Der Alltag der Irrationalität

I

Wenn die Hälfte aller Deutschen meint, Bachblütentherapie wäre eine Alternative zur Schulmedizin und einen nennenswerte Minderheit behauptet, Kontakt zum Jenseins zu haben, an Hexen und Magie glaubt, keltische und germanische Mythen für eine Alternative zur etablierten Religion hält und wenn die mit politischer Willensbildung beschäftigten Demokraten von durch den Bildschirm fliegenden Yogis schockiert werden, dann meinen manche, das sei angesichts der Erkenntnisse der Wissenschaft doch eigentlich unfassbar. Tatsächlich sprechen diese Erscheinungen aber eher gegen eine Gesellschaft, die solchen Blödsinn offenbar nötig macht, um mit ihr fertig zu werden und gegen eine Kritik, die dadurch eben diese Gesellschaft gefährdet sieht.

Damit dürfte auch klar sein, worauf die Kritik im Folgenden nicht hinauslaufen wird: Gewiss, die Esoterik lässt sich als grotesk abtun; sie tritt oft in grotesken, widerwärtigen, völkischen, biologistischen oder elitären Formen auf, nicht selten in Verbindung mit Antisemitismus und faschistischen Ideologien; sie lässt sich an allerlei Orten in der Gesellschaft ausmachen. Der Kritiker mag da allemal Recht haben. Nur eine Kritik an der Esoterik ist das nicht. Im Einzelnen als falsch nachgewiesen wird sie – vielleicht aus guten, vielleicht aus weniger guten Gründen – ja gar nicht. Da könnte der Kritiker mit der Esoterik, grotesk wie sie ist, schnell fertig sein und sich ein paar richtigen Erklärungen über Land und Leute zuwenden. Wenn das nicht geschieht, soll damit nicht nur Betroffenheit, sondern eine Sorge ausgedrückt werden, eine Warnung an die lieben Mitbürger: Seht euch vor! Mit der Esoterik ist nicht zu spaßen, das ist alles andre als ein harmloser Spleen!

Damit sind esoterische Umtriebe als Bedrohung ausgemacht, der man begegnen müsse, vor der die Kinder in Schutz genommen werden sollten, kurz, gegen sie sich die Gesellschaft zu wehren hat. Woher kommt demnach die Esoterik, der Antisemitismus, überhaupt jeder Irrationalismus? Aus kranken Hirnen, lautet die Antwort. Und diese kranken Ideen breiten sich aus, wer mit ihnen in Berührung kommt und unachtsam ist, sich von ihrer zuweilen harmlosen Gestalt einlullen lässt, droht ihnen zu verfallen. Warum die Leute aber aus dem recht großen Angebot pluralistischer Meinungsvielfalt gerade der Esoterik zusprechen, warum die Esoterik oft so reaktionär ausfällt – das bleibt ungewiss, auch wenn meist nachgeliefert wird, die Leute würden wegen angeblicher ›Umwälzungen‹ in Wirtschaft und Gesellschaft in einer tiefen ›Sinnkrise‹ stecken, sie sähen keine Perspektive oder ganz einfach, es ginge ihnen dreckig. Selbst vorgeblich materialistische Erklärungen, wonach sich die Verlierer im ach so rationalen Kapitalismus eben dem Irrationalen zuwenden würden, haben wenig Erklärungswert. So eben ganz natürlich ist es ja nicht, aus seiner eigenen elenden Lage falsche Schlüsse zu ziehen; auch das will erklärt sein.(1)

Der falschen Vorstellung subversiv wirkender, oft erst noch zu entlarvender Ideen, ist auch manche Geschichte des Irrationalismus geschuldet. Sie will mit historischem Blick die dunklen Bundesgenossen von so manchem harmlos scheinenden Glauben und Aberglauben enthüllen. Eine Erklärung von Esoterik und Irrationalismus ergibt sich aus ihrer Geschichte aber nicht. Die irrationalen Theorien und esoterischen Lehren bringen sich nicht auseinander hervor, sondern werden vom Bedürfnis der bürgerlichen Gesellschaft und Ideologie notwendig gemacht. Ein treuer Jünger mag seinem Lehrer nacheifern und -schreiben; dass das produzierte Zeug jemand liest oder glaubt, geht nicht ohne Bedürfnis danach. Was eine Geistesgeschichte des Irrationalismus leisten kann, ist das Bedürfnis der bürgerlichen Gesellschaft nach immer irrationaleren Theorien zu belegen (Lukács, Die Zerstörung der Vernunft).

Die historische Kritik belegt den Zusammenhang zwischen Esoterik und reaktionärer Ideologie nur an Beispielen, erklärt ihn damit nicht, behauptet ihn bloß. Und die Behauptung ist zudem falsch. Nicht jeder, der mal Bleigießen veranstaltet, Freundschaftsbändchen getragen oder Black Sabbath gehört hat, ist gleich ein Reaktionär. Irrationalismen, einschließlich Esoterik, können auch Träger notwendiger Erneuerungen sein. Die Esoterik ist mit der kapitalistischen Produktionsweise nicht nur verträglich, sie trägt auch dazu bei, noch vorhandene Widerstände gegen diese Produktionsweise zu überwinden, oder Träger der immer mal wieder fälligen Erneuerungsbewegungen zu sein.(2)

Diese periodisch fälligen Erneuerungen der Gesellschaft, die den sich ändernden Konkurrenzbedingungen und der für sie nötigen Zurichtung der Staatsbürger geschuldet sind, bleiben stets der nicht begründeten Praxis der kapitalistischen Produktionsweise verhaftet. Diese Erneuerung reproduziert daher diese Praxis, wobei sie den Erfordernissen der Konkurrenz Rechung trägt.

