Volk, Nation & die Welt

Fragmente über den Ursprung von Antiimperialismus, Antizionismus und Antisemitismus

I

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Kultur hat einen guten Ruf. Kaum eine andere Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft hat erfreut sich einer so unumwundenen Hochschätzung, gerade von denjenigen, die an ihr nicht teilhaben (und das ist heute die ganze Gesellschaft). Das Gegenstück zur Kultur ist der Antisemitismus. Kaum eine Meinung (!) ist so geächtet wie der Antisemitismus und niemand will diesen schlimmsten aller Vorwürfe auf sich sitzen lassen.

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Dass der Antisemitismus ein Tabu darstellt, deutet schon darauf hin, wozu es die bürgerliche Demokratie nie gebracht hat: zu einer Kritik am antisemitischen Bewusstsein als der Alltagsreligion des bürgerlichen Subjekts. Antisemitismus gilt als das Böse schlechthin und die Distanzierung davon qualifiziert den Bürger schon für den Club der guten. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass die Ideologie des anständigen Bürgers, der keine Juden vergast, solange es verboten ist, sich von derjenigen der geschmähten Antisemiten nicht groß unterscheidet, weil sie es nie zu einer Kritik, sondern immer nur zur Theorie, also Rationalisierung von Staat, Nationalökonomie und Arbeit bringen.

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Warum verfällt die Linke, wenn sie die internationale Lage begutachtet quasi automatisch auf Israel als das Reich des Bösen? Warum wurde Israel von vermeintlichen Freunden als Verhandlungspartner die PLO aufgezwungen, eine Instanz, die sich die Zerstörung des Staates, der nur mit ihr verhandeln sollte, auf die Fahnen geschrieben hatte? Als abweichende Meinung zu Israel gibt sich, was man auch jeden Tag in FAZ und junger Welt lesen könnte.

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Ein moralische Subjekt, das meint, »als Deutscher« müsse es schweigen, wenn von Israel die Rede ist, kann sich die Lage im Nahen Osten nicht erklären, sondern allenfalls zum Gegenstand privater Reflexionen machen. Dabei wäre die Sache nicht so kompliziert. Wille gegen Wille macht sicht geltend – jeweils subjektiviert wegen der Gewalt, über die er verfügt. Ein palästinensischer Staatsgründungswille und ein Wille des israelischen Staates, die gerade abgeschlossene Staatsgründung zu verteidigen. Mehr ist es nicht.

Und doch ist es mehr geworden. Das palästinensische Interesse ist nicht mehr nur die bornierte Übersetzung von Widerstand gegen eine Staatsgewalt in die Forderung nach nationaler Eigenständigkeit, sondern die Verwirklichung einer regressiven Ideologie, die ›ihre‹ Palästinenser ganz unter die religiösen und völkischen Prinzipien des Kollektivs subsumiert. (Damit unterscheiden sie sich ganz klar von der bürgerlich-liberalen Ideologie, die Staat & Politik nur als Mittel versteht, um die Privatinteressen zu ermöglichen.)

Diese Entwicklung spiegelt sich auf israelischer Seite. Nicht nur das Staatsgründungsinteresse wird von den Israelis verinnerlicht, sondern auch die Feindschaft gegen die Palästinenser, die sich dann in der Selbstaufopferung von Siedlern zeigt. Doch kommt diese Proliferation des ideologischen Bewusstseins nicht von ungefähr, denn die Kritik der eigenen Staatsgewalt, die jede linke Kritik am Staat, also jede linke Kritik, notwendig einschließen muss, würde in Israel die eigene Vernichtung bedeuten. Unter jeder ›Aufhebung‹ eines bürgerlichen Staates, also auch seiner militärischen Niederlage, leiden die von ihm unterworfenen Staatsbürger – mit Ausnahme der kommunistischen Aufhebung , aber die mit Begeisterung durchgeführten Selbstmordattentate gegen die Israelis als Juden und deren begeisterte Aufnahme durch diejenigen, die sich als Palästinenser fühlen, deutet schon darauf hin, dass im Falle einer israelischen Niederlage bei der üblichen Säuberung des Staatsapparats und Reorganisation der Ökonomie nicht bliebe.

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Die Linke ist entsetzt, denn sie läuft Gefahr ihre Heimat zu verlieren. Unter Linken fühlt man sich doch gleich zuhause – dachte man. Man wohnt zusammen und lebt in freudiger Eintracht, man geht in die linke Kneipe und ist unter sich oder hängt gleich in der Volksküche ab und reproduziert den Flair nostalgischer Familienabende um das TV-Gerät – trotz innerer Genialität. Aber nun? Mitten im trauten Familienkreis wird den einen Antisemitismus vorgeworfen und die anderen kriegen gleich die Hucke voll gehauen. Und alle sind traurig. Die einen über den Verlust ihrer Heimat, die andren über den Realitätsverlust ihrer Genossen: Endlich einmal eine breite Massenbasis vor der Tür, und sie machen nicht mit: Die müssen verrückt sein. Dabei bricht nur auseinander, was nie zusammengehört hatte.

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Wenn Politik zum Familienersatz wird, dann herrscht Entsetzten über Sektierertum und Kopfschütteln über Differenzen, die den Familienfrieden stören. Eigentlich müssten alle zusammengehören, denkt die linke Gegenkultur und verdoppelt damit in ihren eigenen Kreisen die Verhältnisse, die sie schon vom Volk kennen, dessen Solidarität sie durch die Manipulationen der Herrschenden verkümmert sehen. Wer meckert ist arrogant und ein Volksfeind dazu. An den Verhältnissen hat man nichts zu ändern, weil man sie, eifrig bemüht, zur Grundlage seines Handels macht. Statt dessen gilt es, zusammen zu kämpfen, gegen die Herrschenden oder wen man dafür hält, gegen die Schmarotzer, Egoisten, gegen die arroganten Intellektuellen, die klug daherreden, gegen die Sektierer, die Undisziplinierten und die Unsolidarischen, die lieber machen, was sie für richtig halten. Der Zusammenhang zwischen linkem Spießer und modernem Untertan konnte nicht verborgen bleiben. So wurde das Private zum Politikum erklärt, weil aber linke Betroffenheitspolitik weiterhin die nichtbegriffen Voraussetzungen ihrer Praxis reproduzierte, wurde nur das Politische privat. Voraussetzung aller bornierten Gesellschaftlichkeit ist die Negation von Kritik, weil sie den Einzelnen von seinem Kollektiv (egal ob Kleinfamilie oder Kommune) entfremden. Statt Kritik ist Opposition angesagt, statt die Verhältnisse umzuwerfen sind die ›anderen‹, die Feinde des Kollektivs, zu besiegen. Das kollektive Wir ist erste Voraussetzung des Antisemitismus.

