Krieg

Dies soll ein Versuch sein das kriegerische Bewußtsein zu beschreiben. Pragmatisch könnte jemand scheinbar mit Marx einwenden, daß das Sein das Bewußtsein bestimme, und eine Untersuchung des Bewußtseins also eigentlich nicht eine sinnvolle Beschäftigung für jemanden ist, der keinen Krieg will, da es doch gilt das Bestimmende - also das Sein - zu ändern, um Kriege zu vermeiden. Das Bewußstsein hätte demnach, obzwar erkannt, keinen Einfluß auf die Entscheidung über Krieg und Frieden, da es seinerseits durch das Sein, welches durch bloße Erkentniss über sein Produkt wohl kaum verändert wird, bestimmt ist. Somit wäre ein solcher Versuch also als Zeitverschwendung abzulehnen.

Allerdings ist es ein wenig weitreichendes Verständniss, wenn frau die Herrschaft des Seins über das Bewußtsein in solchen Kathegorien begreift. Marx meinte wohl weniger das Sein als das positiv Daseiende, quasi die Menge all dessen, das mit sich selbst identisch ist, als vielmehr das wiedersprüchlich Seiende, die Verhältnisse in denen etwas ist. Das Bewußtsein ist hier nicht, wie etwa im christlichen Glauben, ein zum Sein Hinzukommendes (unsterbliche Seele, von Gott im irdischen Jammertal geprüft, selbst schuld), sondern es steht in einer dialektischen Beziehung zum Sein und weder das Eine noch das Andere ist allein denkbar. Warum aber dann das bestimmende Verhältniss postuliert wird, erklärt sich daraus, daß Sein stets vorgefunden wird, wärend Bewußtsein sich stets ergibt. Woraus sich auch erhellt, daß das sich Ergebende sich dialektisch zum Vorgefundenen und nicht als schlicht Anderes verhält, da das sich Ergebende das Vorgefundene vorfindet. Was ist liegt also nicht allein an ihm selbst, sondern auch an dem, daß es vorfindet. Das ist nichts weiter als konsequente Ablehnung irgendeines Dualismus und somit Materialismus. Die andere Variante der Ablehnung des Dualismus, der Idealismus, welcher sich in der modernen Philosophie dadurch wiederlegen läßt, daß es Gewissheiten wie etwa: "ich habe Hunger" gibt, die nicht irgendwelchen erkenntnistheoretischen Überlegungen zum Opfer fallen können, und welcher methaphysisch spätestens durch den Satz von Wittgenstein: "Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt." (Tractatus logico-philosophicus, 5.632) gelöst ist, würde wohl niemals zugestehen, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt.

Das kriegerische Bewußtsein ergibt sich also in bestimmten Verhältnissen. Allerdings liegt auch hier nicht etwa eine einfache kausale Beziehung vor, sondern eine dialektisch-wechselseitige. Das Bewußtsein, das sich in den Verhältnissen ergibt, reproduziert auch wieder Verhältnisse. Kompliziert ist hierbei die Bewegung des Bewußtseins selbst, die sich nicht so einfach als Reproduzieren des Vorgefundenen fassen läßt. Vielmehr ist es so, daß das Bewußtsein, nicht wie der normale Sprachgebrauch (Wohl ob des permanenten Einflusses der christlichen Irrlehren auf unsere Sprache) suggeriert, Träger von Eigenschaften (z.B. Schmerz, Freude) ist, sondern, mit diesen Eigenschaften identisch ist. Andersherum zeigt sich derselbe Fehler im positivieren von derartigen Eigenschaften. Es wird über "die Liebe" oder "das Schiksal" geredet, was nur die andere Seite derselben Medallie ist. Frau sieht hier, daß unser Problem mit der Kompliziertheit der Bewegung des Bewußtseins selbst, sich egalisiert, da die Rede vom Bewußtsein selbst onehin gehirnamputiert ist. Was sich in den Verhältnissen ergibt, fällt stets in die Verhältnisse zurück, womit eine Untersuchung des kriegerischen Bewußtseins zu einer Untersuchung der kriegerischen Verhältnisse würde, bestünde das Bewußtsein nicht auf seinem Standpunkt. Das tut es mit dem Argument der Freiheit und diffamiert zugleich jeglichen Materialismus als Determinismus. Die christliche Mythologie redet vom Reich Gottes, was eigentlich unvereinbar mit dem Rest der Lehre ist, wäre da nicht der Sündenfall und der Turm zu Babel, beides freie Entscheidungen der Menschen, die aber fatalerweiße gerade die Freiheit verfluchen und sie so implizit als Bedingung menschlichen Daseins unterjubeln und charakterisieren. Auf der Straße klingt das anders: "Die Kommunisten sind gescheitert, weil ihre Idee wieder die Natur des Menschen ist".

Der Wille wird hier zum Selbstzweck und die durchsetzung desselben zum Selbstsein, was ohnehin als Bedingung angesehen wird. Alleinsein ist ein Problem und wird durch persönliche Beziehungen kompensiert. Kinder dürfen nicht spielen, weil das die Ruhe stört und die Arbeit muß getan werden, weil es Geld dafür gibt.

Der Krieg ist für das heutige Bewußtsein nomal. Wer meint, der Krieg sei nicht normal, wird auch keinen Krieg verhindern können, weil es nicht darauf ankommt die Normalität vor dem Krieg zu retten.

Stefan Groß


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.