Die Gesellschaft für bedrohte Völker kämpft

- gegen alle, aber wofür?

Seit mehr als 20 Jahren hat die GfbV vor den katastrophalen Folgen der staatlich gesteuerten Zuwanderung von Muslimen auf den Gewürzinseln [Molukken/Indonesien] gewarnt. Mit Memoranden, Mahnwachen und der Organisation von Delegationen nach Europa setzten wir uns für die Anliegen der molukkischen Ureinwohner ein. Seit dem Ausbruch der Gewalt vor anderthalb Jahren haben wir in Presseerklärungen und Appellen über die Hintergründe der Massaker informiert und die deutsche Bundesregierung sowie die Europäische Union aufgefordert, sich für einen besseren Schutz der molukkischen Christen sowie für einen Ausgleich der Religionsgemeinschaften einzusetzen.” (GfbV: Gewalt auf den Molukken aufhalten. 4.12.2000, www.gfbv.de)

 

Die ‘Gesellschaft für bedrohte Völker’, 1968 als ‘Aktion Biafra-Hilfe’ unter anderem von ihrem rührigen Dauervorsitzenden Tilman Zülch gegründet, hat sich den Kampf für Menschenrechte und gegen Völkermord auf die Fahnen geschrieben. Wert legt sie dabei auf öffentlichkeitswirksames Auftreten und griffige Parolen. Geographisch beschränkt sich die Gesellschaft, die heute über 20 hauptamtliche Mitarbeiter in der Zentrale Göttingen verfügt und Sektionen in Bosnien-Herzegowina und in Südtirol hat, im wesentlichen auf eine Handvoll Schwerpunktländer wie den Sudan, Jugoslawien, Indonesien und China, doch versteht man sich selbstverständlich als Lobby für Minderheiten weltweit, also für Indianer, assyrische Christen und Krimtataren gleichermaßen. Seit 1993 ist deshalb die GfbV als Berater in solchen Fragen beim Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) der Vereinten Nationen anerkannt, der in der UN-Zentrale in New York tagt.

 

Polemische Menschen könnten aus Erfahrungen mit GfbV-Ständen in der Fußgängerzone behaupten, diese spreche mit ihrer Arbeit vor allem die emotionalen Sphären des Publikums an und gleiche daher einem Tierschutzverein. Tatsächlich hebt sich die GfbV von der etwas größeren Konkurrenz ‘amnesty international’ ab und sucht ihr eigenes Profil weniger in detaillerter Dokumentation als im Primat der Aktion. Das Grundsatzprogramm ist kurz und klar gehalten.

 

Menschenrechte weltweit

 

Unverständnis darüber, daß Krieg und Völkermord von der internationalen Staatengemeinde gefördert oder zumindest geduldet werden, ließ aus der ‘Aktion Biafra-Hilfe’ eine Organisation entstehen, die sich vorgenommen hat, “weltweit Menschenrechte von ethnischen und religiösen Minderheitengruppen zu schützen und durchzusetzen”. Hierbei setzt man auf völlige Unabhängigkeit und Überparteilichkeit, kritisiert Menschenrechtsverletzer, wo immer man sie entdeckt:

 

“Kein Wunder, wenn sowohl ‘Linke’ als auch ‘Rechte’ oft Probleme mit unserer Menschenrechtsorganisation hatten, ließ sie sich doch nicht so einfach in derartige Kategorien einordnen. Kein Wunder auch, wenn die GfbV ihren Platz ‘zwischen allen Stühlen’ als Ehrenplatz ansieht.” (GfbV: Selbstdarstellung).

 

Die Grundposition ist also eine formale: Menschenrechte, dort, wo ihre Verletzung entdeckt wird, zu schützen, unabhängig von politischen Ideologien. In diesem Sinne beruft man sich auf die kritischste aller Positionen, man kritisiert einfach alle. Und tatsächlich bekommen in dem Zülch-Text ‘Völkermord im 20. Jahrhundert - Bis heute macht sich die Staatengemeinschaft mitschuldig’ (pogrom 200 Herbst 1998). auch die Großen ihr Fett ab, die Nazis, die Kolonisatoren, die armenienmordenen Türken, die USA, die UdSSR und ihre Nachfolger, Frankreich, Großbritannien, China und schließlich auch die beiden Nachkriegs-Deutschlands.

