Antwort der Redaktion

Zu dem sehr faktenreichen Artikel von Max Brym seien uns einige Anmerkungen gestattet. Fakten, Fakten, Fakten, ein wenig Lenin und die traditionsreiche linke Haltung, sich jeder noch so dämlichen Regung des Vokskörpers gegenüber affirmativ zu verhalten, wenn sie nur irgendeinem Kapitalisten oder Imperialisten nicht in den Kram passen

Der Autor befürchtet, daß viele Linke Argumente der bürgerlichen Presse übernommen hätten. Damit spielt er aber nicht auf die dort zelebrierte "Unterdrückung und Vertreibung der Albaner" an, nicht auf die die furchtbaren Massaker, "immer mehr Massengräber", "grausam verstümmelte Leichen von Frauen und Männern aber auch (!) von kleinen Kindern" (die UCK würde natürlich nie kleine Kinder verstümmeln), sondern meint die "Meldungen über die angebliche Finanzierung der UCK durch Drogendealer". Damit ist auch schon klar, was hier nicht bewertet wird: Grund und Zweck der UCK. Und auch um die Mittel, derer sie sich bedient geht es nur sehr eingeschränkt: nur die Geldbeschaffung steht in Frage. Was Unsinn ist. Wenn ich hinter Ziel und Zweck der UCK stehe, kann ich auch die "Finanzierung durch Drogengelder" hinnehmen - das tut schließlich niemandem weh

Der Autor meint eine "perfide Arbeitsteilung" zwischen NATO und den "faschistischen" (wie gut, daß man nicht auf die bürgerliche Propaganda hereinfällt) "Tschetnik-Banden" (= Milosevic = der Serbe) auszumachen. Das ist falsch. Jugoslawien versuchte sein Staatsgebiet zusammenzuhalten. Die NATO versuchte Jugoslwaien gefügig zu machen. Daß unter beidem die Bewohner des Kosovo zu leiden hatten ist kein Zufall, sondern die Konsequenz daraus. Es ging schließlich darum, wer dort Ordnungsmacht sein darf

Den "Unabhängigkeitswillen der Albaner" (gemeint sind die Kosovaren) will der Westen nicht unterdrücken. Was der Westen tatsächlich nicht will, ist ein unabhängiges Kosovo. Der dort jetzt bestehende Unabhängigkeitswille wollte ja erst einmal erzeugt werden. Die Leute mußten erst einmal dazu gebracht werden, sich als Kosovo-Albaner zu fühlen und dann davon überzeugt werden, daß das Volk, als das sie sich fühlen, nicht mehr zu dem Staat paßt, dem sie unterworfen sind. Und zumindest solange Kosovo formal ein Bestandteil Jugoslawiens ist, ist der Unabhängigkeitswille der Kosovaren ganz nützlich. Der schwächt nämlich den Eigenwillen Jugoslawiens. Ein Protektorat, vor allem auf Dauer, zu unterhalten ist übrigens nicht wirklich vorteilhafter. (Aus dem gleichen Grund gibt es nämlich keine Kolonien mehr.) Es ist schon besser, wenn unabhängige Staaten dort eine funktionierende Herrschaft hinkriegen, die Demokratie, Menschenrechte und offene Märkte garantiert. Die Verantwortung für die Begleiterscheinungen des Kapitalismus können sie dann gleich mit übernehmen. Daß im Kosovo ausnahmsweise ein Protektorat notwendig ist, hat seinen Grund darin, daß in der Folge der konkurrierenden Politik der westlichen Staaten eine solche Herrschaft gerade mal nicht funktioniert und seinen Zweck darin, sie wieder möglich zu machen

Neben diesen Mißverständinissen ergeht sich der Autor aber auch in so mancher hemmungsloser Affirmation

I.Affirmation der antiserbischen Propaganda

Tatsächlich war die Propaganda in den Medien, da können wir den Autor beruhigen, keineswegs durch Enthüllungen über Drogengeschäfte der UCK geprägt, sondern von den unbeschreiblich Greueltaten "der Serben" gegenüber "den Kosovaren". Es ist hier nicht der Ort, zu klären, ob und inwiefern die einzelnen Vorwürfe zutreffen. Es geht auch nicht darum, aufzurechnen, wem mehr Opfer zur Last gelegt werden können, den (wahlweise) Polizeiaktionen/Massakern der jugoslawischen Bundesregierung oder den Terror-/Befreiungsaktionen der UCK und ob sich das Verhältnis nach dem Sieg der NATO geändert hat. Auf zweierlei ist aber hinzuweisen. (1) Ein moderner Staat reagiert auf vieles empfindlich. Mit am empfindlichsten aber reagiert er, wenn seine territoriale Integrität in Gefahr ist oder wenn sein Gewaltmonopol verletzt wird. Denn beides betrifft unmittelbar den Zweck des Staates. Und beides war im Kosovo der Fall. Der einzige Unterschied zu Baskenland, Nordirland, etc, wo chrirgische Eingriffe ja üblicherweise nicht eingefordert werden, besteht darin, daß der jugoslawische Staat seine Aktionen nicht daran orientierte, was öffentlich durchsetzbar war - vor allem auch in den Medien der NATO-Staaten. Darauf kommt´s aber an. Denn, und da begegnen wir gleich einem weiteren Mißverständnis - das Völkerrecht auf territorriale Unversehrtheit galt immer nur, sofern der bedrohte Staat auch eine oder mehrere Großmächte fand, die bereit waren, dieses Recht auch durchzusetzen. Das hat Jugoslawien versäumt. Und - ja, natürlich, dafür wären Opfer zu bringen gewesen. (2) Die sorgfältige Bewertung der Kriegspropaganda nach richtig und falsch verkennt, daß es um die Aufdeckung einzelner Verbrechen gar nicht ging, sondern darum, eine Außenpolitik gegen Jugoslawien zu rechtfertigen, die später in einen Krieg gemündet ist

