Auf der Suche nach dem Gesetz des Dschungels

Ein paar Knochen, an denen noch die Sehnen fransig herunter hängen, ein büscheliges Ohr und ein glasiges Auge im zertrümmerten Schädel sind alles, was Löwe Simba von der anmutigen Gazelle Florence übrig gelassen hat. Nun schläft er friedlich, und nur ein Rülpser erschüttert von Zeit zu Zeit seinen übervollen Bauch, während die Gattin und die Kleinen erst jetzt so richtig ran dürfen und noch an den Resten herum zerren. Wir Menschen neigen dazu, hier die Achseln zu zucken und zu sagen, "Was soll´s. Das ist eben das ,Gesetz des Dschungels´". Ist es das wirklich? Handelt es sich hier um eine richtige, bürgerliche Rechtsordnung? Oder soll das nur heißen, jeder kann machen was er will, auch oder gerade wenn es einem anderen schadet? Es wird höchste Zeit, das "Gesetz des Dschungels" einmal auf seine Legalität abzuklopfen.

Dabei stellt sich zunächst einmal heraus, daß es keinesfalls nur im Dschungel gilt, denn der "König der Wüste" scheut die dichten Wälder, er läßt seine Weibchen lieber in den offenen Savannen jagen. Die weltweite, ja weltallweite, ewige Gültigkeit dieser Rechtsordnung hat eine Folge, die wir schon an dieser Stelle erwähnen wollen, obwohl sie nach unserer Gliederung erst später drankommt: Sie gilt auch dort, wo der Mensch wohnt, mit anderen Worten, sie regelt nicht nur seinen Umgang mit der Natur, sondern auch mit seinesgleichen. Der Unterschied besteht lediglich darin, daß der Mensch auf Grund seiner intellektuellen Höherentwicklung das Gesetz ausformuliert hat, während die Tiere sich nur instinktiv daran halten. Das ändert jedoch nichts daran – um zum Ausgangspunkt unserer kleinen Abschweifung zurückzukommen -, daß dieses Gesetz universale Gültigkeit beansprucht.

Doch zurück zu unserem Thema. Durfte Löwenmännchen Simba die Gazelle fressen? Das "Gesetz des Dschungels" bejaht dies nicht in jedem Fall. Wäre Simba beispielsweise eine Kuh gewesen, so betonen die Juristen immer wieder, dann wäre dies nicht zulässig, da der Kuhmagen auf so etwas wie Florence nicht eingerichtet ist. Anders verhält es sich mit Simbas Verdauung, sie wird mit den weicheren Teilen einer Kuh spielend fertig, da sie sozusagen darauf geeicht ist. In diesem Falle käme er aber mit dem Menschen als Eigentümer der Kuh ins Gehege, und damit sieht die Sache schon ganz anders aus, weil der Mensch ein Gewehr hat. Dies soll uns aber erst im Hauptteil unseres Artikels beschäftigen. Kehren wir also zur Einleitung zurück, die hiermit beendet ist.

Um das sogenannte "Freßrecht", zweifellos das Grundgesetz im Dschungel, ranken sich demzufolge viele juristische Auseinandersetzungen. In Fachkreisen diskutiert man noch immer den spektakulären Prozeß der Wirbeltiere gegen den "Rest der Welt", welche das Recht des höher entwickelten Tieres zum Verzehr des niederrangigen durchsetzen wollten und sich dabei auf die universell geltende "Hackordnung" beriefen. Danach sollen Hornochsen Einhorne, Paarhufer Einhufer, Langfinger Dreckpfotenträger, Warmblüter Kaltblüter (schon darin zeigt sich eine Schwäche der Argumentation, denn um jemanden um die Ecke zu bringen, muß man manchmal ganz schön "kaltblütig" sein, siehe das gleichnamige Buch von Truman Capote) und überhaupt die Wirbeltiere alle anderen fressen dürfen. Die Dinosaurier hatten sich dem Verfahren nicht angeschlossen, da sie meinten, sie seien viel zu groß, als daß sie der Rechtsstreit etwas anginge. In Wirklichkeit waren aber ihre Köpfe nur zu klein, um zu fassen, daß hier sehr wohl auch ihre Angelegenheit verhandelt wurde. Bald darauf waren sie dann auch mit "Recht" ausgestorben.

