Der Student und die gesellschaftliche Verantwortung der Universitäten

Teil 1

Opfer oder künftige Elite?

Der Student hat schwer zu leiden. Den schulischen Leistungsvergleich hat er zwar gewonnen und ist so vorerst der Gefahr entronnen, zu nachtschlafender Zeit am Fließband antreten zu müssen; aber bevor er sich ans Studium machen kann, hat er sich mit der Wohnungsnot herumzuschlagen, um BAföG zu kämpfen, in volle Seminare zu zwängen und kann sich schließlich nicht mal sicher sein, dass das auch was bringt. Denn nicht alle überstehen das Vordiplom, und selbst danach stehen die Chancen auf einen chicen Job nicht so gut.

Dabei haben ihn seine Eltern aufs Gymnasium geschickt, damit einmal etwas aus ihm wird. Und nun sind nicht mal genug Bücher in der Unibibliothek. Wie kann das sein? Schlaue Köpfe sind doch so wichtig! Umweltverschmutzung, Aufbau Ost, Rechtsradikale, Arbeitslosigkeit, überhaupt der Standort Deutschland und dann die ganzen Kriege: all das harrt seiner Lösung und schon in gymnasialen Erörterungsaufsätzen hat der zukünftige Intellektuelle gelernt, alle Seiten eines solchen Problems abzuwägen und schließlich seinen persönlichen Senf dazu abzugeben. Kritisch zu sein, diese Fähigkeit bringt der Student schon mit – und die Bereitschaft, alle möglichen Probleme zu lösen. Ohne Bildung sind ja die Herausforderungen der Zukunft nicht zu meistern. Dass sich die Welt von ihm ihre Rettung erwartet, hält der Student bloß für übertrieben.

Angesichts dieses gewaltigen Bedarfs an Intellektuellen ist das Vorhaben des Studenten geradezu ein Dienst an der Allgemeinheit. Er kann gar nicht verstehen, dass ihm derartige Hürden vor die Nase gesetzt werden und fühlt sich als Opfer der Politik. Dabei begutachtet er nicht sein Bedürfnis, daraufhin, was er an Lebens- und Studienmitteln braucht, um seine Wissbegierde zu befriedigen, sondern vergleicht bloß seine Lage mit der von anderen und jammert darüber, dass seine noch schlechter ist. Konsequenterweise fängt er sich mitunter auch die Retourkutsche ein, dass er sowieso froh sein sollte, weil’s ihm ja immer noch viel besser ginge als dem großen Rest der Menschheit. Aber den Studenten braucht das gar nicht zu kümmern, denn von seinem Bedürfnis spricht er sowieso nicht. Er hat nämlich kein Bedürfnis, sondern ein Recht und selbst dieses Recht nimmt er nicht persönlich in Anspruch, sondern erklärt es zum Recht der Gesellschaft an wissenschaftlichem Nachwuchs. Indem er sich als Opfer fühlt, streicht der Student seine gesellschaftliche Rolle heraus und erklärt sein Anliegen zur gerechten Gegenwehr gegen einen Rechtsbruch.

Des Wohlwollens der Öffentlichkeit kann der Student sicher sein, solange er auf seinem Nutzen für den kapitalistischen Standort beharrt. Ernst genommen wird er deswegen nicht. Denn die staatlichen Organe haben sich ja ausdrücklich entschieden, trotz der gewaltigen Nützlichkeit der Akademiker, jetzt mal mit etwas weniger auszukommen und der demokratischen Öffentlichkeit leuchtet ein, dass das damit eingesparte Geld nicht zu Lasten des Standorts geht.

Dieses studentische Treiben, trotz aller Beteuerungen der Funktionäre, es wäre nur taktisch gemeint, reproduziert all die landläufigen Ideale über Student und Universität. Eine nützliche Funktion hat die Universität ohne Zweifel für die bürgerliche Gesellschaft; aber eine andere, als der Student so meint. Sich so richtig nützlich zu machen, schafft jedenfalls weiten Raum für nationale Verantwortung.

