Kultur und Parteilichkeit

Ob Kultur nun Humbug ist, Ideologie oder Ausdruck realer gesellschaftlicher Verhältnisse - sie spielt mitunter eine recht auffällige Rolle in der bürgerlichen Öffentlichkeit und im Bewußtsein der Menschen. Es stellt sich die Frage nach ihrer Rolle in der Politik und im Klassengegensatz. Inwieweit kann und soll Kunst parteilich sein? Kann Kunst sich parteilich in den Dienst des Klassenkampfes stellen oder ist sie nur insofern parteilich als sie Ausdruck einer bestimmten Stellung im Klassenkampf ist? Sehen wir uns die Sache näher an.

Was die Forderung nach Parteilichkeit bedeuten sollte, wurde recht unterschiedlich aufgefaßt: (1) Als Forderung, daß aus den (wissenschaftlichen) Resultaten auch die entsprechenden praktischen Konsequenzen zu ziehen seien. (2) Als These, daß Wissenschaft (und damit auch Kunst und Literatur, sofern sie eine Aussage zu machen hat) nur parteilich betrieben werden kann. (3) Als Maxime, daß Wissenschaft, Kunst und Kultur sich den Erfordernissen der Partei (im weiteren oder engeren Sinne) unterzuordnen hat

(1) ist sicherlich richtig und verdient gerade gegenüber der positivistischen Wissenschaft betont zu werden. (2) ist mißverständlich und muß näher erläutert werden. (3) ist Unsinn und schließt Wissenschaft (sozialistisch oder nicht) aus

Die Theorien über die Wirklichkeit und die Auffassungen über diese Theorien (Ideologien) sind immer Ausdruck des materiellen Seins einer Gesellschaft. Insofern sich in den Erscheinungsformen des Bewußtseins der Klassencharakter der Gesellschaft widerspiegelt, haben sie Klassencharakter.

"Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so daß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. Die herrschenden Gedanken sind weiter Nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken gefaßten herrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft". (MEW 3/46)

Kritik ist parteilich insofern sie, konsequent entwickelt, gezwungen wird gegen bestehende Mächte Partei zu ergreifen (etwa, indem sie die gesellschaftliche und historische Bedingtheit des herrschenden Bewußtseins aufzeigt), aber auch insofern die Kritik Widersprüche herausarbeitet, die auf eine Auflösung dieser Widersprüche hinausweisen und die so parteilich ist.

"Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu vollbringen haben, ich meine die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos in dem Sinne, daß die Kritik sich nicht vor ihren eigenen Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem Konflikte mit den vorhandenen Mächten.

[...]

Es hindert uns also nichts, unsere Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will." (MEW 1/344f)

Nun scheint es aber so zu sein, als ob die unterschiedlichen Interessen, die Menschen mitbringen auch ihr wissenschaftliches Denken und kulturelles Schaffen beeinflussen

"In einer Gesellschaft der Lohnsklaverei eine unparteiische Wissenschaft zu erwarten, wäre eine ebenso törichte Naivität, wie etwa von den Fabrikanten Unparteilichkeit zu erwarten in der Frage, ob man nicht den Arbeitern den Lohn erhöhen sollte, indem man den Profit des Kapitals kürzt." (Lenin, Werke, Bd.19, S.3)

In der Klassengesellschaft nimmt jeder bewußt oder unbewußt einen Klassenstandpunkt ein und ist insofern parteilich. Um wissenschaftliche Wahrheit beurteilen zu können, muß zwischen Genese und Geltung von Aussagen und zwischen partieller und totaler Objektivität unterschieden werden. Zum einen sind nicht alle subjektiven Merkmale, die ein Wissenschaftler oder Künstler mitbringen mag, für den jeweiligen Arbeitsgegenstand relevant. Ein mathematischer Beweis hat in jeder Gesellschaftsform seine Gültigkeit und Newtons Fallgesetze sind unabhängig von Newtons sozialer und politischer Stellung. Das klingt trivial, verdient aber gegenüber Forderungen nach wissenschaftlicher Parteilichkeit hervorgehoben zu werden. Es ist der Grund, warum in bürgerlichen Wissenschaften, wenn es nicht gerade Geisteswissenschaften sind, manche Wahrheiten stecken