Esoterik ist nur eine Form irrationalen Glaubens. Die Bemühungen des bürgerlichen Individuums, sich einen Reim auf die scheinbaren Sachzwänge zu machen, die sein Leben bestimmen; das Interesse der bürgerlichen Gesellschaft, den Widerspruch zwischen Reichtum und Armut nicht aufzuheben, sondern zu rechtfertigen – das alles zeitigt allerlei Ideologie: Da wird die Zukunft in Horoskopen gesehen oder in 30-Tages-Durchschnittskursen des Aktienmarktes; da wird die Scheidung von In- und Ausländern durch staatliche Gewalt mal in Volkscharakter und Heimatverbundenheit, mal in Übermenschentum und Auserwähltheit übersetzt; da wird das gesunde Leben mit Wünschelruten oder Ökopilzen, Erdstrahlen oder Fischölkapseln gesucht; da wird das, was man im Leben sowieso tun muss, oder wobei man von dem, was man sowieso tun muss, Kompensation zu finden meint, zum höchsten Ideal gemacht – in Buddha, Jesus oder dem geclearten Zustand.

Ideologien und Irrationalismen, über die sich als Esoterik lässig den Kopf schütteln lässt, sind in der bürgerlichen Gesellschaft Teil des alltäglichen Bewusstseins. Auch die bürgerliche Wissenschaft kommt ohne sie nicht aus: Dass es oftmals recht irrational zugeht, ist kein Fehler im Wissenschaftsbetrieb. Die Verträglichkeit des Irrationalismus mit der bürgerlichen Wissenschaft, natürlich arbeitsteilig organisiert, wird schon ihre Gründe haben: dem Verlangen der kapitalistischen Produktionsweise sowohl an ideologischem Überbau als nach produktivitätssteigernden naturwissenschaftlich-technischen Erkenntnissen.

II

Die Welt ist oft nicht so, wie es die Menschen gerne hätten. Der Alltagsverstand nimmt's hin, weil's halt so ist, der Intellektuelle nörgelt und der Philosoph versucht den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu führen. Das ist freilich so einfach nicht. Selbst verschuldet, das heißt, das Individuum ist selber Schuld, jedenfalls im Prinzip: wenn man's nur abstrakt genug sieht und von allen konkreten Bedingungen absieht. Die Leute haben also Schmarren im Kopf. Und um die Welt besser zu machen, brauchen sie sich den bloß aus dem Kopf zu schlagen. Das ist der Idealismus.

Idealistische Theorien blamieren sich zwangsläufig vor einer Welt, die anders aussieht, als es der Theorie nach sein sollte. Wenn dann die Jahre ins Land gehen und die tollen Ideen sich nicht durchsetzen konnten, kommt der eine oder andere auf den Verdacht, da sei was faul. Wer dann, z.B. weil er Philosoph ist, keine materialistische Kritik auf die Reihe kriegt, steckt in der Klemme. Einerseits sieht man alles durch Bewusstsein, Ideen, Vorstellungen, kurz: Gedanken bestimmt; andererseits scheint es nicht vernünftig zuzugehen. Die daraus entstehende Alternative: Selbstbeschränkung der Vernunft auf rationale Kernbereiche und Unterwerfungen des Gesamtzusammenhangs unter Schicksal, Zufall und die Schlechtigkeit des Menschen, prägt das bürgerliche Denken. Konsequent ignoriert werden in den empirisch konstatierten Phänomenen liegende gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten und ihre Wirkung auf die Welt der Gedanken.

Der Idealismus setzt den vorgefundenen Gegenständen seine idyllischen Idealbilder entgegen. Die Welt kann er dadurch weder erklären noch verändern. Weil die bürgerliche Wissenschaft die Widersprüche nicht kapiert, muss sie sich einerseits nach positivistischer Manier eine Selbstbeschränkung auf bestimmte Kernbereiche auferlegen und andererseits den Gesamtzusammenhang dem Schicksal, Zufall und Mythos unterwerfen.

Der Widerspruch zwischen aufklärerischen Idealen und offensichtlich dahingehend unveränderbarer Realität wird scheinbar in der Romantik und ihren Spielarten aufgelöst. Das sich an diesem Widerspruch abarbeitende Individuum landet bei romantischer Ironie, Dekadenz und Beliebigkeit oder beim Sprung in den Traum oder das Absolute. Hier schlummert, zunächst noch verdeckt, die irrationale und reaktionäre Gedankenwelt. Sie ist reaktionär, insofern sie das in der aufklärerisch-idealistischen Tradition noch vorhandene kritische Material aufgibt und das Bestehende verherrlicht: und je zurückgebliebener das Bestehende ist, desto mehr wird es verherrlicht, wenn die gesellschaftlichen Widersprüche verschwinden. Es ist irrational, weil diese Versöhnung nur durch Aufgabe des Denkens gelingt: Die Welt wird nicht mehr erkannt, sondern nur noch gefühlt, intuitiv erschaut. Unmittelbarer Zugang ist gefragt, und dass Kritik so nicht möglich ist, macht gerade die Stärke dieses Vorgehens aus: dass die Vernunft am Bestehenden was auszusetzen hatte, war ja der zu überwindende Widerspruch. Jetzt ist nur noch die richtige Einstellung gefragt: think positive!, kein Fleisch mehr essen, oder sich dem Wohle der Gemeinschaft unterordnen, etc. um sich wohl zu fühlen: da man sich dem Zwang als Naturgesetz unterordnet, ist von den Widersprüchen nichts mehr zu sehen.