Wie man’s dreht und wendet, immer steht der Student vor dem gleichen Problem: Wenn’s mit dem Studium nicht hinhaut, dann wird’s weder was mit dem gesellschaftlichen Nutzen, noch mit dem dicken Gehalt. Und ob das Studium was getaugt hat, stellt sich erst heraus, wenn es in einen gutbezahlten Job gemündet ist; ansonsten war es nämlich für die Katz. Er stellt sich also die Frage:

Genügt das Studium als Vorbereitung auf den Beruf?

Natürlich genügt es nicht. Jeder Student weiß das. Ohne praktische Erfahrung, ohne Praktika und ohne die Kontakte, die man während des Studiums sich aufbauen muss, kommt man – die Spatzen pfeifen es von den Autodächern – aus dem Elfenbeinturm nicht heraus; ihn hinauf aber auch nicht. Das Studium ist eine Zeit, in der ein Student an sich arbeiten muss, um sich eine gesellschaftsfähige Persönlichkeit anzulegen. Um berufsfähig zu sein muss man wissen, wie man zur Verfügung stehendes Menschenmaterial nutzbringend verwertet (soziale Kompetenz), wie man ohne Arschkriecherei passgenau tut, was erwartet wird (Teamfähigkeit) und dass man sich wegen Mobbing nicht gleich vor die S-Bahn wirft (Fähigkeit zu Selbstkritik). Weil’s trotzdem hinten und vorne nicht zu einem erträglichen Leben reichen wird, muss man lernen, damit seinen Mitmenschen nicht auf den Wecker zu fallen und seine Arbeitsfähigkeit trotzdem sicherzustellen (Selbstorganisation). So wird Überleben zum Wert und das Interesse des Lohnempfängers an einem kleinen Aufschub fällt in eins mit dem seines Arbeitsplatzgebers – weshalb der Existenzgründer  zur Obsession verkrachter Existenzen wird.

Dennoch ist das Studium dem Studenten nichts andres als Berufsausbildung. Klar, sein Fach studiert er irgendwie aus Interesse, schließlich hätte er auch Jura statt Informatik oder Informatik statt Medizin studieren können. Oder Hethitologie, was aber kaum einer macht, denn: ›Was willst du damit mal anfangen?‹

Die Universität erfüllt also für den Student nicht den Zweck, den er sich ausgemalt hatte. Dass zu den Voraussetzungen für berufsmäßiges Schaffen neben den nötigen Kenntnissen auch die Konditionierung gehört, die der Student schon aus Schule, Elternhaus und Kriegsdienst kannte, ist das eine. Das andre ist, dass die Hochschulen nie Vorbereitung für gesellschaftlich wichtige Jobs sein wollten, sondern der personellen und ideologischen Reproduktion des Gesamtkapitals dienen. Die nötigen Jobs konnten bisher noch allemal besetzt werden, und wenn’s man Engpässe gab, wie bei den Computerfritzen, dann wurden geeignete Maßnahme ergriffen – solche, um dem Markt der Arbeitskräfte ausreichend Material zur Verfügung zu stellen, nicht um die Träume der Nachwuchsinformatiker wahr zu machen.

Die traurige Figur, die der Student macht, ist die Form, in der sich die universitäre Verarbeitung des gesellschaftlichen Nachwuchses darstellt. Die wenigen die ›es‹ schaffen sind die Elite, zu der eine Gesellschaft von kleinen Spießern und Rassisten es allemal noch bringen kann. Sie sitzen also tagein, tagaus vor flimmernden Bildschirmen, aber im Bewusstsein einer anspruchsvollen Aufgabe, die nicht ›jedermann‹ übernehmen könnte, bringen als Lehrer dem Nachwuchs das nötige bei (und jeder kennt sie noch, aus seiner Schulzeit und aus dem Proseminar, diese eingebildeten und unfassbar dämlichen kleinen Wichte), betreuen als Sozialpädagogen die durchs Raster Gefallenen oder als Verwalter & Manager ihresgleichen. Viele schaffen es aber nicht. Und ich rede nicht von denjenigen, die gar nicht erst die Chance bekommen, weil sie die falsche Hautfarbe haben, oder trotz richtiger Hautfarbe schon vor dem Abi zum Ausschuss geworfen wurden. Ich rede von denjenigen, die ihre Chance bekamen und sich damit abfinden, eben nicht zur Leistungselite zu gehören. Für sie gilt:

