Sicherheitskonferenz in München - 1.-3.2.2002

Ein Augenzeugenbericht.

 

Eislaufen ist nicht schwer, das braucht man nicht erst groß zu lernen. Wer auf Schlittschuhen steht und nicht auf die Nase fallen will, muss ganz natürliche Bewegungen ausführen, sich nicht gegen das Rutschen stemmen, sondern sich in jede Bewegung hineinlegen. So ist das Eislaufen ein einziges Fallen.

Klar, wenn man Pirouetten drehen und Schrauben ziehen will sieht die Sache etwas anders aus. Diese Kunststücke werden daher auch häufiger von geübten Schlittschuhläufern, wie z.B. Olympiateilnehmerinnen, vorgeführt als von Anfängern. Die höchste Stufe oder Krone des Eislaufs ist der Pflichtlauf, dessen Reinheit und Schönheit dem ungebildeten Mob der Zuschauer jedoch meist verborgen bleibt. Aus nur vier (!!!) Grundfiguren (dem Vorwärts-einwärts-, Rückwärts-einwärts-, Vorwärts-auswärts- und Rückwärts-auswärts-Bogen) werden 69 (!!!) Figuren kombiniert, die dreimal in Folge möglichst identisch aufs Eis gezeichnet werden. Nehmen wir uns hier Klopstocks Mahnung zu Herzen:

 

So gehen wir den schlängelnden Gang

An dem langen Ufer schwebend hinab.

Künstle nicht! Stellung, wie die, lieb' ich nicht,

Zeichnet dir auch Preisler nicht nach.

 

Am 2.2.2002 trafen sich alle Münchener Freunde des Eislaufs zur zugleich geistigen und körperlichen Entspannung auf dem Marienhof. Nur die blauen Plastikplanen waren etwas albern. Urania Windtänzer habe ich nicht gesehen.

 

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Immediate incapacitation is only achieved by destroying the spinal column above the second or third thoracic vertebra (above the shoulder blades) or inflicting severe injury to the brain stem (medulla oblongata) or the neural motor strips on either side of the brain.

 

When a bullet strikes these areas the target will collapse instantaneously ‑ as if poleaxed. Except at short range ‑ for this purpose a hundred yards or less ‑ immediate incapacitation cannot be guaranteed from even the best marksman. Consequently, this is a major reason why paramilitary snipers must operate at much closer ranges than conventional snipers. (Adrian Gilbert, Sniper, the skills, the weapons and the experiences)

 

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Frage: Sie waren am Samstag in München, als die Proteste gegen die Wehrkundetagung stattfanden. Gegen wen richteten sich die Proteste?

Antwort: Das ist nicht ganz einfach zu sagen, weil sich die Demonstranten, wie auch die vorbereitenden Gruppen mit den Inhalten der Sicherheitskonferenz gar nicht beschäftigten. Beschäftigt haben sie sich ‑ neben dieser Demokratiesache – mit der amerikanischen Weltpolitik. Krieg in Afghanistan weil die Amis da eine Pipeline bauen wollen – auf diesem Niveau bewegt sich die Analyse. Die Proteste auf der Straße waren wesentlich antiamerikanische Proteste.

F.: Aber genau das ‑ die US-Militärpolitik ‑  war doch auch der Schwerpunkt der Konferenz. Wie können Sie da sagen, die Demonstranten hätten sich damit nicht befasst?

A.: Hätte dieser antiamerikanische Protest stattgefunden angesichts der Befassung mit der Sicherheitskonferenz, auf der Gegensätze zwischen Europäern und Amis ausgetragen wurden – oder besser: angedeutet wurden, es gab ja nichts zu beschließen ‑ wäre es richtig, die Demonstranten Fußtruppen des deutschen Imperialismus zu nennen. Das sind sie aber nicht und das sollte man ihnen auch nicht unterstellen. Worum es sich bei den Demonstranten handelte, waren deutsche Bürger mit der dazugehörigen Friedenssehnsucht. Der heftig gepflegte Mythos, die Demonstranten seien eine radikale Opposition gewesen, die dennoch bei den Münchener Bürgern ob des überzogenen Polizeieinsatzes Zuspruch bekommen hätten, dreht die Wahrheit schlichtweg um. Opposition, die ja immer innerhalb des Systems verankert ist, hat gar nicht stattgefunden: Kritik an den Amis ist, von Links bis Rechts deutscher Konsens, ebenso die Warnung davor, Steuergelder zu verschwenden und die Ablehnung von Terrorismus, gegen den man aber möglichst diplomatisch vorgehen müsse.