Nichtsdestotrotz tun sich eine Reihe von Fragen auf, die man der GfbV schon stellen kann. Hierbei wird man feststellen, daß die GfbV in ihrer Zeitschrift ‘pogrom’ oder in ihrer umfangreichen Internet-Präsentation, www.gfbv.de, nicht auf alle Fragen antworten wird und dies kein Zufall ist.

 

“Gruppenschutz braucht Gruppenrechte”

 

Menschenrechte, was ist denn das? - Dies ist eben so klar nicht auszumachen. An keiner Stelle wird ein konkreter Katalog angegeben. Zwar läßt sich vermuten, daß aufgrund der Beraterposition die ‘UN-Charta der Menschenrechte’ anerkannt wird, doch wird hierauf kein Bezug genommern. Menschenrechte werden also als ein ewig gleicher Stamm nicht näher aufzuschlüsselnder Rechte verstanden, über die eine Diskussion nicht stattzufinden braucht - ja vielleicht nicht einmal darf, da sonst ihr - im einzelnen unbekannter - Gehalt geschmälert werden könnte. Im Namen und explizit im Programm (siehe oben) bezieht sich die GfbV lediglich auf Gruppenrechte von ethnischen und religiösen Minderheiten - im Gegensatz zu staatlich festgeschriebenen Individualrechten. Zwar bekennt sie sich auch nirgendwo wortwörtlich zu einem Selbstbestimmungsrecht der Völker (und Religionen), doch darf man einen entsprechenden Grundtenor unterstellen. So sollen schließlich nicht nur die “molukkischen Ureinwohner” vor Überfremdung durch landlose Einwohner aus anderen Teilen Indonesiens geschützt werden. (Da hier ein klarer Feind ausgemacht werden kann, der islamistische Lasker-Jihad, ist eine Stellungnahme zugunsten der ‘Ureinwohner’ im übrigen erheblich leichter als auf der Insel Borneo, wo ein Dayak-Mob die Zuwanderer von Madura zu köpfen beliebt.) Südsudanesen, Tibeter, Tschetschenen, Kurden und viele mehr fallen in das gleiche Raster. Oftmals wie eben auf den Molukken oder im Südsudan überschneiden sich religiöse und ethnische Rechtsansprüche, wobei sich die GfbV auf den Aspekt beruft, der sich anbietet. So waren die Molukken vor ihrer Einbeziehung in die indonesische Transmigrationspolitik sowohl christlich als auch muslimisch, die Religion aber war nur eine Identifikationsebene unter anderen, die Dorfgemeinschaften sicherten ihr gegenseitiges Überleben durch ein rationales über- beziehungsweise zwischenreligiöses Solidaritätsprinzip, das sogenannte ‘Pela’. Im Visier der GfbV stehen jedoch im wesentlichen die molukkischen Christen, auf die einheimischen Muslime sowie den christlichen Mob hingegen wird in der Darstellung der GfbV hingegen nur am Rande eingegangen. Blauhelme sollen minderheitliche Christen und mehrheitliche Muslime trennen.

Jede Minderheit, so scheint der Ansatz zu sein, ist potentiell gefährdet, unterdrückt oder gar ausgerottet zu werden. Was nicht zusammenpaßt (Nigeria, Sudan etc.), gehört also im Prinzip getrennt. Daß die politischen Verhältnisse und die beschränkten Möglichkeiten einer NGO das nicht immer zulassen, weiß auch die GfbV, weshalb sie eine “‘Dritte Kammer’, in der Völker ohne (anerkannten) Staat und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) repräsentiert sind” bei den Vereinten Nationen einfordert (GfbV: ‘Für eine Welt ohne Völkermord’. 22.5.2000).  Ist eine Sezession allerdings möglich, soll sie auch unterstützt werden:

 

“Die Opfer im Kosovo müssen jetzt über ihre Zukunft selbst entscheiden. Nach ihrer Rückkehr in freien Wahlen. Auch für eine unabhängige Republik Kosovo. Das müssen wir akzeptieren.” (Zülch: Selektion, Deportation, Genozid: endlich spricht eine deutsche Regierung Klartext in Sachen Völkermord, 10.4.1999)

 

