Regen

Kurzgeschichte

Für Lidia

 

Es regnete. Es regnete seit Tagen. Dicke kalte Tropfen klatschten ins Buschwerk und auf die Regenhaut, die sie notdürftig über ihr Quartier in einer Felsnische gespannt hatten. Ed zog den Army-Schlafsack ein Stückchen weiter ins Trockene und nahm Guang Yu in den Arm. Sie lehnte sich an ihn, wohl wissend, dass ihm das gut tat. Sie hatten sich. Das war die Bestandsaufnahme nach drei endlosen Wochen Rucksacktourismus.

Sie hatten sich, weil sie beinahe alles andere verloren hatten. Noch am Flughafen war der Taxifahrer mit ihrer Fotoausrüstung einfach abgehauen. Sie hatten ihn im dichten Abgasnebel zahlloser drängelnder Fahrzeuge hupend verschwinden sehen, sogar der Kofferraum war noch offen gewesen. Dann, nachdem sie es schon bis aufs Land hinaus geschafft hatten, ließ sie ihr reich bebilderter Reiseführer im Stich. Unpassende Zeichnungen und nicht nachvollziehbare Wegbeschreibungen schenkten ihnen bald die sichere Erkenntnis, daß sie sich verlaufen hatten. Es war schon einige Tage her, daß ihnen ein englisch sprechender Dorfschullehrer den Weg hinab zur Stadt erklärt hatte, doch schien sie ferner denn je. Im letzten Dorf, knapp einen Tagesmarsch zurück, waren ihnen die Menschen besonders zurückhaltend, wenn nicht offen feindselig, begegnet. Bananen und Konserven waren offensichtlich überteuert und niemand wollte sie über Nacht bei sich aufnehmen. Sie taten, als würden sie nicht verstehen und lächelten dabei übertrieben höflich, oder sie schlossen einfach die Tür und ließen sie stehen. Ein Engländer und eine Chinesin, nicht die beste Empfehlung, wie es schien. Es war ihnen also gar nichts anderes übrig geblieben, als dem schmierigen Pfad ein weiteres Stück zu folgen und sich dann etwas abseits im grünen feuchten Dickicht ein Plätzchen zu suchen. Die Felsnische bot wenigstens ein bißchen Schutz und Trockenheit. Sie hatten sich Haare und Haut so gut als möglich mit einem staubig verschwitzten T-Shirt abgetrocknet. Mit etwas Glück würden sie die Affen in Ruhe lassen. Die sahen nicht besonders zutraulich aus, wenn sie Grimassen zogen und dabei ihre langen Eckzähne zeigten.

Guang Yu hatte von Anfang an ein komisches Gefühl gehabt, aber Ed hatte nicht aufgehört zu schwärmen und tatsächlich konnte man die Feindseligkeit ihrer Umgebung erst erfassen, wenn sie einen umgab und nicht entkommen ließ. Sie hatten sich, nur sich, aber sie hatten sich auf eine neue Art und Weise kennengelernt. Beinahe drei Jahre waren sie nun zusammen, hatten gemeinsam studiert, gemeinsam seine Eltern besucht und gleichzeitig das Examen gemacht. Doch nie zuvor waren sie so aufeinander angewiesen gewesen wie in den letzten Wochen. Anfangs hatten sie noch oft gestritten und Guang Yu hätte am liebsten schon in den ersten Tagen, als sie die lärmende und unübersichtliche Stadt noch gar nicht verlassen hatten, das Handtuch geschmissen. Was wollte, was sollte sie hier? Sie war hier fehl am Platz und sie wußte das, bevor man ihr es offen zeigte. Ed war Optimist gewesen, alles würde sich schon finden. Nach und nach brach er ein, Guang Yu konnte es genau mitverfolgen und fühlte echtes Mitleid. Wenn er den Arm wie jetzt beschützend um sie legte, ließ sie ihn gewähren. Sich um sie kümmern zu können, lenkte ihn von der eigenen Verzweiflung ab. Guang Yu wollte ihm dieses letzte Stückchen Sicherheit nicht nehmen. Wenigstens nicht hier. Wenn er schlief - er nahm sich mit geringem Erfolg regelmäßig vor, nicht als erster einzuschlafen - strich sie ihm durch die Locken. Wenn ihr diese Wochen irgendetwas gebracht hatten, dann die Erkenntnis, daß sie ihn eigentlich nicht mehr missen wollte. Er war so verläßlich und berechenbar, unkompliziert und einfach zu durchschauen. Und, da war sie sich ganz sicher, er war ihr treu ergeben. Nicht, daß er nicht einen eigenen Kopf hatte, den er durchsetzen wollte. Wenn sie stritten, waren sie beide einander ebenbürtig an Halsstarrigkeit und Rechthaberei. Aber sie wußte genau, wie sie ihn zu handhaben hatte.

Guang Yu sah regungslos in die grauverschleierte Bergwelt hinaus. Sie würden wohl die Nacht hier verbringen müssen, wenn es nicht wieder etwas aufklarte. Es war noch früher Nachmittag und bei besserem Wetter hätten sie es noch bis dorthin schaffen können, wo Guang Yu eine Kirche oder Moschee zu sehen geglaubt hatte. Ed hatte natürlich widersprochen, aber er hatte sich sicher nur darüber geärgert, das kleine weißgetünchte Häuschen, das in einigen Kilometern Entfernung am Berghang zu kleben schien, nicht selbst entdeckt zu haben. Vielleicht würden sie dort sogar eine Straße vorfinden und einen LKW anhalten können. Dann könnten sie noch morgen in der Stadt sein. Raus aus dem Dickicht, das sie zu umschlingen suchte. Eine heiße Dusche nehmen. Wie anständige Menschen gesittet zu Abend essen und in ein sauberes Bett kriechen. Guang Yu seufzte innerlich und drehte den Kopf zu Ed. Er war eingeschlafen, die Strapatzen nahmen ihn sichtlich mit. Ž M.


www.streitblatt.de, Januar 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de