Der Traum von der gerechten Universität

Unsere Kritik an den Studentenvertretern ist folgende: Ihre Kritik ist eine falsche und daher können sie in der Praxis daraus nie und nimmer richtige Konsequenzen ziehen. Unsere Kritik ist aber keine aktuelle: Daß AStA, Fachschaften, etc, etc immer fortwährend entpolitisiert werden und seit Jahren alles den Bach runter geht (wie Dirk Joußen gerne nostalgisch erzählt, wohl weil heute keine konstruktiven Korrespondenzen mit dem RCDS mehr laufen: »Ich kann besser mit Leuten vom RCDS reden, als mit so linksradikalen Spinnern«), ist eine Kritik die wir nicht teilen. Daher kritisieren wir auch gar nicht nur, was gerade jetzt abläuft. Mit ganz viel Moral und gutem Willen irgendwie in irgendwelchen gerade mal aktuellen politischen Problemen Stellung zu beziehen und zwar im Bündnis mit irgendwie fortschrittlichen Gruppen und – wirklichen, erträumten oder erdichteten – Bewegungen: so wird hier seit Jahren Politik gemacht:

Dem Volke dienen! Bildung für alle!

Es ist doch sonnenklar: Wir sind Studenten und haben einen Anspruch auf gescheite Ausbildung. Und so wichtig ist unser Anliegen, daß wir´s gleich mal im Namen aller einfordern. Wie kann man auch bloß so kurzsichtig sein und das nicht verstehen:

»Wir begeben uns momentan in Gefahr unsere kulturellen Stärken Bildung und Qualifikation, Erfindungsreichtum und Forschung sowie Verläßlichkeit und Identifikation mit der Arbeit (!!) nachhaltig zur Disposition zu stellen.« (HR, 14)

Nein, wirklich. Es geht nicht nur um uns, es geht um´s Ganze:

»Die Anforderungen der Gesellschaft sind schließlich vielseitiger als jene, die Siemens an seine zukünftigen Ingenieure stellt.« (HR, 4)

»Dem Volke dienen!« sagt heute natürlich kaum mehr jemand, was wohl leider nicht daran liegt, daß niemand mehr was vom Volk hält. »Der Gesellschaft dienen!« ist das modernere Motto, das aber den gleichen Fehler teilt, die Universität für etwas zu halten, was ungeachtet von Form und Inhalt mal so eben in den Dienst einer ganz anderen Sache gestellt werden könnte. Bei soviel Naivität überrascht auch der Weg nicht, auf dem dieses Ziel erreicht werden soll: Der Staat ist gefordert! Er soll »der Wirtschaft aktiv wieder Handlungsschranken« (HR, 14) setzen, denn »Wirtschaft hat weitgehend nicht (!) die gleichen Interessen wie Gesellschaft« (HR, 15).

»Das Recht auf Bildung für alle ist unabdingbarer (!) Bestandteil für die Weiterentwicklung einer zukunftsorientierten« (was ist das?) »Gesellschaft.« (HR, 4)

Wir Studis sind also eigentlich ganz selbstlos. Unser Anliegen ist eines der Gesellschaft, und ein äußerst wichtiges noch dazu; eines, aus dem man so viel machen könnte, daß es einem Studentenvertreter einfach nicht einleuchten will, daß der Staat jetzt gerade mal weniger von diesem Potential zu nutzen gedenkt:

»Weiterhin ist die Selektion der Studenten nach Bedarfsargumenten nicht nur sozial völlig unverträglich« (mit was?), »sondern es erscheint auch widersinnig, dieses Potential zu verschwenden.« (HR, 15)

Es ist nur blöd, wenn man mit seinen Reformvor-schlägen gar nicht gut ankommt. Dabei hat man doch nur das Beste gewollt und seine Kritik ganz in den Dienst einer besseren Gesellschaft gestellt. Aber vielleicht liegt´s ja daran, daß man mit seinen Erklärungen ziemlich gründlich danebenliegt:

»Sehr viel, was nach harter, ja sogar Grundsatz-Kritik aussieht, ist keineswegs bedrohlich für den mainstream« (HR, 25)

Kritik ist grundsätzlich nicht bedrohlich oder harmlos. Kritik ist richtig oder falsch. Bedrohlich können die Leute werden, die sich der Kritik bedienen – aber als Kriterium für die Kritik taugt auch das nicht.

