Die Problematik des gerechten Krieges

Die Problematik des gerechten Krieges und das Dilemma der Dekolonisation

Gibt es den gerechten Krieg? Nun es gibt zumindest Anliegen, die nur durch konsequenten Widerstand durchzusetzen sind und deren Berechtigung nicht ganz einfach wegzudiskutieren ist. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA der 60er Jahre mag uns hierzu in den Sinn kommen: »Hamlet was debating whether 'To be or not to be' - that was the question. He was trying to decide whether it was 'nobler in the mind to suffer (peacefully) the slings and arrows of outrageous fortune', or whether it was nobler 'to take up arms' and oppose them. I think his little soliloquy answers itself. As long as you sit around suffering the slings and arrows and are afraid to use some slings and arrows yourself, you'll continue to suffer« (Malcolm X, 1964). Beispielhaft sind ebenso die weltweiten Befreiungskriege gegen die zumeist europäischen Kolonialstaaten. Der algerische Befreiungsphilosoph Frantz Fanon schreibt: »Die Dekolonisation, die sich vornimmt, die Ordnung der Welt zu verändern, ist, wie man sieht, ein Programm absoluter Umwälzung. Sie kann nicht das Resultat einer magischen Operation, eines natürlichen Erdstoßes oder einer friedlichen Übereinkunft sein« (1969).

Begründet wird der Gewaltgebrauch allgemein zum einen als Gegengewalt, die allein die herrschende Gewalt brechen kann, zum anderen als notwendiger Prozeß der Identitätsfindung, der Selbstbestimmung durch Selbstbewußtsein, was wiederum unumgänglich ist für die Menschwerdung und die Teilnahme an Geschichtsschreibung der bislang Unterjochten. »The happening of history [...] is the unreplicable process through which radically novel historical formations are self-invented and concretely self-instituted. This eruptive historical self-creation always occurs in terms of concrete needs and in response to specific historic pressures and limit situations« (Tsenay Serequeberhan, 1994). Ziel der Dekolonisation ist die schlichte Selbstbestimmung verbunden mit dem Anspruch, eine bessere Welt schaffen zu wollen: »Once the political control of the so-called Negro community is in the hands of the so-called Negro, then it is possible for us to do something towards correcting the evils and the ills that exist there« (Malcolm X, 1964). Nun allerdings muß man kritischerweise gestehen, daß die Selbstbestimmung in ehemaligen Kolonien nur teilweise verwirklicht werden konnte und die Sache mit der besseren Welt sich als Utopie erwies. Sicher ist die wirtschaftliche Asymmetrie der Kolonialzeit noch immer ungebrochen - egal ob in den Staaten der ehemals Dritten Welt oder innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft, doch erklärt sich hieraus noch nicht das vielfältige Versagen machtgieriger Eliten auf der Seite der Rebellion. Zwar warnen Befreiungsphilosophen meist vor Intellektuellen der eigenen Gesellschaft - wobei sie dazu neigen, die Massen zu ästhetisieren - doch konnten sie damit Neokolonialismus und Elitenrecycling, mafiöse Wirtschaftsstrukturen und Verrat der Befreiungsidee nicht verhindern. Aus der Geschichte der Dekolonisation läßt sich lernen, daß Krieg nicht steuerbar ist, daß Krieg Kriegsgewinnler jeglicher Couleur produziert, daß hehre Gedanken der Humanität und wirtschaftlicher Egoismus im Krieg manchmal schlecht zu trennen sind. Versuchen wir also, mit diesen Erkenntnissen fertig zu werden.

Magnus Treiber


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.