Die bürgerliche Wissenschaft konnte die Widersprüche der Gesellschaft zwar erkennen, nicht aber beseitigen. Das Bewußtsein des Einzelnen ist deformiert: er kann die Wirklichkeit nicht mehr rational begreifen, sie ist für ihn nur noch ein irrationales Ding. Als Einzelner muß das Individuum Gesetzmäßigkeiten gehorchen die auf Isolation, Konkurrenz der Individuen und dem Klassengegensatz beruhen. Rational begreifen und vor allem verändern läßt sich die Gesellschaft nicht vom Standpunkt des Individuums, sondern nur, indem man das Proletariat als Subjekt der Geschichte annimmt. Nur als Wissenschaft dieser revolutionären Klasse kann Wissenschaft mehr als reine Theorie sein, nämlich Praxis und Theorie als Begreifen dieser Praxis. (Korsch, S.171ff; Lukács, S.257ff)

Grundsätzlich muß unterschieden werden, warum jemand etwas getan hat, also wie er zu bestimmten Erkenntnissen gelangt ist, und diesen Erkenntnissen selbst. Mit einem Hinweis auf Interessen und Motive läßt sich vielleicht erklären, warum eine falsche Theorie zustande kam. Aber auf keinen Fall läßt sich damit zeigen, daß eine Theorie falsch ist. Dieser Verwechslung von Herkunft und Geltung von Theorien sind alle Vertreter unbedingter Parteilichkeit zum Opfer gefallen

Das leninistische Programm: Rädchen und Schräubchen für die Arbeiterklasse

Lenin hat in seinem Aufsatz "Parteiorganisation und Parteiliteratur" (1905) gefordert, literarische Tätigkeiten ganz unter die proletarische Sache zu stellen; sie sollten als "Rädchen und Schräubchen" der Parteiarbeit verstanden werden. Die Literatur trägt immer den Stempel der Klassengesellschaft; nicht nur durch die herrschende Ideologie, sondern auch durch die ökonomischen Zwänge, denen sie sich gegenübersteht; sie kann nicht klassenfrei sein. Wenn sich die Literatur nicht die Sache des Proletariats zu eigen macht, steht sie im Dienste der herrschenden Klasse.

In bewußter Weise für die Sache des Proletariats wirken, kann die Literatur nur, wenn sie sich der Partei als Organisation des seiner Rolle bewußt gewordenen Proletariats organisiert. Organisatorische und Inhaltliche Kritik an der Partei, sowie das mögliche Auseinanderfallen von der Interessen von Partei und Proletariat weisen auf eventuelle Bruchstellen hin.

Umsetzung des Programms und Aufbau des Sozialismus

Erhard John führt gegen Lukács aus, daß die Parteilichkeit nicht nur auf Parteipresse und Parteiliteratur anzuwenden sei. Er begründet das mit dem Wesen der künstlerisch-ästhetischen Aneignung und der Entwicklung der marxistisch-leninistischen Ästhetik. (John, 354) Die Konzeption der leninistischen Partei und die Strategie der Übernahme der politischen Macht legen zumindest nahe beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft (und der Verteilung von Ressourcen) die Kontrolle der Partei auch auf Kunst und Literatur auszudehnen

Kunst hat als Ausdruck das materiellen Seins immer Klassencharakter. Beim fortschrittlichen Künstler drückt sich das als Parteinahme für das revolutionäre Proletariat aus. (John, S.352ff) Die ökonomischen Verhältnisse und die Klassenstruktur bestimmen welche künstlerischen Mitteln in welcher Weise genutzt werden können. Die Kunst geht aber nicht direkt aus den materiellen Produktionsmitteln hervor. Die Produktionsverhältnisse bestimmen künstlerisches Subjekt und künstlerisches Objekt.. Die Möglichkeiten der Kunst hängen von den "Möglichkeiten ihrer Persönlichkeiten, gesellschaftlichen Schichten und Klassen ab; einen stetigen Fortschritt wie bei den Produktivkräften gibt es daher nicht. Parteinahme erscheint aufgrund des Charakters der künstlerischen Arbeit zumindest als kaum bewußte subjektive Parteinahme; als bewußte Parteinahme, die sich vorgeblich allgemeinmenschliche Ideale zum Ziel setzt und als offene Parteinahme für eine bestimmte Klasse. Nicht jede Kritik an Erscheinungen des Kapitalismus ist schon eine Parteinahme für die Arbeiterklasse. Der Künstler muß zunächst einzelne Fakten der Wirklichkeit auswählen, diese Fakten mit allgemeinen Verhältnissen verknüpfen, sie ästhetisch Bewerten und dazu bestimmte Darstellungsmittel nutzen. Wie der Künstler das ausgestaltet hängt von seiner Beziehung zum gesellschaftlichen Leben ab. Die Parteinahme entspringt dabei der "innersten Natur" des künstlerischen Schaffensprozesses: der Künstler entnimmt dem gesellschaftlichen Leben seinen Stoff und auf dieses Leben will er mit seiner Arbeit zurückwirken.