Reaktionäre Ideologien speisen sich aus der romantischen Antwort auf die Widersprüche der Gesellschaft. Weltflucht, die nicht mehr im Traum endet, sondern die Zwänge als Chancen sich zurechtlegt, sich manchmal gleich in Volksgemeinschaft, manchmal in anderen Gruppen und Prinzipien äußert, stets aber die gesellschaftlichen Zwänge subjektiviert und sich affirmativ dem Bestehenden unterwirft. Die Ideologie des Nationalismus ersetzt die Volksgemeinschaft aus Sachzwang durch den Sachzwang aus Volksgemeinschaft und hat in jedem demokratischen Patrioten, dem ein „wir“ stets leicht von den Lippen kommt, einen potentiellen Anhänger. So wird die Folge der vom Staat aufrechterhaltenen Konkurrenz zur Knappheit der Volkswirtschaft umgedichtet und zeitigt die Aufgabe, zwecks Sicherung der weltweit knappen Reichtümer den Standort auf Vordermann zu bringen. An dieser Aufgabe arbeiten sich der Staat und seine Staatsbürger ab.

III

Auch Moral und Religion sind Auffassungen der Wirklichkeit. Dass richtige Auffassungen mit ihrem Gegenstand etwas zu tun haben, ist recht banal: sie sind eben seine richtige Erklärung, also Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand. Falsche Auffassungen scheinen dagegen gerade deswegen falsch zu sein, weil sie mit ihrem Gegenstand nichts zu tun haben.

Solche falschen Theorien können nun nicht dadurch erklärt (und damit auch nicht einfach als falsch erwiesen) werden, dass sie auf irgendeinen ›Grund‹ zurückgeführt werden. Denn die Gründe, die dafür angeführt werden könnten, warum sich falsche Theorien einiger Verbreitung und gehörigen Ansehens erfreuen – von Dummheit bis Boshaftigkeit, Korruption bis Gewalt, Erziehung bis Medienmanipulation – sind nicht nur ihrerseits erklärungsbedürftig, sondern zeigen auch nicht dass und warum eine Theorie falsch ist: es wird ja nur kritisiert, warum sie einer glaubt.

Erst wenn die Ideologien aus den wirklichen Verhältnissen entwickelt werden, kann angegeben werden, was an ihnen notwendig ist und was bloß nebensächlich, weil keine Bedingung zur Erreichung ihres Zwecks.

Die Ableitung erklärt außerdem den Fehler der Ideologien, Subjekt und Objekt zu vertauschen und sich für die Ursache zu halten.(3) Diese ideologische Verkehrung, das Recht aus der Moral, Angst und Hoffnung aus der Religion, den Staat aus der Anthropologie usf. abzuleiten, wird somit aufgelöst, womit auch die genuine Tätigkeit des Philosophen, metaphysische Erklärungen für diese Ideologien zu finden, entbehrlich wird.

Ideologien sind nicht einfach eine falsche Theorie im obigen Sinne, als ob sich da jemand über irgendeine Eigenschaft der Wirklichkeit täuschen würde. Die Ideologien beziehen sich vielmehr auf den realen Schein der Dinge, ohne aber die Gesetze zu begreifen, von denen die Dinge beherrscht werden. Weil sie bei dem unmittelbaren „Das ist halt so!“ nicht stehen bleiben möchten, müssen sie diese Erscheinung aus einer höheren Idee ableiten. Ideologisch erscheint dann die ganze Galerie von menschlicher Praxis eingerichteter Sachzwänge – wie wir produzieren, wie wir wirtschaften, konkurrieren, der Staat, dem wir unterworfen sind usw. – als naturgegebene Zwänge.

Irrational und reaktionär sind diese Ideologien allemal, die Frage ist höchstens, wie sehr. Irrational, weil sie eine richtige Erklärung der Wirklichkeit ausschließen müssen, und somit die rein auf Intuition oder Offenbarung gebaute Ideologie nur ein Extremfall ist. Reaktionär weil sie durch die Mystifizierung der menschlichen Ordnung zu Naturgesetzen nicht nur dem richtigen Verständnis der kapitalistischen Produktionsweise im Wege stehen, sondern auch den daraus allemal fälligen Konsequenzen.

Diese Konsequenzen passieren nicht von allein. Die Menschen sind ja keineswegs ständig dabei, ihre Gesellschaft umzuschmeißen, sondern haben es sich in ihr, wenn nicht bequem, so doch gewohnheitsmäßig eingerichtet. Die gesellschaftlichen Verhältnisse treten den Leuten wie ein Sachzwang gegenüber – und an diesen passen sie sich an, schließlich müssen sie ihr Denken und Wollen darauf richten, die sachzwanghaften Probleme zu bewältigen. Die hinter den Sachzwängen stehende materielle Gewalt ist daher nicht nur schlagendes Argument gegen jede Kritik an den Verhältnissen, sondern auch Grund dafür, dass der Alltagsverstand in dem Maße, wie er der kapitalistischen Praxis verhaftet ist, reaktionär und irrational ausfällt. Die Kritik, die sich der Alltagsverstand herausnimmt, ist nämlich genau die der materiellen Gewalt dienliche: eine, die die Zwänge der Konkurrenz bedient und die Probleme sachgemäß löst. Eine Kritik der Verhältnisse von denen die Sachzwänge in die Welt gesetzt werden, kommt dabei freilich nicht heraus.