»Nur sogenannte konstruktive Kritik, die mit fertigen Ersatzmodellen aufwarten kann, ist gesellschaftsfähig.« (HR, 25)

Von konstruktiver Kritik erwartet man keine fertigen Modelle, sondern Zustimmung zum Zweck der Sache, die gerade verhandelt wird, sowie Lösungsvorschläge für die Probleme dieser Sache. Fertige Modelle erwartet man von der Studentenvertretung allenfalls für die Organisation des Sommerfests.

»Fordern also die Studierenden eine umfassende Hochschulbildung für alle Teile der Gesellschaft, so gelten sie als politisch bedeutungslos. Sie verpassen den Zug der Zeit, sie machen sich lächerlich. Das ist alles nicht finanzierbar.« (HR, 25)

Um »eine umfassende Hochschulbildung für alle Teile der Gesellschaft« geht´s halt auch gar nicht. Nachzuweisen, daß das im Prinzip durchaus finanzierbar wäre, sollte so schwer nicht sein. Aber wozu? Was soll der Kapitalismus mit all den umfassend ausgebildeten Leuten anfangen? Die kommen allenfalls auf dumme Gedanken. Und »politisch bedeutungslos«? Das ist ein jeder, der sich nicht mit dem beschäftigt, für das Parteien und Parlamente nun mal da sind: unsere Probleme zu lösen (bevor die Idealisten wieder losschreien: »unsere« Probleme sind die des Standorts, des Landes, des Staats). Und an Nachwuchslehrern herrscht genausowenig Mangel wie an dem nötigen höherem Blödsinn – da ist also kein Problem in Sicht.

Demokratisierung in Theorie und Praxis

Die Lösung scheint nahezuliegen: Demokratie ist doch zum Wohle aller. Und was so wichtig ist wie die Hochschule kann doch von der Politik nicht ignoriert werden. Nur: Warum klappt´s dann nicht? Das wissen die Studis nach dem ersten Blick in die Politik: Korrupt und unfair! Die können sich ja überhaupt nur an der Macht halten, wenn sie Informationen unterdrücken (den Sozialbericht des Studentenwerks) oder Studenten bestechen damit sie bloß nicht streiken (IM 1).

»Veränderungen an den Hochschulen sind überfällig. ... Uns stellt sich die Frage, ob vorliegende Vorschläge den Namen Reform überhaupt verdienen, oder ob es sich wieder nur um ein unter Zeitdruck entstandenes Stückwerk handelt, das lediglich an einzelnen organisatorischen Punkten und Symptomen herumdoktert.« (HR, 4)

Immer wieder die alte Leier: Unfähig sind sie halt, die Politiker.

Davon, daß diese Hochschulreformen ganz im Sinne ihrer Erfinder funktionieren und Ergebnisse zeitigen, die genau so beabsichtigt sind; halt bloß nicht mit den Idealen übereinstimmen, denen der Kritiker die Universitäten verpflichtet glaubt, will natürlich niemand was wissen. Wer unter Hochschulpolitik versteht, staatliche Reformen als unausgegoren zu entlarven, weiß nichts und will nichts wissen

(1) vom Zweck der Hochschulen,

(2) wie sie diesen Zweck erreichen und

(3) was man an diesem Zweck auszusetzen haben könnte.

Ganz ohne Theorie will man freilich nicht auskommen. Schließlich möchte man ja eine bessere und humanere Universität im Dienste der Gesellschaft oder zielt auf Emanzipation durch Bildung ab. Heraus kommt dann der Willensbekundung, ein »Diskussionsforum« einzurichten, in dem man dann ein bißchen über den hochaktuellen Vergleich »verschiedener Rätemodelle« (Vorstellung zum 1. AStA-Vorsitz in FSK-Info vom 15.1.99) diskutiert oder »in verschiedenen« (hier wird´s noch eine Nummer pluralistischer) »Diskussionsgruppen« zu lamentieren, daß sich der Staat nicht für die Menschen einsetzt »die nicht den Normen der Gesellschaft entsprechen«: »AsylbewerberInnen, Arbeitslose, Sozialhilfeempfän-ger, Obdachlose und andere (!) Personen« (Vorstellung zum 1. AStA-Vorsitz in FSK-Info ohne Datum). Früher war´s aber auch nicht besser: Da wurden Hochschulpolitische Reader erstellt, Treffen mit Kultusminister und Rektor abgehalten, Satzungen erstellt und gegen die Rentenversicherungspflicht demonstriert (FSK-Info 37, S.18f). Der AStA-Vorstand für 1998 trat mit einem ausschließlich organisatorischen Programm an und erwähnte bloß am Schluß, »systematische Ungerechtigkeiten, usw.«, vermutlich an der Hochschule, aufzeigen zu wollen (FSK-Info 37, S.26f).