Keine Panik!

Das ist das Mantra des akademischen Lehrlings: »Bloß locker bleiben! Keine Panik!« Warum eigentlich keine Panik? Weil alles nicht so heiß gegessen wird, sagt der alte Herr, weil’s nicht so schlimm kommt, wie man dachte, weil der ein oder andere Hammer der Studienordnung den Nagel noch nicht so ganz auf den Kopf trifft. Darum keine Panik? Denn es könnte ja noch schlimmer kommen? Es sei nicht so einfach, aber man könne sich schon durchbeißen.

Auch das hat der Student einzuüben: Die Technik des zivilgesellschaftlichen Vergleichens und den richtigen Umgang mit den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft. Dass es zum Vergleich allemal eines Vergleichsmaßstabs bedarf – eines Dritten, an dem der Vergleich durchgeführt wird –, das ist eine Erkenntnis, die verlernt werden will, um tauglich fürs bürgerliche Leben zu sein. So stellt er lauter leerer Vergleiche an, mit dem Malocher der am Fließband steht, mit der Friseuse, die mit ihrem kümmerlichen Gehalt auskommen muss, mit den Asozialen, die ihm ein warnendes Beispiel sind (obwohl er nicht weiß, wofür); und wenn’s ganz dicke kommt, dann kann man sich gar noch mit afrikanischen Hungerbäuchen vergleichen, oder südamerikanischen Bauern im Einsatzgebiet paramilitärischer Banden, um festzustellen: ›So schlecht geht’s mir doch gar nicht!‹ Damit meint er aber nur, dass er nicht tauschen möchte; und weil das niemand von ihm verlangt hat, sind die Voraussetzungen zu einer wunderbaren Freundschaft mit einer solch toleranten Gesellschaft gegeben. Der Student hat gelernt, wie demokratische Willensäußerung funktioniert: rein subjektiv, als Meinung; und was unter den Tisch fallen muss: der Grund dafür, warum die ganzen verglichenen Grüppchen so behandelt werden und die Erkenntnis, dass diese Behandlung vielleicht in allen Fällen zu kritisieren ist. Der persönlichen Zufriedenheit wäre es auch abträglich, weil sonst offenbar würde, dass trotz des guten Abschneidens in der dämlichen Vergleicherei, der individuelle Wille, also die Bedürfnisse des Konkurrenzsubjekts notwendig auf der Strecke bleiben. Andersrum funktioniert der Vergleich übrigens genauso. Beim Durchmustern der näheren und ferneren Umgebung findet das bürgerliche Subjekt dann auch solche, mit denen es ganz gerne tauschen würde. Diese Entdeckung macht es zum Moralisten, der entweder vergleichbare Verhältnisse für sich als Recht einklagt oder zumindest seinem Neid dadurch Abhilfe verschaffen will, dass er den anderen ihr Recht auf das größere Stück am gesellschaftlichen Reichtum abspricht.

Mit den Zwängen der Verhältnisse, die sich der Student nicht erklären will, lernt er dennoch umzugehen, wie es sich gehört: Er macht die Zwänge zum Mittel seines Fortkommens. Woran seine Bedürfnisse ihre Negation erfahren, ist ihm nicht Gegenstand seiner Kritik, sondern Baustein seines Konkurrenzerfolgs. Studienplatzbeschränkungen werden so vom Ausschluss aus wissenschaftlicher Tätigkeit zur Maßnahme gegen ein niveauloses und überlaufenes Studium. Wird eine Hürde genommen, so gilt das als Erfolg, obwohl es mit dem Inhalt des Studiums, ein paar richtige Sachen über seinen Gegenstand zu erfahren gar nichts zu tun hat.