Der proletarische Künstler nimmt offen Partei "für die sozialistischen Ideale, für das Neue im Leben und in den menschlichen Beziehungen, für Menschen, die in ihrem Handeln dieses Neue verwirklichen etc." (John, 351) In "konkreten Künstlerpersönlichkeiten" verknüpfen sich verschiedene Möglichkeiten der Parteinahme für oder gegen progressive und reaktionäre "Kräfte, Lebensformen, Ideale usw". Jede künstlerische Parteinahme muß sich letztlich auf den Antagonismus der Klassen beziehen: mit dem Sieg des Sozialismus wird sich daran zunächst nichts ändern, weil sich die Erscheinungen des ideellen Lebens langsamer ändern als das materielle Sein. Der sozialistisch-realistische Künstler tritt für den revolutionären Kampf der Arbeiterklasse ein, weil dieser Kampf den objektiven Entwicklungsprozessen des gesellschaftlichen Lebens entspricht. Die Parteinahme muß allerdings eine künstlerische sein. Die künstlerische Parteilichkeit muß Bestandteil der künstlerisch-ästhetischen Aneignung der Wirklichkeit sein. Die Stoffwahl muß die Schönheit des arbeitenden Menschen berücksichtigen; die Behandlung des Stoffes muß den Klassencharakter des Lebens der Menschen und die Quellen des Sittenverfalls herausarbeiten; die künstlerische Technik muß so genutzt werden, daß der ideell-emotionale Gehalt so faßlich wie möglich und nur so kompliziert wie nötig dargeboten wird. Die Parteilichkeit des sozialistisch-realistischen Künstlers deckt mit künstlerischen Mitteln das Neue auf, das Arbeiterklasse und der sozialistische Aufbau ins Leben der Menschen bringt. Die künstlerische Wahrheit ist untrennbar mit der künstlerischen Parteinahme für den gesellschaftlichen Fortschritt verbunden. Das subjektive Wollen ergibt noch keine Parteinahme; es kommt auf die im praktischen Schaffen erreichte künstlerische Wahrheit und Parteilichkeit an. Voraussetzung künstlerischer Wahrheit ist aber doch das Wollen, einen weltanschauliche Haltung, die durch eine marxistisch-leninistische Erziehung des Künstlers erreicht werden muß. Der realistische Künstler gibt dem Menschen ein richtiges Bild der Bedeutung von Lebenserscheinungen und ein annähernd richtiges Bild dieser Lebenserscheinungen. Der Künstler kann seine Beziehung zur Realität in dem Maße richtig bestimmen, als er sich die Weltanschauung der Arbeiterklasse zueigen macht; nur dann versteht er die Bedeutung der Realität für den Menschen. Der Künstler muß die geschichtliche Bewegung und seine Funktion in ihr kennen

Die Partei hat eine führende Funktion beim Übergang zum Sozialismus. (John, S.365ff) Die Partei verfügt über die Kräfte, für den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung; sie ist die führende Kraft "aller gesellschaftlich-erzieherischer Maßnahmen zur Formung und Bildung des sozialistischen Menschen". Dadurch erhält die Partei die Berechtigung auch auf künstlerischem Gebiet einzugreifen und als führende Kraft zu wirken. Künstler die in ihrer inneren, von der gesellschaftlichen Wirklichkeit abgetrennten Welt leben, sind nicht mehr in der Lage, die würdigen Objekte künstlerischen Darstellens im revolutionären Proletariat zu sehen, weil ihm die Verbindung zu dieser gestaltenden Kraft fehlt. Die Wirksamkeit des künstlerischen Werks ist nicht auf unmittelbare politische Aussagen beschränkt. Der Einfluß der Partei muß sich daher auch auf andere Aspekte des Werks richten können. Die wichtigste Aufgabe der Partei ist es den neuen sozialistischen Menschen zu formen. Der persönlichkeitsbildende Einfluß von Kunst und Literatur muß daher genau analysiert werden. Die Leitung gesellschaftlicher Prozesse erfordert Maßnahmen zur Verbreitung und Aufnahme von Kunst und Literatur um die "progressive, humanistische und sozialistischen Möglichkeiten" der Kunst "bei der humanistischen Formung der Persönlichkeit" voll entfalten zu können. (John, 377)

