr so ungerecht, wie daß ich nass werde, wenn ich meinen Regenschirm nicht aufspanne.

1. Im Gegensatz zu autonomen Ethiken, bei denen sich Normen und faktische Praxis unvermittelt gegenüberstehen und ein Konflikt zwischen nutzenmaximierendem und kooperativem Handeln besteht, leitet der Utilitarismus Normen aus dem empirisch Gegebenen ab (II/12); er erweist sich damit als adäquate Moraltheorie des Kapitalismus. (I/29f)

2. Mills Utilitarismus bewertet die Handlungen nach den Folgen und misst die Folgen an ihrer Nützlichkeit für das Gute aller. (II/10f) Mit der Bezugnahme auf das Gute ist der moralische Bewertungsmaßstab freilich schon vorausgesetzt.

3. Richtig ist Höffes Bemerkung, Benthams Kritik an absoluten Wahrheiten, sie können dazu diesen als Vorwand für Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse mißbraucht zu werden, sei ideologisch. Falsch ist aber, die Einführung des kollektiven Gratifikationswerts als revolutionäre Gesellschaftskritik zu verstehen, die auch noch auf die damals (!) bestehenden Konzentrationen von Macht und Reichtum abgezielt habe. (II/19) Gerade auf der Gleichbehandlung beruht ja die Konkurrenz, die dann zu Ungleichheiten führt.

4. Der Regelutilitarismus ist mit dem Problem konfrontiert, den Zusammenhang zwischen individuellem und Gesamtnutzen herzustellen (vgl I/32ff): Der Regelutilitarismus konstruiert aus Nützlichkeitsüberlegungen Regeln (die aber eben mit diesen Nützlichkeitsüberlegungen stehen und fallen). Damit löst er das Problem, daß der Utilitarismus nicht mit der anerkannten Moral zusammenfällt (II/28ff). Gleichgewichtszustände herrschen, wenn niemandes Nutzen vermehrt werden kann, ohne den Nutzen anderer zu senken (das ist natürlich mit sozialer Ungleichheit verträglich und erfordert Eingriffe von außen, die sich aus Nutzenerwägungen nicht ableiten lassen). Der Durchschnittsutilitarismus berücksichtigt soziale Unterschiede und vermeidet die Notwendigkeit absoluter Reproduktion. Die Nutzenbewertung verlangt einen unparteiischen Beobachter und führt eine Präferenzordnung ein (Voraussetzungen: isomorphe Individuen, Waren als Tauschwerte, Klarheit über Bedürfnisse). Dazu ist ein idealer Gesetzgeber nötig, der alles zum Wohl seines Volkes (I/36) tut und unparteiisch ist, indem er nur Spielregeln (die wieder universelle Normen voraussetzen) vorgibt, selbst aber nicht eingreift (I/38). Nun arbeitet der Staat tatsächlich unparteiisch. Das heißt aber nicht, daß er nicht gerade dadurch Klasseninteressen vertritt: unparteiisch ist er ja nur auf Grundlage einer gewissen Abstraktion.

5. Bei Mill sind Freude und Schmerz gleichzeitig Kriterium für das moralisch richtige wie auch Grundstruktur der menschlichen Motivation. Die Motivation ist aber rein individuell, während das moralische Prinzip das Glück aller fordert. Lösungsversuche gehen entweder davon aus, daß eine Interessenharmonie besteht (gerade dadurch daß jeder seinen eigenen Vorteil verfolgt, oder weil sein eigener Vorteil es erfordert langfristig auch das Wohl der anderen zu berücksichtigen), oder davon, daß sie hergestellt wird: der Staat setzt sie durch Sanktionen durch.

6. Melchior: Der Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit werde der Utilitarismus nicht gerecht: sie wird aufgelöst in Nutzenfunktionen. Der streng individualistische und ahistorische Ansatz belasse die Quelle der Ungleichheit im Dunklen (I/38). Das Problem scheint aber doch eher zu sein, daß von den realen Unterschieden der Menschen ganz bewußt abstrahiert wird: Mit diesen Unterschieden geht er nämlich in die Konkurrenz ein, in der auf Grund dieser Unterschiede der Kapitalismus seinen Klassencharakter reproduziert. Ideologisch ist vielmehr das Bedürfnis nach Moral, die doch nur Ausdruck der Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft ist. Hierzu passt auch Melchiors Kritik, der Utilitarismus müsse immer schon die Chancengleichheit voraussetzen, weil er sonst über keinen Gerechtigkeitsbegriff verfügt: Diese Chancengleichheit ist eben ein Ideal, das sich die Leute über ihr Dasein im Kapitalismus machen; ideologisch ist das deshalb, weil diese Chancengleichheit nur in einem ganz abstrakten Sinne existiert: nämlich nur in der Sphäre der Zirkulation, wie Melchior auch schreibt (I/38). Außerhalb dieser Sphäre trifft sie nicht zu: deshalb ändert die Chancengleichheit auch nichts: Die Klassenstruktur und die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft bleiben erhalten; allenfalls ein Einzelner nimmt eine andere Position ein.

7. Der Bezug auf die Verteilungsgerechtigkeit und damit auf soziale Ungleichheiten geht an den Bedürfnissen der Menschen glatt vorbei: Was haben die Bedürfnisse von einem mit der Befriedigung eines anderen zu tun? Warum muß sich einer mit anderen vergleichen, um festzustellen, wie gut es ihm geht? Diese Vergleichsfragen sind, was das Bedürfnis angeht durch und durch ideologisch und was die Bedürfnisbefriedigung angeht nur relevant in einer Gesellschaft, in der jeder die anderen vom gesellschaftlichen Reichtum ausschließt.

8. Rawls argumentiert für seine Begründung gesellschaftlicher Normen mit folgendem Gedankenexperiment: Angenommen, niemand in einer Gesellschaft von Gleichgestellten wüßte, welchen sozialen Status er später einmal haben wird, so muß er mit dem Schlimmsten (warum?) rechnen. auf welche Gesellschaftsordnung würde sich das Mitglied verständigen? (I/38) Damit wird gleich von allen wesentlichen Bestimmungen abstrahiert, die für eine konkrete Gestaltung relevant sein könnten: Die Stellung in der Gesellschaftsordnung und die Bedürfnisse, die er aus seiner Ungleichheit heraus mitbringt (die gehen nämlich spätestens bei der Verständigung flöten.) Daß eine solche Verständigung natürlich nie stattfindet, sondern immer nur dazu dient, ein schon bestehendes Gewaltverhältnis zu legitimieren, sei nur nebenbei erwähnt. (fb)

Literatur

(I) Wolfgang Melchior, Der Utilitarismus und das Problem der Verteilungsgerechtigkeit; in: Widerspruch 23. München: 1992.

(II) Otfried Höffe (Hg.), Einführung in die utilitaristische Ethik. Tübingen: 1992.


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 11. Maerz 2000.