Zum Grundverständnis der GfbV gehört also die Einsicht, daß es in der Welt kohärente Kulturen gibt, die man im weitesten Sinne - unter Einbezug religiöser Gemeinsamkeiten etwa als - ‘Völker’ bezeichnen kann. Diese Einheiten dürfen als ‘irgendwie organisch’ verstanden werden. Sperrt man quasi unter Laborbedingungen zwei solcher Einheiten zusammen, werden sie sich gegenseitig das Fell gerben. Gibt es eine Mehrheitsfraktion, so wird sie sich um die Ausrottung der Minderheit bemühen. Das was nun - im wesentlichen, doch wie noch zu zeigen nicht ausschließlich - als Menschenrechte in Anspruch genommen wird, ist das Recht der Minderheit, ihre Kultur und ihr festes hinzugehöriges Territorium zu wahren. Die interne Organisation wird als organisch gewachsen und damit als ‘gut’ gewertet, weshalb von Individualrechten erst einmal abgesehen werden kann. Verteidigt wird die spezifische Eigenart der Gruppe gegen den schädigenden Einfluß von außen.

Daß es auf den Molukken allerdings - und zu Beginn des Konfliktes - weniger um die christliche Volksseele als vielmehr um recht materialistische Gründe gehen könnte, scheint der GfbV-Analyse eher versehentlich zu entschlüpfen:

 

“Die zwei Millionen molukkischen Christen werden aufgrund der staatlich geförderten Zuwanderung (Transmigration) von Muslimen aus anderen Teilen Indonesiens zu einer Minderheit im eigenen Land gemacht. Während sie mit den muslimischen Molukkern noch einen Ausgleich finden konnten, fühlen sie sich heute gegenüber den Neuankömmlingen wirtschaftlich benachteiligt und an den Rand der Gesellschaft bedrängt.” (GfbV: Gewalt auf den Molukken aufhalten. 4.12.2000)

 

Zwischen allen Stühlen, aber an einem Tisch mit den Volksgenossen

 

Übersetzt man “Die Molukken den Molukkern!” in einen europäischen Kontext, gelangt man zu einer Diskussion, die vom emotionalen “Deutschland den Deutschen!” bis zur sachlichen und standortorientierten Einsicht in die notwendige Trennung von “nützlichen” und “ausnützenden Ausländern” reicht. Das allerdings tut die Gesellschaft für bedrohte Völker nicht, man kann ihr also nicht vorschnell einen Hang nach Rechts vorwerfen. Aber sie läßt mit ihrem grundsätzlichen Volksglauben zum einen diese Interpretation unwidersprochen zu und grenzt sich zum anderen in bestem bürgerlichen Demokratieverständnis von der politischen Rechten keinesfalls ab.

 

“Wir freuen uns über jeden, der und die bei der Vorbereitung der Aktionen mitmalt und mithämmert, Einladungen oder Flugblätter verteilt, Transparente trägt oder einfach nur dabei sein möchte.” (GfbV: Aktiv werden für Menschenrechte. 29.11.2000)

 

Wenn ausdrücklich alle zur gemeinsamen MR-Arbeit geladen werden, dann wundert es sich nicht, wenn die Gesellschaft sich mit Blüm und Geissler um den christlichen Südsudan bemüht (das streitblatt berichtete) oder sich zur Großen Anfrage der CDU/CSU-Fraktion vom 24.2.2000 zum Thema “Was unternimmt die deutsche Bundesregierung gegen die Verfolgung von Christen weltweit?” (GfbV: Gibt es eine neue Christenverfolgung. pogrom 206) zu Wort meldet.

Zwei Abteilungen der GfbV sind besonders auffällig: die Sektion Bosnien-Herzegowina, die im Kontext der Jugoslawien-Kriege enstanden ist, wozu noch etwas zu sagen sein wird, sowie die Sektion der Autonomen Provinz Südtirol.

