Zbig - The Big (Stick)

Zbigniew Brzezinski beim Think Tank Bertelsmann: Europeans - Unite and Rearm Now!!!

Sonntag, 5.11.2000, Literaturhaus München 17 Uhr. Geladen ward von Bertelsmann zum imperialistischen Big Talk .Der Bayerische Rundfunk zeichnete für seinen Bildungskanal BR Alpha die Rede „Europa und die Weltmacht USA“ auf, damit auch der lesefaule deutsche Bildungsbürger vom TV-Sessel aus den imperialistischen Diskurs über die Architektur einer neuen Weltordnung nicht verpasse.

Referent: Zbigniew Brzesinski. Die Einführung übernahm Josef Joffe, Transatlantiker, Mitglied der Transatlantischen Brücke, ehemaliger Redakteur der Süddeutschen Zeitung und nun bei der ZEIT schreibelnd (Bertelsmanngruppe). Ursprünglich hätte  KSZE/OSZE- Architekt und Außenminister a.D. Hans Dietrich Genscher die Einführungslaudatio halten sollen, was jedoch aufgrund „zeitlicher“ Verhinderung nun Joffe   übernahm:

Zur persona culta:

Zbigniew Brezinski, polnischer  Emigrant in die USA, steile akademische und politische Karriere zum Sicherheitsberater der US-Präsidenten  Carter und Reagan von 1977 bis 1981, unter anderem im National Security Council (NSC),  Harvardzögling, Bekannter von Kissinger und Samuel Huntington. Heute Professor für Amerikanische Außenpolitik an der John Hopkins University in Baltimore und Berater am „Zentrum für Strategische und Internationale Studien“ (CIS) in Washington D.C. 

Der Name ein orthographischer Zungenbrecher auch, daher der Einfachheit und vom Bedeutungsinhalt her:  Zbig oder Z´ Big. In der Redaktion der SZ habe sein Name daher über allen Weltkarten gehangen. Ein modellhaftes Beispiel im übrigen für den Nutzen der Green Card, dieser US- Pole auch (Wie Big könnte Deutschland sein, hätte man so einen Z´Big!). Ein Mann also mit größtem Einfluß, wie auch „Josse“ Joffe  mit  üblich selbsteitlen Anektödchen illustrierte . Zugleich lieferte Joffe ein Paradebeispiel , wie Pressefreiheit, Unabhängigkeit von Journalisten und Public Diplomacy funktioniert:

Damals, 1980 während der Polenkrise habe er mit seinem good fellow Z`Big beim Essen gesessen und dieser ihm angesichts von Invasionsdrohungen der Sowjetunion in Polen gleich mal die mündliche Vorlage für einen Artikel geliefert, der  als unmissverständliches  Drohsignal an die Addresse Moskaus gemünzt war – knapp unter einer offiziellen (Atom-) Kriegserklärung. Z´Big hätte so den Russkies klargemacht, dass bei einer Invasion ihre allerschlimmsten und düstersten Ängste bezüglich Einkreisungstheorien wahr gemacht würden. Mit umgehenden Erfolg. Daher sei es nur zu einer „inneren Invasion“ gekommen und war Polen nicht verloren. An diesem Tage habe er, Joffe ,  und Z´Big Polen gerettet.

(Mit der NATO- Zbig -Vatikan - Connection zur Stationierung eines Polenpopes Johannes Paul II als klerikal-politischer Pershing 3 wurde hier glücklicherweise nicht mehr geprotzt).

Eine andere Anektode wurde noch kredenzt, um herauszustellen, dass man es nicht mit irgendeinem dahergelaufenen Fuzzi aus dem Mittelcorps des amerikanischen Establishment zu tun habe, sondern dieser Mann auch Köpfe  lassen kann, sofern er wollte. So habe der damalige US-Botschafter in Bonn, Richard Burt da einen nicht zu erzählenden Polakenwitz gerissen und der polnischstämmige Z´Big daraufhin die US - Polenlobby mobilisiert. Um seinen Kopf zu retten, habe Burt einen „Canossagang nach Chicago“ unternommen. Kurz: Wenn Z ´Big Ernst macht, vergeht imperialistischen Witzereißern und linken Feinden das Lachen ganz gehörig. Nach dieser netten Einführung durfte man gewiß sein, dass hier bei aller diplomatisch- heuchlerischen Small Talk- Freundlichkeit und taktisch - ironietriefendem Bürgershumor   ernsthafte Projekte erörtert wurden in Sachen von Krieg oder Frieden – mit potentiell lebenserhaltendem oder massenmillionenfachem tödlichen Ausgang.

Die Vision: Transeurasisches Sicherheitssystem (TESS) und  Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Eurasien (OSZEA)

 

In seiner Einleitung sah Brzezinski die Menschheit am Rande einer neuen Epoche, die durch Globalisierung, Life Sciences ,etc. eine neue geschichtliche Stufe hervorbringen würde. Die bisherige Menschheitsgeschichte reiche vom Homosapiens bis zu dem Menschen heute. Danach beginne eine nicht näher geschilderte neue geschichtliche Formation:

Posthumanität (Sloterdjik, CAP-/ Bertelsmann-/Hoechst Stiftung und ihre Zukunftsforen lassen grüssen – siehe www. streitblatt.de – Artikel: CAP (11/1999)).