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Die linke Heimeligkeit ist aber ideologisch allein schon durch Israel angegriffen. Dieser Staat lässt sich nicht einordnen, in die geschichtsphilosophischen Prinzipien der sozialdemokratisch-leninistischen Tradition und die Wahnvorstellungen von internationalen Solidarität, überall den anti-kolonialen Befreiungskampf am Werke zu sehen. (Das ist natürlich gelogen: als Intellektuelle kriegen die Linken diese Einordnung allemal hin.)

»Israel ist das Schibboleth jener doch so naheliegenden Revolution; es ist der unbegriffene Schatten ihres Scheiterns. Israel ist das Menetekel, das zum einen (und ganz unfreiwillig) die kategorischen Minimalbedingungen des Kommunismus illustriert, und das zum anderen sämtliche Bestialitäten zu demonstrieren scheint, zu denen der bürgerlich-kapitalistische Nationalstaat fähig ist. Wer Israel nicht begriffen hat, wer den Haß auf diesen Staat, den Antizionismus, und wer den Antisemitismus, das heißt den Vernichtungswillen sowohl gegen die in diesem Staat lebenden als auch gegen die kosmopolitisch verstreuten Juden, nicht begriffen hat als das, was Antisemitismus wesentlich darstellt: den bedingungslosen Haß auf die Idee einer in freier Assoziation lebenden Gattung, der hat den Kommunismus nicht als das ›aufgelöste Rätsel der Geschichte‹ begriffen.« (ISF, Der Kommunismus und Israel)

 

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Wie schon in Jugoslawien soll ein Staat zerschlagen werden. Dabei wird sich auf das Volksinteresse berufen; daran entzünden sich die innerimperialistischen Konflikte; daran findet aber auch der Antisemitismus sein Betätigungsfeld. Die Zersetzung wird unter dem Titel des Selbstbestimmungsrechts der Völker vorbereitet (eine Parole, die  im übrigen in linker, demokratischer und faschistischer Form existiert) und richtet sich gegen den Ordnungsanspruch der USA. Beispiele für Fälle, in denen Deutschland nicht die unterdrückten Völkchen, sondern die Staatsmacht gegen Separatisten unterstützt sind selten und nur dort zu beobachten wo, wie in Syrien und im Irak, der Staat sich selbst dem Ordnungsanspruch der USA verweigert. Wie sehr die von Deutschland geführten Europäer auf eine gänzliche Neugestaltung des Nahen Ostens es angelegt haben  was das bedingungslose Bündnis mit den Palästinensern verlangt und die Zerschlagung Israels zumindest in Kauf nimmt , erfuhr der tschechische Ministerpräsident Zeman, als er Verständnis für die israelische Politik äußerte: Solche Äußerungen stimmten nicht mit den Interessen der EU überein, und seien gefälligst zu korrigieren, wenn Tschechien in die EU wolle.

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Innenpolitisch wird der Eingriffstitel ›Selbstbestimmungsrecht der Völker‹ durch den der Gerechtigkeit ergänzt. Für die deutschen Staatsbürger, die dieses Selbstbestimmungsrecht schon verinnerlicht haben, bietet sich so Gelegenheit von allen realen Verhältnissen endgültig zu abstrahieren. Völkische Selbstgefälligkeit macht sich breit. Man kennt das ja aus der DDR: Bei der richtigen Nation zu sein, muss schon Wert genug sein. Muss schon ein … Kosmopolit sein, der damit noch nicht genug hat.

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Die Vergangenheit kommt bei deutschen Interessen nur unter dem Gesichtspunkt vor, dass die deutschen doch schließlich eingesehen hätten, dass es falsch sei, Vernichtungslager zu errichten. Auschwitz und der Nationalsozialismus darf nicht mehr ins Feld geführt werden, denn die Kritik an der geläuterten Nation würde die alten Verbrechen verharmlosen – die sind als ganz abscheuliche aber zu bewahren, schließlich braucht man sie zur Rechtfertigung des militärischen Eingreifens in aller Welt. Das die Deutschen sich für den Judenmord schämen begründet die Forderung, nun auch die Israelis von ihren Interessen abzusehen hätten.

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Selbst die moralische Versicherung, man wolle keine deutschen Soldaten nach Israel entsenden ist noch dem deutschen Interesse untergeordnet. Tatsächlich will man sich ja nicht aufdrängen, sondern setzt Sachzwänge in die Welt, denen man dann auch selbst gehorchen muss. Und schließlich kann man ja dann doch dazu gedrängt werden – von den Verbündeten.

II

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Antisemitismus ist nicht Manipulationsinstrument imperialistischer Elemente des Finanzkapitals. Antisemitismus ist weder der Hass aufs Abstrakte, noch die Kritik der Zirkulation, auch wenn beides sich unter den Elementen des Antisemitismus findet. Der Antisemitismus ist die nationalistische Kritik am Kapitalismus, die Kritik vom Standpunkt des Volkes, die das kritisierte immer schon voraussetzt. Wenn die antisemitische Kritik die Identifikation der Schuldigen mit den Juden nicht ausspricht, nennt man das strukturellen Antisemitismus. Wenn sie der deutsche Staat dem Problem annimmt, wird daraus die Judenvernichtung.

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Fast hätte man den Juden den Holocaust verziehen. Auch den Philosemiten stellten sich die Juden einzig unter dem Gesichtspunkt dar, dass ihre Geschichte ein Argument gegen die deutsche Volksgemeinschaft darstellt. Weil man ja aus der Vergangenheit gelernt habe oder zumindest sich als Philosemit gibt, sei das Argument ja wohl widerlegt. Wer in Verkennung der neuen Fakten auf die überholten verweist, müsse wohl egoistische – und das heißt hier volksfremde – Interessen verfolgen. So wird die Gegnerschaft gegen den Antisemitismus zum Mittel der Zionisten erklärt und ganz nebenbei rekonstituiert sich die Volksgemeinschaft gegenüber einem äußeren Feind. Gerade als die Opfer, an die sich die Deutschen, trotz aller Vergessensbeteuerung erinnern (weil sie selbst nicht fassen können, dass sie straflos Millionen von Menschen ermorden konnten), reproduzieren die Juden die Projektionen der Täter vom Anti-Volk der Deutschen.

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Kritik an Sharon als antisemitisch zu bezeichnen ist in der Tat Unsinn. Sharons Politik stellt eine Option des Israelischen Staates dar und weder unumstritten noch unumgänglich. So wenig wie hierzulande die deutsche Linke oder die Zivilgesellschaft es trotz laufender Nörgeleien zu einer Kritik der bürgerlichen Gesellschaft gebracht hat, so wenig stellt eine Kritik an Sharons Politik die bürgerliche Ordnung Israels, geschweige denn die Existenz dieses Staats in Frage. Das gilt übrigens auch für die israelische Friedensbewegung auf die sich die deutschen Palästinenserfreunde so gerne berufen; im Gegensatz zu denjenigen, die sie instrumentalisiert, denkt diese nämlich gar nicht daran, die Existenz Israels in Frage zu stellen.