Lange zurück währen die Verbindungen der Volksdeutschen zu ihren Brüdern in Südtirol (so ließ einst sogar der Führer vier Divisionen am Brenner aufmarschieren, um Mussolini diesbezüglich zu beeindrucken). In der jüngeren Vergangenheit mag man sich daran erinnern, wie der Münchner CSU-Stadtrat Bletschacher überführt wurde, Gelder des dubiosen Vereins “Stille Hilfe Südtirol” in seine Käseschachtel-Fabrik gesteckt zu haben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt - und doch findet, wer sich durch die Liste gräbt, einen Link zum “Südtiroler Volksgruppeninstitut”, das wie folgt - beschrieben wird:

 

“In Bozen ansässige Organisation, die Lösungsvorschläge für die Volksgruppenfrage in Europa erarbeitet und sich dabei die Erfahrungen beim Schutz der deutschen und ladinischen Volksgruppe in Südtirol zunutze macht.”

 

Dieses Institut völkischer Forschung hat sich auch seinerseits mit der GfbV verlinkt, was eine gewisse inhaltliche Übereinstimmung in Sachen Minderheitenrechte nahelegt (www.volksgruppen-institut.org). Von hier aus kann man sich dann schnell zur ‘Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen’ (FUEV) mit Sitz in Flensburg durchklicken, einem Dachverband der solch illustre Gruppierungen wie die ‘Südtiroler Volkspartei’ (SVP), die ‘Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien’ oder den ‘Zwischenstaatlichen Rat der Rußlanddeutschen ‘Wiedergeburt’’ beherbergt (www.fuen.org). Mit der FUEV setzen sich im übrigen Hans-Rüdiger Minow und Walter von Goldendach in ihrem Buch “Von Krieg zu Krieg. Die deutsche Außenpolitik und die ethnische Parzellierung Europas. München u.a. ³1999” ausführlich auseinander.

Das Konzept der Volksdeutschen ist ein einfaches: Entdeckt man ethnische Minderheiten in anderen europäischen oder außereuropäischen Staaten, läßt sich schnell ihre Unterdrückung konstatieren, das heißt der entsprechende Staat kann mit den Argumenten ethnischer Menschenrechte angegangen werden. Sind die Minderheiten volksdeutsch, dann bietet sich Deutschland sozusagen ein Stein im Brett der ‘Partnerländer’, für welche man sich zuständig erklärt. Bretonen sind keine Franzosen, Basken weder Spanier noch Franzosen, Krimtataren keine Russen, aber Deutsche ob in Südtirol oder Dänemark sind immer Deutsche, stärken also ihr Mutterland, während andere den Staat, in welchem sie leben, nur schwächen können, ohne einen eigenen zu bekommen.

Der GfbV bleibt diesbezüglich vorzuwerfen, daß sie sich - bei ihrerseits anerkannter oder drohender Verletzung völkischer Minderheiten - bereitwillig als Aktionsforum andient und im Gegensatz etwa zu amnesty, das an Individualrechten interessiert ist, der Rechten organischen Volks(rechts-)begriff teilt. Das eigentlich würde schon genügen, wären da nicht die Balkankriege gewesen...

 

Die GfbV, die Balkankriege und die Staatlichkeit

 

Die GfbV versteht sich als moralisches Gewissen in der Welt. Ansprechpartner sind die Bundesregierung, die EU und die Vereinten Nationen. Diese werden kritisiert, auch mal gelobt (GfbV: “Halbzeit” für rot-grüne Koalition: GfbV sieht “einige ermutigende Fortschritte” in der Menschenrechtspolitik. 26.10.2000) und vor allem beständig aufgefordert, im Sinne der GfbV einflußnehmend tätig zu werden. Berührungsängste zu parteilichen, staatlichen, überstaatlichen und ‘zivilgesellschaftlichen’ Institutionen sind unbekannt. Wenn sich demgemäß die Innenminister von Bund und Ländern wieder besorgt über die Asylbewerberzahlen äußern und für ein Durchgreifen werben, dann hört man von der GfbV nicht allzuviel. Nur was das behördliche Mobbing bosnischer Flüchtlinge betrifft, wird protestiert, da ja eine GfbV-Sektion Bosnien-Herzegowina besteht, und immerhin schrie Tilman Zülch bei der Merz-Forderung nach Politikverbot für nichtanerkannte Asylbewerber auf. Im Ernstfall hätte vermutlich die personelle Struktur der GfbV hierunter gelitten.

