Wir sind die Besten der Welt

(Bild, 25.02.02)

Interpretative Erläuterungen zum Augenzeugenbericht

Bevor er ein freies Zimmer in einem der letzten besetzten Häuser bekam, wohnte Francesco einige Zeit in einer WG in Berlin-Friedrichshain, in der ich selbst ab und an zu Besuch war. Da mich sein Lebensstil interessierte, führten wir öfters mal stundenlange Diskussionen in der winzigen Küche. Francesco war fest integriert in die autonome Gemeinde Friedrichhains beziehungsweise Friedrichhains oberhalb der Frankfurter Allee, unterhalb befindet sich ein autonomer Nachbarkiez, in den man manchmal auf ein Bier runter ging. Aber meistens blieben die knapp 20jährigen Punks und Kapuzenträger in ihrem Carée, schliefen tagsüber und gingen mit Anbruch der Dunkelheit in die Volxküche um die Ecke und dann in ihre Kellerdisse. Die von ‚Unterfriedrichshain‘ kamen nie hoch.

Francesco kam aus Mailand aus strengen gutbürgerlichen Verhältnissen, er war nach der Schule nach Berlin gekommen um abzuhängen. Jetzt war er Teil der autonomen Familie in Friedrichshain, kannte allen und jeden, war stolz auf seinen Iro und hatte einen süßen punkigen Freund, aber im Grunde war sein Leben elend. Er war nicht krankenversichert und bekam einmal so furchtbare Zahnschmerzen, daß er sich überlegte, für ein paar Tage nach Mailand ins geordnete Leben zurückzukehren. Er ernährte sich von Eintöpfen und luftig leichten Schrippen, die er immer noch irgendwo billiger fand als in der Bäckerei unten im Hause. Nicht einmal nach Kreuzberg 36, dem Vorbild autonomen Lebens in der alten BRD, fuhr er oft. Selten eben auf ein Bier in einer Traditionskneipe in der Gneisenauerstraße, aber das mußte er sich dann wieder vom Mund absparen. So ging er jeden Abend auf seine Tour durchs Viertel mit der langweiligen Routine eines Rentners. Manchmal kamen Fremde in die zusammengezimmerte Bar im Hof eines der besetzten Häuser und die wurden dann schon genau unter die Lupe genommen. Die Bedrohung nämlich, welche die Familie unter anderem zur Familie machte, waren nur vage die braven Bürger - die in Friedrichshain nunmal andere waren als am Potsdamerplatz oder in Dalem-Dorf - sondern Polizei in Zivil und mit Schlagstock und die Rechten aus den angrenzenden Ostvierteln Lichtenberg, Hellersdorf und Marzahn. Kamen die Rechten mal auf einen Mordversuch vorbei, dann warfen in der nächsten Nacht Autonome Stinkbomben in eine rechte Kneipe im rechten Viertel. Auch wenn die schnauzbärtigen Zivilen in abgewetzten Lederjacken da nicht viel Unterschied machten, vertraten Punks und Abtrünnige ungeahnten moralischer Anstand. Überhaupt blieb ihre autonome Gemeinschaft letztlich eine moralische Alternative zur bürgerlichen, man empörte sich statt zu erklären, man dachte in Parolen und sicherlich gab es außer ständigem Mißtrauen gegenüber Fremden auch Mittel und Anwendung sozialer Sanktionierung. Ein Gartenzwerg-Kollektiv, daß gegen eine solche Bezeichnung bestimmt ziemlich beleidigt protestiert hätte.