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Dennoch gibt es Gründe, die gegen eine Kritik an der israelischen Politik, auch gegen eine Kritik an Sharon sprechen.

Der eine Grund, der immer wieder wohlmeinend vorgebracht wird ist der, als Deutscher hätte man sich mit Urteilen über die Berechtigung israelischer Politik, und mit Ratschlägen an den Israelis zurückzuhalten; also das Maul zu halten, statt die einstigen Opfer heute noch zu bevormunden. Dieses Argument ist ziemlich daneben und trifft doch in Schwarze der unter aller Kritik stehenden Verhältnisse.

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Es geht nicht um Israel. Es geht aber auch nicht nur darum, Israel als Projektionsfläche für die Diskussion deutscher Befindlichkeiten zu gebrauchen.

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Dass man als Deutscher aus geschichtlicher Verantwortung an Israel keine Kritik üben dürfte, ist nicht nur eine moralische Kritik, sondern eine die die Vergesellschaftung als Volk voraussetzt. Als Volk kennen die Staatsbürger aber notwendig nur die Interessen der Nation, an der jener Imperativ sofort seine Negation erfährt. Er erscheint daher nur als geläuterte Moral, durch die sich die gute Nation, das bessere Deutschland darstellt. Das Verschwinden des Tabus, über Israel und die Juden zu schimpfen, bedeutet nicht dass angeblich vergangene Gesinnungen wieder zum Leben erweckt werden, sondern dass sich die internationale Lage Deutschlands geändert hat. Wieder gänzlich souverän geworden, zählen keine Argumente und Beteuerungen mehr, sondern allein die materielle Gewalt.

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Voraussetzung aller deutschen Nationalpolitik, war nach dem Weltkrieg wieder zum Kreis der zivilisierten Nationen zugelassen zu werden. Der Philosemitismus stellt eine Umkehrung der antisemitistischen Projektionen dar; was man den Juden unterstellt ist das, was Neid erregt.

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Aus historischen Gründen ist der Philosemitismus heute erledigt. Das Verlangen wird wieder vorrangig, die Juden überall konkret mit dem Bösen zu identifizieren. Darunter wird schlicht alles subsumiert, was die Deutschen mit den Juden identifizieren. Demonstration gegen den Antisemitismus in Berlin: So hat man in Berlin festgestellt, dass eine rechtsradikale religiöse Organisation für eine Solidaritätsdemonstration aufgerufen hat  und schon hat man wieder die bösen Juden, unter deren Fanatismus die Deutschen leiden müssen.

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Der Antisemitismus ist nicht zurückzuführen auf die Interessen der bürgerlichen Gesellschaft, sondern kann nur abgeleitet werden aus der Darstellung der bürgerlichen Denkform in seiner Konsequenz.

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Drei Elemente des Faschismus. Staatseingriff – Zusammentreten von Kapital und Arbeit – Einheit gegen einen äußeren Feind.

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Der Soldat kalkuliert nicht mehr so nüchtern wie ein Citoyen, was er für den Staat leisten muss, und was dafür der Staat ihm gibt. Er selbst sieht sich als Staatsbürgern & Volksgenosse, der als solcher das nationale Interesse sich zu eigen macht, ganz unabhängig davon, was die Staatsmacht von ihm verlangt. (Die staatliche Gewalt zwingt im das Dasein als Staatsbürger auf, aber nicht das nationalistische Bewusstsein, das ist schon seine eigene Leistung.)

Und: In der Tat geht es um die Preisgabe des Lebens; was genau auf den Unterschied aufmerksam macht: so ideologisch ein nüchtern kalkulierendes Subjekt auch sein mag, wenn es – wie im Krieg - mit dem Tod bedroht ist, könnte sein einziger Schluss nur Desertation oder Verrat sein. Das bürgerliche Individuum ist also nicht nur ein Konkurrenzsubjekt.

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»Die Individualität, als ausschließendes Für-sich-sein, erscheint als Verhältnis zu anderen Staaten, derer jeder selbständig gegen die anderen ist. Indem in dieser Selbständigkeit das Für-sich-Sein des wirklichen Geistes sein Dasein hat, ist sie die erste Freiheit und die höchste Ehre eines Volkes. Diejenigen, welche von Wünschen einer Gesamtheit, die einem mehr oder weniger selbständigen Staat ausmacht und ein eigenes Zentrum hat, sprechen – von Wünschen, diesen Mittelpunkt und seine Selbständigkeit zu verlieren, um mit einem anderen ein Ganzes auszumachen , wissen wenig von der Natur einer Gesamtheit und dem Selbstgefühl, das ein Volk in seiner Unabhängigkeit hat. – Die erste Gewalt in welcher Staaten geschichtlich auftreten, ist daher diese Selbständigkeit überhaupt, wenn sie auch ganz abstrakt ist und keine weitere innere Entwicklung hat; es gehört deswegen zu dieser ursprünglichen Erscheinung, dass ein Individuum an ihrer Spitze steht, Patriarch, Stammeshaupt, etc.// Im Dasein erscheint so diese negative Beziehung des Staates auf sich als Beziehung eines Anderen auf ein Anderes und als ob (!) das Negative ein äußerliches wäre. Die Existenz dieser negativen Beziehung hat darum die Gestalt eines Geschehens und der Verwicklung mit zufälligen Begebenheiten, die von außen kommen. Aber sie sind sein höchstes eigenes Moment,  seine wirkliche Unendlichkeit als die Idealität alles Endlichen in ihm,  die Seite, worin die Substanz als die absolute Macht gegen alles Einzelne und Besondere, gegen das Leben, Eigentum und dessen Rechte, wie gegen die weiteren Kreise, die Nichtigkeit derselben zum Dasein und Bewusstsein bringt.« (§322f)

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Was macht denn die ›Identität‹ eines Staats aus. Da sollte man mal die allgemeine Ebene verlassen. Dass ein Individuen einen Willen bzw. bestimmte Bedürfnisse hat, ist recht einleuchtend. Aber was macht denn den Staat als Subjekt aus. Oder: Wie kann es überhaupt zu dem Widersinn kommen, dass der Staat ein Subjekt vorstellt?

Alles was der Staat in Feld führen kann ist er selbst; alles was ihn von anderen unterscheiden kann, ist ebenfalls er selbst. Alles was seinen Interessen entgegentreten kann, entscheidet sich anhand der Frage: Wie weit reicht die Macht des Staates und wodurch wird sie behindert (von innen & außen, vgl. Antisemitismus, aber nicht nur). Das Negative ist aber kein äußerliches. Es ist nicht so, als hätte es alles ›andere‹ schon alleine deswegen auf die Staatsubjekte abgesehen. Der Staat stellt mit seiner Gewalt eine repressiver Gleichheit her (alle Konkurrenzsubjekte haben sich dieser zu unterwerfen). So unmittelbar der äußere Feind für den Staat ist, so vermittelt ist er für das Konkurrenzsubjekt, das nach den Verantwortlichen für die Folgen der Gleichheit fahndet.

