Identifikation und Ideologie

Ein zweiter Blick

I

Identifikation ist keine natürliche Eigenschaft, kein »Potenzial«, dass sich ständig Objekte suchen müsste, nichts angeborenes, mit dem wir allenfalls »erwachsen« umgehen könnten. Zunächst: Es kommt sehr darauf an, womit man sich identifiziert. Wenn Infineon einem ›Identifikationspotenzial‹ plötzlich nicht mehr genügen kann, frage man sich mal: Warum wohl?

Die spezifisch kapitalistische Ideologieproduktion kommt in der psychologischen Betrachtung nicht vor. Zwang gab und gibt es auch in andren Gesellschaftsweisen; auch dieser Zwang wird wohl „internalisiert“. Die Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft ist aber weder ein bloßer Irrtum, noch internalisierter Zwang, sondern insofern notwendig falsches Bewusstsein, als sie die richtige Erklärung falscher Verhältnisse ist. Die gesellschaftlichen Beziehungen erscheinen als das was sie sind – gesellschaftliche Verhältnisse von Sachen (K1, S.87).

Die Psychologie „erklärt“ dagegen die Ideologien nicht materialistisch, sondern führt sie – und das halt ich selbst schon wieder für ideologisch – auf das Wesen der Menschen zurück; auf angeborene Eigenschaften, wie dass sich ein Kind angeblich mit seinem Vater identifiziere. (Und bevor’s jetzt wieder heißt, das wäre nun mal so: Nicht jedes Kind vollzieht die Taten seines Vaters nach, weswegen solche empirischen Belege auch nicht den Grund angeben können.) Um das zu verdeutlichen noch folgende Argumente:

Identifikationen spielen sicher eine wichtige Rolle bei der Ideologieproduktion. Aber woher kommen die? Angeborden sind sie sicher nicht. (Insbesondere nicht solche Indetifikationen wie die von dir angeführten.) Ich denke nicht, dass sich das erklären lässt, solange man von der kapitalistischen Staatlichkeit abstrahiert, sprich, solange man sich das Kollektiv nicht erklärt, in dem die Identifikation vonstatten geht.

II

Gewiss, wir machen anderen etwas nach. Wenn ein Kind seine Mutter eine Dose mit einem Dosenöffner öffnen sieht, bietet ihm das Hinweise, wie man an die leckeren Ananasscheiben rankommt. Wenn der Vater den ganzen Abend vorm Fernseher hockt, muss ihm das Kind das nicht nachmachen, aber auf die Idee, Holzfiguren zu schnitzen, kommt es so nicht. Was hat das nun alles mit ›Identifikation‹ zu tun? Gute Frage. Vielleicht nennt sich dieses Phänomen in irgendeinem Psychologenjargon so. Nichts zu tun hat dieses Phänomen allerdings mit der Identifikation, die ein Individuum im nationalen Kollektiv aufgehen lässt oder in der ideellen Gemeinschaft mit der Prinzessin gleich alle Klassenschranken wegträumt. Da wird nämlich nichts vorgemacht, nichts nachgeahmt (welcher deutsche Volksgenosse will denn schon Goethe nachmachen, noch nicht mal zum Nietzsche langt’s!).