IV

Vom Staat zu meinen, er sei nicht gerecht oder das „Marktgleichgewicht“ als bloß durch Missbrauch gestört zu betrachten heißt, sowohl den Staat als auch den Markt als naturgesetzlich gegebene Objekte der Sorge hinzunehmen. Es ist von vorneherein eine Einsicht in den wirklichen Zweck bzw. die wirklichen Resultate der Staats- und Marktpraxis ausgeschlossen, wenn man sie bloß aus irgendwelchen Gründen als nicht angemessen, also nicht zweckgemäß, betrachtet. Warum es mit dem gerechten Staat oder dem Gleichgewicht auf dem Markt nicht klappt, liegt freilich ganz und gar nicht außerhalb deren wirklicher Zwecke. Vielmehr liegt es an den idealistischen und irrationalen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Gleichgewicht, an denen sich Staat und Markt blamieren.

In der Esoterik, wie überhaupt stets, wenn von der irrationalen Ganzheitlichkeit die Rede ist, wird der Individualismus der bürgerlichen Gesellschaft (4) fortgesetzt. Die Individualisierung steht nur scheinbar in Widerspruch zu der esoterischen „Aufhebung der Persönlichkeit“ in einer größeren Wahrheit, sei es die Natur, sei es eine kosmische Entität. Denn die Ideologie, dass jeder seines Glückes Schmied sei, kehrt wieder darin, dass das Glück auf die spirituelle Verfasstheit, persönliches Schicksal oder Karma zurückgeführt wird. Neu ist nur die gerade mal angesagte Form, in der sich die Individualität äußert. Gleich bleibt der falsche bürgerliche Anspruch an das Individuum für sein eigenes Schicksal zu sorgen. Die Ganzheitlichkeit ist ein abstraktes Prinzip. Sie ist mit beliebigen Inhalten zu füllen und begrifflich nicht zu erfassen, sondern nur intuitiv. Damit stellt sie eine Regression auf Lebensphilosophie, konservative Zivilisationskritik und ähnliches dar.

Die Idee, die historische Entwicklung generell als einen Fortschritt zu denken, ist eine ganz bürgerliche. Sie geht einher mit der Akkumulation des Kapitals, also mit dem Zweck aller wirtschaftlichen Tätigkeit im Kapitalismus. Die materielle Tätigkeit mit der die meisten Leute den größten Teil ihrer Zeit beschäftigt sind, wird ständig daran gemessen, wie sie effizienter, schneller, produktiver werden, also mehr hervorbringen können. Qualitative Verbesserungen sind da mitgemeint, aber immer nur im dem Sinne, dass dadurch größere Mengen minderwertiger Produkte, sprich Arbeit, ersetzt werden. Alle Kosten und alle Produkte – mit denen Kapitalist und Lohnarbeiter täglich zu tun haben – zählen nur nach ihrem Wert, praktisch nach dem Preis, der bezahlt bzw. verlangt wird. Fortschritt hat stets die Form der Produktivitätssteigerung. Diese Fortschrittsvorstellung wird dann ideologisch ausgedehnt auf alle anderen Bereiche des Lebens; also auf Politik, Gesellschaft, Kunst, Kultur. Weil der Fortschritt im Kapitalismus in diesen Bereichen nur ein frommer Wunsch bleibt, ja den Bedingungen, unter denen der Kapitalismus gedeihen kann, zuwiderläuft, schlägt dieser Fortschrittsglaube nach der ersten Euphorie, in der die Verhältnisse immer mehr zur Freude des Bürgertums eingerichtet werden, um. Weil der Fortschritt nicht in einer sozialen Revolution aufgehoben wird, bleiben die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft bestehen. In dem Maße wie diese Widersprüche auch das Bürgertum einhohlen, entwickelt sich der pessimistische Irrationalismus. Gemeinsam haben die Erscheinungsformen des Irrationalismus die Nichterklärung bzw. die Schicksalhaftigkeit der Phänomene, vor allem der ungemütlichen; diese Nichterklärung stellt auch den Übergang von der bürgerlichen Wissenschaft zum Irrationalismus dar. Denn insbesondere die Geisteswissenschaften waren in ihrer Kritik der Rechtfertigung der überkommenen Produktionsformen ebenso konsequent, wie sie heute ausschließlich der Ideologieproduktion für die bestehenden Produktionsform dienstbar sind.

Die ideologische Kritik will die gesellschaftlichen Verhältnisse, weil sie deren Kritik nicht begriffen hat, gerecht einrichten. Auch esoterische Lehren, die den realen Lebensverhältnissen ablehnend gegenüberstehen, gedeihen auf einer Grundlage, die den Klassen- und Interessengegensatz schon für eine Analyse des Kapitalismus hält, nichts vom gesellschaftlichen Zwangsverhältnis wissen will und die verdinglichten Verhältnisse der Menschen zueinander, in denen die persönlichen Beziehungen zu versachlichten, scheinbar naturgesetzlichen werden, ignoriert. Ohne ein richtiges Verständnis von Kapitalismus und seiner Ideologie können die Meinungen der Menschen nur noch in „gute“ und „schlechte“ (manipulierte) eingeteilt werden. Das ist der Nährboden für wissenschaftliche Weltanschauungen und Esoterik.

Mit den Esoterikern verbindet das Bürgertum generell die Vorstellung, menschliche Verhältnisse seinen eine Frage des subjektiven Wollens, des Bewusstseins also. Das geht von der Vorstellung, der Staat könnte ja für Gerechtigkeit sorgen, die Politiker seien nur zu dumm, zu bestechlich etc.; über individualistische Projekte, die den Menschen nahe legen, umzudenken, Kommunen zu bilden und neue Beziehung auszuprobieren, bis zu esoterisch-spiritualistischen Versuchen, ein neues kosmisches Bewusstsein zu erlangen.