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Wenn man Faschismus damit identisch setzt, dass alle Juden in Vernichtungslager gesteckt werden - das hat Hegel nicht begründet; und meiner Meinung steckt diese Notwendigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft auch nicht. Aber das, was alle bürgerliche Staaten im 20.Jh. geleistet haben: Verschmelzung von Kapital und Arbeit, Vorrecht des Staats gegenüber den Interessen des Einzelkapitals, Projektion aller »ungemütlichen« Umstände auf einen äu0eren Feind (u.a. die Juden aber nicht nur) - das konnte schon Hegel erklären - und warum der Nationalsozialismus die revolutionärste (!) Form dieser Veränderung war, leuchtet dann auch ein.

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Der Antisemitismus stellt eine Kritik an der bürgerlichen Gleichheit dar, die aus deren repressiven Charakter sich ableitet. Die Gleichheit ist die Form, in der die kapitalistische Ausbeutung abläuft. Allerdings sind die Individuen diesem Zwang zunächst nur als einem ihnen äußerlichen unterworfen. Die Folgen dieser gleichen Unterwerfung wollen aber erklärt werden; geschieht das vom Standpunkt dieser Gleichheit aus, entspringt die Fahndung nach den Verantwortlichen.

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Staatlichkeit und dessen Subsumtion der Menschen unter den Staatsbürger sind die Voraussetzungen des Antisemitismus. Ein ethnisch homogenes Staatsvolk und die Identifizierung der Individuen als Staatsbürger ist ein wesentliches Merkmal des Antisemitismus. Der Staatlichkeitsfetisch der Marxisten/Leninisten lässt sie am Antisemitismus teilhaben. Der Bruch damit kann nur gelingen, wenn Staatlichkeit statt Regierung, wenn nicht die Zirkulation vom Standpunkt der Produktion kritisiert wird, weil damit das Programm des Antisemitismus begründet ist.

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Faschismus ist auch nicht bloß der Ruf nach härterem Durchgreifen; der Antisemit macht sich nicht nur den staatlichen Zwang zu seinem Mittel, er handelt nicht nur als Charaktermaske der Zirkulation, die mit dem Staat kalkuliert, sondern als Deutscher.

Auch die Gegnerschaft gegen das Kapitalverhältnis ist den kapitalistischen Denkformen unterworfen. Darum ist auch sie zu kritisieren. Im entwickelten Kapitalismus neigt sie dazu, auf seine negative Selbstaufhebung hinzuarbeiten.

Es sind also nicht Teile des Kapitalismus ganz fein, sondern nur während der Kapitalherrschaft haben sich brauchbare Dinge entwickelt (die gerade nicht zu den Formen des Kapitals gehören). Die falsche Gegnerschaft zeigt auch nicht, dass zumindest gegen sie der Kapitalismus zu verteidigen wäre. Vielmehr sind es gerade die Momente jenseits ihrer kapitalistischen Formbestimmung, die durch die reaktionäre Kritik angegriffen werden; außerdem ist die reaktionäre Kritik selbst wesentlich durch die kapitalistischen Denkformen geprägt.

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Beispiele dafür gibt es zahllose. Schwer wäre es nur, widersprechende zu finden. Trügerisch und damit selbst ideologisch ist die Hoffnung, aus der erfahrenen Unterdrückung, also aus der Betroffenheit, würde die Auflehnung gegen Kapital und Staat schon folgen. An allem Bestehenden jenseits von Gewalt, Ausbeutung und Kriegen auch stets die gute Seite zu sehen, ist zwar ein Charaktermerkmal des bürgerlichen Subjekts; wenig stabil wäre aber eine Gesellschaft, die nicht auch mit jenen umgehen könnte, die unzufrieden geworden sind. Der bürgerlichen Tugend der Zufriedenheit entspricht nicht die Unzufriedenheit als Todsünde.

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Von einer Sache betroffen zu sein, mag sich gelegentlich in Wutausbrüchen und Hass niederschlagen, sind die Verhältnisse gegen die man anrennt nicht begriffen, darf man kaum erwarten, ihre Ursachen zu beseitigen. Das scheint eine grundsätzliche Schwierigkeit aller sogenannten neuer sozialer Bewegungen, beschränkt sich aber nicht auf sie. Viele einfache Parolen, gegen die sich die undogmatische Linke mit falschen Argumenten, aber zurecht verwahrt, helfen nicht mehr, als sich im Strom der Ereignisse treiben zu lassen. Gutwillig, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, reproduzieren sich diese Fehler dennoch in neuer Form. Das liegt daran, dass auch die Kritik der Verhältnisse der Kategorien sich bedient, die von diesen Verhältnissen gesetzten werden; Nation und Staat sind daher Bezugspunkte, wie Arbeitsplatz, Lohn und Konkurrenzerfolg, auch wenn der mal Gerechtigkeit heißt.

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Bedienen sich die linksliberalen Bewegungen idealistischer Parolen und sind der kapitalistischen Wirklichkeit gegenüber recht unvoreingenommen, klingt die Kritik z.B. der katholischen Kirche Ungarns so: »Rette unsere Nation vor der egoistischen, nur auf sich selbst bauenden ultraliberalen Denkweise und gib uns Dir ergebene, auf Deine Hilfe bauende Führer!«1 Dergleichen wird man vieles finden. Es aber nur als Verschleierungs- und Verschleppungstaktik konservativ-klerikaler Kreise abzutun, die alle Unzufriedenheit in taugliche Bahnen lenken möchte und auf Vertrauen in Gott und Führer setzt, verkennt die markante Sprache und die Entrüstung, die sich, wenn schon nicht gegen die Ursachen, so doch gegen eine bestimmte Reflexion über die kapitalistischen Bedingungen richtet. All das kann man einer ausgetüftelten Taktik der Kirchenführung zuschreiben. Dabei würde man aber die weit über diese Kreise hinausgehenden Gemeinsamkeiten übersehen mit den Globalisierungskritikern und anderen Aktivisten. Der ausgebliebene Konkurrenzerfolg wird zum einen als Recht eingeklagt, also Ungerechtigkeit konstatiert und den Konkurrenzgewinnern die moralische Berechtigung abgesprochen; zum anderen wird er individuell gar nicht mehr zur Geltung gebracht, sondern nur für das Kollektiv. Die Konkurrenzgewinner haben sich schon dadurch gezeichnet, dass sie sich dem Kollektiv nicht völlig unterordnen; das Kollektiv selbst gewinnt einen äußeren Feind, gegen das es sich zusammenschließen kann. Alles was das Individuum nicht gänzlich in den Dienst der nationalen Sache stellt, macht ihn schon verdächtig, das Kollektiv zu verraten. Deshalb ist der Konsument als Ideologe des Kapitals drauf und dran durch den Volksgenossen als Ideologen der Nation ersetzt zu werden.