Für den fortschrittlichen Künstler fällt das Eintreten für das Proletariat unter Führung der Partei mit seinem eigenen Interesse zusammen. (John, S.370f) Kein Künstler kann wirklich frei sein, wenn er sich aus der gesellschaftlichen Praxis heraushebt. Freiheit ist hier die Einsicht in die objektiven Notwendigkeiten und die Fähigkeit die Gesetzmäßigkeiten auszunutzen. Humanistisch wirken können Künstler dann, wenn sie "den unter der Führung der Partei sich vollziehenden sozialistischen Aufbau mit ihren spezifischen Möglichkeiten fördern". "Künstlerische Freiheit ist außerhalb des gesamtgesellschaftlichen Strebens nach echter Freiheit undenkbar." Die Tätigkeit des Künstlers steht als in enger Verbindung mit der Aufgabe der marxistisch-leninistischen Partei: die Partei muß sich daher in seine Tätigkeit einmischen

Parteilichkeit im enwickelten Sozialismus: Toleranz und Legitimation

Erwin Pracht schreibt sein Buch 'Ästhetik heute' in einer neuen politischen Situation. (Pracht, S.11ff) Nach der Übergangsphase vom Kapitalismus zum Sozialismus in der die sozialistische Wirtschaftsform durchgesetzt wurde, wird nun, bevor zum Aufbau der Kommunismus kommen kann, eine Periode eingeschoben, in der die Produktivkräfte und die gesellschaftlichen Beziehungen allseitig entwickelt werden. Das schließt vor allem auch die kulturellen Lebensbedingungen mit ein: Die Entwicklung der materiellen Produktivkräfte ist kein Selbstzweck, sondern Grundlage, damit sich die Fähigkeiten und Anlagen der Individuen entwickeln können. In der Periode des Aufbaus der sozialistischen Wirtschaftsweise "konnte von einer Umgestaltung und Neuorientierung aller Lebensbedingungen der werktätigen Massen noch keine Rede sein". Aber es wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, indem das Bildungsprivileg gebrochen wurde und die Ergebnisse von Wissenschaft und Kultur der breiten Masse zugänglich gemacht wurden. Inwieweit der sozialistische Humanismus sich verwirklichen läßt, hängt vom Charakter und der gesellschaftlichen Stellung der Arbeit ab

Funktionalisierung der Parteilichkeit. (Pracht, S.13ff) Der Sozialismus entfaltet sich nicht von selbst. Er ist das Ergebnis bewußten Handelns der werktätigen Massen "unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei". Die Entwicklung der Kultur ist nicht nur Voraussetzung für die Persönlichkeitsentwicklung der Individuen, sondern auch für die "Verwirklichung der ökonomischen Aufgaben und Ziele" (Kurt Hager, zitiert nach Pracht, S.14) Pracht weist auf den Klassencharakter der individuellen Persönlichkeit hin; diese Diskussion ist aber weitgehend auf die bürgerliche Gesellschaft beschränkt. Es kommt jetzt weniger auf die Parteilichkeit des Künstlers an, als darauf, die Lebensäußerungen des Menschen von den Hemmnissen der Klassengesellschaft zu befreien und sozialistische Überzeugungen und Verhaltensweisen auszubauen. Außerdem bemüht sich Pracht, die Bedeutung der Ästhetik für die sozialistische Gesellschaft herauszustellen. Marxistisch-leninistische Methoden (Realismus, generell Kritik) werden jetzt nur noch in ihrer Funktion für den soziaistischen Aufbau zugelassen. Eine Anwendung auf Erscheinungen des Sozialismus ist damit ausgeschlossen

Abgrenzung von revisionistischen Auffassungen. (Pracht, S.91ff) Im Rahmen der "friedlichen Koexistenz" gerät die ideologische Auseinander-setzung in den Vorderunggrund. In dem Maße in dem der Klassenkampf mit dem entwickelten Sozialismus in den Hintergrund tritt, nehmen die Differenzen zu linken und marxistischen Theorien außerhalb der DDR zu. Der Klassencharakter der Kunst wird gegenüber westlichen Theoretikern betont; in der DDR ist die Parteilichkeit der Kunst ihrer Funktionalisierung für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft gewichen.