II. Affirmation völkischer Kategorien

Es ist schon komisch, wenn sich ein Autor, der sich selbst marxistisch nennt, so hemmungslos idologischer Begriffe bedient. Da ist von diversen "Völkern" die Rede, von deren Interessen, Willen und der Würde von Menschen als Angehörigen eines Volkes. Vielleicht hat der Autor auch nur zu viel im Kommunistischen Manifest gelesen und ließ sich davon anstecken, im politischen Kampf auch auf den letzten Quatsch positiv Bezug zu nehmen, solange er nur irgend einem Proleatrier im Hirn umgeht

Zunächst einmal sind die Begriffe falsch. Im Kosovo wohnen Jugoslawen, meinetwegen Kosovaren, aber keine Albaner. Der Wunsch des "albanischen Volkes nach Loslösung von Jugoslawien" sei von der NATO bisher mißachtet worden. Will sich da etwa Albanien von Jugoslawien lösen, obwohl es gar kein Teil von ihm ist? Oder will das albanische Volk, also der albanische Staat, die Loslösung des Kosovo von Jugoslawien? Gut möglich, aber das deutsche, französische, britische Volk will eben, daß das Kosovo bleibt wo es ist. Oder sind mit dem "albanischen Volk" Leute gemeint, die in Jugoslawien, im Kosovo wohnen? Die mit albanischer Staatsangehörigkeit? Alle die im Kosovo wohnen? Oder nicht alle, die dort wohnen, sondern nur die, die sich als "albanische Patrioten" fühlen? Oder die mit dem richtigen Abstammungsnachweis? Und warum kommt es dem Autor darauf an, den Wünschen einer so fragwürdig zusammenkonstruierten Gruppe gerecht zu werden? Warum besteht nur für die "zurückkehrenden Albaner" (gemeint sind die Kosovaren) erhöhtes Krebsrisiko. Weil alle Serben sowieso rausfliegen

Die Affirmation völkischer und nationaler Katgeorien hat natürlich damit zu tun, daß es schon immer Linke gab, die meinten nationale Befreiungsbewegungen unterstützen zu müssen. Ist die UCK eine solche Befreiungsbewegung? Das wollen wir gar nicht bezweifeln. Nur spricht das eher gegen andere von dieser Sorte als für die UCK. Was ist eigentlich passiert? Einige jugoslawische Staatsbürger, Kosovaren, vom Autor Albaner genannt, waren mit der Herrschaft, der sie unterworfen waren, nicht einverstanden. Manche meinten, das liege daran, daß hier Volk und Staat nicht aufeinanderpaßten und fanden andere, die bereit waren, unter Einsatz ihres Lebens (und dem anderer) entsprechende Änderungen zu versuchen. Es gibt viele Gründe, gegen Staat und Herrschaft zu sein. Dieser gehört nicht dazu. Es ist aber immer dieser Vorwand der nationalen Befreiungsbewegungen als Strategie dient

Warum hätte es den westlichen Staaten um das "albanische Volk" (gemein sind vermutlich die Kosovaren) gehen sollen? Wie hat man sich das vorzustellen, wenn es um ein Volk geht? Und was um alles in der Welt hilft es dabei, die UCK mit "panzerbrechenden Waffen" auszurüsten? Die menschenbrechenden Waffen, mit denen die UCK tatsächlich ausgerüstet wurde, dienten dazu, andere Kosovaren abzuschlachten. Ist es das was passiert, wenn es um ein Volk geht

III.Affirmation von Blödsinn

Wer seine Würde verletzt sieht, weil er sein Gewehr abgeben muß, läuft Gerfahr für einen US-Amerikaner gehalten zu werden. Wenn es sich bei dem Gewehr allerdings um ein erstens veraltetes und zweitens chinesisches handelt, dann - so klärt uns Max Brym auf - muß es sich um einen "Albaner" (d.h. Kosovaren) handeln. Weniger blödsinnig wird es dadurch natürlich nicht, dadurch seine Würde verletzt zu sehen. Die Schüler in den USA fragt auch niemand danach, ob sie sich in ihrer Würde verletzt sehen, wenn sie nicht mehr mal so eben ein paar ihrer Mitschüler abschließen dürfen.