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Was für das Bewusstsein ökonomischer Ausbeutung gilt, gilt ebenso für das der weltpolitischen Verwertung. Die Objekte dieser Weltpolitik bringen es zur Erkenntnis, dass es nicht ihre Interessen sind, die das Ergebnis internationaler Politik bestimmen. Das gilt in der sogenannten dritten Welt, in den Schuldnerstaaten Lateinamerikas und Asiens, im Hinterhof der EU und in den Zerfallsprodukten der UdSSR. Überall werden antiimperialistische Bewegungen laut, zum Teil in alter KP-Tradition, zum Teil in populistischer oder basisdemokratischer Form. Zu einer Kritik der weltpolitischen Zustände bringt es kaum eine dieser Bewegungen; verbleiben sie nicht sowieso bei der Klage, die Zustände wären eben ›ungerecht‹, dann sind es eben gleichberechtigte Beziehungen, ein Stück vom Kuchen, demokratische Handelsbeziehungen für die Kritiker, die es zu Macht und Ehren gebracht haben und die nationale Selbstbestimmung für die, die noch keinem Staat Ratschläge geben können.

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Noch groteskere Blüten finden die Kategorien bürgerlichen-nationalen Lebens bei den Kritikern der weltpolitischen Führungsnationen, die in der Kritik nationaler Eigenheiten und Borniertheiten anderswo, den Interessen Deutschlands oder der USA gedient sehen. Richtig ist, dass jede Tätigkeit in der kapitalistischen Weltgesellschaft gegen das Subjekt zurückschlägt; richtig ist auch, dass darum praktische Kritik stets einem der beteiligten kapitalistischen Agenten nutzt, mit der einzigen Ausnahme, dass sie stark genug ist, den Kapitalismus abzuschaffen. Die Kritik ist auch dann hochzuhalten, wenn sie nicht nutzt, denn solange der Kapitalismus besteht gilt es die eine Wahrheit durchzubringen, dass seine Erkenntnis gleich seine Abschaffung ist. Und auch der Aktivist, der um der Taktik willen lügt und den kleinen Nationalismus lobt, kommt der Wahrheit nicht aus: auch seine Lüge schlägt gegen ihn zurück, indem sie als rein instrumentelle Vernunft sich nahtlos nicht nur in die Kategorien sondern auch in die Praxis des diplomatischen Freund-Feind-Denkens einreiht. Dass man einem der nationalen Kollektive sich zugesellen muss ist nicht nur ohnehin durchgesetzte Praxis, sondern auch Ideologie der von der Zärtlichkeit der Völker faselnden Antiimperialisten und der Propheten einer antideutschen Volksbewegung.

III

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Dass das Volk doch irgendwie gut sei ist eine Binsenweisheit und schwer aus den  Köpfen zu bringen. Subjektive Rationalisierung als privater Wahn bzw. bewusste Interessenvertretung. Antisemitismus als individuelle Meinung, Irrtum oder als Manipulation. (Variante: Antisemitismus als Staatsprogramm, das die deutschen Interessen im Nahen Osten begleitet.)

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Ich bin aber gegen alle Staaten! Darum auch gegen Israel! Für eine herrschaftsfreie Ordnung!

Etwas besseres als die Nation zu finden, ist nicht schwer: Es ist das Volk. Antinationalismus verwechselt sich nie mit Kritik an Nation & Kapital, sondern arbeitet sich an einer neuen, besseren Identität ab, mit der man sich anfreunden könnte. Wie gesagt, diese Aufgabe ist bereits gelöst.

Linke Volksfreunde teilen ideologische Kategorien mit den Verteidigern des israelischen Staates. Sie teilen solche Kategorien (Staat, Nation, Volk) aber, weil diese sich praktisch verwirklicht haben und nicht dadurch verschwinden dass man sie sich aus dem Kopf schlägt. Die Rationalisierung der Kategorien von Staat und Kapital ist der Springquell der Theorie. Die Kritik hat die ideologischen Verhältnisse (im Falle des Staates, dass die Zwänge als Mittel erscheinen) zu denunzieren, sich aber gerade kritisch zu vergegenwärtigen, dass diese Ideologie nicht nur in den Köpfen herumspukt, sondern praktische Gewalt gewonnen hat.

Die abstrakte Verneinung jeder Staatlichkeit ist ebenso ideologisch blind wie die nationale Parteinahme, eine utopische Sehnsucht ohne kritischen Gehalt. Funktional ist die Aufhebung stets eine konkrete, gegenwärtig also eine antikommunistische. Eine bedingungslose Kritik jeder Staatlichkeit, die auf deren Abschaffung zielt, ist nicht zu verwechseln mit dem zynischen Achselzucken Angesichts Israels Zerschlagung, man hätte für Staaten ja ohnehin nichts übrig.

In den Palästinensern das Böse zu sehen, zeugte von einem schon regressiven Bewusstsein, das allgemeine moralische Kategorien von gut und böse geschichtlich im Kampf miteinander sieht, die Menschen unter diese Kategorien subsumiert und allein moralische oder fatalistische Konsequenzen zuließe.

Dennoch ist an den Palästinensern kein gutes Haar zu lassen – ebenso wenig wie an den Deutschen. Nicht weil der empirische und damit rassistische Nachweis erbracht worden wäre, dass alle die auf Grund einer staatlichen Gewalt als Deutsche oder Palästinenser an sich geführt werden, bestimmte Überzeugungen teilen, sondern weil Deutsche und Palästinenser für sich – und allein um die geht es hier  weit mehr sind, als der Eintrag im Reisepass und immer stets kritikable Bekenntnis zu eigenen Kollektiv einschließen.

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Der Antisemitismusvorwurf gilt bei manchen deshalb für so absurd, weil sie Antisemitismus mit Auschwitz gleichsetzen. Jedem Antisemiten aber den Wunsch nach Ausrottung der Juden zuzuschreiben wäre nur psychologistisch möglich und dürfte selbst dann schwer fallen. (Dass die Antisemiten wie alle Deutschen allesamt beim nächsten Mal wieder mitmachen werden steht auf einem andren Blatt.) Was nicht existiert ist der explizite Wunsch oder gar Plan, die Juden umzubringen. Was existiert ist ein kollektiver Reflex der bürgerlichen Gesellschaft, eine Alltagsreligion des Kapitalismus. (Sie ist im Einzelnen nachzuweisen; dann ist zu zeigen, warum sie zurecht Antisemitismus heißt und schließlich, warum sie zurecht aus der bürgerlichen Gesellschaft und dem Kapitalismus abgeleitet wird, obwohl sie gerade in Deutschland ihre konsequenteste Ausprägung erfuhr.)

 

 

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Feindschaft gegen die Zirkulation

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»Ein Aspekt des Fetischs ist […], daß kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen nicht als solche in Erscheinung treten, und sich zu dem antinomisch, als Gegensatz von Abstraktem und Konkretem, darstellen. Und weil beide Seiten der Antinomie vergegenständlicht sind, erscheint jede als quasi-natürlich: Die abstrakte Seite tritt in der Gestalt von „objektiven“ Naturgesetzen auf, und die konkrete Seite erscheint als reine stoffliche Natur. Die Struktur entfremdeten gesellschaftlicher Beziehung, die dem Kapitalismus eigen ist, hat die Form einer quasi-natürlichen Antinomie, in der Gesellschaftliches und Historisches nicht mehr erscheinen.