Studentenpolitiker beschäftigen sich aber nicht nur mit den Mängeln und Schwachpunkten mit denen unsere Demokratie angeblich zu kämpfen hat, sondern haben besonders schwer daran zu schlucken, daß eben jene Demokratie beschlossen hat, die studentische Selbstverwaltung könne auch ganz gut mit etwas weniger formalem Brimborium auskommen als der bayerische Landtag. Weit gefehlt! Ein ausgeklügelter Satzungsentwurf liegt schon in der Schublade für die Tage der »Verfaßten Studierendenschaft«, derer sie harren, auf das sie endlich richtig mitreden können, bei den Problemen der Hochschule. Noch ist das nämlich kaum möglich – jedenfalls nicht guten Gewissens:

»Aber was würde man sagen, wenn die Regierung – einmal gewählt – für den Rest ihrer Amtszeit nun dem Parlament keine Rechenschaft mehr schuldig wäre?« (Flugblatt der Linken Liste)

Ja was? Vermutlich würde das die Leute genausowenig stören, wie die Tatsache, daß Richter, Bundespräsidenten, etc dem sie wählenden Gremium keine Rechenschaft schuldig sind. Um Dichterlesungen und Feste zu veranstalten oder über die Ungerechtigkeiten des Universitätsbetriebs zu jammern, braucht´s halt keine Gewaltenteilung – jedenfalls dachten sich das diejenigen, die ihrem Parlament sehr wohl »Rechenschaft schuldig« sind. Die Mär vom Bürger, der seiner Regierung ständig Anweisungen gibt, ist genauso Blödsinn, wie die Vorstellung, tausende von Studis wollten mit ihrem AStA-Vorsitzenden diskutieren, wann der den Sommerfest-Anstich zu machen hat. Daß die Wähler mehr entscheiden, als das zum je schon vorgegebenen Zweck passende Gesicht auszusuchen, ist in einer Demokratie nämlich gar nicht vorgesehen.

Das Argument der mangelnden Rechenschafts-pflicht gibt auch beim besten Willen nichts her, um ein »bizarr undemokratisches« Modell (Flugblatt der Linken Liste) auszumachen: allenfalls an Gepflogenheiten des Parlamentarismus mangelt es. Wer aber, wie die Linke Liste, so sturzzufrieden mit der Demokratie ist, wie er sie sich ausmalt, der braucht halt was, das er an der Demokratie, wie er sie vorfindet, kritisieren kann.

Gerechtigkeit

Man hat also schwer zu kämpfen als Studierendenver-treter, um die Demokratie gegen korrupte und unfähige Politiker zu verteidigen. Manchmal hat ein Studi zwar auch Glück und entkommt mancher Ungerech-tigkeit ganz anders: »Die Mühlen der Bürokratie werden uns vor den Härten (!) des neoliberalen Wettbewerbs beschützen!« (IM 2)

Oft reicht das aber nicht, und so wird mit »übermenschlichem Einsatz« (FSK-Info 37, S.25) versucht zu retten was zu retten ist und die Politiker zu überzeugen, wie wichtig gut ausgestattete Hochschulen sind. Freilich nicht besonders erfolgreich, wenn der Staat sich gerade entschlossen hat, es jetzt eben mal mit etwas weniger Bildungsausgaben zu versuchen: »Leider finden sich auch in der Endversion [des BayHSchG] noch viele neue Probleme für uns Studierende« (IM 2). So ein Pech!

