Freerk Huisken

und die moralischen Antifaschisten

Am 6.November wurde Freerk Huisken vom Münchener DGB Bildungswerk eingeladen, um über die Rechtsextremismuskampagne zu referieren. Über den Rechtsextremismus, die deutsche Ausländerpolitik und den staatlichen Umgang mit dem Rechtsextremismus hat das Publikum an diesem Abend allerdings wenig gelernt ­ das hat nämlich niemanden interessiert. So wurde auch Huiskens Erklärung gar nicht zur Kenntnis genommen, sondern sich vielmehr jegliche Kritik verbeten, weil man doch auch zu den Guten gehöre.

Die Rechtsextremismuskampagne, von der die deutsche Innenpolitik zumindest bis zum 11.September bestimmt gewesen war, löst Huisken auf, in das Programm des Staats, wie mit den Ausländern umzuspringen ist und in das Bemühen, dieses Programm den Bürgern zu vermitteln. Die Kampagne gegen Rechtsextremismus entsprang also nicht einer plötzlichen Freundschaft den hier lebenden Ausländern gegenüber oder gar einem plötzlichen in sich gehen des Staates, sondern einer alternativen Ausländerpolitik. Der Generalverdacht gegenüber jedem Ausländer, kodifiziert in den Ausländergesetzen, blieb vor und nach der Rechtsextremismuskampagne bestehen. Zu Beginn der 90er war aber dieser Generalverdacht in der Form gefasst, dass grundsätzlich zu viel Ausländer hier seien, weswegen auch konsequent jeder ausländerfeindliche Hintergrund der ausländerfeindlichen Übergriffe geleugnet und zum jugendlichen Überschwang orientierungsloser Täter erklärt wurden. Die Ausländerpolitik ist schließlich in den letzen Jahren neu überdacht worden. und zwar unter dem Gesichtspunkt, dass manche Ausländer dem Standort ganz gut nützen könnten. Der Staat will also mehr als bisher unterschieden wissen, wer guter und wer schlechter Ausländer ist, und diese Unterscheidung soll nicht dem Mob überlassen werden. Genauer nachlesen kann man das in Huiskens Buch Die Brandstifter als Feuerwehr.

Während der Veranstaltung hat das, wie gesagt, keinen interessiert. Da ging's nämlich um anderes. Junge Antifaschisten waren zuhauf gekommen, in der Hoffnung, sich gescheit entrüsten zu können über eine Gesellschaft und über einen Staat, der gar nicht richtig durchgreift in Sachen Rechtsextremismus und daher von den antifaschistischen Karnevalsvereinen noch einiges zu lernen hätte. Wer mit solcher Erwartung kam, dem schlägt's schnell auf den Magen, wenn er erfährt, dass das Zeug, das man entrüstet einklagt, gar nicht die Aufgabe des Staates ist und dass bloßer Antifaschismus ­ also die bürgerliche Herrschaft gegen ihre Exzesse auszuspielen ­ vielleicht gar keine gute Kritik ist. Da ist manchem das vegetarische Döner im Hals stecken geblieben, so dass er nur noch mit überlegendem Lächeln das Weite suchen konnte.

Dabei hatte Huisken es ihnen so einfach gemacht. Wie der Staat mit Ausländern umgeht und was er daraus für eine Politik ableitet, war Huiskens Thema. Dass es auch falsche Kritik an Rassismus und Neofaschismus gibt, solche die den Staat für eigentlich oder zumindest potenziell antirassistisch oder antifaschistisch hält, hat er erwähnt. Und: Antifaschistische Identität hat er kritisiert. Seine Identität aus seinem Antifaschismus zu gewinnen taugt nichts. Aus mehr Gründen übrigens als Husiken ahnt. Aber, so hat er immer wieder betont, nicht alle bleiben bei diesem Antifaschismus, also der Entrüstung, dass es ab und an noch härter kommt als man es gewohnt war, stehen, sondern manche bringen es durchaus zu einer Kritik an Staat und Kapitalismus. Auch das hat er klargestellt.