Die real-existierende Parteilichkeit

Ob Lenin, Ulbricht, Honecker; John oder Pracht - wer sich im Klassenkampf befand oder meinte sich in ihm zu befinden, der machte sich auch mal Gedanken, wie denn Kunst und Kultur in diesen Kampf einzubinden seien. Lenin sah sich 1905 einer Situation gegenüber, in der die sozialdemokratische Partei immer mehr Zulauf erhielt von enttäuschten Arbeitern und Bürgern, ohne daß diese die Grundsätze des Kommunismus verinnerlicht hätten. Er meinte, daß jeder Künstler seinen Weg gehen sollte, daß sich aber jemand, der sich als sozialistischer Künstler verstünde, nicht nur der Partei anschließen, sondern sich ihre unterordnen müsse, sich als eines der "Rädchen und Schräubchen" im Parteiapparat verstehen müsse. Sobald die Staatsmacht sozialistisch wurde, d.h., Sozialisten meinten, den bestehenden Staat übernehmen zu können, war es mit der Toleranz natürlich passé. Wenn schon Planwirtschaft, warum sollte man dann unsozialistische Künstler durchfüttern? (Damit wird natürlich der bürgerliche Staat mit seiner Verdopplung in gesellschaftliche und private Person wieder reproduziert.) Der sozialistische Künstler muß sich am Aufbau des Sozialismus und der Bildung des sozialistischen Menschen beteiligen. Diese, anderen Auffassungen vom Sozialismus, sowie bürgerlich-humanistischen Auffassungen gegenüber, intolerante Haltung war allerdings verbunden mit hoffnungsloser Affirmation gegenüber der bürgerlichen Tradition ("klassische Autoren") und überkommenen Ideologien (die Schaffung/Bewahrung einer deutschen Nationalkultur in der DDR spielte eine große Rolle, gerade gegenüber dem Einfluß der USA auf die BRD). Anders sah die Lage Ende der 70er aus, als die DDR meinte, in die Phase des entwickelten Sozialismus eingetreten zu sein. Toleranz und Vielfalt wurden großgeschrieben - es galt ja keine konkrete Aufbauarbeit mehr zu leisten, sondern sich nur noch abstrakt an der Verwirklichung des sozialistischen Menschen zu beteiligen. Der Zweck der Kultur näherte sich asymptotisch dem bürgerlichen - Legitimation und Verherrlichung von Staat und Gesellschaft. Je mehr dieser Kulturbettieb vereinnahmt, desto besser steht er da

Wozu soll Kultur eigentlich gut sein?

Die Frage ob und inwiefern Kunst und Kultur parteilich sind oder sein sollten, ergibt sich aber nicht aus metaphysischen Meditationen, sondern aus der Analyse von Grund, Zweck und Mittel von Kultur. Ihren Grund hat die Kultur im Verlangen der jeweils Herrschenden, Notwendigkeit und Größe der Gemeinschaft darzustellen, die sie mit ihren untergebenen eingehen. Damit ist auch der Zweck jeder Kultur benannt, sie sich nicht gleich aus dem Kulturbetrieb verabschieden will. Und díe Mittel ergeben sich aus einer mehr oder minder nüchternen Abwägung (sofern das bei einer so ideologischen Sache möglich ist) wie dieser Zweck am besten zu erreichen ist

Muß sich der Künstler dem Markt unterwerfen? "Müssen tut er sicher nicht, aber wenn er es nicht darauf anlegt, ideell wie materiell verkäufliche Ware zu liefern, ist er an seiner geliebten Kultur nicht beteiligt. Dann kann er sich seine Einfälle bezüglich des sinnlichen Scheines der Idee, seine Skizzen und Romanentwürfe gleich sparen, Wissenschaft treiben - womit er auch aus der Universität heraus wäre - und dem Kapitalismus heimleuchten. Mit Kultur ist diese schöne Sache zum Beispiel gar nicht möglich; selbst dann nicht, wenn einer Kulturkritik betreibt, was immer auf die Besserung von Sinn und Form hinausläuft. Die Prüfung, ob eine Theateraufführung, ein neues Stück Spaß macht, ist für einen Kritiker ganauso wie für staatliche Bildungsgewissenswürmer nämlich etwas, was außerhalb des Bereichs gehört. Gefragt gehört da schon eher, ob die Neuheit Ehre einlegt - für das Haus, für seine Tradition, für ´unseren´ kommunalen, regionalen, nationalen oder abendländischen Standard." ("Kultur - was ist das?" aus: MSZ)

Dem ist wenig hinzuzufügen

Florian Bec

Literatur

Erhard John, Probleme marxistisch-leninistischer Ästhetik. VEB Max Niemeyer, 1967

Kark Korsch, Marxismus und Philosophie. EVA, 1966

"Kultur - wie geht das?", in: Marxistische Streit- und Zeitschrif

Lenin, Parteiorganisation und Parteiliteratur, 1905

Georg Lukác, Geschichte und Klassenbewußtsein. Luchterhand, 1968

"Erwin Pracht, Ästhetik heute. Dietz, 1978.


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