Bahnreise nach Osten

Eine Skizze

Normalerweise nehme ich auf der Strecke München-Berlin den Nachtzug, was nur Vorteile hat. Die ganze Szenerie der wenigen Ortschaften, die man in eleganter Neigetechnik durchflieht, ist, bis auf ein paar grellgelb gestrichene Industriehallen, grau und düster. Hier brütet der deutsche Geist hinter den Backsteinfassaden der nationalsozialistischen Industrialisierung und den Slumbauten des real existierenden Sozialismus. Hier ist Platz für verletzten deutschen Minderwertigkeitskomplex, an welchen im Westen noch die Schriftsteller appelieren, doch die Arroganz des Wirtschaftswunders gepflegt wird. Berlin-Touristen aus Salzburg schießen Photos von mannshohen grasgrünen Pipelines vor rostigem Fabrikschutt. In „Jena Paradies“ fragen sie lachend: „Dös is a Bahnhof? Kuul!“ Aussteigen würden sie hier kaum. Zwischen den dreckig-braunen Stadthäusern Jenas schleichen nun keine deutsch-korrekten Stasispitzel und keine Volkspolizisten in freudloser Tracht einher, sondern die neuen Boten der Gedankenfreiheit in lustigen Bomberjacken. Hier ist also The Voice/Africa zu Hause, ein politischer Zusammenschluß von Asylbewerbern in Deutschland. Man mag gar nicht daran denken, daß diese Unglücksraben nicht nur das Elend des Asyls in Deutschland zu durchleiden haben, sondern auch noch das Elend des Ostens, völkische Wiedergeburt und Verachtung durch den Westen in einem.

Sonnenuntergang über zerfallenen Gutshöfen und zerfressenen oder zerschossenen Landhäusern. Der zweite Weltkrieg ist präsent, der Schlußstrich noch nicht baulich gesetzt. Mit Fug und Recht darf in den erbärmlichen Schrebergartenhäuschen, die die Bahntrasse säumen, der alter Russenhaß ungebrochen vermutet werden, der Haß auf die Rote Armee, der man schöntun mußte, obwohl sie einem die Ideologie gestohlen hatte. Aus Rache blieb man deutsch-gemütlich und nahm die neuen Herren und Gedanken nur hin. Die Geschichte gab den Eingeborenen der Ostzone schließlich recht.

Zugfahren hat, wenn es sich um komfortable Fernzüge handelt, einen Aspekt der Unwirklichkeit, des Virtuellen, zumal bei einer Reise durch die Unterentwicklung. Im rückenverstellbaren Lehnsessel sitzend ist man während der Bahnhofshalte vor den dosenbiertrinkenden deutschen Arbeitern wie Arbeitslosen sicher. Ein unverzichtbarer Luxus. Wer allerdings die DDR lieber völlig meiden möchte oder sich gern mal 102 Euro spart, um der Gefahr eines Radreifenbruches im ostzonalen Jurassic Park zu entgehen, dem sei die Wiederauflage des Computerspiels „Wolfenstein“ empfohlen. Die Dörfer und Städte sehen genauso aus, vor allem die bereits bombardierten, und man darf seinem - diesmal gesamtdeutschen - Unwohlsein freien Lauf lassen. Es ändert zwar nichts, doch geht es einem besser.

Die Salzburger freuen sich schläfrig dösend auf die baldige Ankunft in Berlin. Bei der Rückfahrt werde ich wieder den Nachtzug nehmen.(#7)


www.streitblatt.de, Mai 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de