Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea. Der Versuch einer Analyse

Halbseitige Aufmacher bei Kriegsausbruch, gefüllt mit Allgemeinheiten aus dem Fischer-Almanach, ein paar kurze Agenturmeldungen in den folgenden Tagen, das eine oder andere Artikelchen pflichtbewußter Hotelbar-Korrespondenten aus Nairobi über Geschehnisse, die sich 1500 km weiter nördlich abspielen, das ist im wesentlichen alles, was die Tagespresse in anderthalb Jahren zum blutigsten Krieg Afrikas zu sagen hat. Zwei Beispiele aus der SZ geben Auskunft über die übliche Berichterstattung.

Michael Birnbaum: In Wahrheit geht es nicht um Land. Der Krieg zwischen Äthiopiern und Eritreern: Zwei Völker kämpfen mit ihren Vorurteilen. SZ vom 22.2.99: Unhinterfragte Übernahme alter und neuer äthiopischer Propaganda, die eritreische Regierung kommt nicht zu Wort, die äthiopische dagegen schon und zwar in Person der Hardlinerin Selome Tadesse. Eritrea wird als Abspaltung Äthiopiens bezeichnet und einseitig der Besetzung äthiopischen Gebiets beschuldigt. Als Erklärungsmodell wird ein Charaktervergleich zwischen dem äthiopischen Premier und dem eritreischen Präsidenten angeboten.

Michael Bitala: Äthiopien: Die absurdeste Front der Welt. Ein Krieg um Sträucher. SZ vom 22.9.99: Der Nachfolger Birnbaums in Nairobi durchläuft eine unspektakuläre Journalistenaudienz beim äthiopischen Präsidenten, einer politischen Figur allenfalls zweiten Ranges. Dem glaubt er zwar nicht mehr alles, läßt aber - mal abgesehen von den üblichen Ungenauigkeiten und einem falschen Unabhängigkeitsdatum Eritreas - durch ausgiebiges Kolorit vom Elendskontinent Afrika einen anderen und nicht eben besseren Unterton durchklingen: Eine Analyse lohnt sich nicht, da es hier nichts zu verstehen gibt. Schlimm, schlimm für die Menschen dort, aber im Grunde paßt alles zu unserem Mythos Afrika, Irrationalität, Starrsinn und Haß, sterbende Kinder, Teenager als Soldaten, Armut und Hunger - schlicht die Unzivilisation, Afrika halt. Machen kann man da gar nichts, außer weiterspenden, gell.

Was kann man wissen?

Der eritreisch-äthiopische Grenzkrieg, der durch gegenseitige Luftangriffe am 5.6.98 für nur kurze Zeit ins Licht der Weltmedien rückte, spielt sich im wesentlichen abseits einer möglichen Öffentlichkeit ab. Auch für Journalisten mit Fronterlaubnis, die nach den großen Offensiven die Schlachtfelder besichtigen konnten, war letztlich unklar, was sich wie genau abgespielt hat. Es ist ein Krieg der Regierungserklärungen, der gegenseitigen Schmähungen und der eigenen Rechtschaffenheit, der Gerüchte und Möglichkeiten, ein Krieg nationalistischer Polemiken, stetiger Sieger- und keiner Verlustmeldungen, ein Krieg, der im Graben wie im Internet ausgefochten wird. "Unless Eritrea 'removes the gun it has put at the head of Ethiopia', withdraws from all Ethiopian territories that it has occupied by force, and stop[s] training, arming and supporting terrorists and warlords, and put[s] an end to its acts aimed at destabilizing the Horn of Africa, it is obvious that durable peace will not be achieved," so das äthiopische Außenministerium am 11.10.99. Den Vorwurf der Kriegslüsternheit reicht das entsprechende eritreische Ministerium an den Absender zurück: "The TPLF [Tigray People's Liberation Front, die äthiopische Regierung] has invaded Somalia, continues to make intermittent forays against Kenya and has set the agenda for 'toppling the government in Asmara'" (13.10.99).

Was kann man glauben, was kann man wissen? Nach Sichtung des zugänglichen Materials - Regierungserklärungen, Kommentare, Journalistenberichte - bleibt einem gar nichts anderes übrig, als eine persönliche Einschätzung vorzunehmen. Diese muß in keiner Weise unparteiisch sein - und wird es auch nicht.

Was ist bisher passiert?

