Religiös motivierte Wohlfahrt

Lernt George W. Bush vom Sudan?

Und ich wurde der Wohltätigkeit überwiesen, zuerst der staatlichen, dann der privaten -

Da stand ich in einer langen Schlange und wartete auf einen Teller Suppe. Vor einem Klostertor.

Auf dem Kirchendach standen sechs steinerne Figuren. Sechs Heilige. Fünf Männer und ein Weib.

Ich löffelte die Suppe.” (aus Ödön von Horváth: Ein Kind unserer Zeit. 1938)

George W. Bush hat den Kriminologen Prof. John DiIulio damit beauftragt zu prüfen, inwieweit religiösen Organisationen in den USA stärker als bislang Aufgaben der Sozialarbeit übertragen werden können. Zwar war dank fehlendem Sozialsystem hier ohnehin ein Spielfeld der sogenannten Zivilgesellschaft gegeben, was die FDP übrigens durchaus als Chance verstanden haben will, doch soll die Geldervergabe nun breiter an religiöse Gemeinschaften gestreut werden, die ihrerseits auf eine Missionierung verzichten sollen. Sinn und Zweck ist zum einen natürlich das weitere out-sourcing lästiger staatlicher Minimalaufgaben an solche Privatpersonen, die die Obdachlosen schon nicht liegen lassen werden, sondern zur eigenen Zufriedenheit ehrenamtlich Suppe schöpfen. Zum anderen soll aber durchaus vom religiösen Profil der Helfer profitiert werden: “Alphabetisierung, sexuelle Enthaltsamkeit bei Heranwachsenden” und der Kampf gegen Drogen (SZ. 28.2.01), sind Ziele, welche die Bush-Regierung mit den Religiösen teilen. Auch wenn etwa die Bischöfin von Washington, Jane Dixon, schon abgewinkt hat (SZ. 28.2.01), mancher WASP-Fundamentalist und die eine oder andere Door-Front-Church werden geschmeichelt ob soviel Vertrauen die Ärmel schon hochkrempeln.

Läßt sich diese Umstrukturierung des Sozialwesens also gut verkaufen, dann schlägt George zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Religiösen werden sich ernstgenommen fühlen und mit ihren Programmen nichtzuletzt aus Propagandazwecken geradezu um die staatlichen Zuschüsse buhlen. Und die Geschäftsleute und Firmen können sich in schwierigen Zeiten über Steuersenkungen freuen. Ideal wäre, wenn die Geschäfte laufen und die Ärmsten bei fehlendem Sozialsystem noch werbewirksam abgefüttert werden können.

Das allerdings gibt es schon. Und zwar ausgerechnet in einem Land des Bösen, im Sudan. War der Begriff des ‘rogue-state’ unter Clinton und Albright bereits abgeschafft, so haben Bush und Powell ihn nicht nur wieder eingeführt, nein, Bush liebäugelt auch noch mit dessen Sozialverwaltung.

Der Sudan hat seit der Nationalen Islamischen Revolution durch Omar al-Beshir und Hassan al-Turabi bei aller politischen Kritik der ‘internationalen Staatengemeinschaft’ in drei Schritten seine Weltbank-Hausaufgaben gemacht und die in Teilen durchaus blühende Wirtschaft vollkommen liberalisiert. Die soziale Fürsorge nährt sich im wesentlichen aus der sogenannten Almosensteuer, die im Januar 1990 gesetzlich neugeordnet wurde und sich auf die Almosenpflicht des Islam beruft. Neben der staatlichen Almosensteuerbehörde sind auch religiöse Stiftungen dank Spenden aus dem (westlichen oder ölreichen) Ausland beauftragt, für eine angestrebte allgemeine Grundversorgung zu sorgen und gleichzeitig eine fromme und religiöse Haltung der elenden Massen zu gewährleisten.

 

“Diese Strategie zielt darauf ab, Solidarität und Zusammenarbeit zu praktizieren, Verwandtschaft und Nachbarschaft in der Gesellschaft zu schützen, Armut zu bekämpfen, die Grundbedürfnisse zu sichern, wirtschaftliche, soziale und ethische Risiken von der Gesellschaft fernzuhalten, Kinder vor einem Schicksal als Straßenkinder zu bewahren und Prostitution und Bettelei zu bekämpfen.” (Botschaft der Republik Sudan in Bonn: Soziale Verantwortung. www.sudan-embassy.de)

 

Klar, die USA sind das erste Land der Erde (los, EU, los!), der Sudan hingegen eines der letzten in der Hierarchie der Zahlungsbilanzen. Das eine Land übt Druck aus, das andere ächzt unter ihm, die Patrioten beider Staaten können sich nicht leiden und dank US-amerikanischer Intrige hat der Sudan derzeit keinen Sitz im Weltsicherheitsrat. Obwohl die Sudanesen ihre Geschäfte nach Möglichkeit in Dollar abwickeln, sind ihnen derzeit Transaktionen mit Firmen des Dollar-Mutterlandes untersagt. Kurz, es gibt Differenzen. Und doch könnte obiges Zitat auch von George sein. Wenn seine Berater erst einmal darauf kommen, kann man sich die nächste Schlagzeilen der ‘USA Today’ schon vorstellen: “Obdachlose in die Sonntagsschule”, “Heiliger Krieg gegen Schwule”, oder “Huren zu Bibelverkäuferinnen umgeschult”. Dann wird endgültig alles gut. (#7)


www.streitblatt.de, April 2001, e-mail: redaktion@streitblatt.de