Als Anwalt der Wirbeltiere trat die Robbe auf, da sie nur ein "b" weglassen mußte, um standesgemäß vor dem Hohen Gericht erscheinen zu können. Ihre Gegner waren ein mit allen Waffen kämpfendes Paar, Vertreter der berühmten Sozietät "Yersinia pestis & Vibrio cholera", die aber auch die gutwillige Darmflora vertraten. Als erstes setzten sie durch, daß alles, was Rückgrat zeigte, als befangen abgelehnt wurde. Seltsamerweise hatte es in der Tat einige solcher Wesen auf der Richterbank gegeben, aber wir befinden uns ja auch am Anfang der Justizgeschichte. Ein schließlich installiertes Molluskengericht unter dem Vorsitz einer Schnecke kam nach mehreren Jahren Anreise- und Verhandlungsdauer, worunter besonders die Eintagsfliegen unter den professionellen Prozeßbeobachtern litten, zu dem Ergebnis, daß die "Hackordnung" zwar bestünde, aber nur innerhalb einer Herde, eines Rudels oder Schwarmes gelte und nicht das Freßverhalten der verschieden hoch entwickelten Lebewesen untereinander regele. Auch das berühmte Gesetz der belebten Natur, der "Genetische Code" (Code Génetique) sei nicht einschlägig. Die Doppelhelix lege zwar jegliche Erscheinungsweise etc. fest, entscheide damit aber noch nicht im Einzelfall, welches Tier denn nun gegenüber welchem zum Zuge komme. Die hänge nur davon ab, wer es wie auch immer schaffe, den anderen kleinzukriegen.

Im Urteil stand der berühmt gewordene Satz: "Jedes Lebewesen, sei es in der Luft, auf oder in der Erde oder im Wasser, das läuft, kriecht, springt, gleitet, joggt, fliegt oder gräbt, habe es Lungen, Kiemen oder Hautatmung, sei es mit Fell, Flossen, einem Anzug, Federn, Zellwänden oder der blanken Haut bedeckt, zwitschere, gackere, krähe, schnaube, pruste, heule, kollere, telephoniere, schreie, pfeife es, und sei es im Ultraschallbereich, das auf dem Felde des Handelsverkehrs oder der Fortpflanzung mit allen als zugehörig geltenden körperlichen oder gefühlsmäßigen Aktivitäten oder im Bereich der Selbstverteidigung das Höchstmaß an Vorsicht außer acht läßt, darf von jedem anderen hier genannten, das dieses Fehlverhalten entdeckt, nach dessen Belieben und dem Ausmaß der eigenen Gerissenheit gebissen, gestochen, gerissen, abgefieselt, ausgequetscht, -gelutscht, gehäutet, chemisch oder mechanisch zerlegt, gebraten, gekocht, gefressen, im Zoo gehalten oder auf sonstige Weise dem materiellen oder geistigen Verdauungsprozeß zugeführt werden." Einzelregelungen hierüber – soweit sie den Menschen betreffen – sind dann später in den dafür zuständigen Gesetzen, z.B. im Bürgerlichen, Handels- oder Strafgesetzbuch mit den passenden Prozeßordnungen ausgearbeitet worden.

Die Anwälte von "Pest & Cholera" erklärten sich nach dem Urteil zu dem Statement bevollmächtigt, daß noch viele Kleinlebewesen auf der Matte ("Fußpilz" sei noch das Harmloseste) stünden, um bei der Dezimierung der Wirbeltiere mitzuwirken. Auch die fleischfressenden Pflanzen, die dem Rechtsstreit beigetreten waren, zeigten sich auf einer Pressekonferenz befriedigt. Zwar seien die Wirbeltiere für sie etwas zu groß, aber ihr eigenes genetisches Potential sei noch nicht ausgereizt, und man werde noch staunen, was sie alles zustande bringen würden. Im übrigen hätten sie schon immer die Meinung vertreten, das Recht sei spartenübergreifend, erkenne also die Grenze zwischen Tier und Pflanzenwelt nicht an. Dieser Meinung schloß sich auch der Schluckspecht an, aber der hatte kurz zuvor wieder mal gärende Früchte verdrückt. Da die Rechtswissenschaft bekanntlich weitgehend aus Nagetieren besteht, fanden einige davon auch an dieser Entscheidung etwas zu nagen, hörten aber damit auf, als die Ziegen darüber meckerten.