Im Juli 1997 besetzt ein äthiopisches Kommando das Dorf Adi Murug unter dem Vorwand, eine oppositionelle Gruppe der Afar (eine der 'ethnic groups' bzw. 'nations' der Danakil-Wüste, deren Siedlungsgebiet sich dies- und jenseits der eritreisch-äthiopischen Grenze ausbreitet) zu verfolgen. Dieser Vorfall, der verschiedene diplomatische Lösungsversuche seitens Eritrea nach sich zog, wird heute im allgemeinen als 'Bada-Incident' bezeichnet. Im Oktober 1997 wurde im äthiopischen Teilstaat Tigray, der im Norden an Eritrea grenzt und dessen ehemalige Befreiungsorganisation die heutige gesamtäthiopische Regierung stellt, eine neue amtliche Karte veröffentlicht, in welcher die charakteristische Grenzgerade fehlt, welche die Badme-Ebene im Südwesten Eritreas schräg halbiert. Statt dessen wurde die gesamte Ebene Äthiopien zugeschlagen. Diese Karte findet sich seit Dezember 1997 aufgedruckt auf Birr-Noten, die äthiopische Währung, und sorgte damals für einige Irritationen, denn mit der Entlassung in die Unabhängigkeit 1993 hatte Äthiopien, wie frühere amtliche Karten beweisen, auch die territoriale Integrität Eritreas abgesegnet. Zur Klärung eventuell auftretender Grenzungenauigkeiten wurde in diplomatischer Zusammenarbeit eine gemeinsame Kommission gebildet, die ihre Arbeit allerdings gar nicht erst aufnehmen sollte. Am 6.5.98, dem Vorabend ihrer ersten Zusammenkunft stießen zwei Armeepatrouillen in der Ortschaft Badme zusammen, beide Einheiten behaupteten, sich auf ihrem Staatsterritorium zu befinden. Mindestens die eritreische Seite hatte Tote zu beklagen.

Am 13.5. erklärt das äthiopische Parlament Eritrea den Krieg, es folgen am 5.6. gegenseitige Luftangriffe auf den Flughafen der eritreischen Hauptstadt Asmara und auf die Provinzhauptstadt Tigrays Mekele. Nach äthiopischen Angaben sterben in Mekele 47 Zivilisten. Bereits eine Woche später - nach einer kurzen Mobilisationsphase - sind drei Fronten an der rund 1000 km langen Grenze eröffnet, in Badme im Westen, Zala Anbessa etwa 140 km südlich von Asmara, und Burie im Südwesten in der Nähe der Hafenstadt Assab konzentrieren sich die Streitkräfte zu gegenseitigen Artilleriegefechten. Zala Anbessa und Badme werden von eritreischen Truppen eingenommen - worin Äthiopien einen Angriff auf seine territoriale Integrität sieht, Eritrea aber die Wiedereinnahme eigenen Staatsgebietes. Die Vereinigten Staaten und Rwanda versuchen gemeinsam zu vermitteln, einzige Konsequenz hieraus: ein Moratorium der Luftangriffe. In diesen Tagen beginnt Äthiopien mit der Ausweisung von eritreischen Staatsbürgern und äthiopischen Staatsbürgern eritreischer Herkunft. Bis heute haben diese Deportationen - laut 'The Inquirer' vom 5.9.99 - die 60.000 überschritten, ganz abgesehen von Hunderttausenden landesinterner Flüchtlinge auf beiden Seiten. 85 eritreische Studierende eines Austauschprogramms werden für mehrere Monate inhaftiert.

Bis Februar diesen Jahres bleiben die Frontabschnitte relativ ruhig. Nach einer ersten Eskalation betreiben beide Staaten intensive Kriegsvorbereitungen - abgesehen von den andauernden Abschiebungen Äthiopiens. Hubschrauber, Kampfflugzeuge, Spezialisten wie Techniker und Piloten, Munition für Panzer und Stalinorgeln etc. - alleine für Flugzeuge geben Eritrea $ 150 Mio. und Äthiopien $ 160 Mio. aus ohnehin knappen Haushalte aus. Anbieter sind Bulgarien und Rußland für beide Staaten, China und in kleinerem Ausmaß Frankreich - seit neuestem auch Nordkorea mit Landminentechnikern (Korea Times vom 28.9.99) - für Äthiopien, Italien für Eritrea. Finanzielle Unterstützung kommt für Eritrea aus Libyen und Golfstaaten wie Qatar. Äthiopien finanziert sich durch Haushaltsumschichtungen, Sondersteuern - und vermutlich durch freiwerdenden Besitz der Ausgewiesenen. Eine nichtwegzudenkende Rolle in der Finanzierung spielen in beiden Fällen die großen Auslandsgemeinden in Europa und den Vereinigten Staaten (Angaben im wesentlichen nach Patrick Gilkes: Analysis: Arms pour in for border war. BBC-News vom 2.3.99).

