The Nokia Night of the Proms

oder die Demokratisierung der Hochkultur

Die 'Nokia Night of the Proms’ ist eine jährliche konzertante Großveranstaltung des Mobiltelephonherstellers Nokia, die im Winter durch Deutschland tourt und Klassik und Popmusik miteinander verbinden will. Am 9. 12. 2000 wurde sie in der Olympiahalle München abgehalten.

Kim Jong Il hätte seine Freude ebenso dran gehabt wie der alte Nero. Mit der »Nokia Night of the Proms« ist auch in diesem Jahr wieder gigantisches Kulturspektakel über Zentraleuropa hinweggerollt, das jedem Autokraten zur Ehre gereicht hätte, abgesehen davon, daß rote Fahnen durch bunte Scheinwerfer und Gladiatoren durch »Proms« ersetzt worden waren und keiner Ehrenloge irgendeines ZK zu huldigen war.

Alles ist perfekt. Da gibt es eine aufwendig umgesetzte Lightshow, die etwas an den Krieg der Sterne erinnert, Großbildleinwände, einen riesigen Chor, der immer winkt, mal so rum, mal andersrum (gut, das klappt nicht immer so richtig prickelnd), das »Il Novecento«-Orchester und den flappsigen Sport- und Radiomoderator Markus Othmer (www.MarkusOthmer.de), der lustige Späßchen macht. Und die Proms. Das Motto des Spektakels lautet «Klassik trifft Pop«, die Olympiahalle ist prall gefüllt, die Stimmung erwartungsvoll und ausgelassen - eigentlich kein Publikum für ein Klassik-Konzert, und auch die poppigen »Proms« sind - von Howard Jones über Nena zu Coolio - so unterschiedlich, daß die weite Bandbreite des musikalischen abendländischen Kulturmülls vollständig ausgefüllt werden kann. Fragen tun sich auf, die sich im Laufe des Abends klären werden.

Klassik, so ist eine Message des Abends, macht Spaß. Der überwiegende Teil der Stücke ist zwar nicht dem Namen und dem Komponist nach, aber in der Melodie allen geläufig, Gassenhauer zum Mitträllern, bekannt aus dem Supermarkt, vom sonntäglichen Morgenradio oder einer Klassik-fürs-Volk-Anthologie. Lustige Clowns machen in der Schlagwerk-Sektion komische Slapsticks, damit das Publikum nicht nur die Scheinwerferkulisse anstarren muß. George-Clooney-Verschnitt Alessandro Safina, seines Zeichens Tenor, erfüllt auch das letzte Klischee, bei seinem Badewannen-Geknödel (naja, so schlecht singt er gar nicht) muß man einfach an Spaghetti mit Sauce Bolognese, Vesparoller und dunkelhaarige Furien denken, was kaum ein Zufall ist. In jedem Fall würde ein bildungsbürgerlicher Gasteig-Dauerkarten-Inhaber an dieser Stelle spätestens beleidigt seinen Platz räumen. Klassik trifft hier nicht nur Pop, sie ist es, heruntertransformiert und aufgepeppt.

In perfekter Balance tritt der eine oder andere Popper auf, gibt zwei Liedchen mit Orchesterbegleitung und E-Gitarre zum Besten und verzieht sich dann wieder. Coolio rappt vor weißen Schlipsträgern seine leicht abstrakt wirkende Ghettoromantik herunter, er darf dabei sein, weil er vor Jahren mit «Gangsta’s Paradise« und »C U When U Get There« zwei massenwirksame HipHop-Schnulzen erfunden hat. In Wirklichkeit aber haben wohl die meisten ein bißchen Angst vor ihm, weil er so irr in die Kamera blickt und wo er doch diese Jacken in Reutlingen geklaut hat, gut, daß er nicht von der Bühne springt. Für seine zehn Minuten aber wird er wohl fürstlich entlohnt. Chrissie Hynde von den Pretenders ist so übel nicht und UB 40, die Ex-Arbeitslosen, schrammeln «Red Red Wine« und freuen sich, dabei zu sein - was auch sonst. Nena ist inzwischen wohl um die vierzig, hat Kinder und ganz neue Songs, was aber singt sie? 99 Luftballons. Alle stehen auf, schwenken die Arme und verschwenden keinen Gedanken daran, daß nach dem letzten Krieg auch Gassenhauer eine neue, aktuelle Bedeutung aufnehmen können. Und ehrlich, an Howard Jones hätten wir uns so ohne weiteres nicht erinnert. Das war dieser Softpopper mit dieser aufgefönten Schleimlocke, der wie kein anderer das Geschmacksinferno der 80er verkörperte. 1984 hatte er einen (einzigen?) Hit mit »What Is Love?« (na, wieder im Ohr?), den bringt er dann auch. Anders als die anderen «Proms« leidet er - der inzwischen tragischerweise Elmar Hörig zum Verwechseln ähnlich geworden ist - an der Geltungssucht vergessener Exstars und spielt bei jeder Gelegenheit am Flügel und scharwenzelt sonstwie irgendwo dreieinhalb Stunden auf der Bühne herum.