V

Veränderungen der bürgerlichen Gesellschaft zeigen sich unter anderem in Wissenschaft und Ideologie, insofern die Erfordernisse des Produktionsprozesses oder die Zurichtung des Staatsvolkes Modifikationen erfahren. Im Ungenügen der bürgerlichen Wissenschaft steckt ihre Negation. Der Irrationalismus ist eine falsche Negation. Die bürgerliche Wissenschaft trägt zum Gelingen des Kapitalismus bei, kann aber die gesellschaftlichen Widersprüche nicht aufheben. Weil die Erkenntnis der gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten dadurch verbaut ist, dass die Ursachen der Widersprüche als gesellschaftliche Naturgesetze erscheinen, droht stets der Übergang in den Irrationalismus. Der Irrationalismus verwirft das Denken, um die gesellschaftlichen Widersprüche zu bewältigen, und eignet sich eben darum als Kampfinstrument gegen ein Denken, das die Widersprüche erklärt. Er ist notwendige Folge der Funktion bürgerlicher Wissenschaft.

Die Geisteshaltung des bürgerlichen Subjekts wird durch die Positivismus-Irrationalismus-Dichotomie nicht richtig erfasst. Die bürgerliche Wissenschaft trägt einen kritikablen, durch das Kapitalverhältnis erklärbaren Charakter, der sich mitunter, aber keineswegs immer als Positivismus äußert. Nicht eine Geisteshaltung ist zu erklären, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie notwendig machen.

Was seine Ursachen in den Erfordernissen des Produktionsprozesses an Lehre und Forschung und im Zweck des Staatsvolkes hat, äußert sich in Beliebigkeit und Pluralismus auf der einen, Kriegsbereitschaft und Antisemitismus auf der anderen Seite.

Der Irrationalismus ist eine Reaktion auf Veränderungen, die darauf abzielt, altes zu erhalten, obwohl es wissenschaftlich unhaltbar ist, aber auch der Versuch, Antworten geben zu können, die wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen sind.

Der Übergang ist zwar klar: Wer auf falschen Theorien beharrt, wird irgendwann vom rationalen Denken abweichen müssen, um nicht peinlicherweise irgendwann doch noch auf die richtige zu kommen. Sich vor der Wahrheit zu drücken ist aber was anderes als ein Weltbild zu entwerfen, in dem die Wahrheit von vorneherein nicht vorkommt.

Die Positivismus-Irrationalismus-Dichotomie erhält ihre scheinbare Plausibilität durch die freiwillige Selbstbeschränkung bürgerlicher Physiker und Chemiker, die dann Sonntags auch gern mal ihrem örtlichen Pfaffen zuhören. Nur: das passiert halt nicht immer. Mittlerweile sind Physiker und Chemiker, Biologen und Geisteswissenschaftler mit einem ganzheitlichen Anspruch nicht selten. Diese Borniertheit bestimmt sich aber nicht aus der Negation des Gegenstandsbereichs oder der Methode positiver Wissenschaft. Der gleiche Gegenstandsbereich wird irrational bearbeitet. Die Sehnsucht nach dem Unmittelbaren ist dort verbreitet und nötig, wo eine echte Erklärung nicht geht: bei den gesellschaftlichen Verhältnissen, deren Widersprüche einer Klärung nicht zugänglich sind, weil ihre Gesetze als Naturnotwendigkeiten gelten. Klar, dass man sich da dann besser auf unmittelbare Evidenz, auf Harmonie mit der Natur und ähnlichen Krampf verlässt. Das ist aber, wie gesagt, keine ursächlich methodische Verfehlung, sondern eine inhaltliche. Die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft sind eben keine Naturnotwendigkeit. Das ist der Grundirrtum der bürgerlichen Wissenschaft. Aus dem daraus folgenden Konflikt zwischen Vernunft und Wirklichkeit den Schluss zu ziehen, dass die Vernunft eben nichts taugt, macht den Irrationalismus aus.

Der Irrationalismus sucht eine Antwort auf die Krisenerscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft, ohne deren Gesetze als ihr spezifische zu erkennen. Unter dieser Bedingung können die Widersprüche nur gewaltsam versöhnt werden, entweder mittels direkter Gewalt oder aber durch Unterwerfung unter ein übergeordnetes Prinzip.

Die Kritik des irrationalen Denkens, sowohl in ihrer oberflächlichen als auch ihrer antifaschistischen Variante wird ihrem Gegenstand nicht gerecht. Das irrationale Denken lässt sich nicht aufheben, daher nur bejammern. Es ist der Zustand des bürgerlichen Denkens nach der versäumten Möglichkeit seiner Aufhebung.

An die Erkenntnis Lukács’, der die Zerstörung der Vernunft konstatiert hat, können bürgerliche Intellektuelle daher auch nicht anknüpfen; mehr als ein Steinbruch für Zitate kann Lukács ihnen nicht sein. Jenseits der falschen Rede von der „wissenschaftlichen Weltanschauung“ ist der Marxismus tatsächlich ein radikales Brechen mit der bürgerlichen Wissenschaft. Will man die bürgerliche Gesellschaft, nachdem sie in ihrer Widersprüchlichkeit erwiesen ist, dennoch beibehalten, ist das nur als idealistische Ideologie, positivistische Selbstbeschränkung oder als Irrationalismus möglich. Wenn die Vernunft die bürgerliche Wirklichkeit widerlegt, ist ihre Verteidigung nur mehr auf irrationale Weise durch Intuition oder in einer „höheren“ Wirklichkeit möglich. Vernunft ist ohne das radikale Brechen mit der bürgerlichen Ideologie nicht zu haben. Richtig ist, dass irrationale Gedankengebäude häufig dazu dienen, faschistische oder auch reaktionäre Thesen zu rechtfertigen. Falsch ist, dass der Irrationalismus zum Faschismus führt. Irrational kann vielmehr alles begründet werden.