Mit großem Aufwand und wirklich erfolgreich aber hat sich die GfbV gegen den andauernden ‘Völkermord’ auf dem Balkan stark gemacht. Ein militärisches Eingreifen wurde bereits im Bosnien gefordert, der Feind war klar: der Serbe, manifestiert in Truppen, Behörden, KZs, dem ‘Schlächter’ Milosevic und den historischen Metzeleien von 1908-1912 (u.a. Zülch: Völkermord im 20. Jahrhundert. pogrom 200 Herbst 1998). In der Propaganda um das Massaker von Racak, welches am 15.1.99 im Kosovo stattgefunden haben soll und mit dem ein militärisches Eingreifen seitens der NATO maßgeblich gerechtfertigt wurde, wurde die GfbV nun endlich erhört. Mit einem detaillierten Bericht wurde an die Öffentlichkeit gegangen, wenn auch nur Indizien und Vermutungen geboten werden konnten (GfbV: Das Verbrechen von Racak.  18.3.1999).  Dieser Bericht war bis Redaktionsschluß nicht vom Server genommen, obwohl die Veröffentlichung des finnischen Forensiker-Berichtes ein Massaker ausschloß (Workers World: Report finds no evidence of ‘Racak massacre’. June 8, 2000). Schweigen aus Einsicht in das Dilemma des eigenen Tuns? Ein weiteres Beispiel. Nach unverhohlener Sympathie für den albanischen Befreiungskampf im jugoslawischen Kosovo hat sich in letzter Zeit das Blatt der Zuwendung gedreht:

 

“Auch im neuen Jahrtausend haben wir unsere Lobby-Arbeit für die Opfer des Bosnienkrieges, später des Kosovokrieges und heute der Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen radikaler Kosovo-Albaner gegen nicht-albanische Bevölkerungsgruppen des Kosovo, vor allem Roma, Aschkali und Kosovo-Ägypter, fortgesetzt.” (GfbV: Immer zwischen allen Stühlen. 24.2.2000)

 

Wie aus einer Babuschka-Puppe sind da noch ein paar versteckte Ethnien im Kosovo aufgetaucht, die man zuvor nicht bedacht hatte. Der Nationalismus der Albaner, zuvor bis zur Sezession gedacht, muß semantisch umgewertet werden. Das gelingt, ohne selbstkritisch zu werden, dank der formalistischen Programmatik, die da lautet: Wir kritisieren überall, sogar bei ehemaligen Schützlingen, denn wir sind unabhängig und superkritisch, wenn auch nicht sonderlich vorausschauend.

Durch ihre methodische Beschränkung auf die Mikroebene der Völkchen der Welt erübrigt sich eine tiefere Analyse im Weitwinkelfokus. Die GfbV will die Ursachen der Krisen und Kriege in der Welt gar nicht ergründen, sie will aufstehen und vor allen anderen in die Menge rufen “Menschenrechtsverletzung!”. Im wesentlichen glaubt sie an die Gerechtigkeit der staatlich organisierten und hierarchisierten Welt und deren Wirtschaftssystem - auch wenn etwa bezüglich des Südsudans schon mal auf die Gier der Ölmultis geschimpft wird. Was ist, soll beispielsweise durch Korrekturen ethnischer Vermischungen oder, falls dies zu schwer zu verwirklichen, durch Demokratie besser gemacht werden. Im Grunde nämlich ist die Horrorshow der GfbV zutiefst optimistisch, der Weltfrieden kann durchgesetzt werden, wenn alle daran mitarbeiten. Staaten und ihre Regierungen können zwar mitunter (mit-)schuld an Unterdrückung und Mord sein, ohne die Möglichkeiten des imperialistischen Teils der Welt aber können bestehende Konflikte gar nicht gelöst werden. Die humanitäre Intervention anzuregen wird zur Hauptaufgabe. Auch wenn es allerorts zu brennen beginnt, so ist die Lösung immer in Sichtweite und zumindest geht der GfbV die Arbeit nicht aus. Ein Verständnis dessen, wozu Staaten da sind, welche Interessen sie haben und wie sie diese durchzusetzen bereit sind, fehlt also völlig. Was auch kein Wunder ist, da die Menschenrechtler der Gesellschaft für bedrohte Völker völlig konforme Vertreter der sogenannten Zivilgesellschaft sind. Hinzu kommt - abseits dieser grundlegenden Einvernehmlichkeit mit der Institution ‘Staat’ - daß mit einer Angelika Beer, ihres Zeichens verteidigungspolitische Fraktionssprecherin der Grünen im Bundestag, einem Rudolf Scharping, einem Joseph Fischer oder Daniel Cohn-Bendit Figuren in die Sphären von Bundesregierung, National- und EU-Parlament gelangt sind, die den letzten Krieg ganz im Sinne der GfbV zum emotional-moralischen Erlebnis gestaltet haben. Denn auch über traditionell linkes Engagement wie einst Biafra oder seit langem die Kurdenfrage bestehen inhaltliche und sicherlich auch personalidentische Brücken zu Menschenrechtsorganisationen wie der GfbV. Als gemeinsame gutmenschliche Basis bot und bietet sich auch weiterhin die deutsche Vergangenheit an.