III

Wenn der Benutzer der U-Bahn den Pflichteifer des Kontrolleurs mit Wohlgefallen betrachtet (und sich nur ärgert, wenn er selber mal erwischt wird), Gewerkschaften das Profitinteresse der Kapitalisten nachvollziehen, Schüler die Selektion durch Konkurrenz einsehen oder Soldaten für ihr Vaterland kämpfen – dann stellt sich die Frage: Wie kommt so was? Sind da äußere Zwänge am Werk, die internalisiert werden um den ›Konflikt‹ zu ›mildern‹? Oder ist das ein Identifikationspotenzial am Werk, aufgrund dessen sich das Subjekt mit dem jeweils tätigen Kollektiv ›identifiziert‹? Dass sich eine wildgewordene Identifikationssucht austobt ist erst einmal wenig plausibel – dafür gibt es zu viel, mit dem sich gewöhnlich nicht identifiziert wird. Wäre ja auch zu blöd wenn ein Soldat, kaum dass er einen Feind sieht, sich sofort mit dem identifiziert. Die Rede von der Internalisierung externer Gewalt scheint dagegen plausibler zu sein. Aber auch hier gilt: Nicht jede Gewalt wird von den Menschen verinnerlicht. Und: Nicht jede Verhaltensweise beruht auf Gewalt (das hätte die Psychologie gerne). Es gibt keinen Automatismus der von einer Gewalt zu ihrer Affirmation führt. In den genannten Fällen können die U-Bahn-Passagiere, Gewerkschaften, Schüler oder Soldaten stets Gründe für ihr Verhalten anführen. Und solche Gründe kann man Menschen nicht eintrichtern oder anerziehen, wenn sie sich diese Gründe nicht einleuchten lassen.

IV

Auf Gewalt, oder allgemeiner: auf Zwänge kann man auf mehrerlei Art reagieren. Man kann die Zwänge hinnehmen und versuchen, das beste daraus zu machen. Oder man kann sich fragen, warum das so ist, und was sich dagegen machen lässt. Im letzteren Falle sehe ich die Zwänge als das was sie sind: Zwänge, auch wenn sie sich schließlich aufheben lassen; im ersten Fall sehe ich die Zwänge als Mittel zu meinem eigenen Fortkommen und habe darum ein positives Verhältnis zu ihnen.

V

Eine gewisse Folgerichtigkeit erfährt die Strategie, den Zwang zum Mittel zu machen, dadurch, dass die Auflehnung oder Kritik, die Zwänge zunächst nicht beseitigt, den Zwängen also um den Preis des Untergangs gehorcht werden muss. Der Schüler wird ausgesiebt ganz unabhängig davon, wie er zur schulischen Konkurrenz steht; der Proletarier kommt an keine Lebensmittel, wenn er sich nicht als Lohnarbeiter verdingt etc. So weit (und nur soweit) ist es richtig von einem notwendig falschen Bewusstsein zu sprechen. Aber es muss nicht falsch sein. Wie sehr die Zwänge ›verinnerlicht‹ werden, hängt davon ab, als wie unaufhebbar sie empfunden werden.

VI

Nicht immer aber geht es um die Reflexion auf einen unmittelbaren Zwang, die noch ein recht abstraktes Phänomen ist. So gottgegeben die Fürstengewalt galt, so heilig die Familiengewalt, so persönlich kenntlich war sie doch und so schnell konnte sie sich daran relativieren, dass das Subjekt der Gewaltausübung ihrer Begründung nicht mehr gerecht wurde. Das Verhältnis zwischen Gewalt und Ideologie bleibt so recht eng.

Das ändert sich mit Durchsetzung des Kapitalverhältnisses. Schon mit der Entwicklung des Warentauschs werden die Gesetzmäßigkeiten, denen die Subjekte unterworfen werden zu etwas scheinbar den Waren selbst entspringenden. Daraus ergibt sich schließlich das Kapital als ›automatisches Subjekt‹, das die ganze Gesellschaft dem Prinzip der Selbstverwertung des Werts unterwirft. Das heißt: das Subjekt ist kein Individuumn mehr – das ist vielmehr entsprechend auf eine bloße Charaktermaske reduziert – sondern ein gesellschaftliches Verhältnis, das aber gar keine subjektive Seite hat, sondern ganz in Reproduktion und Selbstvermehrung aufgeht, darum ein ›automatisches‹ ist. Dieses zum Subjekt verdinglichte Kapital und die Reduktion der Menschen zu Charaktermasken ist kein bloßer Schein, sondern Realität: Keine Erkenntnis schafft diesen wirklich gewordenen Idealismus aus der Welt. Materialistische Kritik kann nur seinen historischen Charakter aufdecken und seine Abschaffung verlangen. Die Ideologie liegt darin, das Kapital nicht als falsches gesellschaftliches Verhältnis zu begreifen, sondern aus den Gegenständen abzuleiten, in denen es sich bloß vergegenständlicht.