Dabei könnte man sich´s doch so schön einrichten an den Unis, wenn nur die Politiker nicht so blöd oder gar von Wirtschaftsinteressen gegängelt wären. Besonders schlimm ist es in Bayern: Da sind die Politiker nicht nur unfähig, laufen »gedanklichen Hirngespinsten« (IM 4) nach und sind so sehr vom Wirtschaftseinfluß bestimmt, daß man dagegen immer wieder Druck machen muß:

»Die Studierendenvertretung protestiert in schärfster (!) Form gegen diese und andere Einschnitte im Bildungs- und Sozialbereich zu Gunsten überflüssiger (!??) Industrie- und Rüstungsprojekte.« (IM 7)

Nein, in Bayern lügen die Politiker auch noch wie gedruckt, selbst schon im Parteinamen, mit dem sie den Leuten bloß was vormachen: Denn »keine wirklich (!) christliche (!!) Partei greift rechtzeitig zum Fest der Nächstenliebe« – gemeint ist Weihnachten – »zu Umverteilungsmaßnahmen von Unten nach Oben« (IM 7).

Aber man kann ja hoffen: Nachdem Ende 1998 »die meisten StudierendenvertreterInnen nach der ersten Prognose am Wahlabend« ein entzücktes »Endlich sind sie weg!« ausgestoßen hatten, machten sie sich daran, die jetzt regierende, bessere Mannschaft »an ihre diversen Versprechen aus der Streikzeit ... zu erinnern.« (IM 3) Und es fing auch so vielversprechend an: Im »gesamten Bundesgebiet« – also auch in Bayern, toll – sollte es »eine Studierendenvertetung nach dem Modell der Verfaßten Studierendenschaft geben«, ein »Verbot von Studiengebühren« stand zu erwarten und es blieb »nur noch zu hoffen, daß das BAFÖG auch in diese Richtung reformiert wird« (IM 4).

Aber dann kam der Hammer: Die neue Regierung war offenbar gerade dabei, sich die letzten Reste Verstand zu versaufen oder aber irgendein gieriger Unternehmer war wieder mit seinem Gängel-Lasso unterwegs. »Gegen Länder wie Bayern« wolle man in Bonn gar nichts »ausrichten« und man hätte nur gemeint, »die bereits bestehenden VSen dürften nicht angegriffen werden« (IM 5). Außerdem stand plötzlich zu befürchten, daß »Studiengebühren ... wahrscheinlich nur dort verboten [werden], wo sie noch nicht eingeführt wurden« (IM 7). Es wurde Zeit, zu ganz anderen Maßnahmen zu greifen: Ein Volksbegehren sollte für Gerechtigkeit pur und außerdem noch für eine Portion Spaß sorgen – die »Oberen« ärgern war angesagt: dem Kultusministerium sollte es nicht »schmecken«, daß es »sich künftig mit den akademischen Senaten in Bayern abstimmen muß« (IM 6) und auch »die Universitätsleitung wird schlucken, wenn sie zu lesen bekommt, daß viele Entscheidungen, die sie zur Zeit aus eigenem Antrieb fällen kann, in Zukunft mit dem Universitätssenat abzustimmen sind« (IM 6). Leute ärgern, an die man sonst nicht herankommt – schöne Kategorien sind das, in denen hier Politik gemacht wird. Natürlich hat man auch noch ein paar wirklich krasse Forderungen auf Lager: Weil das mit den Frauenbeauftragten so gut klappt, soll künftig »einE MinderheitenbeauftragteR ... darüber wachen, daß z. B. AusländerInnen, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung und weitere Minderheiten nicht noch mehr (!) benachteiligt werden, als dies schon der Fall ist« (IM 6).

Besonders ungerecht erscheint Studentenvertretern immer die Sache mit der Elite. Die »elitäre Komponente« (HR, 23), die in den Reformvorschlägen ausgemacht wird, bedroht aber nicht eine Universität, zu der die »Massen« noch Zugang haben. Daß für ein paar wichtige Jobs eine gut ausgebildete Elite her muß, stand nie zur Frage. Und daß, wenn allzu viele studieren, einige anfangen, sich falsche Vorstellungen über ihre Bedeutung zu machen, ist klar. Wer wohin gehört muß den Leuten schon klar sein. Chancengleichheit soll auch nichts am oben und unten ändern, sondern höchstens ab und an was an der Zuordnung dieser Stellung ändern. Und die Abfolge – Vater: Kfz-Mechaniker, Sohn: Vorstandvorsitzender, Enkel: Straßenfeger – ist sowieso nicht vorgesehen.