Je mehr Zwängen der Student unterworfen ist, desto mehr Chancen sieht er sich gegenüber; denn jeder Zwang ist eine Aufgabe, die er meistern kann. Und – wie wir gesehen haben – andren geht’s nach noch weit schlechter. Der Student findet sich also damit ab, Student zu sein.

Das studentische Leben

Obwohl die wenigsten Studenten aus Arbeiterfamilien stammen, liegen ihre finanzielle Verhältnisse regelmäßig selbst unter dem, womit ein Prolet auskommen muss. Zu den Konsumbürgern gehört der Student nur ideell. Sowohl seine Vergangenheit, auf die er sich verlässt, wenn der Konkurrenzerfolg ausbleibt, als auch die Zukunft, die er sich erträumt, widersprechen seiner materiellen Lage. Tagsüber blinzelt er in einen Bildschirm, der allen Arbeitsplatzbedingungen Hohn spräche, nachts sitzt er in einer Kneipe und lässt sich von einer Studentin bedienen, die gerne mit ihm Platz tauschen würde. So hat der Student Anteil am prekären wie am ordentlichen Leben und nimmt somit die Einheit vorweg, die er im pflichtbewussten Konsumbürger findet.

Die zwei autoritärsten und repressivsten Institutionen der Gesellschaft, Elternhaus und Staat, sind es, die ihm allenfalls eine Ausflucht aus der materiellen Armut bieten. Die Freiheit, die ihm diese Autoritäten ermöglichen, ist entsprechend beschaffen, denn der Student reproduziert freiwillig selbst die Zwänge, denen er nicht unterworfen ist. Auch der studentische Fleiß hat seine Geschäftsstunden und erst nach vollbrachtem Tagewerk gönnt sich der Student auch mal ›was‹  ohne es zu übertreiben. Denn die Freizeit gilt es effizient zu nutzen. Weil der Student weiß, dass sein Schuldbewusstsein willig, sein Geist aber schwach ist, seufzt er zwar bei jeder weiteren Verschulung und jeder Erweiterung der Studienordnung, sieht aber ein, dass er es ohne ausreichenden Druck zu nichts brächte. Jede Prüfung und jede Pflichtveranstaltung ist ihm Hilfe, seinen inneren Schweinehund zu überwinden. Jeder Mitstudent, der auf der Strecke bleibt, wird zum Beispiel für die Naivität einer Studienordnung, die meint, man könne die Menschen sich selbst überlassen.

Die akademische Ausbildung vermittelt nicht nur Expertenwissen an die jeweils zukünftige Generation von Fach- und Führungskräften, sondern konditioniert sie auch für ihre Aufgabe in der Gesellschaft. Wer sich der Sorge um die Nation praktisch anzunehmen hat, muss beizeiten lernen diese Sorgen sich selbst zum Anliegen zu machen und als ›Problem‹ zu behandeln, das es von allen Seiten zu durchleuchten gilt. Es gibt nichts, was nicht zum Gegenstand der studentischen Diskussion werden kann, die sowohl der Theorie als auch der Praxis gerecht wird; stets ist alles differenziert zu betrachten und dann zu reflektieren, was man denn nun tun könne – einzig Grund und Zweck einer Sache interessieren den Studenten nicht. Diese intellektuelle Borniertheit kann man nicht lernen, man muss sie einüben. Dazu dient das Initiationsritual, das die Studienjahre darstellen. Auch für die kommende Elite ist der Dienst am Vaterland kein Zuckerschlecken. Opfer müssen von allen gebracht werden. Im studentischen Milieu wird das Ungemütliche verklärt  die Burschenschaften sind da nur ein besonders schlagendes Beispiel – und später wird es wehmütig erinnert und vergegenwärtigt. Die Armut auf Zeit macht dem Reichtum der Nostalgie Platz. Weil es im eigenen Studentenleben immer so unerträglich langweilig zuging, bereitet eine ganze Sparte der Kulturindustrie Studentenulk, Kommuneleben und revolutionäre Demo so gut auf, dass man im Rückblick immerhin ideell mitgelaufen sein kann. Allzu bescheiden darf der Student nicht sein, denn die Kultur der Elite lebt vom Mitmachen; dass man sich schon ein bisschen mehr herausnehmen darf als andre – auch das will geübt sein. Egal wie spießig der ehemalige Student gelebt hat, er hat bewiesen, mit wie wenig er auskommen kann. Von der Pike auf, hat er seine gesellschaftliche Verantwortung gelernt und wer kann es ihm ankreiden, dass er anschließend was aus sich gemacht hat?