Aufschlussreich sind die Ausführungen der Informationsstelle Militarisierung (IMI), von der der BUKO seine Hintergrundinformationen bezieht. Da wird zunächst dargestellt, dass die deutschen Kriegseinsätze tatsächlich Kriegseinsätze mit allem drum und dran sind – wobei fraglich ist, inwieweit das noch eine Überraschung, geschweige denn eine Aufdeckung ist, in einer Situation in der die politische Öffentlichkeit ständig diskutiert, über die Verantwortung, die wir übernehmen müssen. Das mündet dann aber alles in die Frage: »Welche Rolle sollen die Bundeswehrsoldaten spielen? Sichern sie die bombenden Truppen der Kriegspartner ab oder beteiligen sie sich in einer zweiten Phase selbst am direkten Krieg? Es ist alles möglich.«[1] Es mündet in die alte deutsche Friedenssehnsucht und in die Sorge, deutsche Soldaten würden für amerikanische Interessen verheizt. Es ist bezeichnend, dass Kriegseinsätze immer unter dem Gesichtspunkt kritisiert werden, dass sie sich für uns nicht lohnen – sei’s weil die friedliche Gemütlichkeit flöten geht, sei’s weil unsre Jungs draufgehen, sei’s weil wir unsere Freunde vor Ort vergraulen ‑, dass man aber eine Kritik der deutschen Weltpolitik, zu der Militäreinsätze notwendig gehören, mit der Lupe suchen muss. Andrerseits fehlt nie der Hinweis, wie gefährlich die amoklaufenden Amis sind – »für uns« ist da immer gemeint ‑, selbst wenn es gar nicht so scheint: »Die US-Regierung strafte viele, die einen sofortigen Krieg befürchtet hatten, Lügen. Die US-Regierung schlug nicht gleich militärisch zu. War das Vorgehen der US-Regierung also Besonnenheit? Eher nicht.«[2]

F.: Da gab’s aber nun auch einige, die ein wenig grundsätzlichere Einwände hatten.

A.: Nein, tut mir leid. Was einzelne Leute sich dabei gedacht haben ist gänzlich irrelevant. Die Demo hat sich gegen die Sicherheitskonferenz und die US-Politik gerichtet. In der BUKO-Presseerklärung war zu lesen: »Die NATO ist kein Verteidigungsbündnis, sondern hat die Aufgabe, die ökonomischen und politischen Interessen der NATO-Staaten ihrer Mitglieder militärisch abzusichern. Mit der neuen NATO-Doktrin hat sie sich 1999 selbst dazu ermächtigt, in der ganzen Welt militärisch zu intervenieren, sofern ihre Interessen als bedroht angesehen werden. Die nächsten Militäraktionen werden jetzt schon vorbereitet, wie die Drohungen der us-amerikanischen Vertreter Wolfowitz und McCain gegen den Irak auf der Militärkonferenz zeigen.« Kampf gegen Terror = US-Imperialismus war die Parole. Und damit unterscheiden sich die Demonstranten, vielleicht abgesehen von der Wortwahl, nicht von dem, was ohnehin jeder in Deutschland glaubt. Wenn die Natokritiker die Bundesregierung ausgerechnet wegen ihrer vorgeblichen ›bedingungslosen Solidarität‹ kritisieren, nehmen sie Partei für den alternativen Imperialismus der BRD. Die Differenz zwischen Friedensbewegung und deutschem Staat ist endgültig verschwunden.

F.: Da hat der Staat dann aber offenbar ganz sonderbar reagiert, nicht?

A.: Nein, das ist nämlich der zweite Irrtum. Die Münchner Bürger hatten einiges an Sympathien für die Demonstranten, weil sie ebenso gute Nationalisten sind. Wofür sie keinerlei Sympathien hatten, waren ›Gewalttäter‹.

F.: Davon gab’s aber nun recht wenig.

