Der Stamm als solcher

Die letzte Ausgabe der Zeitschrift "Unipol” enthielt einen Beitrag mit dem Titel "Tribalismus - Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?”. Im großen und ganzen eine ebenso interessante wie provokative Beurteilung des afrikanischen Kontinents aus ökomischer Perspektive, doch hält der Autor vor einer jener Barrieren inne, die es - wie ich glaube - in erster Linie zu überwinden gilt. Das Phänomen "Stamm” bleibt Teil seiner Argumentation und wird nicht hinterfragt

Ethymologisch betrachtet, ist das Wort "Stamm" bereits im Althochdeutschen dokumentiert und trägt seit seiner Übernahme ins Mittelhochdeutsche auch die Bedeutung "Familie/Geschlecht", hat also mit "Abstammung" zu tun, des Rückbezugs auf ein Urelternpaar (das wohl in seiner Konstruktion frei interpretiert als ein Urvater und wechselnde Mütter angenommen werden darf). An sich kein anstößiges Wort - sieht man einmal von seiner Einbindung in den "Abstammungsnachweis" des Dritten Reiches ab. Warum aber würde man nicht von den hier und heute existenten Stämmen auf deutschem Staatsgebiet sprechen, vom Stamm der Schotten in Großbritannien oder vom Stamm der Albaner? Ordnet man "Stamm" ein in ein größeres semantisches Feld, so könnten einem Begriffe wie "Afrika", "Neger", "Kolonialisierung" oder "Naturvolk" in den Sinn kommen, eine entsprechende Wortfamilie bezöge möglicherweise "Stammeskrieg", "Stammeskultur", "Stammesfürst" mit ein. Sicher, es gibt "Indianerstämme", auch könnte man "Stamm" auf die eine oder andere nomadische Gesellschaft Asiens anwenden, doch was wir als Konnotation des Wortes unabhängig seines geographischen Bezuges feststellen können, heißt "Unterentwicklung". Wer ohne weitere Erklärung vom "Stamm" spricht, hat sich nicht ausreichend von der Wortgeschichte, die unbedingt als eine kolonialistisch belastete verstanden werden muß, emanzipiert. Als Fachwort geprägt hat den "Stamm" die Ethnologie - zu Zeiten, da sie noch wissenschaftlich legitimierender Vorreiter der Kolonialisierung war. Die unhinterfragte Verwendung der Wortverbindung "Stammesidentitäten" im "Kampf der Kulturen" Samuel P. Huntingtons zur Beschreibung eines möglichen afrikanischen Kulturkreises sollte eigentlich bereits Abschreckung genug sein

Stellen wir uns vor, unser Autor säße nun noch einmal am Schreibtisch, um den erwähnten Unipol-Artikel zu verfassen. Das Unwort "Stamm" darf er nun nicht wieder verwenden, da wir ihn dafür bereits ordentlich an den Ohren gezogen haben. Im Artikel klaffen Löcher. Wie läßt sich ausdrücken, was man zuvor mit "Stamm" ausdrücken wollte? Meine ich damit die Selbstverständlichkeit, mit der ein reicher Geschäftsmann die Stimmen der wahlberechtigten Bevölkerung einer südnigerianischen Kleinstadt im letzten Präsidentschaftswahlkampf aufgekauft hat? Meine ich damit den Nepotismus eines Laurent Désiré Kabila bei der Verteilung von Staatsämtern? Meine ich damit die Ethnogenese der Igbo im Biafrakrieg

Gehen wir das Problem von der anderen Seite an. Somalia gilt als einziger ethnisch einheitlicher Staat Afrikas, Somalis sind eben Somalis, die Rivalitäten der örtlichen Warlords werden - der Einfachheit der Erklärung halber - an unterschiedlicher Clan-Zugehörigkeit festgeschrieben. Ist ein Stamm nun ein Clan oder eher eine Ethnie? Hutu und Tutsi in Rwanda stellten eigentlich soziale Klassen dar, ethnisiert wurde diese Unterscheidung erst durch deutsche, belgische und französische Kolonialpolitik. Kann ein Stamm eine soziale Klasse sein? Die neuen Herrschenden Äthiopiens teilen Sprache und Kultur mit den maßgeblich in die Shabiyya-Regierung Eritreas eingebundenen Hochlandbewohnern Abessiniens, und doch bekämpft die äthiopische Tigray People"s Liberation Front das Nachbarland im blutigsten Krieg unserer Tage. "Stamm" als Teil eines möglichen Beschreibungsinventars besitzt hier keine Aussagekraft. Fasse ich den Begriff des Stammes sehr weit, paßt dann vielleicht wenigstens der sudanesische Bürgerkrieg in ein Schema konkurrierender Stämme? Araber hier, Schwarzafrikaner dort? Nein. Abgesehen von dem oft genug beschworenen Gegenüber von schwarz und weiß, christlich und muslimisch etc. ist die Opposition gegen das Bechir-Regime in der National Democratic Alliance NDA organisiert, die neben der Sudans People's Liberation Army vornehmlich aus arabischen Gruppierungen besteht. Und schließlich gingen dieses Frühjahr zehntausende in Burkina Faso auf dies Straße, um gegen Staatsterrorismus zu demonstrieren - völlig unabhängig ihrer ethnischen Zugehörigkeit. "Stamm", ein Begriff von welchem man zuviel an Erklärung erwartet

Das Aufbrennen des Siegels "Stamm" auf die Bevölkerung Afrikas unterdrückt verschiedene Identitätsebenen. Afrikanerinnen und Afrikaner sind ebenso Individuen wie wir. Sie sind Teil einer oder mehrerer Familien, sie sind Mitglieder von Sprachgemeinschaften, werden in die eine oder andere Religion hineingeboren oder wechseln sie und fühlen sich dieser oder jener Kulturtradition zugehörig. Sie sind Staatsbürgerinnen und -bürger, leben etwa im Westen oder im Süden des Kontinents und besitzen eine mehr oder weniger ausgeprägte panafrikanische Identität. "Stamm" ist eine eurozentristisch aufgezwängte Ordnungsstruktur. Daß sich Konflikte weltweit immer wieder an ethnischen Grenzen hochkochen lassen, liegt nicht an den Ethnien - was immer das auch sein mag - selbst, sondern an... Nun, an dieser Stelle ist die sozio-ökonomische Analyse unseres Unipol-Autors erneut gefragt - mit der Auflage, den "Stamm" als solchen nicht länger als Letztbegründung zuzulassen.

Magnus Treibe


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.