Verschiedene Friedensinitiativen angeregt etwa durch OAU oder EU scheitern an der unnachgiebigen Haltung Eritreas, welches zwar schon am 9.6.98 Verhandlungen angeboten hat, im Winter 98/99 jedoch auf die umfassend ausgebauten Frontbefestigungen zu vertrauen scheint. Diese bieten einen vorläufigen militärischen Vorteil.

Eine erste Großoffensive mit Luftunterstützung startet Äthiopien am 7.2.99 an der Zala Anbessa -Front, angeblich als Reaktion auf das eritreische Bombardement der nordäthiopischen Stadt Adigrat ein paar Tage zuvor, was sich allerdings als Lüge herausstellt - selbst der äthiopische Premier Meles gesteht dies schließlich ein (visafric, 7.2.99). Drei Wochen lang wird in und um Badme und Zala Anbessa heftig gekämpft, wobei die jeweiligen Regierungen stets den eigenen Sieg und die Niederlage des Gegners erklären.

Neben zahllosen Gefechten, die bis zum Sommer diesen Jahres über 40.000 Tote fordern (New African June 1999), sind zwei Schlachten besonders erwähnenswert. In der 'Operation Sunset' am 23.2. brechen äthiopische Truppen durch die eritreischen Verteidigungslinien, was umgehend die Annahme des OAU-Friedensplans seitens Eritrea zur Folge hat. Dieser beinhaltet den sofortigen Rückzug Eritreas aus der Stadt Badme, nicht aber aus den anderen umstrittenen Gebieten. Damit soll jedoch lediglich guter Wille gezeigt werden, das kartographische Ergebnis der UN-Vermesser über die Zugehörigkeit Badmes bleibt hiervon unberührt. Äthiopien, das eben dies bereits Monate zuvor unterzeichnet hat, fordert nun zusätzlich den Rückzug auf Positionen vor dem 6.5.98. Drei Wochen später folgt eine Großoffensive auf die mittlere Front bei Zala Anbessa, die human-wave-Taktik, die in Badme erfolgreich war, scheitert. Eritrea erklärt, 10.000 äthiopische Soldaten getötet zu haben - Augenzeugen bestätigen zumindest weitläufige Leichenfelder (BBC-News vom 19.3.99).

Bis zum Beginn der Regenzeit im Spätsommer flammen Kämpfe auch an der dritten Front - Burie - noch einmal auf, Äthiopien bombadiert wenig erfolgreich die eritreische Hafenstadt Massawa, es gibt eritreische Rückeroberungsversuche im Badme-Gebiet. Beide Staaten scheinen sich trotz Dementis in Somalia zu engagieren, Äthiopien durch eigene Truppen, Eritrea durch Waffenlieferungen an den warlord Hussein Aideed, so die Nachrichtenagentur Eastern am 5.5.99. Anfang September schließlich lehnt Äthiopien einen detaillierteren Entwurf des OAU-Plans - die sogenannten 'Technical Arrangements' - ab.

Die Akteure - TPLF und EPLF

Zustimmung zum Friedensplan, dann wieder Ablehnung bei gleichzeitiger Bekundung des eigenen Friedenwillens, end- und sinnlose Anfragen an die OAU, endgültige Absage aufgrund fehlender Garantien, daß die umstrittenen Gebiete nach der Kartographierung sicher dem eigenen Staat zugeschlagen werden... Ein Kaspertheater? Eben nicht. Die TPLF (Tigray People's Liberation Front), die sich nach dem runden Tisch aller Oppositionsgruppen 1991 heute als alleinige Führungsclique in Gesamtäthiopien durchgesetzt hat, verfolgt klare Ziele. Sprach man noch vor kurzem von einer 'hidden agenda' der TPLF, so äußern sich Mitglieder des mächtigen 'war council' - übrigens ein Parteigremium - heute sehr offen. "In order to undermine Eritrean support for the government in Asmara, it is necessary to wage a protracted war," so Politbüro-Mitglied Abay Tsehaye (ERINA 15.6.99).