A.: Gewalttäter müssen nicht mit einer Waffe durch die Gegend laufen; sie sind ein Synonym für Störer. Diesen Obrigkeitsstandpunkt haben nämlich die Bürger drauf, höchstwahrscheinlich in ihrer großen Mehrheit, und es ist sowieso der genuine Standpunkt der Polizei. Dazu können wir mal die ganzen schönen Sozialkundeweisheiten vergessen, von wegen Recht auf Meinungsäußerung und besonderer Schutz der Versammlungsfreiheit etc. Egal wie das mal gemeint sein gewesen mag, werden solche Rechte heute nur mehr als Kollektiv-, nicht mehr als Individualrechte geschätzt. Individuell an ihnen ist nur mehr die Bescheidenheit der Individuen, die solches Recht, das nichts anderes ist als der Verzicht des Staates in bestimmten Umständen Gewalt und Zwang auszuüben, schon für Freiheit halten. Bloß kollektive Geltung haben diese Grundrechte, weil sie von der pluralistischen Öffentlichkeit heute nur noch anerkannt werden, wenn sie sich lohnen für ein (relevantes) Kollektiv – sonst ›verwirkt‹ man diese Rechte nämlich.

Demonstrationen sind aus diesem Gesichtspunkt natürlich ziemlich sinnlos. Wenn sie nicht sinnlos sind, dann sind sie Störungen, die die öffentliche Ordnung durcheinanderbringen. Potentielle Störungen sind Demonstrationen immer, schließlich entziehen sich die Leute damit, das ist das Wesen einer Versammlung, teilweise dem staatlichen Gewaltmonopol. Dass diese Menschenansammlung unkontrolliert reagieren könnte, handelt einer jeden Demonstration ein recht grundsätzliches Misstrauen von Seiten des Staats ein, das sich in Zivilbullen, Dokumentationstrupps und paramilitärischer Ausrüstung der Polizei niederschlägt.

Und dieser Ordnungsstandpunkt hat den Münchener Bürgern eingeleuchtet, so sehr, dass sie sich gegenseitig eifrig erklärt haben, dass man sich gegen Gewalt einfach wehren müsse. Das schließt die inhaltliche Übereinstimmung mit den Demonstranten nicht aus; so konnte der größte Hetzer im Vorfeld der Demo, Bürgermeister Ude, nachher feststellen: »Ich frage mich, ob es die Bundesregierung bei der Förderung der Konferenz belassen sollte, wenn sich nichts an deren Inhalten ändert … Meiner Ansicht nach sollte hier nicht nur über die repressive Terrorbekämpfung gesprochen werden, sondern auch über eine faire Weltwirtschaft, den Ausbau der Entwicklungshilfe und die Bekämpfung der Armut.« (Münchener Merkur, 7.2.)

 

 

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Estragon            Ich habe nichts gemacht.

Wladimir            Warum haben sie dich denn geschlagen?

Estragon            Ich weiß nicht.

 

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(München, 2.2, eigener Bericht) Die Münchener Sicherheitskonferenz war von »scharfer Kritik an den militärischen Fähigkeiten Europas« (FR, 4.2.) geprägt. Strittig waren Aufgabe und Politik der Nato, nicht die Militäreinsätze im Allgemeinen. Zwei Positionen stehen sich gegenüber: Die USA klagen eine stärkere europäische Beteiligung ein ‑ »Ex-US-Verteidigungsminister William Cohen wies darauf hin, dass die Bereitschaft der USA, die Europäer in Militäraktionen miteinzubeziehen, geringer werde, je mehr die technologische Lücke zwischen beiden wachse.« (SZ, 4.2.) – während die EU vor Alleingängen der USA warnt und eigene Leistungen möglichst gering halten will: »Schuld an der Technologie-Lücke sei aber auch die fehlende Bereitschaft der USA, den Europäern ihre Militärtechnik zur Verfügung zu stellen.« (SZ, 4.2.) Freilich, davon dass die Europäer ihre Armeen nun einmotten würden, kann keine Rede sein. Vielmehr ist davon auszugehen, dass das Argument der Aufrüstung für den Frieden die zu erwartende Erhöhung der Militärausgaben rechtfertigen wird. Nur sollen diese Ausgaben nicht unbedingt Ausgaben für die Nato sein. Wenn sich Europa schon auf militärische Engagementes einlasse, dann bitte schön auf eigene Regie. In Mazedonien zum Beispiel oder im Nahen Osten, wo die BRD schon seit langem überlegt, wie man Israel dazu bringen kann, sich dem Willen des deutschen Brudervolks der Palästinenser zu unterwerfen.