VI

Dass Irrationalismus für die Wissenschaft keine Bedrohung darstellt, weil die irrationalen Positionen sich widerlegen lassen, hat Hegel gezeigt. Der hat zwar nur zu oft aus lauter richtigen Urteilen über das Denken falsche über die Welt gemacht. Sein Urteil über die Sorte Irrationalismus, die den unvermittelten Zugang zur Wahrheit sucht, ist aber treffend.

Für das metaphysische, ideologische Denken ist der Ausgangspunkt nicht das „konkret Allgemeine“ (also die alle konkreten Momente enthaltende Totalität der Dinge), sondern die »abstraktre Allgemeinheit“ (ein allgemeines, abstraktes und damit recht inhaltsleeres Prinzip) und der „allgemeine Gedanke“. Und ebenso der Endpunkt: denn in der „allgemeinen Idee“ werden alle Unterschiede und Bestimmungen aufgelöst.

„Dies eine Wissen, dass im Absoluten alles gleich ist, der unterscheidenden und erfüllenden oder Erfüllung suchenden und fordernden Erkenntnis entgegenzusetzen – oder ein Absolutes für die Nacht auszugeben, worin, wie man zu sagen pflegt, alle Kühe schwarz sind, ist die Naivität der Leere an Erkenntnis.“ (Hegel, Phänomenologie des Geistes)

Wer vom Allgemeinsten – dem Absoluten – spricht, spricht von allem, von nichts bestimmtem, damit von Nichts. Das höchste, allgemeinste Prinzip entpuppt sich als leeres Gerede.

Irrational ist die Borniertheit, die sich manch rational auftretendes System mit geschauten Wahrheiten von Sektenpredigern und Kartendeutern teilt: die Sehnsucht nach dem unmittelbaren Zugang zum Gegenstand. Ein solcher Zugang hat freilich mit Denken nichts zu tun, das ja gerade auf die Vermittlung der objektiven Gegenstände an das Subjekt abzielt. Hier verbindet sich der theoretische Irrtum des Irrationalismus mit dem praktischen Interesse, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu mystifizieren. Verbrämt wird diese Notbremse als Zweifel, ob denn Erkenntnis überhaupt möglich sei:

„Inzwischen, wenn die Besorgnis, in Irrtum zu geraten, ein Misstrauen in die Wissenschaft setzt, welche ohne dergleichen Bedenklichkeiten ans Werk selbst geht und wirklich erkennt, so ist nicht abzusehen, warum nicht umgekehrt ein Misstrauen in dies Misstrauen gesetzt und besorgt werden soll, dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.“ (ebd.)

Die abstrakt-kritische, zweiflerische Haltung ist nämlich nicht voraussetzungslos. Sie setzt ein Bild von Wissenschaft als Werkzeug oder Medium voraus und trennt zwischen der zu erkennenden Wahrheit und dem Erkennen, das als außerhalb der Wahrheit, aber dennoch in einem bestimmten Sinne existierend aufgefasst wird: „Eine Annahme, wodurch das, was sich Furcht vor dem Irrtum nennt, sich eher als Furcht vor der Wahrheit zu erkennen gibt.“ (ebd.)

Und wer dann – durch Intuition, Beschwatzen, oder ähnliches – seine Hörer und Leser von seinem grandiosen, neuen und alles bestimmenden Prinzip – Hegel nennt das die absolute Idee – überzeugt hat, dem sollte es dann nicht mehr schwer fallen, nun auch wirklich alles zu erklären:

„In Ansehung des Inhalts machen die andern sich es wohl zuweilen leicht genug, eine große Ausdehnung zu haben. Sie ziehen auf ihren Boden eine Menge Material, nämlich das schon Bekannte und Geordnete, herein, und indem sie sich vornehmlich mit den Sonderbarkeiten und Kuriositäten zu tun machen, scheinen sie um so mehr das übrige, womit das Wissen in seiner Art schon fertig war, zu besitzen, zugleich auch das noch Ungeregelte zu beherrschen, und somit alles der absoluten Idee zu unterwerfen, welche hiemit in allem erkannt, und zur ausgebreiteten Wissenschaft gediehen zu sein scheint. Näher aber diese Ausbreitung betrachtet, so zeigt sie sich nicht dadurch zustande gekommen, daß ein und dasselbe sich selbst verschieden gestaltet hätte, sondern sie ist die gestaltlose Wiederholung des einen und desselben, das nur an das verschiedene Material äußerlich angewendet ist, und einen langweiligen Schein der Verschiedenheit erhält.“ (ebd.)

VII

Aus der Funktion der bürgerlichen Wissenschaft folgt schon alles, was es über den Irrationalismus zu sagen gibt. Die Methode, auf die soviel Wert gelegt wird, ist selbst ein Gegenstand der Kritik, insofern sie gerade dazu dient, jedem Urteil aus dem Weg zu gehen. Zu kritisieren ist insbesondere der Versuch, einer bestimmten Methode eine Wirkung auf Politik und Gesellschaft zuzuschreiben.