Ziele der 'hidden agenda' sind der Sturz der eritreischen Regierung und Installation eines Marionettensystems sowie gewaltsamer Zugang zum Hafen Assab, wenn nicht gar Abtrennung dessen vom eritreischen Staatsgebiet, was die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit Eritreas immens mindern würde. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß die Ortschaft Adi Murug, die im Bada-Incident besetzt wurde, sich gut als Ausgangspunkt für eine Durchtrennung Eritreas in Richtung des Golfes von Tio eignet, daß die Fronten bei Zala Anbessa und Burie, direkte Durchgangswege zu den Städten Asmara und Assab bieten, was ein Zufall nicht sein kann.

Nach Angaben des 'Indian Ocean Newsletter' vom 8.5.99 soll Premier Meles Zenawi vor Parlamentsabgeordneten zugegeben haben, daß es Ziel der goßen Zala-Anbessa-Offensive gewesen sei, strategische Punkte entlang der Grenze zu besetzen. Als dies scheiterte, sei in der Annahme, Eritrea würde ablehnen, ein Waffenstillstand angeboten worden. Die TPLF ist an einem Kriegsende nicht interessiert. Sie verbraucht geradezu in ihren human-wave-Offensiven zehntausende Menschen aus dem riesigen Reservoir Äthiopien. Gewaltsam eingezogene Kindersoldaten und Nicht-Tigriner werden auf die minenbefestigten Verteidigunslinien Eritreas gejagt - als Kugelfänger und Minenauslöser. Äthiopische Kriegsgefangene berichten von tigrinischen Offizieren, die hinter den angreifenden Truppen Deserteure umgehend erschießen. Während Nicht-Tigriner die gemeine Infantrie bilden, stammen die Panzerbesatzungen - eine Frage des Vertrauens - aus der Provinz Tigray. Mit eigenen Worten klingt das bei der TPLF so: "The Ethiopian Defense Force is made up by volunteers who come from all parts of the country and represent Ethiopia's diverse nationalities [...] they all spoke of the comradery and friendship that exist among them [...] military officers and leaders fight side by side with their soldiers [...]," (Zitat nach Ministry of Foreign Affairs, Asmara, 28.5.99).

Dr. Alemayehu Biru Worku, freier Wissenschaftler in Berlin, erklärt den unbedingten Kriegswillen der TPLF mit einer interessanten These. Die Tigray-Region sieht sich in der Tradition des Großreiches von Axum (3.-6./7. Jhrdrt n. Chr.) und damit als eine Art Uräthiopien. Tatsächliche Macht im modernen Äthiopien wurde allerdings vor allem von den Amhara ausgeübt, wogegen sich im Tigray noch unter Haile Selassie Widerstand bildete. Die traditionsbewußte TPLF steckt seither im Dilemma: Wie befreit man sich von einem Staat, als dessen Kernland man sich versteht (Selam Eritrea No. 13/14, 1999)? Konkret heißt das heute, die TPLF, die sich aus einem breiten Spektrum an Befreiungsbewegungen gegen den Diktator Mengistu an der Spitze des Staates etablieren konnte, will die Vorherrschaft Tigrays in Äthiopien, nachdem eine eigene Unabhängigkeit in der TPLF mehrheitlich vom Tisch zu sein scheint. Hardlinern ist allerdings der Traum vom Großtigray durchaus noch zuzutrauen. Bei gleichzeitigem Propagieren des Selbstbestimmungsrechtes der äthiopischen 'nations' - wie in der aktuellen Verfassung festgeschrieben - wirkte die TPLF in den letzten Jahren zielstrebig auf einen umfassenden Machtausbau hin, wobei im Rest Äthiopiens allerdings stark an der Legitimität einer tigrinischen Regierung des Gesamtstaates gezweifelt wurde. Um die Macht zu erhalten, sah sich die TPLF gezwungen, dem Nationalismus der Kaiser- und der Mengistu-Zeit das Wort zu reden. Das allerdings brachte den notwendigen Bruch mit der einst befreundeten 'Eritrean People's Liberation Front' (EPLF) mit sich. Der äthiopische Premier Meles Zenawi, dessen Mutter Eritreerin ist, sah sich auf den Vorwurf hin, ein Knecht der Eritreer zu sein, gezwungen, die alten Kampfgefährten zu verraten und auf den Hardlinerkurs einzuschwenken, um selbst nicht gestürzt zu werden. Besonders die amharischen Eliten, einst das Staatsvolk Äthiopiens, haben den Verlust Eritreas nie verwunden - eine passende Gelegenheit der TPLF um sich konsensfähig zum legitimen Verteidiger gesamtäthiopischer Interessen auszurufen.