Überraschend scheinen die Bemerkungen von August Hanning: » ›Wir kennen die Firmen, wir kennen die Hintermänner‹, sagt der Präsident der deutschen Auslandsspionage und deutete an, der Zugriff scheitere eher an politischen Rücksichtnahmen des Westens, etwa auf die neuen Bündnispartner Pakistan und Indien.« (taz, 4.2.) – schließlich waren es vor allem gute Beziehungen zu den Europäern, allen voran den Deutschen, die dem Irak zu Massenvernichtungswaffen verholfen haben. Allerdings zeigt sich in der Äußerung auch die etwas andere Art der Europäer, Weltpolitik zu machen, oder – genauer – eine Herausforderungen an die USA. Grundsätzlich auf militärische Mittel verzichten mag man von europäischer Seite nicht, das hat sich auf dem Balkan mehr als deutlich gezeigt. Wenn aber die USA zu militärischen Mitteln greifen, hat man stets einen Alternativvorschlag zur Hand. Nicht-militärische Ordnungsmacht heißt in diesem Zusammenhang nicht-amerikanische Ordnungsmacht. Ins gleiche Horn stieß auch Schröder, der die USA vor Alleingängen warnte und mehr soziale, materielle und ökologische Gerechtigkeit einklagte. Nicht vergessen werden sollte, dass solche Adjektive immer einer Ordnung beigelegt werden, die aufrechterhalten und zuvor geschaffen sein will. Der Weg dorthin wird über weitere ethnische Parzellierung führen: Schröder will »ein Klima, in dem sich unterschiedliche Kulturen und Identitäten behaupten können« (Schröder in New York).

Hintergrund der zögerlichen Nato-Haltung der Europäer und der lavierenden Ja-Aber-Politik der BRD, ist nicht nur die militärische Zweitklassigkeit des europäischen Militärs, sondern auch der Doppelcharakter moderner Weltpolitik (den Steinzeit-Antiimperialisten leninistischer Prägung nie verstanden haben), die neben der imperialistischen Konkurrenz darum, wer Ordnungsmacht spielen darf auch das gemeinsame Interesse an stabilen und freiheitlichen (!) Zuständen beinhaltet. Richtig krachen wird’s erst, wenn eine der beteiligten Mächte auf die faschistische Option der unmittelbaren Aneignung des weltweiten Reichtums durch Gewalt setzt, also aus der ökonomischen Benutzung des freien Weltmarkts und der Globalisierung ausbricht. Diese Fraktion ist von NPD über Indymedia & Co (sofern konstruktiv) und Grüne (Menschenrechte) bis CSU (Stahlhelm) vertreten – in den arroganten, volksfernen Gremien, in denen Politik gemacht wird, aber noch nicht durchgesetzt.

 

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Der Schliersee liegt etwa 10 Kilometer östlich des Tegernsees, und es gibt vieles wofür diese Gegend nicht berühmt ist.

Um 779 haben irgendwelche Christen am Schliersee ein Kloster errichtet. Von da an ging’s bergab. Die Burg ist 1480 eingestürzt und heute gibt es nur noch Ruinen und einen Friedhof. Hier wohnten der dichtende Jäger Anton von Perfall, dessen Feder wir bezaubernde Pastell aus der Valepp verdanken, und sein Freund Haider. Nachdem der Schliersee im 19. Jahrhundert Ziel drittklassiger Maler wie G. v .Dillis, W. v. Kobell oder Wagenbauer war, ist er heute ein Paradies für Studenten, die den ungehinderten Rundweg am Ufer genießen können. Im Gegensatz zum nahen Tegernsee ist der  Blick auf Schilf, Morast und Kaulquappen nicht durch Bonzenpaläste verstellt. Getier und Gestank gibt’s so früh im Jahr zum Glück relativ wenig; jedenfalls weniger als im Zoo.