Diese Antinomie wiederholt sich im Gegensatz positivistischer und romantischer Denkweisen. Die Mehrzahl der kritischen Untersuchungen fetischistischer Denkformen bezieht sich vor allem auf jenen Strang der Antinomie, der das Abstrakte als überhistorisch hypostasiert - das sogenannte bürgerliche Denken - und damit den gesellschaftlichen und historischen Charakter der bestehenden Beziehungen verschleiert. In diesem Beitrag geht es um einen anderen Strang, nämlich um jene Formen von Romantizismus und Revolte, die ihrem Selbstverständnis nach antibürgerlich sind, in Wirklichkeit jedoch das Konkrete hypostasieren und damit innerhalb der Antinomie der kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen verharren.

Formen antikapitalistischen Denkens, die innerhalb der Unmittelbarkeit dieser Antinomie verharren, tendieren dazu, den Kapitalismus nur unter der Form der Erscheinungen der abstrakten Seite dieser Antinomie wahrzunehmen, zum Beispiel Geld als ›Wurzel allen Übels‹. Dem wird die bestehende, konkrete Seite dann als das ›natürliche‹ oder ontologisch Menschliche, das vermeintlich außerhalb der Besonderheit kapitalistischer Gesellschaft stehe, positiv entgegengestellt. So wird - wie etwa bei Proudhon - konkrete Arbeit als das nichtkapitalistische Moment verstanden, das der Abstraktheit des Geldes entgegengesetzt ist. Daß konkrete Arbeit selbst kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen verkörpert und von ihnen materiell geformt ist, wird nicht gesehen.

Mit der Fortentwicklung des Kapitalismus, der Kapitalform und ihres Fetischs bekommt die dem Warenfetisch innewohnende Naturalisierung neue Dimensionen. Wie bei der Warenform ist die Kapitalform durch das antinomische Verhältnis des Abstrakten und Konkreten, die beide natürlich erscheinen, gekennzeichnet. Die Qualität des ›Natürlichen‹ ist aber unterschiedlich. Die des Warenfetischs ist die letzten Endes harmonische Beziehung einzelner abgeschlossener Einheiten. (Dieses Denkmodell steht nicht nur hinter der klassischen politischen Ökonomie, sondern auch hinter dem Frühsozialismus und Anarchismus).

Das Kapital ist nach Marx in seiner prozessualen Form als selbstverwertender Wert charakterisiert, als die unaufhörliche rastlose Selbstvermehrung des Wertes. Es erscheint in der Form von Geld sowie in der von Waren, das heißt, es hat keine fertige und endgültige Gestalt. Kapital erscheint als rein abstrakter Prozeß. Seine konkrete Dimension ändert sich dementsprechend: Individuelle Arbeiten bilden nicht länger abgeschlossene Einheiten, sondern werden mehr und mehr zu Teilkomponenten eines größeren dynamischen Systems, das Mensch wie Maschine umfaßt und dessen Zweck Produktion um der Produktion willen ist. Das Ganze wird größer als die Summe der sie konstituierenden Individuen und hat einen Zweck, der außerhalb ihrer liegt. Die Kapitalform gesellschaftlicher Verhältnisse hat einen blinden, prozessualen, quasi-organischen Charakter. Die dem Fetisch immanente Naturalisierung wird zunehmend biologisch aufgefaßt. Das mechanische Weltbild des 17. Und 18. Jahrhunderts verliert an Bedeutung; mehr und mehr übernehmen organische Prozesse an Stelle statischer Mechanik die Form des Fetischs. Das drückt sich zum Beispiel in der Verbreitung solcher Denkformen aus wie der Lehre vom Staat als lebendigem Organismus, aber auch in den Rassentheorien und der zunehmenden Bedeutung des Sozialdarwinismus im späten 19. Jahrhundert.

Gesellschaft wie historischer Prozeß werden zunehmend biologisch begriffen. Diesen Aspekt des Kapitalfetischs will ich jedoch hier nicht weiter verfolgen. Festzuhalten ist, welche Wahrnehmungsweisen von Kapital sich daraus ergeben. Wie angedeutet, läßt der ›Doppelcharakter‹ auf der logischen Ebene der Warenanalyse die Arbeit als ontologische Betätigungsweise erscheinen und nicht als eine Tätigkeit, die materiell von den gesellschaftlichen Beziehungen geformt wird; er stellt die Ware als rein stoffliches Ding dar und nicht als Vergegenständlichung vermittelter gesellschaftlicher Beziehungen. Auf der logischen Ebene des Kapitals läßt der „Doppelcharakter“ (Arbeits- und Verwertungsprozeß) industrielle Produktion als ausschließlich materiellen schöpferischen Prozeß, ablösbar vom Kapital, erscheinen. Die manifeste Form des Konkreten ist nun organischer. So kann das industrielle Kapital als direkter Nachfolger ›natürlicher‹ handwerklicher Arbeit auftreten und, im Gegensatz zum ›parasitären‹ Finanzkapital, als ›organisch‹ verwurzelt. Seine Organisation scheint der Zukunft verwandt zu sein; der gesellschaftliche Zusammenhang, in dem es sich befindet, wird als eine übergeordnete organische Einheit gefaßt: Gemeinschaft, Volk, Rasse.

Kapital selbst - oder das, was als negativer Aspekt des Kapitalismus verstanden wird - wird lediglich in der Erscheinungsform seiner abstrakten Dimension verstanden: als Finanz- und zinstragendes Kapital. In dieser Hinsicht steht die biologistische Ideologie, die die konkrete Dimension (des Kapitalismus) als ›natürlich‹ und ›gesund‹ dem Kapitalismus (wie er erscheint) gegenüberstellt, nicht im Widerspruch zur Verklärung des Industriekapitals und seiner Technologie. Beide stehen auf der ›dinglichen‹ Seite der Antinomie.« (Postone, »Nationalsozialismus und Antisemitismus«)

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Antisemitismus ist nicht der Judenhass, sondern die Kritik an der Zirkulation unter der Fiktion, die gesellschaftliche Synthesis würde durch den Staat bzw. das Volk hergestellt. Antisemitismus enthält kein sozialkritisches Potenzial, sondern nur Irrtum. Er ist auch keine Ersatzhandlung: Es ist gerade das perverse Wesen der antisemitischen Ideologie, dass nicht ›eigentlich‹ was anderes gemeint würde, sondern am Juden der Feind tatsächlich dingfest gemacht wird. Der strukturelle Antisemitismus ist kein struktureller; die Feindschaft gegen die Zirkulationssphäre richtet sich nicht gegen beliebige Feinde und schon gar nicht gegen anonyme oder abstrakte Verhältnisse. Das ›Die Juden sinds!‹ liegt – man hört’s schon am Tonfall – diesen Leuten stets auf der Zunge. Also: Kein (rassistischer) Judenhass, weil nicht erst eine Gruppe von Leuten da sein muss, der dann Untaten zugeschrieben werden. Vielmehr: Dass es dem Volk (scheinbar das Subjekt natürlich, wegen staatlicher Gewalt) trotz aller Selbstaufopferung immer noch dreckig geht, braucht – nein, keinen Sündenbock, das wäre ja eine ganz äußerliche Vorstellung von Ideologie, die von der herrschenden Ideologie benutzt würde – sondern einen Grund: Und dieser Grund ist im Volksfeind gefunden, für den nur der Jude in Frage kommt.