Das Urteil wurde für vorläufig vollstreckbar erklärt und sofort "vorläufig" schon mal von einer besonders bösartigen "asiatischen Grippe" vollstreckt. Die vorsitzende Schnecke wurde unmittelbar nach Verkündung von einem Igel gefressen, da nun Polypen und Bullen keinen Schutz mehr gewährten.

Bei dieser Gelegenheit sollte erwähnt werden, daß der Spruch des hohen Gerichts auch eine völkerrechtliche Seite hatte. Denn was für Individuen zutrifft, gilt selbstverständlich auch für die Völker der staatenbildenden Tiere. "Freier Flug für Killerbienen" kann man etwas volkstümlich die Konsequenzen unserer Entscheidung beschreiben, und natürlich nur die "Rote Waldameise" ließ sich das nicht zweimal sagen und heißt seitdem "Gemeine rote Waldameise". Neues Recht schaffte die Küchenschabe (Blatta germanica): Horden von ihr dürfen durchaus ein Nest mit Hasenjungen überfallen, da es ja "nicht ausgeschlossen werden kann, daß einer der Hasen im Stadium des Erwachsenenseins mal auf eine Schabe tritt oder ihr das Futter wegfrißt oder die Luft wegatmet", wie es in einem einschlägigen Urteil heißt, mit welchem zum ersten Mal der Begriff "Vorwärtsverteidigung" genauer definiert wurde.

Das Recht im Bau bestimmt die Satzung, welche sich das jeweilige Volk selbst gibt. Es herrscht das schon aus Preußen bekannte Dreiklassenwahlrecht. Die Bienenkönigin beispielsweise hat mehr Stimmen als alle anderen zusammen, damit sie durchsetzen kann, daß sie ständig gefüttert wird und ihr der Geschlechtsverkehr garantiert wird. Die Drohnen stimmen dem begeistert zu, und die Arbeiterinnen unterwerfen sich dem demokratisch gefaßten Beschluß. Unter Wahrung ihrer satzungsgemäßen Befugnisse dürfen auch die Lemminge immer wieder ihrem seltsamen Hobby nachgehen.

Es gibt allerdings ein Recht, welches ausnahmsweise die erdrückend werdende Übermacht einer Sorte von Lebewesen aufbricht, anstatt ihm einen besonderen Vorteil bei der Futtersuche zu verschaffen. Die deutsche Version davon heißt "Kartellrecht". Exekutiert wurde es in einer vergleichsweise brutalen Form bei den Reptilien. Diese hatten sich gerade daran gemacht, die Welt zu beherrschen, als ihr Monopol in einem gewaltigen Anti-Trust-Verfahren, dessen Folgen noch heute auf der ganzen Welt zu spüren sind, in verschiedene eigenständige Unternehmen zerstückelt wurden: Vögel, Amphibien, Schlangen, Eidechsen, Drachen, spezielle Fischsorten, und später dann vermutlich sogar kleine Nage- und die ersten Säugetiere. Die im Vergleich zum Mutterkonzern beweglichen Tochterfirmen zerfleischten bald diesen und einander unter erneuter Monopolbildung, womit dem guten alten "Recht des Dschungels" wieder Genüge getan wurde.

Wie war nun die Situation in unserem Fall? Florence hatte gegrast – über das Rechtsverhältnis des Grases zu seinem Abweider wird am Anfang des Schlußteils dieser Abhandlung noch die Rede sein – und dabei mal kurz nicht aufgepaßt, da sie meinte, ein besonders saftiges Büschel stünde ihr zu. Das war aber in Wirklichkeit außerhalb der ihr zugemessenen Reichweite, sie entfernte sich damit zu weit von der Herde. Das ist so, wie wenn ein Mensch für ein ihm nicht zugedachtes Konsumgut einen Vertrag mit zu hohen Raten abschließt, sich dafür immer mehr verschulden muß etc. Anwalt der halb ausgeweideten Florence war eine Giraffe, die dem Gericht gegenüber den Eindruck zu erwecken suchte, daß sie auch beim größten Wildwuchs unseres Rechts stets die Übersicht behalte. Ihr hielt der Löwe entgegen, er jage nun mal in der Serengeti, also müsse er auf den Erhalt seines Lebens achten, denn: "Serengeti darf nicht sterben". Das Gericht urteilte, der Löwe habe richtig gehandelt, und setzte damit seine alte Rechtsprechung fort.