Vorerst muss der Student aber damit fertig werden, dass sein Geld für die Miete nicht reicht, sich dem Stress aussetzen, schwarz zu fahren und Bücher zu klauen – und der billige Rotwein schmeckt nach einiger Zeit auch zum Kotzen. Sein Elend verklärt der Student zur Boheme. Und schon fühlt er sich Baudelaire näher als dem Bauarbeiter, der in am Vormittag aus dem Bett hämmert, oder dem frühmorgendlich zu Arbeit eilenden Bankangestellten — deren Ideologien er im übrigen teilt, nur durch die Illusion um seine Lage noch ergänzt. Auch wenn er arbeitet, gilt sich ein arbeitender Student doch als was ganz andres als ein studentischer Arbeiter. Denn er weiß, es ist nur auf Zeit. Vom Zimmerchen in der WG wird er mal seinen Kinder erzählen.

Der Student lebt getrennt von seiner ökonomischen Realität. Freilich nur in seiner Einbildung, die daher den Charakter fortgesetzter Infantilität erhält. Als Idealist erreicht der Student die Aufhebung seiner miesen Verhältnisse in seiner Phantasie oder erträumt sie sich von seiner Zukunft. Indem er so jeden Versuch negiert, das Elend aller aufzuheben und sie von der Diktatur ihres materiellen Seins zu befreien, ist der Student der geborene Konterrevolutionär. Denn auch zum Revolutionär bringt er es nur in seiner Einbildung. Ohnehin schon mit den Problemen der Nation per du, lässt der revolutionäre Student als Idealist die Besinnungsaufsätze und Fachsimpeleien in der Kneipe hinter sich und entwirft ein Programm zur Rettung der Menschheit, oder zumindest der Nation, ganz sicher aber des Volkes. Sobald die Massen sich über ihre objektiven Interessen klar geworden sind, winkt ihm – als praktischem Apologeten der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit – eine verantwortungsvolle Kaderposition in der neuen Gesellschaft. Daher die Avantgardefunktion der Studenten. Aber darüber lacht man heute nicht einmal mehr.

Ideal und Wirklichkeit der Universitätsausbildung

Wer sich an einer Universität einschreibt ist dem Hort der Aufklärung nahe, dem Ort an dem geforscht wird, an dem Wissenschaft betrieben wird, an dem der Wissenschaftler sich mit der Wahrheit herumschlägt und in einsamen, objektivem Streben nur dem Gegenstand auf der Spur ist. Wer sich eingeschrieben hat, wird von überfüllten Hörsälen und Seminare, verschulten Studiengängen und Prüfungen am laufenden Fließband empfangen.

Wer sich an einer Universität einschreibt, durchläuft die Institution, die ihn für die Jobs der Elite qualifiziert, die ihn für die hochbezahlten und kreativen Jobs ausbildet und die ihm die Chance gewährt nicht zu nachtschlafender Zeit am Fließband antreten zu müssen. Die ausgebildeten Akademiker saßen aber schon in den siebziger Jahren um Taxi und heute im Call-Center.