Autorität und Irrationalität

Hin und wieder geht eine Analyse über die Einforderung eines Rechts, das einem moralisch zustehe hinaus. Da man sich aber Begriffen und Theorien der bürgerlichen Wissenschaft bedient, gehen auch die meist daneben. Die Studierendenvertretung meint z. B. durch einen »blick auf die sprache unserer politiker« eine »autoritär-irrationale grundhaltung« ausgemacht zu haben, »geprägt von einer sehnsucht nach einer starken obrigkeit, die über die dinge herrscht« (HR, 17). Dazu folgendes:

(1) Die Ideologie und damit wohl auch die Diskussionen der modernen Untertanen sind tatsächlich autoritätsfixiert und irrational.

(2) Die Politik, denen diese Leute unterworfen sind, ist deswegen gerade nicht irrational.

(3) Die Sprache, derer sich jemand bedient ist wohl eines der miserabelsten Kriterien dafür, was vom Inhalt seiner Äußerungen zu halten ist.

(4) Statt die vorgetragenen Thesen zu beurteilen und eventuell zu widerlegen, wird hier wieder einmal eine moralische Wertung vorgenommen.

Autoritär ist die Grundhaltung des bürgerlichen Subjekts, Herrschaft grundsätzlich zu bejahen, sie als Chance zu begreifen und von ihr, mit moralischem Ausdruck Rechte einzufordern, die es zu haben glaubt. Recht wenig von dieser real-existierenden Autorität muß jemand belastet sein, der ausgerechnet in dem bißchen Autorität ein entscheidendes Problem sieht, das sich im Hochschulrat kristallisiert. Nichts mit Autorität hat es schließlich zu tun, wenn bei der Organisation des Studiums der »individuelle lebenslauf« keine Berücksichtigung findet oder wenn es darum geht die »orientierungslosen« »von den hochschulen zu beseitigen« (HR, 18) – schon eher mit dem Zweck der Universitäten: irgendwelche individuellen Bedürfnisse der Studenten kommen da nämlich gar nicht vor.

Irrational kann man es nennen, wenn immer nur Verbesserungsvorschläge eingereicht werden und der Zweck einer Sache, der vielleicht gar nichts taugt, nie zur Frage steht. Recht rational ist es, die Mittel der Unis knapp zu halten, wenn man sich explizit entschlossen hat, mit weniger Akademikern auszukommen (und eine zu große Elite wäre ja auch gar keine mehr). Daß es eigentlich mehr Bildung und Ausbildung brauche ist halt ein Ideal, das sich Studierendenvertreter gerne über die Unis machen. Auf Irrationalität weist auch das nicht hin, eher schon auf Ignoranz gegenüber Zweck und Inhalt des Ausbildungsbetriebs. Das gilt auch für die weiteren Beispiele (HR, 19f): Wer meint, es gäbe einen Mangel an Forschungsförderung macht sich entweder schon wieder Illusionen darüber, wofür Wissenschaft da ist oder glaubt tatsächlich an den Unis würde massenhaft Zeugs ausgeheckt, das in der Wirtschaft niemand brauchen kann. (Außerdem sind Hiroshima und Nagasaki alles andere als »Auswirkungen«, die an der Unkenntnis der Folgen einer Theorie lagen). Wer sich fragt, wo denn die in den Prüfungen so erfolgreichen und leistungsstarken Frauen in der Wissenschafts-Hierarchie bleiben, sitzt erstens der Ideologie auf, daß Leistung im Kapitalismus auch einen entsprechenden Lohn nach sich zieht, ignoriert zweitens völlig, was denn da geleistet werden soll (und was das taugt) und kommt dann auch drittens auf den falschen Gedanken, die Unterdrückung der Frau auf irgend einen bösen Willen zurückzuführen, der für die Uni-Karriere männliche Leitbilder zugrunde legt.

Wenn man sich schon so viele falsche Ideale über die Universitäten zurechtgelegt hat, kann man auch noch ein paar weitere dazufügen und fordern, daß »die menschen in den mittelpunkt« gestellt, »alternative lernformen« eingeführt und die Unis »der ort« werden, »an dem die gesellschaftlichen probleme diskutiert werden sollen« (HR, 20). Mit Kritik hat das nichts zu tun. Was soll´s.

