Moralkeulen

Nachdem Martin Walser sich vor den "Meinungssoldaten mit Moralpistole" und all jenen, die ihm sonst noch irgendwas mit vorgehaltener Moralkeule verkaufen wollten, in die literarische Sprache flüchtete, ist die Nation wieder geeint. Endlich erkennend, was sie im innersten zusammenhält, bekennt sie sich dazu und macht sich auf, in dichterischem Gewand aus Weimar und mit Stiefeln aus Buchenwald die Geschichte wieder aktiv zu gestalten. Jetzt dürfen auch wieder deutsche Soldaten auf dem Balkan einig Recht brechen - für Freiheit sorgen

Zur selben Zeit, als fast die ganze "intelektuelle Elite" Deutschlands damit beschäftigt war sich auf die Seite Walsers zu schlagen, Kritik am zwar nicht neuen aber durch Walser endlich wieder salonfähigen und nationalistisch umsetzbaren Antisemitismus abzuwehren und sich zur nationalistischen Deutschdümplerei zu bekennen, startete PRO7 die erste selbstproduzierte Serie von der Art wie eben jene eine ist: "Jets, Leben am Limit": "Action und Emotionen, Dynamik und Spannung, Spaß und Abenteuer - das ist die explosive Mischung der neuen ProSieben-Serie "JETS - Leben am Limit". Frank Jäger, Robin Amberg und Phil Klein haben es geschafft: Nach der harten Ausbildung in Texas ist ihr Traum vom Fliegen wahr geworden - als Jet-Piloten sind sie nun in Deutschland stationiert. Das Leben der drei jungen Männer ist ein "Leben am Limit". Sie sind moderne Helden, die alles auf eine Karte setzen um anderen zu helfen. Familie und Freunde kommen dabei oft viel zu kurz - ein harter Preis für das Gefühl der unendlichen Freiheit. Doch sie nehmen die Herausforderung an, jeden Tag aufs neue..." - so die Eigenwerbung von PRO7. Waren die Fernsehhelden zuvor noch Tatort-Kommisare, Lehrer Dr. Specht, Mutter Beimar, Toni der Libero oder US-Importe ala Colt Sievers, so sollen es nun Bundeswehrsoldaten sein, die ihr Leben überall auf der Welt für Menschenrechte einsetzen. Wo Walser noch deutschnational über die angebliche Ausbeutung der Nation mittels Moralkeule lamentiert, hat die mediale Wirklichkeit bereits begonnen ganz andere Keulen zu schwingen. Das Humankapital wird mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß Krieg eigentlich etwas selbstverständliches ist, wenn es um "vitale nationale" - oder andere höhere Interessen, wie etwa Menschenrechte geht. Wie gut das gelungen ist, zeigt der Friede an der Heimatfront während des Krieges gegen Jugoslawien. "Jets, Leben am Limit" vermittelt hier das entsprechende "Lifestyle"

Während Walser der Geschichte tollkühn die kalte Schulter zeigt, um endlich als normales Volk ein nationalistisches Selbstverständniss zu erlangen, findet Frank Jäger in seinem Tornado zu sich selbst. Und wir alle sind herzlich eingeladen uns selbst zu verwirklichen. Die tapferen Befreier, wie Walser und Jäger nehmen uns die Bürde ab, etwas zu verstehen oder zu hinterfragen. Das es da auch nicht mehr gibt worin sich etwas ändern könnte, als eben jenes menschliche, das wir aus der Lindenstraße genauso kennen wie aus gute und schlechte Zeiten oder von Fliege, das sollen wir lernen. Freiheit ist dabei stets der Schlüssel zur Befriedigung. Wenn nun Walser, laut sich selbst mit Kleist, Gewissensfreiheit verstehen will als Achtung vor dem Gewissen als dem schlechthin Persönlichen, dann ist hier kein so großartiger Unterschied mehr zu Jägers Gefühl der unendlichen Freiheit, das er ja nur selbstbezogen in seinem Tornado hat. Und es ist eben genau jene abstrakte Freiheit, die bei Walser als verletztes Quasimenschenrecht erscheint und bei Jäger als erkämpftes Gut, worin sich die Widersprüchlichkeit unserer kriegerischen Kultur zeigt

In unserer Kultur ist Freiheit nicht nur irgendein hohes Gut, nein es ist auch ein Recht und darüberhinaus auch noch ein Wesensmerkmal unserer Gattung. Das sieht man auch daran, daß der sog. Freiheitsentzug die schärfste Form der Bestrafung ist. Allerdings ist auch noch ein Gefangener in dem abstrakten Sinne frei, in dem die Freiheit ihn als Mensch von der Spinne im Winkel seiner Zelle unterscheidet. Was nun jene abstrakte Freiheit so eigentlich sein soll, wird immer schleierhafter, je mehr es gelingt durch die Nebelschwaden all der Loblieder und sonstigen Verklärungen hindurchzublicken. Es erscheint, versucht man es dennoch irgendwie zu begreifen, eine Art Verhältnis zu nichts oder nichts außer sich Selbst zu sein. In der christlichen Mythologie tritt Freiheit als ein Geschenk Gottes auf, das einerseits ein Glück ist insofern der Mensch dadurch erst zu sich selbst wird, andererseits ein Fluch, indem daß dadurch das Abwenden von Gott und somit vom Glück überhaupt erst möglich wird. Das metaphysische Problem mit der Freiheit ist dadurch natürlich noch nicht gelöst, weshalb die Freiheit auch dort eingeschränkt ist. Allerdings auf zweierlei Weise eingeschränkt. Einerseits durch das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu naschen, andererseits von der Konsequenz eben jener Handlung, der Unerreichbarkeit des ewigen Lebens. In einer bildhaften Vorstellung von Adam und Eva ist dieser Konflikt natürlich nicht vorhanden, aber dafür umsomehr wenn es um eine Vorstellung vom Menschen als sich selbst geht

Ob und inwiefern der christliche Begriff der Freiheit einer ist, über den die anderer Religionen oder Weltbilder bereits hinaus sind, steht hier - abgesehen davon, daß dies nicht der Fall ist - nicht zur Debatte. Wichtig ist vielmehr, worin sich diese Freiheit eigentlich selbst widerspricht. Hier ist der Punkt, welcher tatsächlich unproblematisch ist, daß ein Verhalten zu sich Selbst einen Unterschied von sich selbst braucht. Dieser Unterschied, onthologisch aufgefaßt, ist unproblematisch dann, wenn man sich selbst nicht positiv begreift, was eine weitverbreitete Unsitte ist und wohl ein großer Irrtum. Und hier sind wir nun beim Widerspruch in der Freiheit, der eben darin besteht, daß Freiheit nicht als solche, sondern als die eines Selbst stets der Freiheit irgendeines Anderen widerspricht und somit nur noch als Kräftemessen oder in das Selbst zurückgezogen erscheint, und dort entweder bedeutungslos wird oder das geliebte Selbst entzweit.

Stefan Gro


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.