Spike Lees 'Summer of Sam'

Eine Interpretationshilfe

Ja, es ist schon richtig, »Summer of Sam« ist auch ein Film über den Killer David Berkowitz, der rumläuft und knutschende Pärchen im Auto mit einer 44er umpustet. Es ist auch ein Film über New York im Sommer 1977, der - wie im übrigen jede Kritik zum Film zwanghaft ausführt - so schrecklich heiß war, in dem Reggie Jackson die Yankees siegen ließ und sich die jungen Leute für Disco oder Punk entschieden. Unzweifelhaft ist Lees neuester Film auch ein Zeitdokument, das man sich ansehen kann um zu wissen, wie die einfachen New Yorker - die spothaft beleuchtete Figurenebene füllen eine Hand voll Bronx-Italos aus - diese Tage, diese Ereignisse und diese Epoche erlebten. Nur wäre ein Spike-Lee-Film eben keiner, wenn er sich hierauf beschränken würde.

Der macht doch immer so Filme, wo’s um Schwarze geht und so, kann sich immer noch erinnern, wer den Film nicht verstanden hat. Aha, ein unbekannter Serienkiller, der sich patriotischerweise »Son of Sam« nennt, ein bißchen Zeitkolorit und am Schluß wird ein Punk dann für den Mörder gehalten - und drumrum gibt’s ein bißchen Gesellschaftskritik, das kennt man ja:

»Nun sind Schwulenfeindl¯z
ichkeit, Intoleranz bei Klamottenfragen und restriktive Sexualmoral eigentlich nicht gerade Themen, die im 21. Jahrhundert noch besonders prickelnd und relevant sind. Aber Spike Lee hat tolle, kraftsprühende SchauspielerInnen, [...].«
(taz Bremen 3.11.2000)

Gut, der Film ist vielschichtig und abgesehen von den Rahmenszenen zu Beginn und zum Ende, in denen der Erzähler des Filmes als Berichterstatter selbst kurz auftritt, recht offen strukturiert. Er mag daher in Teilen absichtlich oder unabsichtlich verwirren, aber wie borniert muß man sein, um so wenig damit anfangen zu können wie dieser taz-Kommentator?

 

Erstes mögliches Missverständnis

Richie, der Punk, der in Manhattan aus seinem Zimmer geflogen ist, kehrt zu seiner Mutter in sein altes Italo-Viertel in die Bronx zurück. Seine Altersgenossen stehen auf rote glanzpolierte Sportautos, auf die Yankees und scharfe Miezen. Mit Richie können sie nicht nur nichts mehr anfangen, sein Anderssein in Frisur und Kleidung ist ihnen Angriff auf das eigene Sein. Daß Richie zum Geldverdienen alte Herren in einer schmierigen Bar mit aufs Klo nimmt, bestätigt die anderen, die sich in einfachen - und wenn man so will trostlosen Jobs - verdingen, hierin nur. Am Thema vorbei geht demnach folgende Einschätzung (mal ganz abgesehen davon, daß Richie und die Jungs sich alle von Kindesbeinen an kennen und der taz-Kommentator deshalb den Film kaum selbst gesehen haben dürfte):

»Als die ordentlichen Möchtegernmachos von einem Punk erfahren, der in Schwulenbars strippt, wird er sofort als Mörder verdächtigt.« (taz Bremen 3.11.2000)

