Notiz zum 8.Mai

Der 8.Mai ist der Tag der bedingungslosen Kapitulation, also der Sieg der Alliierten über Deutschland, zu dem ihnen zu gratulieren ist. Die Deutschen, für die sich immer alles um sie selbst drehen muss, erbauten sich seit diesem Tage an der wahnhaften Diskussion von Zusammenbruch vs. Befreiung – unter völliger Verkennung der geschichtlichen Verhältnisse: Die Alliierten haben den Krieg nicht geführt, um die Deutschen zu befreien, die selbst im Bombenhagel nicht geneigt waren mit dem Nationalsozialismus zu brechen und bis zum 8.Mai Juden auf Todesmärsche gehetzt haben, sondern um nicht Opfer des deutschen Vernichtungskriegs zu werden. Dass der zweite Weltkrieg (zumindest in Europa), nur mit der totalen militärischen Niederlage Deutschlands zu beenden war, wollten die Deutschen vom ersten Tag an nicht wahrhaben, und haben seit 57 Jahren daran gearbeitet, die Bedeutung des 8.Mai zurechtzurücken: Zu einer Mahnung für den Frieden (obwohl nur der Krieg die Deutschen bezwingen konnte) oder für die Versöhnung (zu der sie, angesichts von Teilung und Bombenhagel die eigentlichen Opfer des zweiten Weltkriegs, bereit seien) – oder sogar zum Tag der Befreiung. Nur, wovon könnten sich die Richter, Henker und Fähnchenschwenker wohl befreit gefühlt haben?

Der falsche Dualismus von Zusammenbruch und Befreiung wird verständlich, wenn man sich seinen wahren Kern klarmacht. Einerseits hat das deutsche Reich eine Niederlage erlitten und war zerstört. Andererseits war – nach getanem Judenmord – die Arbeit der Nationalsozialisten erledigt: Kapital und Arbeit zusammengerückt, Bürgertum und Proletariat als oppositionelle Klassen vernichtet und die Früchte konnte die BRD nun in Gemeinschaft mit den ehemaligen Gegnern ernten. Den Krieg hatte der Nationalsozialismus verloren, seine Aufgabe aber erledigt.

Traditionell wurde der 8.Mai gerne in seinen historischen ›Kontext‹ eingeordnet, was für einen deutschen Historiker noch nie hieß, die Niederlage als Folge des deutschen Angriffskrieges zu erweisen, sondern ihm einerseits die sogenannte Vertreibung, andrerseits die Währungsreform und das Wirtschaftswunder beiseitezustellen, damit man etwas hat, worauf man stolz sein kann. Weil das deutsche Streben nicht darauf ging, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, sondern dass endlich Schluss sein müsse mit der Beschuldigung der Deutschen; weil seit 1945 alles daran gesetzt wurde, an 1933 anzuknüpfen – auch von den Linken, die entweder Klassenkampfformen der 20er fortzuführen bemüht waren, oder den Antifaschismus als Legitimationswerkzeug benutzten – begann 1945 nur eine Zwischenzeit. Mit dem Sieg der Alliierten über den Faschismus wurden nur die Verhältnisse wieder hergestellt, die ihn möglich werden ließen.

Das Streben nach einem gesunden Nationalbewusstsein ist genau wie der Versuch, sich den Begriff der Nation von links anzueignen, mit dem Programm verbunden, Auschwitz zu verdrängen. Und am besten hat diese Verdrängung stets unter mit der Lüge von der nationalen Läuterung geklappt. Wer das Nationalgefühl wiederbeleben will – und sei’s im Namen Brechts oder unter dem Banner des Antifaschismus (»Für ein antifaschistisches deutsches Vaterland« stand im Münchener Infoladen mal an die Wand geschmiert) – verleugnet eine Grundvoraussetzung jeder Kritik: dass dieses Nationalgefühl immer schon ein Wahngebilde darstellt. Mehr noch: Weil die Rede von der nationalen Widergeburt links und rechts von der Klage begleitet wird, man dürfe ja nicht, schafft man sich schon im ersten Schritt einen anonymen Gegner und befördert  die nationale Paranoia, die im Antisemitismus einst gipfelte.

Der 8.Mai war der Tag der bedingungslosen Kapitulation, der totalen militärischen Niederlage. Weil die Deutschen aber dieselben blieben, war der 8.Mai zugleich der Zeugungszeitpunkt der BRD. Der Deutsche kennt nur ein Verbrechen und darauf steht die Höchststrafe: undeutsches Handeln. Solches konnte nach 1945 keines ausgemacht werde – weswegen die Niederlage auch keine Konsequenzen zeitigte außer den Deutschland von außen aufgezwungenen. (fb)


www.streitblatt.de, Mai 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de