Viele dürften es nicht sein. Aber nicht einmal auf dieses, unangebrachte Angebot zur Versöhnung gingen die anwesenden Antifaschisten ein. Der Reihe nach meldeten sich alle antifaschistischen Vertreter zu Wort, vom »Antifaschistischen Massenselbstschutz/Sumpfmeisenweg, Westseite« bis hin zum »Zusammen Antifaschistisch Kämpfen/Spielstraße Neuperlach« und machten klar: »Wir nicht! Wir nicht, gell, lassen Sie sich das gesagt sein!« So sehr zelebrieren sie also ihre Identität als Antifaschisten, dass sie die sachliche Einschränkung gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Konsequent zwar, weil sie außer ihrer antifaschistischen Identität irgendeinen Inhalt, geschweige denn eine Kritik gar nicht haben, Blöd aber zugleich, weil sie sich nachher heulend beklagten, dass Huisken sie gemeinerweise alle über einen Kamm schere, was doch gar nicht stimme ­ schließlich sind alle Gruppen schwer unterschiedlich. Stimmt zwar gar nicht, weil Huisken gar nicht von allen gesprochen hatte, die etwas gegen den Faschismus hätten, sondern von denen die sichs in ihrer antifaschistischen Identität lauschig eingerichtet haben. Stimmt aber doch, weil die Antifas außer dieser Identität gar nichts haben, und zumindest dafür dem Faschismus noch dankbar sein müssen.

»Nie wieder Faschismus!« so fassen sie ihre Politik zusammen und meinten doch nichts andres damit, als »Alles für die Demokratie!« So richtig dieser Vorwurf ist, insofern bei aller innerlichen Radikalität die praktische Politik der Antifas gegenüber der Demokratie unkritisch und affirmativ ist; so richtig dieser Vorwurf auch gegenüber der KP ist, weil sie ­ indem sie diese Parole statt der Forderung nach 'Kommunismus jetzt' wählte ­ die Parole selbst von einem Programm zu einem bloßen Wunsch degradierte; so sehr greift Huisken doch zu kurz damit: Das eigentlich dämliche ist ja nicht die Affirmation der Demokratie ­ die manche glaubhaft bestreiten, und die sich zumindest beheben ließe ­, sondern das taktische Missverständnis, das in dieser Parole ausgedrückt ist: Wer mit »Nie wieder Faschismus« unters Volk geht, der meint dort lauter Gleichgesinnte zu finden, die mit ihm den Anfängen wehren wollten und bloß aus ihrer Lethargie aufgerüttelt zu werden brauchten. Der meint, alle wären eigentlich sowieso dagegen und verkennt, dass schon damals so gut wie niemand dagegen war und sich immer noch fast alle als das deutsche Volk fühlen, von dem man nichts zu erwarten hat, als dass auch beim nächsten Mal wieder alle mitmachen werden.

Der Antifaschist hat ein ganz bestimmtes Urteil über die Gesellschaft drauf, in der er agiert. In dieser Gesellschaft nimmt er nämlich den Faschismus als einen Fremdkörper wahr, den er gerne beseitigen möchte. Er begreift nicht den Zusammenhang zwischen Staat, völkischer Vergesellschaftung und faschistischer Konsequenz. Darum versteht er den Faschismus entweder als das ganz andere, das nur Wahnsinnige ergreift (bürgerlicher Antifaschist) oder als das dem »undemokratischen« Staat (der »faschisiert« sei, den er sich also ­ solange es demokratisch zugeht ­ viel gemütlicher ausmalt, als er gegenwärtig real ist) schon fast gleiche (autonomer Antifaschist).

An diesem falschen Urteil wollte keiner Kritik hören. Wie kommt das? Es ist traurig, dass vielen das ganz natürlich erscheint, wo es doch nichts Groteskeres gibt als sich Einwänden gegen seine Kritik zu verschließen, die nur dann Sinn hat, wenn sie ihren Gegner auch trifft. Zu befürchten ist, dass sich der Kritisierte gar nicht als Kritiker versteht, sondern als guter Mensch, der also in moralischen Kategorien denkt, seine Persönlichkeit wertschätzt aufgrund der wertvollen Meinungen die er so draufhat und deshalb jeden Angriff auf diese Meinungen als Angriff auf seine Persönlichkeit versteht. Dem ist aber nicht abzuhelfen, solange der Moralist als bürgerliches Subjekt durch die Gegend läuft, das seine Meinung für einen Ausdruck seiner Persönlichkeit und daher für besonders achtenswert hält.

Weil sie sich als die Guten verstehen, glauben die Antifaschisten auch gleich eine gute Retourkutsche drauf zu haben, indem sie die Frage stellen: »Was würden Sie denn tun?» Denn gute Menschen müssen Gutes tun und sich zumindest morgen schon mit der Hand am Heiligen Graal vorstellen. Deswegen halten sie die Auskunft, dass man gegenwärtig eben nur eine Kritik von Nation und Kapital leisten könne und die unter die Leute zu bringen hätte, für einen Aufruf zum Nichtstun und einen Ausdruck der Resignation. Die eigene Seelenruhe und die gute Laune für den Rest des Abends war so gerettet: Denn man würde wenigstens weiter guter Antifaschist sein. Der Kampf geht weiter! (fb)


www.streitblatt.de, Januar 2002, e-mail: redaktion@streitblatt.de