Ein sofortiges Ende des Krieges würde wohl das Ende des TPLF-Regimes einläuten, weshalb Frieden für die TPLF nur durch einen äthiopischen Sieg zustande kommen kann.

Interessant ist, wie sich die ehemaligen Befreiungsfronten heute sehen. Die TPLF glaubt berechtigt zu sein, Eritrea in einen Satellitenstaat umzuwandeln, da Eritrea seine Unabhängigkeit schließlich ihr zu verdanken habe. In der EPLF ist man enttäuscht darüber, daß sich der ehemalige Junior- (da militärisch wesentlich schwächere) Partner so undankbar verhält, nachdem man ihn in Äthiopien auf den Thron gesetzt habe - was insoweit nicht ganz falsch ist, da beim Marsch auf Addis Ababa eritreische Panzer inoffiziell die tigrinische Infantrie begleiteten (csmonitor 25.3.99).

Die EPLF stellt seit ihrem Sieg über Mengistus Truppen 1991 die Regierung Eritreas. Ihr Regime ist - bei hoher Beliebtheit des Staatsoberhauptes Issayas Afeworki - zweifelsohne autoritär, eine Opposition durfte sich bislang im Land nicht etablieren, sie ist in Europa und den USA bzw. im Sudan organisiert. Amnesty international weist auf verschiedene verschwundene Personen aus der Vorgängeradministration, konkurrierender Befreiungsfronten oder dem Jihad hin. Trotzdem aber ist der EPLF eine sehenswerte Aufbauleistung gelungen, die bis zum Kriegsbeginn, zu weiterer Hoffnung berechtigte. Der Grenzübertritt von Äthiopien nach Eritrea wurde für mich noch 1996 zum Aha-Erlebnis. Zahlreiche Projekte - sanfter Torismus am Roten Meer, alternative Energieerzeugung, Aufforstungskampagnen, Wiederaufbau der kolonialen Eisenbahn u.a. - warten auf Beginn oder Weiterführung. Auch eritreische Eltern bangen um Söhne und Töchter (!) an der Front, doch wird allgemein die Notwendigkeit eingesehen, die Weiterexistenz des Landes zu verteidigen, trotz hoher Verluste.

Warum aber hat sich die EPLF eingelassen auf einen Krieg ums staatliche Überleben, der die Wirtschaft des Landes um Jahre zurückwirft und eine junge Aufbaugeneration vernichtet? Hätte es nicht diplomatische Strategien geben können, um der Aggression der TPLF zumindest auszuweichen? Bisher hatte Eritrea bereits kurze militärische Auseinandersetzungen mit Djibouti und dem Yemen gehabt - sieht man von eher inoffiziellen Schußwechseln an der sudanesischen Grenze ab. Diese folgten offenbar - so Wolbert Smidt in Selam Eritrea No. 13/14, 1999 - der Strategie, bei Schwierigkeiten schnell und hart zu reagieren, um sofort anschließend Verhandlungen anzubieten, wie ja auch in diesem Konflikt schon am 9.6.98 geschehen. Damit soll die relative Schwäche des Landes - wirtschaftlich wie auch in seiner schlecht zu verteidigenden geographischen Ausdehnung - verdeckt werden. Im konkreten Fall wurde das Problem offenbar weit unterschätzt. Bei einer Niederlage muß man mit dem vielleicht nicht offiziellen, aber substantiellen Verlust der eritreischen Unabhängigkeit rechnen.

Diplomatische Quellen in Addis Ababa berichteten unlängst, Ausländer würden aus der Nordprovinz Tigray evakuiert, was neue Offensiven Äthiopiens wahrscheinlich macht (ERINA, 13.10.99). Ach ja, noch was - Michael Bitala war ein zweites Mal beim äthiopischen Präsidenten, zum Teetrinken. Gesprochen wurde über Negasso Gidadas Studienzeit in Frankfurt und über die kaiserliche Palasttoilette (SZ. 6./7.11.99 SZ am Wochenende). (mt)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.