Woran liegt´s? Uns in psycho-sozialen Erklärungen zu ergehen ist nicht unser Ding. Der letzte Satz des Artikels gibt auch einen Hinweis, daß es dem Autor um etwas ganz anderes geht: "Heute muß bezüglich des Kosova die Unabhängigkeit gefordert werden. Denn wie bereits dargelegt, hat der Imperialismus daran momentan kein Interesse, während die Mehrheit der Albaner ein demokratisches Recht einklagt: das Recht auf nationale Selbstbestimmung." Hier geht´s also wieder mal um die dämlichste aller linken Strategien: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Der imperialistische Staat BRD hat zusammen mit anderen westlichen Staaten Krieg gegen Jugoslawien geführt. Der eine Feind. Den Wünschen der UCK hat der Westen dann aber auch nicht entsprochen. Der andere Feind. Da kann man dann seine Wahl treffen. Multiple-choice, das kriegt jeder hin und ist sogar noch fein pluralistisch. Die einen setzen auf die UCK als Hoffnungsträger der nationalen Befreiung, die anderen schlagen sich auf Seiten des Antiimperialisten Milosevic. Damit ist die Arbeit dann erledigt - Argumente und Wortwahl können direkt von den dafür zuständigen Stellen übernommen werden: Handlich, praktisch, gut

Um das ganze zusammenzufassen: (1) Ein Volk gehört zu einem Staat (oder zumindest einem Staatswillen, der die Menschen unter sich subsumiert. Das hat der Autor nicht herausgearbeitet - was gerade angesichts der höchst ideologisch geführten Debatte notwendig gewesen wäre. Vielmehr hat er den Anschein erweckt, ein Volk, samt seinen Wünschen und Interessen, existiere von Natur aus und unabhängig von aller Ideologie. (2) Die Rolle der UCK und Jugoslawiens ist falsch analysiert. Es gibt einen Staat bzw einen Staatswillen, der sich erhalten bzw. verwirklichen will. In keinem der beiden Fälle ist daran irgend etwas fortschrittliches. Über die Mittel, die beide Seiten anwenden, um ihrem Willen Geltung zu verschaffen, mag sich streiten wer will - sie fallen nicht aus dem Rahmen der real existierenden Staaten. (3) Ziel des Westens ist nicht, die "Albaner", die Kosovaren oder sonst wen zu quälen, sondern sie Demokratie und Marktwirtschaft zu unterwerfen. (4) Wer unterdrückt wird, muß sich eventuell mit der Waffe in der Hand wehren. Wer allerdings seine Würde verletzt sieht, weil er sein Gewehr abgeben muß, braucht kein Mitleid, sondern psychotherapeutische Beratung.

Die Redaktio

P.S. Die Analyse wird auch dadurch nicht richtiger, daß andere auch Blödsinn schreiben. "Das ist kein Frieden!" heißt es in der FDJ-Fanfare (Juli 1999). Doch, genau das ist Frieden. Und Frieden funktioniert genau so. Irgendwann muß man doch mal begreifen, daß diese Worte nichts mit dem zu tun haben, was uns die Kindergärtnerin mal erzählt hat.

Oder es wird behauptet, es wäre gar nicht die NATO gewesen, die den Krieg geführt hätte. Daß es NATO-Staaten waren, die den Krieg führen, macht ihn zwar genauso wenig zu einem NATO-Krieg, wie die Tatsache, daß die Staaten, die ihn geführt haben, der UNO angehören ihn zu einem UNO-Krieg macht. Der Krieg gegen Jugoslawien wurde aber von den dafür zuständigen NATO-Gremien abgesegnet. Die verschiedenen der NATO angehörenden Staaten zeigten natürlich ganz unterschiedlichen Eifer, den Krieg auch praktisch mitzutragen. Aber erstens versteht sich das von selbst und zweitens tut es nichts zur Sache

P.P.S. Die deutsche Linke braucht nicht die Unabhängigkeit des Kosovo zu fordern. Schon gar nicht deshalb (und das scheint der einzige Grund zu sein) weil der Westen diese Unabhängigkeit zufälligerweise ablehnt. Abgesehen davon, daß die Linke gar nichts zu fordern hat (von wem denn bitte?) ist der Feind meines Feindes eben nicht mein Freund, sondern im Falle der UCK ein Wille zu einem bürgerlichen Staat auf völkischer Grundlage

P.P.P.S.: Das Argument, wir würden die jugoslawische Polirik und die Unterdrückung der im Kosovo lebenden Menschen verharmlosen, ist falsch. Wenn moderne Staaten Politik machen, wird’s für die Menschen, die davon betroffen sind, recht schnell ungemütlich. Insbesondere, wenn die Politik dann auch noch zwischen die Fronten des Imperialismus gerät. Das ist übrigens keine zynische Haltung, sondern ein Hinweis darauf, was zu kritisieren ist.


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