Der Schnee, der die Landschaft rund um die beiden Seen verzauberte, ist dem Frühjahr gewichen.  Regen, Schnee und Sonnenschein wechseln sich bis in den April hinein ab. S’Wetter schlagt Purzelbäum. Die letzten Skifahrer sind am Spitzingsee anzutreffen, während im Tal die wärmende Sonne Schneeglöckchen, Anemonen und all die anderen Frühjahrsblüher vom Winterschlaf erweckte. Die Karwoche fällt in diese Zeit und bald wird das Osterfest gefeiert Aber dann ist es nicht mehr lang bis zum ersten Mai...

Wer sich mit seinen eigenen Augen überzeugen will und noch ein Hotelzimmer sucht, kann unter http://www.ruckzuck-schliersee.de/ Rat finden.

 

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Konstantin Wecker: »Bis auf die Tatsache, dass ich wohl gut unter ziviler Beobachtung stand, habe ich mich nicht bedroht gefühlt. Doch die Polizei sah martialisch aus.« (taz, 4.2.)

 

Indymedia: »Der Abbau an bürgerlich, demokratischen Grundrechten erreicht von Tag zu Tag ein immer schauerlicheres Ausmaß. Das Beispiel München hat gezeigt wie dünn die Fassade der freiheitlich demokratischen Grundordnung ist. Mit polizeistaatlichen Methoden sollte Kritik am herrschenden ökonomischen und militärischen Imperialismus der reichen Industriestaaten zum Schweigen gebracht werden.« (www.indymedia.de)

 

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Fürchtet Euch nicht!

 

Liebe, Glaube, Hoffnung.

 

Gottesdienste in München.

 

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Frage: Hat München eine neue Phase der Antiglobalisierungsbewegung eingeläutet?

Antwort: Nein. Die Proteste gegen die Münchener Sicherheitskonferenz reihen sich ein in eine Reihe von zweitrangigen Demonstrationen gegen Konferenzen internationalen Charakters, bei denen die Globalisierungsbewegung arrogante Bonzen auszumachen meint. Manchmal wurde in der Vergangenheit den Demonstranten die Einreise verboten, manchmal die Konferenz abgesagt. Man kann aber sagen, dass diesmal einige Missverständnisse ausgeräumt wurden – nach innen wie auch in der Darstellung gegenüber der Öffentlichkeit. Nach Genua war einigen Leuten ein wenig mulmig zumute geworden, weil die Polizei anfing ihren Demos zu schießen. Carlo Giulani selbst wurde allgemein als Steinewerfer degoutiert ‑ wenn auch bedauert ‑ und war für den politischen Zweck der Antiglobalisierungsbewegung, dem Hass auf das Abstrakte, Vermittelte und die letzten Reste Individualität nicht wirklich brauchbar. Und so war schnell die Versöhnung über die Leiche des Ermordeten hinweg möglich – im Bewusstsein der Gemeinsamkeiten: Ende der Spaßgesellschaft, Einsatz fürs bornierte Kollektiv, Hass auf Vernunft und Eigensinn.

F.: Eine harsche Kritik an der Globalisierungsbewegung. Muss man da nicht differenzieren?

A.: Eher ist noch weniger Differenzierung angebracht. Um die Sache auf den Punkt zu bringen: Mit Globalisierungskritik meine ich weder bloß Attac, noch bezweifle ich dass manche in ihren Köpfen irgendwelche radikalen Ideen haben, sondern ich meine die Kritiker von Freihandel, internationalen Konferenzen, arroganten Herrschenden, multinationalen Konzernen. Genauer: Nicht die Kritiker, die zurecht nachweisen, dass diese Phänomene keineswegs der Beförderung von Glück & Menschlichkeit dienen, sondern die, die in diesen Phänomenen das große Unheil sehen, das bekämpft gehört. Wer solche Ideen im Kopf hat, treibt keine ›verkürzte‹ Kapitalismuskritik, sondern gar keine: der beteiligt sich an der negativen Selbstaufhebung des Kapitalismus auf eigener Grundlage (der Kapitalverwertung), der die Widersprüche des Kapitals im (letztlich kapitalistischen) Kollektiv aufheben möchte. Die Bewegung ist antikommunistisch weil sie keineswegs alle Verhältnisse umwerfen will, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, sondern im Gegenteil gerade auf die herabblickt, die es auf Entwicklung und Befriedigung ihrer Bedürfnisse abgesehen haben; und weil sie das bornierte, elende Volks(-küchen)-Kollektiv als vorbildlich ansieht und alle unangenehmen Erscheinungen des Kapitalismus zu einem Verrat am jeweiligen Kollektiv erklärt. Das ist noch nicht antisemitisch, aber diese Kritik ist sich mit der antisemitischen Volksreligion der Deutschen zu 95% einig.