 

Hitler ist überall

 

“Die Situation erscheint paradox: Im Sommer 1998 verkünden prominente Politiker und Professoren in Deutschland die Eröffnung eines Holocaust-Museums für die jüdischen Opfer der Nazizeit, reden Medien und Politiker über ein gigantisches Mahnmal aus Stein. Und gleichzeitig flüchten 300.000 albanische Kinder, Frauen und Alte, kurz vor Winterbeginn durch Schluchten und Wälder des Kosovo, fordern mehr als 10.000 Frauen aus Srebrenica, deren Männer, Söhne und Väter den Massenexekutionen des General Ratko Mladic zum Opfer fielen, vergeblich die Wahrheit über deren Schicksal.” (Zülch: Völkermord im 20. Jahrhundert. pogrom 200. Herbst 1998)

 

Der Holocaust wird zur nationalen Legitimation des imperialistischen Handelns, die Suche nach einem neuen Hitler irgendwo in der Welt zur konsequenten Aufgabe der Nach-Tätergenerationen. Wer so stark argumentiert, braucht sich vor Kritikern, die Fragen stellen, nicht fürchten. Wer die Führerreinkarnation erkennt und benennt, hat die Antwort schon parat: Untätigkeit heißt Komplizenschaft.

Zum anderen wird die maschinisierte Massenvernichtung des Holocaust brav eingeordnet in eine lange historische Reihe, die bei der Indianervernichtung und der Sklaverei beginnt und irgendwann bei den Morden auf den Molukken ankommt. Durch die Kennzeichnung dieser Geschehnisse der Menschheitsgeschichte als ‘Genozide’ wird die Frage nach einer materialistischen Erklärung unterbunden, der Völkermord erscheint wiederum als natürliche Folge ethnischer Unverträglichkeiten.

 

Fazit

 

Die Krisen, welche die Gesellschaft für bedroht Völker angeht, existieren tatsächlich, die Morde werden tatsächlich begangen und die Kreuzamputationen etwa im Sudan sind nicht wirklich das, was man sich wünscht. Vielen Mitgliedern der GfbV oder ähnlichen Institutionen kann man einen bösen Willen also gar nicht unterstellen. Sie tun nichts anderes, als ihre emotionale Entrüstung in blindem Aktionismus zu entladen. Nichtsdestotrotz ist auffällig, wie schnell dieses gelebte Gutmenschentum in Kriegstreiberei umschlägt oder den Erhalt völkischer Strukturen in Europa durch Institutionalisierung und Unterstützung fördert. Kritik an den ‘anderen’ ebenso wie eventuelle Fürsprache kommt um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Gesellschaft, ihrer Institutionen und dem eigenen Sein darin gar nicht herum. Wer in der Lage ist, den Unterschied zwischen ethnisch-emotionalen Insektenforschern und nüchtern-nachvollziehbarer Analyse der bürgerlichen, kapitalistischen Staatenwelt wahrzunehmen, möge sich deshalb für zweiteres entscheiden oder schweigen immerdar - außer, es kommen so lustige Sätze dabei raus wie dieser hier:

 

“Weitere Schwerpunkte lagen auf unserem Einsatz für Menschen- und Minderheitenrechte der Tibeter, Uiguren, Mongolen und Demokraten [...].” (GfbV: Immer zwischen allen Stühlen. 24.2.2000)                       (#7)


www.streitblatt.de, April 2001, e-mail: redaktion@streitblatt.de