Für Menschen ist es sinnvoller, beispielsweise im Falle überhöhter Raten, den Betreffenden ein Leben lang abzukochen, als ihm dieses zu nehmen. Die Tiere sind mit solchen Subtilitäten überfordert, da es ihnen meistens schon an der Zeit gebricht, den Gegner Jahre oder Jahrzehnte lang genüßlich auszunehmen. Hier wird daher der Unvorsichtige sofort mit Haut und Haar aufgefressen. Wir sehen, nach dem "Gesetz des Dschungels" geht es keinesfalls willkürlich zu, sondern es bestehen da sehr genaue Regelungen, die von Mensch und Tier penibel eingehalten werden.

Rechtfertigungsgrund für das Einander auffressen ist die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme. Demnach gilt für jedes Lebewesen: Fast alle anderen sind entweder Dein Fressen, oder sie wollen Dich fressen, oder Dein Futter fressen, oder jemanden fressen, der den frißt, der Dich fressen will. Also mußt Du zuerst fressen, damit Du überlebst. Böswillige sprechen vom "Recht des Stärkeren", das angeblich das Recht des Dschungels sei. Davon kann keine Rede sein. So stark ist der Mensch zum Beispiel nicht, daß er sich zum Herren der Erde aufschwingen konnte, der jetzt sogar das "Gesetz des Dschungels" ausformuliert. Das "Recht des Stärkeren" wäre zu primitiv, da es auf bloße Muskelkraft abstellt. Im Dschungel geht es erheblich raffinierter zu, da setzt sich nicht der Stärkere, sondern der Gemeinere (wie z.B. eben der Mensch) durch. Das englische Recht hat dafür die richtige Bezeichnung gefunden, da gibt es das "Common Law", zu deutsch das "Recht des Gemeinen".

Der "Genetische Code" schreibt vor, daß "jeder nach bestem Vermögen alle nur denkbare Angriffs- oder Verteidigungswaffen wie Krallen, Zangen, Zähne, Stacheln, Hörner (auch als Geweihe), Zunge (mit der Frösche Fliegen fangen und Menschen einander fertigmachen), Tinte, Tarnfarben, Panzerung, Gerüche, elektrische Schläge, Radar, Klebstoffe, Gift, Warn- und Schreckgeräusche, ja selbst die Geschlechtswerkzeuge" (z. B. Mantis spec.) zu entwickeln hat. Der Mensch steht natürlich nicht über diesem Recht. Seit Kain den Knüppel aufhob, um mittels intuitiv erfaßter Hebelwirkung Abels Schädeldecke zu zertrümmern, waren Waffen in jeder geschichtlichen Phase für den Menschen ein immerwährendes Faszinosum. Der Minnesänger mag grüne Ritterwitwen betört und sich als "heller Barde" dem Kriegsmann gegenüber stolz erhoben haben, aber wer wirklich "helle" war, trug selbstverständlich die Hellebarde. Denn der Krieger konnte, wenn ihm die Siegesgöttin hold war, in sehr schneller Folge erheblich mehr Frauen befruchten als der Sänger, der – wenn überhaupt - pro Burg immer nur eine bekam und vorher jedes Mal mit der Verabfolgung der dazu notwendigen Lieder eine Menge Zeit verlor. Damit hat der Krieger mehr Gene weitergegeben als der Sänger. So erklärt sich auch, daß die Bundeswehr mehr als 300.000 Mann aktiv (und rund 20 Millionen in "Bereitschaft") hat, während die Zahl der deutsche Männer, die vom Singen leben, einschließlich Opernchöre, nach Einschätzung von Fachleuten schwerlich über 3.000 liegen dürfte.

