Die innere Sicherheit

So...

 

Unaufgeregt, in oftmals wortlosen und dennoch sprechenden Bildern malt Christian Petzolds Film “Die innere Sicherheit” die stille Tragödie einer dreiköpfigen Familie, die Überbleibsel einer anderen Zeit und deren kühles Zuhause der Untergrund ist. Lediglich am Rande werden Hinweise auf eine extralegale politische Tätigkeit der Eltern Clara und Hans gegeben, zentral thematisiert hingegen wird die Sehnsucht zumal der 15jährigen Tochter Jeanne nach Normalität in ihrer praktisch gegebenen Unmöglichkeit. Die junge Familie, die übliche Spannungen unter unüblichen Bedingungen birgt, muß nach dem Diebstahl ihrer Finanzen in Portugal zurück nach Deutschland, um frühere Sympathisanten um Hilfe zu bitten. Die Angst der beiden Outlaws Clara und Hans um ihre Tochter zeigt sich beispielhaft, als die rote Ampel einer menschenleeren Kreuzung die Fahrt des alten weißen Familienvolvos stoppt. Nacheinander fahren dunkellackierte Karossen vor. Hans steigt mit erhobenen Händen aus, im Glauben einem Spezialkommando gegenüberzustehen, doch die Ampel schaltet auf grün, der Spuk ist aufgelöst. Christian Petzold ist ein Fim gelungen, der jenseits von Piratenklischees eindrucksvoll aufzeigen kann, wie menschlich die Probleme der Ausgestoßenen sind, wie übermächtig die Bedrohung des Staates das tägliche Leben beeinträchtigt und wie dieser schließlich zuschlägt. Ein Fernsehspiel, daß keine Action braucht, um zum Nachdenken anzuregen.

 

...oder so!

 

Der Film ist absolut fad und lasch, langweilt in scheinbarer Unendlichkeit mit platten Kurzdialogen, die dann und wann die Sprachlosigkeit durchbrechen. Statt Bedrohung und Angst geht nichts anderes auf die Zuschauer über als die grenzenlose Langeweile sozialer Isolation, diese allerdings gekonnt. “Die innere Sicherheit” ist für Leute unter vierzig Geld- und Zeitverschwendung und bedient allenfalls gealterte Revolutionsromantiker, die bereit sind, das dürftige Gerippe der filmischen Fiktion mit den bunten Federn nicht länger gefährlicher Erinnerungen aufzupeppen. Nicht nur, daß man in jedem Blockbuster einiges mehr über kapitalistisch-patriarchale Ideologieproduktion lernen kann, nein, Petzolds Stückchen lehnt auch noch jeden Bezug zur politischen Realität ab, der über den Streit ehemaliger Freunde hinausgeht - und wird von den Kritiken dafür auf den Händen getragen:

 

“Parolen, Phrasen und politische Nachhutgefechte bleiben einem erspart. [...] Petzold zeigt Menschen, die ‘das System’ zerstören wollten, um sich schließlich selber zu zerstören - kaum zufällig ist öfter von Implosion die Rede. Daß Petzold sich dabei aller Psychologisierung enthält, obwohl das Thema ein Paradies für Traum-Therapeuten wäre, kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen.” (Peter Körte, www.pegasosfilm.de)

 

“Die Eltern wollen nach Brasilien, das Mädchen will einen Freund. Die Alten wollen die Vergangenheit abschütteln, die Jugend will Gegenwart - beides zugleich geht nicht. Wenn das kein deutsches Dilemma ist.” (Michael Althen, SZ vom 31.01.2001 Feuilleton)

 

Erst haben wir mit Walser und Dohnanyi unsere völkische Schuld verteidigt und jetzt auch noch unser deutsches Terrorismusdilemma. Da der Film in der Jetztzeit spielt, ist für Nachgeborene Zeitunglesen ein ergiebigerer Ersatz. Hier erfährt man aktuell mit Fischer, Cohn-Bendit,  Klein oder Mahler, wer aus Bornheim oder Kreuzberg wie im Jahr 2001 angekommen ist und welche Grundsteine 68 dafür gelegt hat. (#7)


www.streitblatt.de, April 2001, e-mail: redaktion@streitblatt.de