An diesem Missverhältnis von Traum und trauriger Realität entzündet sich die Dialektik studentischer Politik. Der Student, der erfährt, dass die Institution, der er sich verschrieben hat, gar nichts unternimmt, um seine Sehnsüchte zu befriedigen, unternimmt es – nicht die triste Wirklichkeit zu ändern, sondern sich an diese Wirklichkeit anzupassen. So haben die Studenten sich eifrig daran abgearbeitet, die Krise der Universitäten zu lösen, um sie mit den veränderten Anforderung des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in Einklang zu bringen. Damit verschwand der unabhängige Schein des universitären Institutionen und die Ausbildung der herrschenden Klasse ging über in die Ausbildung für die herrschenden Produktionsverhältnisse. Weil die Nation heute nicht an einem Mangel von Akademikern darbt, sondern der Staat jede ausgegebene Mark daraufhin überprüft, ob sie den Konkurrenzvorteil der Nation sichert, qualifiziert sich der Student als harmloser Phantast, disqualifiziert sich aber gleichzeitig für die Betreuung des Standort, der ihm so am Herzen liegt. Der Student, immer schon unter dem Niveau der Geschichte stehend, fällt nun auch noch unter das Niveau der kapitalistischen Ideologie.

Das Verhältnis zwischen Student und Universität ist also ein recht getrübtes. Einerseits ist sie der Ort der Wissenschaft und die Chance auf Karriere, andrerseits gilt beides für den Studenten erst mal nur der Möglichkeit nach und schließlich überhaupt nur noch, weil er sich ›Wissenschaft‹ und ›Karriere‹ entsprechend zurechtdefiniert. »Bildung ist Selbstbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Bildung ist für mich keine Ware die gehandelt werden kann, sondern ein Grundrecht, das allen Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zur Verfügung gestellt werden muss.« (Jörg Tauss, bildungspolitischer Sprecher der SPD Bundestagsfraktion) Weil das ökonomische System aber die massenhafte Herstellung von ungebildeten und zum Denken unfähiger Studenten verlangt, hält sich der persönliche Nutzen, den der Student von seiner Ausbildung davontragen könnte, in den immer enger werdenden Granzen des Bundesausbildungsförderungsgesetzes.

Das Elend des studentischen Bewusstseins ist seine Unfähigkeit, mit seiner gesellschaftlichen Verantwortung, also mit seinen Studien zu brechen. Wie jedem Staatssubjekt ist ihm die Frage fremd, was das eigentlich für eine Sache ist, mit der er sich abzugeben und für die er sein Leben hinzugeben hat. Weil es nun mal sei, müssen man auch sehen, wie man das beste daraus mache – und über diese Frage kann man ein ganzes Leben persönlicher Kalkulationen und moralischer Reflexionen zubringen. Weit bornierter als der Prolet, glaubt der Student aber, die ganze Welt drehe sich um ihn. Die Frage, wozu die Universitäten überhaupt da sind, beantwortet sich ihm damit von selbst. Weil sie sich ihm falsch beantwortet, kann er auch auf die Idee kommen, die erfülle ihre Aufgabe gar nicht oder zumindest schlecht.

Verlassen wir nun die Welt der studentischen Wahnideen und machen uns selbst an die Frage: Was ist eigentlich die Aufgabe der Hochschule? Welche gesellschaftliche Verantwortung hat die Universität?(fb)

 

(Der Text ist Manuskript eines Vortrags, der für den  AK Gewerkschaften auf dem Erstsemestertag der Uni München gehalten wurde.)

Literaturhinweis

»Der Traum von der gerechten Universität«; in: Streitblatt N° 5, Januar 2000.

 

 

Wird fortgesetzt!


www.streitblatt.de, Mai 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de