Dieses hochgezüchtete Recht des "Unfriendly Takeover", wie die Dschungeljuristen sagen, und das sie für das absolute Grundprinzip unserer Rechtsordnung halten, hat ältere Sätze wie "Auge um Auge, Zahn um Zahn" längst einer Revision unterworfen. Die in unseren Ohren reichlich primitiv klingenden Doktrinen werden heute dahingehend verstanden, daß nicht ein blaues Auge damit bestraft werden soll, daß dem Verursacher nun ebenfalls ein Auge eingebläut wird, sondern es bedeutet, wer ein Auge frißt, soll auch das nächste fressen (gedacht sind da auch Fettaugen auf der Suppe), wer einen Zahn ausreißt, soll auch gleich den nächsten ausreißen. (Beitrag zur Dämpfung der Kosteninflation im Gesundheitswesen).

An dieser Stelle gestatten wir uns einen Blick auf diejenigen, welche unser Recht durchsetzen, also den Justizapparat. Es wäre sehr ungerecht, und es ist auch nicht der Fall, ihn vom "Recht des Dschungels" auszuschließen. Das bedeutet, im sich vor ihm drehenden Kreise derer, die fressen und gefressen werden, frißt er selbstverständlich mit. Seine Position dabei ist nicht einmal so schlecht, da er Machtmittel zur Verfügung hat, über die nicht jede der Parteien verfügt, andererseits selbst aber auch von Mächtigeren, welche Richter einsetzen oder Gutachten bezahlen, gezwiebelt und in die Pfanne gehauen werden kann. Die Fälle sind gar nicht so selten, wo die Justiz über Gerichts-, insbesondere aber auch Anwaltsgebühren die einander zum Fressen gern habenden Parteien der Einfachheit halber gleich selber auffraß, unabhängig davon, was die vor ihnen Erschienenen selbst ausgefressen hatten. Beruhigend zu wissen, in wie starkem Maße auch die Diener des Rechts diesem unterliegen.

Das "Recht des Dschungels" birgt, soweit es sich um Verfahrensrecht handelt, noch ein spezielles Problem. Wenn beispielsweise ein Wurm um Hilfe bittet oder sich dagegen wehrt, von einem Pferd getreten zu werden, so genügt es nicht, vor Gericht zu gehen und zu sagen, "Ich glaube, mich tritt ein Pferd!" Solange das Pferd nur durch die Gegend trabt, kann der Wurm eine konkrete Gefährdung nicht nachweisen. Gegner des armen Wurmes sprechen hier gerne von einer "Scheingefährdung". Ist er aber getreten, dann ist er fast immer außerstande, sich hierzu noch zu äußern, da er dann in den meisten Fällen nicht mehr lebt.

Die genauere Definition des Rechts, den anderen zu essen, stammt schon aus der Zeit des Jura, als – wie der Name schon sagt – unser Recht zum ersten Mal kodifiziert worden ist. Der im Laufe der Zeit entstandene Gesetzesdschungel ist im Gegensatz zum real existierenden nicht gelichtet worden, jedoch hat beides dazu gedient, ein anderes Grundprinzip deutlich werden zu lassen: "Wer einem anderen eine bewegliche Sache wegnimmt, wird in der Weise belohnt, wie der andere dafür bestraft wird." Aber das nur nebenbei. Inzwischen hat sich die Menschheit ja auch die technischen Mittel geschaffen, um ihrem Recht endlich zu seinem Recht zu verhelfen. Das Recht, sein Gegenüber aufzuessen, bezieht sich zunächst nicht auf die eigene Spezies, dafür gibt es Sondervorschriften. Wenn das gerade an die Macht gekommene Löwenmännchen die von seinem Vorgänger gezeugten Jungen frißt, ist diese Handlung nicht im Freßrecht gedeckt, wohl aber von der Vorschrift, wonach jeder seinen eigenen Genen die absolute Vorfahrt einräumen dürfe. Außerdem ist ein Löwenweibchen, dessen Jungen gerade weggefressen worden sind, eher kopulationsbereit und auch dies sei auf jeden Fall zu fördern, da es der Fortpflanzung diene, wie ein Gericht unter Vorsitz eines Rammlers im berühmt gewordenen Falle der Löwin "Emma" erkannte. Die Tendenz der Rechtsprechung in Sachen Mensch gegen seinesgleichen geht dahin, daß Kriege mehr und mehr als erlaubt gelten, um die Bevölkerung auf das für das Überleben notwendige Maß zu reduzieren. Unvergessen bleibt der positive Beitrag des WK II in Bezug auf Mobilität, Rendite und die Lösung der Arbeitslosenfrage.

