Biertrinken

Gespräch

Ob zwei Uhr nicht ein bisschen früh ist zum Biertrinken? Ich könnt Ihnen vielleicht sagen, daß es daran liegt, daß ich keine Arbeit hab und nicht weiß, was ich sonst tun sollte, aber das ist es nicht. Jedenfalls nicht nur. Der wahre Grund ist, daß ich aufgehört habe zu essen. Ja, ich weiß, das hab ich früher auch gern getan. Haben Sie mal den Hungerkünstler von Kafka gelesen?

Ich hab einfach keine Lust mehr dazu. Natürlich hab ich Hunger, aber es ist nicht mehr das Verlangen nach Wurst oder Käse, es ist mehr ein Unwohlsein, manchmal sogar Schmerzen, die ich ehrlich gesagt auch genieße. Haben Sie noch nie unter Liebeskummer gelitten oder um einen Freund getrauert? Hätten Sie da viel essen können? Und hat es Ihnen denn nicht etwa auch irgendwie wohl getan, sich in Ihrem Schmerz zu wälzen und zu quälen? Sehen Sie. Die Schmerzen allerdings sind nicht erster Zweck, sondern folgen einem Anlaß hernach. Dummerweise leide ich seit einiger Zeit unter den Beschaffenheiten unserer sozialen Welt im allgemeinen, die Sie noch als normal und noch nicht als pathologisch beschreiben würden. Ich kann nicht mehr essen, weil mir nicht danach ist. Stattdessen neige ich dazu, mir den Tag erträglich zu machen, indem ich meinen Gedanken eine neblige Müdigkeit verschaffe. Meinem Magen ist das natürlich zuwider und ich werde ihn derart auf die Dauer ruinieren, aber unwohl ist mir ja nun so oder so. Also lassen Sie mir wenigstens mein Bier und gehen Sie ihrer Wege, unser Gespräch strengt mich doch sehr an.

M.


www.streitblatt.de, Mai 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de