Das trifft den Punkt nicht. Die zeitgleiche Suche nach der menschlichen Bestie «Son of Sam« bietet der dargestellten bürgerlichen Gesellschaft bewußt oder unbewußt die Möglichkeit, sich von Elementen, die sie in Frage stellen, zu reinigen. Richie und der Killer belegen insofern tatsächlich ähnliche Positionen. Beide erhalten dieselbe Rollenzuweisung, krankhafte und gefährliche Schadstellen der Gesellschaft zu sein. David Berkowitz erschießt des Nachts knutschende Pärchen im Auto. Damit legt er seinen Finger in eine Wunde der kleinbürgerlichen Machos, denn, wer sich ein eigenes Junggesellen-Zuhause nicht leisten kann, kann auch nur im Auto Sex haben - bleibt also am Macho-Ideal gemessen ein defizitärer Mann mit empfindlicher Abhängigkeit zu seiner Herkunftsfamilie und hat allen Grund zu Minderwertigkeitskomplexen. Kein Wunder, daß bei der Jagd auf den Killer die Emotionen hochkochen. Richie will nicht Geld verdienen wie die anderen, er will nicht heiraten und hat doch (oder besser eben drum) als totaler Gegensatz zu seinem gutkatholischen Kumpel Vinnie eine funktionierende Zweierbeziehung. Er ist heterosexuell und befriedigt (dank Punkoutfit) nicht nur die Phantasien schwuler Männer - läßt sich also in dieser Hinsicht gar nicht so klar einordnen; mit der einzigen Tunte des Viertels nämlich wird man dagegen schon irgendwie fertig, ja als Randphänomen gehört sie im gemeinsamen Kampf um die Identität des Viertels sogar dazu. Richie ist häßlich, pervers, krank, dreckig und eben alles, was die ordentlichen Leute (und das mit dem «Ordentlichsein« hat jetzt sogar der taz-Kommentator gecheckt) selbst nicht sein wollen. Daß Richie schließlich als Krebsgeschwür aus dem gesunden Körper des Viertels herausgeprügelt wird - eine Szene, welche die Morde des »Son of Sam« an Brutalität weit in den Schatten stellt, ist nichts anderes als ein Aufstand der Anständigen (Kritik an der ordentlichen Gesellschaft, bitte, ist natürlich kein Argument FÜR Stiefelnazis).

 

Zweites mögliches Mißverständnis

Sicher ist der gutkatholische Vinnie, der - jungverheiratet - mit seiner Frau Dionna nicht so schlafen darf wie er gerne würde und deshalb immer fremd gehen muß (zu Hause wird ‘Liebe gemacht’, draußen wird ‘gefickt’), eine Art Karikatur des gleichzeitig defizitären und vor Potenz strotzenden Mannes in einer Männerwelt. Aber diese Thematik ist heute kein Stück weniger aktuell als im Sommer 1977. Sie ist nicht einfach nostalgische Schmunzelei über eine längst vergangene Zeit, sie trifft jedes Mitglied einer bürgerlichen Gesellschaft, ganz gleich, wie liberal, links und offen man sich versteht, ob man hetero oder homo oder beides ist. Den immanenten Widerspruch zwischenmenschlicher Beziehungen im Lichte gesellschaftlicher Nachwuchsproduktion hat Klaus Theweleit in seinen «Männerphantasien« mit der Parole »Jedem die Falsche« bezeichnend getroffen. Promiskuität mit wechselnden Partnern macht den Mann zum Supermann, die Frau zur Schlampe. Die Gesellschaft bedarf aber der moralkonservativen Gattin und Mutter, um ihre Basiszelle der Familie zu erhalten, weswegen es die Ehe gibt und sie auch entsprechend geschützt wird. Entsprechend sauer ist Vinnie auch als es seine Frau im Swingerklub mit einem anderen treibt, und das vor seiner Nase. Das natürlich darf sie nicht (durfte sie damals nicht und darf sie eben heute auch nicht). Er selbst kommt mit der ihm neuverordneten moralischen Enge des Ehelebens ebensowenig klar, will sich zwingen und wird doch wieder schwach. Allerdings macht er sich aus der Sicht seiner Frau damit keineswegs zum Supermann, sondern lediglich zum Glücksknaben seiner Chefin im Friseursalon. »Summer of Sam« ist eben nicht irgendein Filmchen von irgendwem, es ist ein Spike-Lee-Film, und auch wenn die Geschichte schließlich frustrierend abbricht, so zeigt sie auch einen Ausweg: Dionna verläßt Vinnie, der sozial kastriert zurückbleibt. (mt)

Streitblatt Januar 2001