Was nun ist der Unterschied zwischen Volkskollektiv und Volxküchenkollektiv? Im wesentlichen das „x“ könnte man sagen. In der Tat hat sich in beiden Fällen - wenn auch bei beträchtlichem Größenunterschied - ein Kollektiv erfunden, dessen Ränder sozial definiert und kontrolliert sind und das einen ideologisch-moralischen Konsens vertritt. Das Kollektiv ist ein solidarischer Zusammenschluß gegen bedrohliche Kräfte. Natürlich ist der bestialische Stiefelnazi für den in die Ecke getriebenen Punk eine Gefahr für Leib und Leben, der vietnamesische Asylbewerber aber für den Bildzeitungsabonenten keineswegs. Hierbei muß man für einen Moment von der tatsächlichen Gefahr selbst absehen und sie als Gefahr für das Kollektiv betrachten. Die Gefahr bedroht die Gruppe als Ganzes, ihren Aufbau, ihre Moral und ihre Zukunft. Und beide Kollektive, Volk und Volxküche, sind in Prinzip und Programm Reaktionen auf die globale freie Marktwirtschaft, sei es um sie gar nicht erst entstehen zu lassen, sie abzuwenden, auszugleichen oder in ihr als Volk zu gewinnen oder eben um ihr aus dem Weg zu gehen, so weit das möglich ist.

„[D]as ist noch nicht antisemitisch, aber diese Kritik ist sich mit der antisemitischen Volksreligion der Deutschen zu 95% einig.“

Es geht also zunächst tatsächlich nur darum aufzuzeigen, daß Gruppen-Identitäten strukturell ähnlich sind, oder anders ausgedrückt, egal, was sich Moral-Kollektive auf die Fahnen geschrieben haben, sie bleiben Moral-Kollektive (gut versus böse, gleich versus anders) und sie schwenken Fahnen.

Erstaunlicherweise treffen sich dann rechts und links und Feuilleton wieder im Antiamerikanismus. Es bleibt ein kleiner Schritt von unkontrolliertem Unilateralismus und spekulativem Turbo- oder eben Ostküstenkapitalismus hin zum Antisemitismus. Letzteres muß man nicht aussprechen, aber diejenigen, die es aussprechen, gehen mit den anderen ein Stück des Weges gemeinsam. Nicht umsonst setzen Querfrontstrategen auf ein Zusammenrücken gegen eine gemeinsam wahrgenommene Gefahr.

Was nun die Linke (allen voran die trotzkistische) gerne übersieht, ist, daß emanzipatorische Bewegungen in der globalisierten Welt sich nicht von der Nation trennen wollen und daß dies nicht irgendwann schon überwunden werden wird, sondern daß der Angriff auf das nationale Kollektiv dieses zusammenschweißt und als Nation oder Volk reagieren läßt. Die Linken schwimmen da oft obenauf und nutzen die nationalistische Welle der Empörung in der Hoffnung auch nach ihrem Abebben am Ball zu bleiben. Solche Phänomene sind wirklich weltweit und vor allem seit der Dritten-Welt-Bewegung bis heute offensichtlich, sie lassen sich in Argentinien, Jugoslawien, Griechenland, Palästina, Nordirland, Zimbabwe, Eritrea und sonst wo aufzeigen. Und in Deutschland natürlich.

Dabei sind solche ‚we-groups‘ zweischneidig. Gemeinsam wird reagiert und für ein besseres Leben der Mitglieder mobilisiert - alle Mitglieder sind in ihrer Mitgliedschaft gleich. Eine individuelle Befriedigung ihrer Bedürfnisse wird also nicht angestrebt, sondern von vorneherein verhindert. Allen gemeinsam ist der Anspruch auf Gleichheit innerhalb der Gruppe. Wer fordert und nimmt, was er braucht, der geht zu weit, bricht aus seiner Mitgliedschaft Gleichzugerichteter aus und stellt die Gruppe in Frage, was nicht zugelassen werden darf. Hätte Francesco sich in der Volksküche über den veganischen Linseneintopf beschwert, dann wäre ihm wohl erwidert worden: Das essen wir alle hier, geh doch, wenn‘s Dir nicht paßt! Hätte er statt Pali-Tuch ein T-Shirt mit israelischer Flagge getragen, hätte er wohl mit Anfeindungen rechnen müssen.

Wer sich den Sozialismus also als Plattenbau vorstellt und die Befreiung von Imperialismus und globaler Marktwirtschaft als revolutionären Volksstaat, der hat eine recht ärmliche Vorstellung, von dem was möglich sein sollte.

(#7)


www.streitblatt.de, Mai 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de