Das kapitalistische Subjekt hat darum auch nicht, sozusagen in einer sozialen Rolle, gewisse Zwänge verinnerlicht, sondern es gehorcht, als bloße Charaktermaske des Kapitals seinen eigenen Gesetzen.

VII

Dieses Verhältnis reproduziert sich auf der Stufe des Staates, insofern ihn das Kapital notwendig macht. Es sind aber nicht nur neue Gesetzmäßigkeiten, Zwänge und Charaktermasken, die auf dieser Stufe auftreten; auch das Verhältnis von Subjekt und Zwang ändert sich. Das Individuum wird zum Staatsbürger, in dem alle im Kapitalverhältnis noch geschiedenen ›Funktionen‹, d.h. Klassen und Interessen verschmelzen. Im Bourgeois bleiben sie gleichzeitig erhalten, aber im Citoyen verschwinden sie tatsächlich und nicht nur scheinbar, was die Quelle für allerlei ungemütliche Widersprüche abgibt. Subjekt ist auf dieser Stufe die Nation als Einheit von Staat und Volk. Das Individuum gehorcht jetzt nicht mehr nur seinen eigenen Gesetzen, sondern auch seinen eigenen Interessen, die mit dem Allgemeininteresse identisch gesetzt sind. Im Volksstaat gibt es weder Klassen noch Kritik, sondern bloß noch Meinungen, die ins Unmittelbare gesetzte Staatsräson sind, individualisiertes Volksbewusstsein, alternative Lösungsvorschläge für die Drangsaale der Nation.

VIII

Ob der Obdachlose tatsächlich dem deutschen Standort am meisten dient, wenn er erfriert, sei mal bezweifelt. Erstens, und das ist die eigentliche Härte, kommt’s auf ihn so wenig an, dass es buchstäblich egal ist, ob er erfriert oder nicht. Zweitens soll er, bis es soweit ist, sich zur Gemeinschaft bekennen – ob er dieser dann ständig ein ›Vergelt’s Gott!‹ ins Ohr plärrt, BISS verkauft, oder als warnende Beispiel dient, ist egal.

IX

In der Tat: Wem die Trauben zu hoch hängen und der seine Kriecherei nicht in der Peitsche erkennt, sondern sie aus seinem eigenen Wesen ›herleitet‹, dem würden sie auch gar nicht schmecken. Wenn man auf Grund dieser Wesensbestimmung die elenden Lebensbedingungen dann zu seinem angestammten und artgerechten Lebensraum macht, sich also – keineswegs äußerlich – mit ihnen identifiziert, dann bleibt nur mehr die Askese, auf die alle im Kollektiv verpflichtet werden und die mit Hass und Neid auf alle Kollektivfremde einhergeht. Wie das konkret aussieht, kann man bei Globalisierungsgegnern oder autonomen Volksküchen studieren.

IX

Ideologische Identitäten verschwinden nicht mit dem Erwachsenenwerden, weil sie kein dummer Fehler sind, den man macht, solange man minderjährig ist, sondern die Folge der kapitalistischen Vergesellschaftung gerade der ›Erwachsenen‹. Ein oberflächlicher theoretischer Diskurs, der das ignoriert, bleibt ideologisch, was schon die inbrünstige Affirmation möglichst authentischer Identitäten in Kultur, Ethnie oder Gender zeigen.

Dem entgegenzustellen ist nicht die Banalität, dass mit Staat und Kapital auch deren Ideologien verschwänden, denn wie sollen die verschwinden, wenn niemand etwas gegen sie hat. Vielmehr ist auf einer materialistischen Kritik zu beharren, die nicht die gedankliche Reproduktion des Bestehenden zum Ziel hat, sondern die Abschaffung des als falsch erkannten. Eine Kritik die dem ideologischen Bewusstsein nicht mit immer ausgedehnteren Theorien und immer hanebüchnerem Jargon kommt, sondern mit den paar Banalitäten über Staat und Kapital nervt, die für sich sprechen.  (fb)


www.streitblatt.de, Januar 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de