Irrationalismus ist nicht gleichbedeutend mit falschen Thesen. Augustinus oder Thomas von Aquin suchten Gott zu beweisen, sie haben nicht einfach einen blinden Glauben postuliert, sondern versucht ihn zu begründen. Die Beweise haben nichts getaugt; dennoch unterscheiden sie sich fundamental von den Positionen, die Wissenschaft generell auf den Müll zu werfen oder zumindest ihre Gültigkeit auf einen Teilbereich einzuschränken.

Kritik am Irrationalismus droht bloße Methodenkritik zu werden. Das ist aber nicht ausreichend. Zwar verwirft der Irrationalismus die Vernunft und versucht seine Wahrheit durch Intuition und Offenbarung zu finden; der Irrationalismus muss aber in seiner bestimmten historischen Situation verstanden werden, in seiner spezifischen gesellschaftlichen Funktion; er muss außerdem auch in seinen Ergebnissen, also inhaltlich kritisiert werden. Diese inhaltliche Kritik muss sogar im Vordergrund stehen, denn inhaltlich ist dem Irrationalismus die Ablehnung der Wissenschaft begründet und inhaltlich ist das irrational zu rechtfertigende vorgegeben. Der Irrationalismus ist in seinem Kern keine falsche Methode, mit der dann zwangsläufig falsche Resultate folgen, sondern die Rechtfertigung schon vorhandener Inhalte.

Der Natur wird Subjektcharakter zugeschrieben. Da die Natur aber nicht denkt, wird das Denken, die Rationalität aus dem Handeln ausgeschlossen. Auf eine Weltveränderung wird also ausdrücklich verzichtet. Was bleibt, ist nur die Anpassung an die natürliche Ganzheitlichkeit. Und was auch immer in die Natur hineingelegt wird, erscheint dann als letzte Wahrheit.

Die zur Methodenkritik verkommene Irrationalismuskritik behauptet, da sei einer irrational vorgegangen und darum könne auch sein Ergebnis nichts taugen. Eine solche Kritik, die sich der Notwendigkeit enthebt, auf die Inhalte der kritisierten Sache einzugehen, hat aber nur scheinbar einen Punkt gefunden, an dem sie die Welt der Dummheit aus den Angeln heben könnte. Erstens ist diese Kritik affirmativ, indem sie nicht auf Inhalte eingeht, sich also gar keinen Gegenstand erklären möchte, sondern nur darauf dringt, dass bestimmte Spielregeln eingehalten werden. Zweitens verfällt sie in den Fehler bürgerlicher Wissenschaft, ideologisch motiviert, die Erklärung einer Sache nicht zu leisten. Weil sie auf eine Erklärung nicht dringt, kann sie auch keine überzeugenden Argumente gegen die Irrationalismus bringen.

Eine Kritik an einem bloß methodischen Mangel bleibt unzureichend. Selbst in der romantischen Haltung ist das fortschrittliche Moment noch nicht ganz verschwunden. Die Romantik bewahrt – zunächst – die Ideale auf, mit denen die Aufklärung an der Realität gescheitert ist; in dieser Verneinung der herrschenden Zustände unterscheidet sie sich vom taktischen Realismus, der als politischer Zynismus die affirmative Verdopplung des als schlecht erkannten betreibt.

Zu kritisieren ist statt des methodischen Mangels die Ursache der ideologischen Misere: der nach den Bedürfnissen des Produktionsprozesses gestaltete Wissenschaftsbetrieb und die Funktionsweise des bürgerlichen Staats samt seinem Volk.

Der Irrationalismus ist ein Moment der bürgerlichen Gesellschaft und tritt in verschiedenen Formen auf. Als Esoterik, als sogenannte ganzheitliche Wissenschaft und als Warenfetisch. Ein verbreiteter Fehler ist die Kritik an den „Exzessen“ der Verblödung, sei es harmlos im Kartendeuten und Handflächenlesen, lästig wie im Auf-Holz-Klopfen oder Sternkreiszeichengeschwafel, sei es abstoßend wie in faschistisch-mythologischen Rassismen. Eine richtige Kritik hätte, wobei die genannten Fälle als Beispiele genügen mögen, den Begriff des Irrationalismus zu bestimmen. Dieser Begriff ergibt sich aus der Funktionsweise der bürgerlichen Gesellschaft. Er ist zunächst als Abweichung von der Vernunft aufzufassen, diese mag explizit oder implizit sein. Er ist in den verschiedenen Abteilungen der bürgerlichen Gesellschaft nachzuzeichnen und in seiner jeweils konkreten Ausformung zu betrachten.

Bürgerliche Wissenschaftler und ihr Nachwuchs entsetzen sich aber gerne über solche und allerlei andere irrationalistische Umtriebe, die sie in demokratisch-pluralistischen Gemeinwesen ausmachen. Dabei ist der Erfolg von Mythen und ganzheitlich-unvermittelten Weltanschauungen mit der Beliebigkeit und Toleranz des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs nicht nur verträglich, sondern auch auf den gleichen Zweck zurückzuführen, nämlich die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft zu bewältigen und eben nicht zu erklären. Bei irgendwelchen Steinzeitmarxisten, die eben dies versuchen, ist nämlich gleich Schluss mit der Toleranz. Diese Sorte Irrationalismuskritik ist nur die Sorge um die Funktionsfähigkeit bürgerlicher Wissenschaft.