Wissenschaft und Kapital

Da wird dann auch aus der Tatsache, daß unsere Wirtschaft auf Kapitalakkumulation beruht (wie ja auch »wir« »meist die lukrativste Anlagemöglichkeit für unser Geld« suchen) schnell mal ein Argument dafür: Wenn´s schon so ist, läßt sich »nur schwer« was schlechtes drüber sagen (HR, 14).

Ab und zu, und vor allem gerade jetzt mal eben, wird´s aber ein bisserl zu bunt getrieben. Die Globalisierung ist zwar »die Chance unserer Gesellschaft« (HR, 14), aber nur dann, wenn der Staat richtig durchgreift und Mißbrauch verhindert: Die

»Wirtschaft beginnt (!!), unsere Gesellschaft durch materielle (!) Zwänge aktiv (!) zu gestalten. Demokratisch (!!) nicht legitimierte (!!) Manager betreiben Sub(?)politik. Wir (!!!) haben zugelassen (!), daß sich die Wirtschaft verselbständigt (!) hat und aggressiver (!) denn je auf uns (!) einwirkt.« (HR, 14)

Wenn man sich um das Verhältnis von Kapital und Gesellschaft gar nicht kümmert, ist es leicht sich Illusionen über allerlei Einrichtungen zu machen, die durchaus ihren Zweck haben, aber garantiert nicht den, den sich der Studentenvertreter vorstellt:

»Zurecht wird kritisiert, daß ohne die Geisteswissenschaft (!!) eine Entwicklung der Naturwissenschaft nicht möglich (!) ist, denn nur mit dem Wissen technologischer Abläufe läßt sich kein Horizont erweitern (?) und schon gar kein echter (?) Fortschritt realisieren. ... Hochschule muß in der Wirtschaft geisteswissenschaftliche Kompetenz (!) verankern.« (HR, 15f)

Es ist schon irre: Hier wird aus der Tatsache, daß Geisteswissenschaftler ständig politische Herrschaft rechtfertigen, gegen einfache Lösungen einen verantwortungsbewußten, also wie gehabten, Umgang mit der Technik das Wort reden und gesellschaftliche Widersprüche mit ideologischen Nebelwerfen zum Verschwinden bringen, der recht aparte Schluß gezogen, politische und wirtschaftliche Entscheidungen hätten gar keine handfesten Grundlagen und ließen sich nur mit Hilfe der Geisteswissenschaften treffen. Offenbar rennen Vorstandchefs völlig orientierungslos durch die Gegend und versuchen sich verzweifelt an das Philosophieseminar von damals zu erinnern um dann zu entscheiden, ob sie lieber Panzer oder Medikamente produzieren wollen. Also, liebe Geisteswissenschaftler: Bewerbt Euch als Vorstandsassistenten, denn: »Nur so ist eine fruchtbare Einheit möglich.« (HR, 16)

Auch dort, wo die Wissenschaft nicht einfach als durch Wirtschaftsinteressen gegängelt bestimmt wird, sondern das Verhältnis von Wissenschaft und Kapital näher analysiert wird, bleibt die Wissenschaft ein abstrakter geistiger Produktionsfaktor, der auch zu was ganz anderem eingesetzt werden könnte als »eh schon übervolle Bankkonten« (Zucht, 5) weiter zu füllen, wären die auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesenen Wissenschaftler nicht in Händen des Kapitals gelandet (ebd.). Eine solche »Analyse« verkennt die Realitätvöllig: Forschung und Ausbildung sind aber nichts weniger als zu jedem beliebigen Zweck einsetzbar. Die »Geburtsstunde der Wissenschaft« kann auch nicht auf »den Beginn der Menschheit datiert werden« (Zucht, 4).

Die Ausbildung entspringt dem Bedürfnis des kapitalistischen Produktionsprozesses. Die individuellen Fähigkeiten der Arbeiter erscheinen in diesem Prozess nur als Schranke (d.h. wenn die jeweils vorgesehenen Teilfunktionen nicht erfüllt werden können). Andererseits läßt der Zweck des Produktionsprozesses – die Mehrwertproduktion – eine Ausbildung in diesem Prozeß nicht zu: sie muß daher in den Reproduktionsprozeß fallen und wird dort vom Staat organisiert – mit der nötigen Allgemeinheit, um die Arbeiter je nach Bedarf anwenden zu können.