Umstritten ist das Recht zu töten nur um der Freude am Töten willen. Als hartnäckiger Verfechter tritt nur eine Spezies auf, der Mensch. Er meint, das "Recht des Dschungels" erlaube dies. Aber bisher haben ihm das alle Gerichte abgelehnt, nicht ohne ihm, dessen Macht sie fürchten, eine kleine Gesetzeslücke zu lassen. Es sei nötig, so wurde immer wieder entschieden, hierfür einen Grund anzugeben. Außer Sadismus ist aber praktisch jeder Grund erlaubt, am bekanntesten wurde die "Hege" (So etwas wie ein "Schutz der Tierrechte" vgl. Arbeitsschutz) bei den Jägern. Ebenso gilt "Patriotismus" als Rechtfertigungsgrund. Einem Fuchs, der einen Fasan erwischt hatte, ihn liegen ließ, weil er einen Hasen vorbeihoppeln sah, den er ebenfalls riß, wurde zugute gehalten, er habe noch Hunger gehabt, da er den Fasan ja nicht gefressen hatte. Ein Reiher, dem bei diesem Urteilsspruch das Kotzen kam, wurde mit einer Ordnungsstrafe belegt.

Fleischfresser setzen nach dem Verdauungsprozeß riesige, speziell strukturierte Haufen, deren Wiederaufbereitung durch Klein- und Kleinstlebewesen einen enormen Arbeitsaufwand erfordern, durch den das Exkrement wieder zu Erde wird und Neues hervorbringt, das dann wiederum am Anfang der nicht endenden Verdauungskette steht. Das führt zu einer anderen stark sozialpolitisch eingefärbten Norm aus dem Dschungelrecht. Sie lautet populär: "Die Scheiße kann gar nicht groß genug sein, wenn damit Arbeitsplätze geschaffen werden." Die Kommentatoren, die fast immer Wiederkäuer sind, haben diesen Fundamentalsatz dann juristisch etwas glatter formuliert: "In Anbetracht der zu schaffenden Arbeitsplätze sind die Tarifparteien verpflichtet, die Produktionsbedingungen so einzurichten, daß ein Maximum an Exkrementen hergestellt wird. Die Einhaltung dieser Verpflichtung unterliegt der rechtsaufsichtlichen Kontrolle durch das Ministerium für Umweltschmutz."

Allgemein gesprochen, und damit komme ich zum Schluß meiner Ausführung, ist es dringend nötig, unser Bild von Natur und Mensch und das, was wir bisher unter dem "Gesetz des Dschungels" verstanden, neu zu sehen. Damit war gemeint, daß es hier überhaupt kein Recht gibt außer dem viel beschworenen "Faustrecht". Und wer einen oberflächlichen Blick in den Dschungel wirft, aber auch in unser Wirtschafts- oder politisches Leben, in die Slums und Ghettos unserer Großstädte, in die Dritte oder Vierte Welt oder gar auf die Rampe in Auschwitz, den Atompilz über Hiroshima, der mag dies zunächst annehmen. In Wirklichkeit ist es aber nicht so. Das "Gesetz des Dschungels" ist ein Komplex tatsächlich herrschender Gesetze mit allem, was dazugehört. Sie sind je nach Bedarf und Reflexionsvermögen bis in die letzten Details ausdifferenziert und ausformuliert, und sie werden allgemein befolgt. Sie regeln die ganze Nahrungskette, von den Bodenmikroben und –tierchen über das Gras, das pflanzenfressende Tier, das fleischfressende bis hin zum Allesfresser Mensch. Man kann es auf eine einfach klingende Formel bringen. Das sogenannte und von vielen mit so viel Grusel beschworene "Gesetz des Dschungels" ist nicht mehr und auch nicht weniger als unser geltendes bürgerliches Recht.

M.P. & Megastomos


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