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An den Deutschen ist wirklich nichts dran, was sie zu einem Volk macht. Daraus rührt ihr negativer Bezug auf sich. Weil sie nichts sind, gehört ihnen alles.

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Der Antisemit wähnt sich beständig verfolgt. Darum ist er die verfolgende Unschuld. Er hat keinen bösen Willen, sondern stets den Standpunkt des Opfers. Das ist nicht bloß Taktik des Antisemiten, sondern macht gerade sein Wesen aus.

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Warum den Juden die Rolle als Anti-Volk zuviel. Standpunkt des Rationalisten auf der Suche nach einem ›richtigen‹ Opfer.

»Diese ›Wahl‹ war innerhalb des europäischen Kontextes keineswegs zufällig. Die Juden hätten durch keine andere Gruppe ersetzt werden Können. Dafür gibt es vielfältige Gründe. Die lange Geschichte des Antisemitismus in Europa und die damit verbundene Assoziation Juden = Geld ist wohlbekannt. Die Periode der schnellen Expansion des industriellen Kapitals im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts fiel mit der politischen und gesellschaftlichen Emanzipation der Juden in Mitteleuropa zusammen. Die Zahl der Juden an den Universitäten, in den freien Berufen, im Journalismus, den schönen Künsten, im Einzelhandel nahm immer schneller zu - das heißt, die Juden wurden in der bürgerlichen Gesellschaft rasch aufgenommen, besonders in Sphären und Berufen, die sich gerade ausweiteten und mit der neuen Form verbunden waren, die die Gesellschaft gerade annahm. Man könnte viele andere Faktoren berücksichtigen. Einen möchte ich hervorheben: Ebenso wie die Ware, als gesellschaftliche Form, ihren „Doppelcharakter“ in dem entäußerten Gegensatz zwischen dem Abstrakten (Geld) und dem Konkreten (der Ware) ausdrückt, so ist die Bourgeoisie Gesellschaft durch die Trennung von (politischem) Staat und (bürgerlicher) Gesellschaft charakterisiert. Im Individuum stellt sie sich als Trennung zwischen Staatsbürger und (Privat-) Person dar. Als Staatsbürger ist das Individuum abstrakt. Das drückt sich zum Beispiel in der Vorstellung von der Gleichheit aller vor dem (abstrakten) Gesetz (zumindest in der Theorie) aus oder in der Forderung ›eine Person, eine Stimme‹. Als eine (Privat-) Person ist das Individuum konkret, eingebettet in reale Klassenbeziehungen, die als ›privat‹ angenommen werden; das heißt, sie betreffen die bürgerliche Gesellschaft (im Gegensatz zum Staat) und sollen keinen politischen Ausdruck finden. In Europa war jedoch die Vorstellung von der Nation als einem rein politischen Wesen, abstrahiert aus der Substantialität der bürgerlichen Gesellschaft, nie vollständig verwirklicht. Die Nation war nicht nur eine politische Entität, sie war auch konkret, durch eine gemeinsame Sprache, Geschichte, Traditionen und Religion bestimmt. In diesem Sinne erfüllten die Juden nach ihrer politischen Emanzipation als einzige Gruppe in Europa die Bestimmung von Staatsbürgerschaft als rein politischer Abstraktion. Sie waren deutsche oder französische Staatsbürger, aber keine richtigen Deutschen oder Franzosen. Sie gehörten abstrakt zur Nation aber nur selten konkret. Sie waren außerdem noch Staatsbürger der meisten europäischen Länder.« (Postone, »Nationalsozialismus und Antisemitismus«)

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Israel als das uneigentliche Volk. Den Israelis wird stets im Detail nachgewiesen, dass sie ja gar kein richtiges Volk seinen. Dass ein Staat ein Volk konstituiert – diese Wahrheit, erhält ihre ideologische Verkehrung in der Rückführung von Staat und Volk auf einen Naturzusammenhang. Dessen Ausbleiben mach Israel zur Instanz praktischer Ideologiekritik.

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Der Antizionismus ist nicht (psychologisch) auf den Antisemitismus zurückzuführen (er wäre „eigentlich“ Antisemitismus; vielmehr fand und findet der Antisemitismus seine Ausdrucksform im Antizionismus. Dem völkischen Bewusstsein ist seine reflexhaft antisemitische Haltung, wenn es um Israel geht, zu entnehmen (man beachte den Zusammenhang). Das Phänomen, positivistisch Faktum genannt, beweist gar nichts; erst die fertige Erklärung des Volksbewusstseins erlaubt die Ableitung und Erklärung des Antizionismus.

Der Antizionismus ist die Form, die der Antisemitismus in nach der Judenvernichtung und der Gründung des Staates Israels annehmen musste. Nachdem sich die Juden einen Staat geschaffen hatten, wurde dieser zum Juden unter den Staaten.

»Nun soll gewiß nicht behauptet werden, Ariel Scharon sei der Lenin von Israel, aber die israelische Staatlichkeit speist sich, historisch wie strukturell, aus ihrem Wesen als parlamentarisch verfasste und im Staat zusammengefaßte Emanzipationsgewalt. Es ist also nicht möglich, zwischen Herrschaft und Herrschaftsausübung in der Weise zu trennen, wie man es gemeinhin macht, wenn man sich fragt, ob der Schröder oder der Stoiber das Gemeinwesen besser verwalten werden. Vielmehr bekundet, wer in dieser Weise trennt, nicht nur sein Unverständnis für die Staatlichkeit der Juden, sondern auch einen mindest diskreten Antizionismus, etwa nach Art der diesjährigen Ostermärsche, die es duldeten, daß palästinensische Nationalwimpel mitgeführt wurden, oder nach Art der famosen Tute bianche, die zum Boykott israelischer Waren aufrufen, oder nach Art der eitel militanten operaistischen Gruppe Wildcat, die wirklich glaubt, Israel einer „Klassenanalyse“ unterwerfen zu können – all dies Gewese verdrängt, daß Ariel Scharon, natürlich ohne es zu wollen, näher dran ist am Kommunismus als seine Kritiker, daß er, auf seine, ihm als General einzig mögliche Weise, den antifaschistischen Kampf führt als eine Art israelische Ausgabe von Buonaventura Durruti. Denn der Kommunismus, die staaten- und klassenlose Weltgesellschaft, verlangt, soll er gelingen, etwas Unmögliches: Rache für die Toten, für die Opfer der Barbarei; zugleich aber auch, daß niemand anders behandelt werde als nach seinem eigenen Maß: Gerechtigkeit für die Lebenden. Nur so ist der Kommunismus möglich als die gesellschaftlich bewahrheitete Maxime „Jedem nach seinem Bedürfnis, jeder nach seinen Fähigkeiten“. In dieser Perspektive ist Israel der bewaffnete Versuch der Juden, den Kommunismus lebend zu erreichen. Das müßte doch eigentlich gerade von Leuten verstanden werden, die vor nicht allzu langer Zeit noch von der Diktatur des Proletariats schwärmten, die sich dem Staatskapitalismus in der Sowjetunion, der DDR, Chinas oder gar Albaniens an den Hals warfen oder den national-völkischen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Heute scheint es, als ob sich all diese abstrusen Identifikationen auf die bedingungslose Unterstützung des palästinensischen Volkes gegen Israel konzentrierten.« (ISF, Der Kommunismus und Israel)