Indem das Wissen sich von der individuellen Fähigkeit trennt, scheidet sich die Ausbildung auch von ihrer konkreten Anwendung im Produktionsprozeß: Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit ist vollzogen. Gerade weil diese Trennung besteht, die Produktionssphäre aber allein der Mehrwertproduktion dient, muß sich die Naturwissenschaft als Instrument diesem Zweck unterordnen: Als Instrument ist sie von dieser Produktionsweise gefordert; weil sie vom Staat als Voraussetzung des Produktionsprozesses organisiert wird, ist sie diesem untergeordnet.

Das hat vor allem Konsequenzen für die Inhalte der Wissenschaft. Die Naturwissenschaften liefern dem Kapital Information über ihm nützliche Teile der Realität. Das bestimmt sowohl den Gegenstand der Naturwissenschaften als auch die Form, in der die Naturgesetze auftreten: nämlich in positivistisch-instrumenteller (z. B. Quantenphysik, aber auch andernorts). Dadurch, daß nur die Form, nicht aber der Inhalt der Naturgesetze durch das Kapitalverhältnis bestimmt ist, unterscheiden sich die Natur- von den Geisteswissenschaften.

Die Geisteswissenschaften haben mit der Bewältigung der Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft zu kämpfen. Entsprechend fällt ihr Inhalt aus: ausschließlich Ideologien und Organisation der entstehenden Konflikte. (Würde mal ein Wissenschaftler zu einer Erklärung der Widersprüche kommen, wäre das für den Kapitalismus zu nichts nütze: diese Erkenntnis hat niemand bestellt; und sollte sie jemand gegen den Kapitalismus einsetzen, wäre schnell Schuß mit lustig.) Wie man´s dreht und wendet: Viel Inhalt, der sich unabhängig vom Zweck der Wissenschaft verwenden ließe, ist nicht vorhanden.

Das allgemeinpolitische Mandat

Ein schwer kritischer Studierendenvertreter guckt nicht immer nur auf seine Hochschule, sondern hat sich zudem noch ein allgemeinpolitisches Mandat zugelegt: Da wird dafür gesorgt, daß Zeitschriften von PDS (für ein gerechtes deutsches Vaterland) und Gewerkschaften ausliegen, da wird ein antifaschistischer Stadtrundgang gemacht, Filme gezeigt, Theater gespielt – voll politisch natürlich! – solange niemand von einem verlangt mal irgendwas zu erklären; denn wozu die ganzen Leute ausgebildet und wofür die ganzen Theorien entwickelt werden, will jemand gar nicht wissen, der Parteien und Parlamente für nützliche Einrichtungen hält und ihnen als Studierendenvertreter nur bei der richtigen Problemlösung helfen will. Und wenn das partout nicht geht, muß man eben irgendwann raus aus der Uni: »Wir machen Politik doch nicht aus reinem Altruismus. Es ist nur legitim, daß sich das auch irgendwann persönlich auszahlt, indem man z. B. an Jobs rankommt, die sonst immer außer Reichweite liegen werden.« (Brief von Dirk Joußen vom 19.2.94) Das scheint ja ne tolle Politik zu sein, wenn man damit »an Jobs rankommt«.

Außerdem ist auch noch Raum für die Linke Liste – Leute, die so kraß links sind, daß sie die Politik von SPD und Grünen »scharf ablehnen« und allenfalls noch zur PDS »freundschaftiche Kontakte« pflegen, die ja für die Probleme des Standorts besonders gerechte Lösungen finden will und – schneller als die Grünen – eine regierungsfähige Alternative für all die werden will, die sich in Großdeutschland immer noch nicht recht heimisch fühlen. Willkommen im Boot! (fb)

Literatur

(Zucht) Von der Aufzucht deutscher Wissenschaft, herausgegeben vom AntiFa-Referat des AStA der GSU

(HR) Hochschulpolitik-Reader, herausgegeben vom AStA der GSU, 1. Auflage, 1997

(IM) Informelle Mitteilungen des AStA und FSK-Vorstandes, diverse Ausgaben


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