Selbst-Gerechtigkeit

Gerechtigkeit. Nur mehr Steuergerechtigkeit oder DIE Gerechtigkeit? Ein großes Wort jedenfalls, welches für gewöhnlich nach seiner Verwirklichung geradezu zu schreien pflegt. Wenn so geschehen, ist die Welt gerechter oder gar gerecht. Dies funktioniert wiederum nur dann, wenn man in bester aufklärerischer Tradition die Welt als statische Ordnung festlegt. Was ich ablehne. Die Welt ist Chaos. Zu leben heißt zu interpretieren.

Sinnvoll scheint es, dies in Strukturen zu tun. Elemente einer gesellschaftlichen Welt stehen modellhaft in kommunikativer Beziehung zueinander.

ich :: das Andere, das Gegenüber

In dieser dialogischen Keimzelle, deren »ich« im übrigen lediglich ein Über-, Mit-, Ineinander von Identifikationsebenen bezeichnet, läßt sich keine Hierarchie rechtfertigen. Das »ich« ist mit »dem Anderen« nicht kongruent, es unterscheidet sich. Eine Vernichtung der Differenz entspräche den Zielen einer faschistischen Ideologie. Wie aber gelangt man von einem Soll-Modell zu einer tatsächlich hierarchiefreien Welt? Nun, das schafft nicht einmal die Revolution - was die schlechte Nachricht ist. Warum dann dieser Baustein aus der vielgeschmähten Philosophie der Postmoderne? In der Tat ist alles, was uns bleibt - wenn wir von religiös anmutenden Hoffnungen absehen - die Analyse des Gegebenen, zu der das Modell »ich-das Andere« wesentlich beitragen kann, da jeder Mangel sich an diesem Basisbaustein zeigen muß.

Dem Anderen (das in seinem Personencharakter in diesem Fall nur deshalb Neutrum ist, weil »der« oder »die« schon spezielle Typen bilden) gerecht werden, bedeutet in meinen Augen das Zuerkennen von relativer Entscheidungsautonomie. Warum den rassistischen Arbeiter befreien aus kapitalistischer Lohnabhängigkeit, warum die reaktionäre Hausfrau vom Patriarchat? Warum karrieregeilen Studierenden den Traum vom neoliberalen Paradies verderben? Da sind - mit Jesus, Lessing oder Marx - schon ganz andere dran gescheitert. Selbst der bessere Mensch und damit im Besitz der Wahrheit zu sein, ist selbst-gerecht und wird es nicht dem Anderen. Alles was bleibt, ist die Möglichkeit, dem Gegenüber Einblicke anzubieten, ohne es sich anzueignen - womit etwa an Till Eulenspiegel erinnert sei, an die Romane Heinrich Manns, an die APPD: destruktive Kritik geäußert aus einer Position der eigenen Schwäche heraus.

Gerechtigkeit in einer kommunikativen Zweiersituation hieße Hierarchiefreiheit, wie immer diese - in ihrem Utopiecharakter - auch aussehen könnte. Viel einfacher ist dagegen zu sagen, was Ungerechtigkeit ist, der konkrete Mangel nämlich. (mt)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 11. Maerz 2000.