Die Kritik gilt übrigens nicht nur für die deutschen Globalisierungsgegner. Während die Autonomen über die lasche Haltung der Polizei enttäuscht waren, haben im DGB-Haus Helden aus Argentinien gesprochen. Das sind Aktivisten wie sie die deutsche Linke mag. Schwer kreative Aktionen am laufenden Band, superradikal, will man sich von den Bonzen da oben nichts mehr gefallen lassen und schlägt auf Topfdeckel dass es kracht. Es geht rund. Alles wird in Frage gestellt, nur eines nicht: die Nation; dass »wir« jetzt zusammenhalten müssen steht auch für Argentinier außer Frage. Schuld an der ganzen Misere sind die Juden in Wall Street, die wahlweise auch Amis, IWF oder WTO genannt werden. Argentinien hat eine antisemitische Tradition. 1992 und 1994 starben bei antisemitischen Anschlägen, die argentinische Militärs zusammen mit Islamisten durchführten, 115 Menschen. Mit Deutschland kann man freilich nicht mithalten, aber die deutsche Linke goutiert schon allein den guten Willen.

F.: Antisemitische Hetze im DGB-Haus?

A.: Nein, aber dass die globalistische Weltverschwörung die Völker ins Unglück stürzt, das konnte man hören ‑ also das, was jeder Globalisierungskritiker ohnehin schon weiß. In Buenos Aires sind auf Gewerkschaftsplakaten schwarze Brasilianer abgebildet mit dem Text »Uns wird die Arbeit geraubt!« Die Antiglobalisierungsbewegung ist sehr heterogen. Sie hat nur zwei Konstanten: Sie ist nationalistisch und antikommunistisch. Die Fronten sind geklärt.

F.: Also war der Polizeieinsatz zu begrüßen?

A.: Quatsch. Ich bin mir natürlich bewusst, dass grundsätzlich keinen Sinn hat, Gewalt auszuüben, wenn ich weiß, nicht gewinnen zu können. Ich weiß auch, dass Leute die sich mit leeren Händen einer bewaffneten und ausgebildeten Staatsmacht in den Weg stellen gelegentlich erschossen werden. Würden sich die Verhältnisse umkehren, würde es mir aber auch keine schlaflosen Nächte bereiten. Positives ist kaum auszumachen. Wenn man will kann man sich darüber freuen, dass jeder Euro, der in den Polizeieinsatz gesteckt wurde, nicht für Kriegseinsätze zur Verfügung steht und dass die deutsche Linke zu schwach ist, um ihre Wahnideen zu verwirklichen. So oder so sind das Peanuts.

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Hamm            Sie war bildhübsch, früher, und überhaupt nicht spröde.

Clov Wir waren auch hübsch, früher. Man ist selten nicht hübsch gewesen, früher.

 

 

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Nachdem sich auch der Gegner etwas zurückgezogen hatte, begann ein hartnäckiges Feuergefecht, während dessen ein fünfzig Meter von uns postiertes Lewis-Gewehr unsere Köpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von uns nahm den Zweikampf auf. Eine halbe Minute lang knatterten die beiden Waffen, von Geschossen umspritzt, gegeneinander los. Dann brach unser Richtschütze, der Gefreite Motullo, mit einem Kopfschuss zusammen. Obwohl ihm das Gehirn bis zum Kinn über das Gesicht lief, war er noch bei klarem Verstand, als wir ihn in den nächsten Stollen trugen. Motullo, ein älterer Mann, gehörte zu den Leuten, die sich niemals freiwillig gemeldet hätten; als er aber hinter seinem Maschinengewehr stand, beobachtete ich, die Augen auf sein Gesicht geheftet, dass er trotz der Garbe, die ihn umspritzte, den Kopf auch nicht um einen Zoll tiefer nahm. Als ich mich nach seinem Ergehen erkundigte, war er imstande, mir in zusammenhängenden Sätzen zu antworten. Ich hatte den Eindruck, dass die tödliche Wunde ihm keine Schmerzen bereitete, ja dass er vielleicht gar keine Kenntnis von ihr besaß.