Das Publikum

Wenn die Stones spielen oder Madonna oder sonst sowas Hallenfüllendes, dann inszenieren sich Stars und verdienen sich was dazu. Daß ihr Publikum ihnen hörig ist, haben sie nicht anders erwartet. Bei der »Night of the Proms« aber sind die aus der Mottenkiste geklaubten Sternchen von einst, die zu Oldies der eigenen Jugend oder Partygrölern erstarrte Songs schmeißen, Erfüllungsgehilfen des Gesamtkonzeptes einer Show, die geradezu übersteigert perfekt für jedes Ohr etwas bieten will. Die Zielgruppe »Publikum« spielt hier also eine ganz andere Rolle, als bloß die Halle zu füllen.

»Die Night of the Proms ist marketingtechnisch gesehen eine Maßnahme zu Bildung einer Community, das heißt einer Gemeinschaft von gleich gesinnten Mobilfunknutzern, denen im umkämpften Markt der Taschentelefone eine über den unmittelbaren Nutzungswert reichende Identifikation mit dem Produkt angeboten wird.« (SZ, 11.12.2000)

Na, geht in die richtige Richtung, dürfte so ganz aber nicht stimmen. Schließlich wird wegen eines einzigen Events niemand ein Nokia-Handy kaufen, weil er dann in eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten Eintritt erhält (auch wenn tatsächlich im Programmheft ein www.joinclubnokia.de angeboten wird, aber in den Pro7-Club geht ja auch niemand, der hin und wieder die Bundys anschaut). Außerdem ist die Werbung eher dezent bis spärlich angebracht, so daß sie getrost auch übersehen werden kann. Trotzdem greifen Konzerninteresse und Veranstaltung hier deutlicher ineinander, als wenn Siemens einen Konzertabend für Fagott und Oboe sponsort, das kann man mal tun, um sich gönnerhaft am bürgerlichen Hochkulturleben zu beteiligen. Dabei wird aber kaum die Konzernhymne geblasen werden müssen.

Das Publikum hier deckt die Bandbreite von der Sekretärin über das niedere Management bis hin zum Mittelstandsunternehmer ab, BWLer und Verwaltungsanhang sozusagen - Leute, die wissen, wie die Hauptstadt von Thailand heißt, aber nicht die von Kambodscha. Hier sind die vor Freude glucksende Sekretärin im roten Mini und der Schilderfabrikant, der die Gitarre von Status Quo ersteigert hat, fröhlich vereint - und doch außerhalb des Büros. Hier wird integriert und zusammengeschweißt, was in der Firma auch zusammengehört, nur eben mehr oder weniger privat. Gemeinsam wird inbrünstig letztendlich tatsächlich eine bemerkenswerte Hymne gesungen: »Land Of Hope And Glory, Mother Of The Free, How Shall We Extol Thee, Who Are Born Of Thee? Wider Still And Wider Shall Thy Bounds Be Set; God, Who Made Thee Mighty, Make Thee Mightier Yet,...« (Sir Edward William Elgar 1857-1934).

Da vergißt man dann schon die 12-Stunden-Bürotage, den Ärger mit Chef und Kollegen, das Mobbing und die Gerüchte über geplante Entlassungen. Die Großveranstaltung ist Karneval, sie balsamiert die geschundenen Seelen und macht alle zu Gleichen, jede und jeder ist ein Lichtchen in der verdunkelten Halle, ein unabdingbarer Teil der angeblich schnellsten La-Ola-Welle der Republik, ja, wir sitzen alle in einem Boot - wobei die Architektur der Olympiahalle München dieses Miteinander eindrucksvoll zu unterstreichen weiß. Dreineinhalb Stunden dauert diese Katharsis an und hinterläßt beschwingte und zufriedene Heimzügler, eine Art Autowäsche inklusive Heißwachspflege also. Wer allerdings Glück hat, der kann auch noch einen Blick auf die Backstage-Party werfen, heißt VIP-Longe, hat aber eher den Charme einer großen Garage. Hier gibt es zu den Spielen sozusagen auch noch Brot dazu, oder besser Buffetfraß mit dem der hier versammelte Vorhof der Reichen und Schönen abgefüttert wird - eine Art große Weihnachtsfeier für angestellte und selbständige Handyverkäufer. Als Nena dem Exklusiv-Publikum auf der Backstage-Bühne mit «Ich will ‘nen Cowboy als Mann!« gerecht wird, stürmt neben ein paar eher widerspenstigen Anzugtrotteln mit schütterem Haar ein sich rasch entblätternder Fönlanghaar (ein Niederbayer?) die Bühne - wodurch die Werbung des herneben platzierten Promotion-Standes für abwaschbare Tattoos eine ganz neue Dimension erlangt: »Wild for one night!« (mt)

Streitblatt Januar 2001