Die bürgerliche Geisteswelt ist wegen der Widersprüche, die sie nicht lösen kann, ständig in Bewegung und schwankt zwischen Idealismus und Romantik. Nur den Irrationalismus zu kritisieren geht an der Sache insofern vorbei, als dass das die Beziehung zwischen bürgerlicher Gesellschaft und bürgerlicher Wissenschaft außen vor lässt und nicht das schon in der bürgerlichen Wissenschaft angelegte irrationale Moment kritisiert. Eine als Kritik missverstandene Ablehnung des Phänomens Irrationalismus droht in eine Methodendiskussion auszuarten, die gleich der in der bürgerlichen Wissenschaft verbreiteten Erkenntnistheorie als Kontrollinstanz dient.

Der Ursprung des Irrationalismus liegt immer in der Ablehnung der sich durch die Vernunft ergebenden Antworten. Eine systematische Ablehnung der Vernunft liegt darin begründet, dass die Wirklichkeit selbst unvernünftig ist. Die rational erscheinende Welt ist in Wirklichkeit irrational, widersprüchlich. Die Aufhebung dieser irrationalen Rationalität gelingt dem, letztlich bürgerlichen, Irrationalismus nicht. Er setzt dieser fälschlicherweise rational erscheinenden Wirklichkeit einen rationalen Irrationalismus gegenüber. Den Irrationalismus einigt nicht die vordergründige Ablehnung der Vernunft, dabei sind die irrationalen Erscheinungen vielmehr vielgestaltig; sondern die mal argumentative, mal nur gefühlsmäßige Rechtfertigung einer irrationalen Weltanschauung. Die Verneinung der Weltanschauung wird durch den Irrationalismus angegriffen.

Eine Kritik an den irrationalistischen Erscheinungen im Kapitalismus kommt gerne als Kritik an der Esoterik daher. Diese Kritik ist sehr unverbindlich, richtet sie sich doch auf etwas, über dessen Ablehnung man sich mit seinen Lesern schon von vornherein einig ist. Will man sich nicht nur argumentativ in der Ablehnung des Phänomens bestätigen, kann Irrationalismuskritik nur Kritik bürgerlicher Wissenschaft und Gesellschaft sein. Der so genannte Irrationalismus entspringt einem Mangel bürgerlicher Wissenschaft und hat seine Ursache in den Fetischen der bürgerlichen Gesellschaft, wenn auch der Irrationalismus weit über das hinausgeht, was den Menschen tatsächlich verkehrt erscheint.

Die verbreitete Irrationalismuskritik, die sich zudem noch auf die Esoterik kapriziert, droht selbst irrational zu werden, indem sie die bürgerliche Wissenschaft samt ihrer, wenn nicht irrationaler, so doch unwissenschaftlicher Momente, für paradigmatisch nimmt. Irrationalismuskritik ist eine bürgerliche Kritik, die ihre Wissenschaft ohne genaueres Ansehen retten will. Sie ist eine saturierte Bewegung, die nicht auf die Kritik des bürgerlichen Betriebs, sondern auf dessen Rettung vor äußeren Feinden abzielt. Die rationale Wissenschaft ist, als Analogon zur sogenannten Zivilgesellschaft, der Platz, an dem der moderne Intellektuelle es sich lauschig eingerichtet hat.

Literatur

G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes

Georg Lukács, Die Zerstörung der Vernunft

Karl Marx/Friedrich Engels, Werke

Streitblatt Juni 2000

Christoph Türcke, Gewalt und Tabu. Lüneburg, 1992.

Anmerkungen

1 Dieser Möchtegernmaterialismus will alle Erscheinungen auf eine ökonomische oder nichtökonomische „Basis“ zurückführen – was nicht ohne Gewalt geht. Weil Wirklichkeit und Prinzip nicht so recht aufeinander passen wollen, muss gebastelt werden, um das Prinzip zu retten, was dann so groteske Konstruktionen wie „Haupt- und Nebenwiderspruch“ ergibt. Erklärt kann ein Gegenstand dagegen nur werden, wenn man ihn aus dem ableitet, was ihn notwendig

Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.“ (MEW 23, S. 392, Anm.)

2Ihr Programm der Ganzheitlichkeit, das den Menschen zu seinem Ursprung zurückbringen soll, steht an der Spitze des Fortschritts: in tiefem Einklang mit der totalitären Tendenz der warenproduzierenden Gesellschaft, Dinge und Menschen als Objekte von Kauf und Verkauf bis zur Indifferenz einander anzugleichen und zur 'irrationalen Vereinigung der Gegensätze' (Jung) zu zwingen. Die Archetypen sind denn auch keine archaischen Urbilder, sondern moderne Wunschbilder.“ (Christoph Türcke, Gewalt und Tabu, Lüneburg: 1992.)

3Die Ideologie ist ein Prozess, der zwar mit Bewusstsein vom so genannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewusstsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt; sonst wäre es eben kein ideologischer Prozess. Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozess ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem eignen oder dem seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbesehen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist ihm dies selbstverständilich, da ihm alles Handeln, weil durchs Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.“ (Friedrich Engels, MEW 39, S. 97)

4 Diese sachlichen Abhängigkeitsverhältnisse im Gegensatz zu den persönlichen erscheinen auch so (das sachliche Abhängigkeitsverhältnis ist nichts als die den scheinbar unabhängigen Individuen gegenübertretenden gesellschaftlichen Bedingungen, d.h. ihre ihnen selbst gegenüber verselbstständigten wechselseitigen Produktionsbeziehungen), so dass die Individuen nun von Abstraktionen beherrscht werden, während sie früher voneinander abhingen. Die Abstraktion oder Idee ist aber nichts als der theoretische Niederschlag dieses Abhängigkeitsverhältnisses.


www.streitblatt.de, April 2001, e-mail: redaktion@streitblatt.de