Allmählich wurde es etwas ruhiger, da auch die Engländer an einer Barrikade arbeiteten. Um zwölf Uhr erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und Leutnant Voigt; sie beglückwünschten mich zu den Erfolgen der Kompanie. Wir setzten und in das Blockhaus, frühstückten von den englischen Vorräten und besprachen die Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefähr fünfundzwanzig Engländern, deren Köpfe hundert Meter vor uns aus dem Graben tauchten und die sich anscheinend ergeben wollten. Sowie ich mich aber über Deckung erhob, wurde ich von weiter hinten beschossen.

Plötzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten flogen, Gewehre knallten, Maschinengewehre ratterten. »Sie kommen! Sie kommen!« Wir sprangen hinter die Sandsäcke und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus, sprang in der Hitze des Kampfes oben auf die Barrikade und schoß so lange in den Graben, bis ihn zwei schwere Armschüsse herunterfegten. (Ernst Jünger, In Stahlgewittern)

 

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Frage: Die Demonstranten müssen sich aber doch irgendwie von den ›normalen Deutschen‹ unterscheiden, sonst würden sie nicht demonstrieren.

Antwort: Das ist eine Charakterfrage. Es sind eben Aktivbürger. Der jeweilige Zustand der kapitalistischen Vergesellschaftung und Selbstaufhebung erzeugt eben auch eine entsprechende Opposition, die sich mit dem was sie bekämpft kategorial überwiegend einig ist. Nicht nur die kapitalistische Gesellschaft hat sich immer weiter von ihren einstigen Möglichkeiten und den Versprechen der Aufklärung entfernt, eine Gesellschaft nach den Bedürfnissen der Individuen zu schaffen, auch die Opposition innerhalb der kapitalistischen Gesellschaften hat sich mehr und mehr davon verabschiedet, diese Möglichkeiten einzufordern. Darum ist es auch kein Zufall, dass am Freitag die Nazi-Parole »Wir sind das Volk. Die Mauer muss weg« gegrölt wurde. Das lässt sich nicht damit entschuldigen, es sei ironisch gemeint gewesen. Ironie und Satire entstehen nicht weil sie behauptet werden, sondern nur, indem das Gesagte sich selbst aufhebt.

F.: Können Sie das näher erklären?

A.: Es gibt eine Zeitschrift, die jeden ihrer Artikel seiner Pointe beraubt, indem sie sich »endgültiges Satiremagazin« nennt. Es gibt Leute, die es fertig bringen, einen Text mit der Überschrift »Achtung Satire!« zu beginnen und damit hinter das Niveau gymnasialer Schülerzeitungen zurückzufallen…

F.: …was schwer möglich ist!

A.: In der Tat, aber wenn Studenten zu denken anfangen, sollte man kein intellektuelles Resultat erwarten.

F.: Kann man sagen, dass jede Satire schlecht ist, wenn man eigens auf sie hinweisen muss, weil dann nicht …

A.: Nein, auf keinen Fall. Über einen Text, dem man seine Ironie anmerkt, kann man genauso gut gleich »Achtung Satire« schreiben. Ironie muss ihre Negation als Konsequenz enthalten; aber reflexiv, nicht unmittelbar. Wenn der Leser auf die Ironie nicht hereinfällt, ist die Satire misslungen. Wenn der Leser nicht reflektiert und die Ironie aufdeckt, ist er blöd.

F.: Könnte es dann auch scheinbare Ironie geben, die gar keine ist?

A.: Notwendig.

F.: Und, geht’s jetzt wieder zum Eislaufen?

A.: Ne, is’ zu warm.

 

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Goodbye my friends it’s hard to die

When all the birds are singing in the sky.

Now that spring is in the air

Pretty girls are everywhere

Think of me an I´ll be there.

 

 

Florian Beck



[1] Tobias Pflüger, »Die Kriegsermächtigung - wo wird die Bundeswehr konkret eingesetzt?«

[2] Tobias Pflüger, » Berlin, der Krieg gegen Afghanistan und die Bundeswehr oder das war erst der erste Schritt!«


www.streitblatt.de, Mai 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de