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Antizionismus ist nur Ausdruck konsequent bürgerlicher Denkform. Mit dieser Denkform wird ein Kontinuum eröffnet, das bis zum mörderischen Antisemitismus reicht.

Widerspruch gilt  auch in der praktischen Agitation, also der materialistischen Kritik  der Opposition, die die bürgerliche Ordnung auf ihrer eigenen Grundlage kritisiert: die Zirkulation vom Standpunkt der Produktion und die Regierung vom Stanpunkt des Volkes unter Beschuss nimmt.

Letztlich ist das Zusammentreten von Staatsbürgern zu völkischen Mordkollektiven und die faschistische Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft nicht das ›ganz andere‹, sondern letzte Konsequenz der bürgerlichen Vergesellschaftung. Gegen diese Konsequenz kann man nicht einfach mit der Parole ›Wehret den Anfängen!‹ angehen, sondern nur mit dem objektiv ebenso unmöglichem wie notwendigen – der Abschaffung der bestehenden Verhältnisse.

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Manche reden gleich vom Vernichtungskrieg Israels. Sie wissen: Das ist nichts womit einer sich solidarisieren möchte. Ein Vernichtungskrieg zielt weder auf die Eroberung ab noch darauf, den Gegner seiner Kriegsfähigkeit zu berauben, sondern eben auf die Vernichtung von Staat und Menschen. Der Begriff trifft also nicht zu. Auch der größte Apologet des palästinensischen Volkes wird nicht bestreiten, dass Israel wenig am Staus quo auszusetzen hätte, wären nicht die palästinensischen Anschläge und Selbstmordattentate. Was also ist das Anliegen, das sich im beharrlichen Wiederholen dieser Vokabel ausdrückt?

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Die Sorge um die Nation, das also was als gesunder Nationalismus bekannt ist, hat sich in Deutschland seit 1945 mit dem Problem herumzuschlagen gehabt, das nach dem verlorenen Krieg arg ramponierte Ansehen der Nation aufzupolieren und trotz der gemeinschaftlich praktizierten Judenvernichtung wieder zu den zivilisierten Nationen zugelassen zu werden. Neben dem aufgesetzen Philosemitismus der Nachkriegszeit – der die Täter fast schon zu ideellen Opfern machte , war es von Anfang an die Strategie, die »Schande der Nation« durch den Hinweise zu relativieren, dass auch andere Dreck am Stecken hätten. Liebstes Opfer waren dabei die Juden, relativierte jede Untat, die man bei ihnen entdeckte nicht nur den Nationalsozialismus, sondern rechtfertigte ihn sogar. (Juden bekommen stets zu hören, dass gerade sie  als Opfer! – aus dem Nationalsozialismus hätten lernen sollen, während die Täter sich gegen die ewigen Vorhaltungen verwahren und endlich wieder ›normal‹ sein wollen, also alle Konsequenzen von sich weisen.)

Dieses urdeutsche Interesse ist auch die treibende Kraft hinter den Ausfällen von Blüm oder Möllemann. Dazu kommt freilich auch das Bestreben einen Eingreiftitel für deutsche Politik im Nahen Osten zu entwickeln.

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Den linken Volksfreuden geht es um die Legitimation des palästinensischen Krieges und dafür kann kein Vergleich zu weit hergeholt sein. Sie sind nicht ungefähr die Schule, in der der deutsche Außenminister sein Handwerk gelernt hat. (»Arbeitermacht«, »Arbeiterinnenstanspunkt«, »Friedensforum Duisburg«, RAF)

Der Aufschrei der anständigen Deutschen beim Wort Vernichtungskrieg ist moralisch und daher geheuchelt. Sie haben keinen Einwand gegen das Urteil, das sich darin ausdrückt, sondern meinen nur, als Deutsche dürfe man es nicht in den Mund nehmen, wenn es um Israel ginge.

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Die Linken hätten es zu einer Kritik an der bürgerlichen Welt bringen können, wenn sie das im Wert ausgedrückte, im Geld vergegenständlichte und im Kapital sich reproduzierende gesellschaftliche Verhältnis begriffen hätten. Statt dessen sieht man die Gemeinschaft in den Fängen nationaler oder internationaler Ausbeuter und hat an Arbeit, Demokratie und Gesellschaft nur ihre entfremdete Form zu bemängeln (z.B. raffendes und schaffendes Kapital unterscheiden). Kein Wunder, dass zwischen dieser Linken, den ›Herrschenden‹, gegen die sie opponiert und der als ›Stammtisch‹ geschmähten Volksseele nur Unterschiede in der Rhetorik bestehen.

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»Der andere Teil der Unverständlichkeit ist die Ungeduld, das in der Weise der Vorstellung vor sich haben zu wollen, was als Gedanke und Begriff im Bewusstsein ist. Es kommt der Ausdruck vor, man wisse nicht, was man sich bei einem Begriffe, der gefasst worden, denken solle; bei einem Begriffe ist nichts weiter zu denken als der Begriff selbst. Der Sinn jenes Ausdrucks aber ist eine Sehnsucht nach einer bereits bekannten, geläufigen Vorstellung; es ist dem Bewusstsein als ob ihm mit der Weise der Vorstellung der Boden entzogen wäre, auf welchem es sonst seinen festen und heimischen Stand hat. Wenn es sich in die reine Region der Begriffe versetzt findet, weiß es nicht, wo es in der Welt ist. – Am verständlichsten werden daher Schriftsteller, Prediger, Redner usf. gefunden, die ihren Lesern oder Zuhörern Dinge vorsagen, die ihnen geläufig sind und die sich von selbst verstehen.« (Hgel, Enz., §3)

(fb)

1 Siehe Jungle World 3.4.02, S.13.


www.streitblatt.de, Mai 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de