Doch seine Rede und Ausführungen wolle er auf die nächsten 2- 3 Dekaden beschränken, in denen der Nationalstaat als wesentlicher globaler Akteur die zentrale Rolle trotz aller Tendenzen spiele und hier vor allem die einzige Weltmacht: Die USA. In diesem Kontext seien seine Äußerungen zu verstehen. Der folgende Teil seiner Rede  war im wesentlichen eine kurze Wiedergabe der  zentralen Gedanken seines Buches The Grand Chessboard

 (1997) -  (deutsche Ausgabe : Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft. 1999) .Hiernach spielen sich die wesentlichen Entwicklungen in Eurasien ab, welches er geopolitisch auffasst. Europa und Asien- Eurasien, wobei der Ferne Osten und Der Nahe Westen  strukturell asymetrisch sind. Während in Europa eine EU und eine NATO existiert, so nichts vergleichbares im Fernen Osten. Ein Krisengürtel zieht sich demnach über einen zweiten Balkan, ein anarchisches Zentralasien bis an die Grenze Chinas (südliche Mitte). Die andere Seite Eurasiens bildet dann der Far East, wo u.a. Japan, China, Indien, Pakistan keine kooperative Sicherheitsarchitektur entwickelt haben, sondern immer noch recht eigenwillige, nationalstaatliche Interessen verträten.

Da Eurasien entscheidend sei, müsse eine Sicherheitsarchiketur namens Transeurasisches Sicherheitssystem (TESS) mit einer Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Eurasien (OSZEA) im Zentrum unter der Ägide und Beteiligung der USA errichtet werden

(Nicht umsonst sollte ja auch KSZE-/OSZE- Architekt Genscher die Einführung zur Rede von Z´Big halten, der auch das Vorwort in der deutschen Ausgabe von Zbigs Buch geschrieben hatte – eine versuchte Abstimmung zwischen dem deutschen und US- Imperialismus).

Die UNO erfülle nicht mehr eine zeitgemäße Ordnungsrolle. Zum einen sei die geopolitische Bedeutung der USA und Eurasiens nicht zentral gewürdigt, sondern auch noch so unwichtige Kontinentalmassen wie die Have- Nots in Afrika und sonstige Störenfriede (die dann weniger geopolitisch subsumiert werden) da zu sehr aufgehoben. Zum anderen würden im UN-Sicherheitsrat da ständige Mitglieder ständig und ständisch mitzureden haben, sogar mit Vetorecht, die da machtanalytisch definitiv überrepräsentiert seien (implizit: Frankreich und England). Von daher solle die OSZE durch eine OSZEA ersetzt werden, in deren Leitungsgremium die USA, Indien, Russland, China, Japan und die Europäische Union (nicht als Einzelstaaten) sitzen sollten. Die USA seien die einzig verbliebene Supermacht, aber längerfristig könnten sie allein für imperialistische Stabilität nicht sorgen. Daher seien mit den anderen Global Players derartig kooperative Strukturen anzustreben. Denn deren Interesse müsse auch die Erkenntnis sein: Ohne die USA, beziehungsweise bei deren partiellen Rückzug würde das gesamte Weltsystem instabil. Somit sei die Vorherrschaft der USA modifiziert durch Beteiligung der wichtigsten Global Player im allgemeinen Interesse und diese realpolitische Nützlichkeitserwägung potentieller Anreiz für alle wichtigen Mächte sich dieser Vision anzuschließen. Eingestanden wurde freilich, dass der Weg zu einer solchen Sicherheitsarchitektur von vielen Unwägbarkeiten gepflastert sei.

Konkretisierung von TESS und OSZEA anhand aktueller und bedeutender Entwicklungen im Far East (Korea) und im Near West (Europa)

Brzezinski  focusierte und konkretisierte seine Überlegungen zu TESS und OSZEA anhand aktueller Entwicklungen an den beiden Endpolen Eurasiens, zu denen er vor allem die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea , wie auch die anstehende EU-Reform – und erweiterung  zählte. Diese hätten sowohl für Eurasien, aber umgekehrt auch für die USA weitreichende Bedeutung.

Korea und Asien

Aufhören ließ Brzezinskis Bemerkung, wonach eine Wiedervereinigung Koreas im Bereich des Möglichen sei. Hierbei stelle sich die Frage, ob danach eine amerikanische Truppenpräsenz weiterhin möglich sei. Die Ansicht von Z´Big: „NO!“. Wenn die Koreaner eine US-Präsenz nicht mehr wollten, würden die USA gehen- wie vor dem Koreakrieg.

Dies habe aber Implikationen auf Japan, China und Taiwan. Japan und Taiwan würden sich durch einen eventuellen Rückzug der USA aus einem wiedervereinigtem Korea von Seiten der VR China bedroht sehen. Um also hier nationalen Alleingängen und desperaten Aktionen zuvorzukommen, sei eine weitere Vertiefung der amerikanisch-japanischen Sicherheitsallianz von Nöten, wie auch eine gewisse Garantie für Taiwan, wobei jedoch sichergestellt werden müsste, dass sich hierdurch die VR China nicht herausgefordert fühle. Zudem gäbe es in der VR China ein zunehmendes „Gap“ zwischen der politischen und der ökonomischen Entwicklung, welches zumal auch durch den Übergang zur nächsten Generation junger chinesischer Führungskräfte für weitere Instabilität sorgen könne. Hier gelte es sorgsam die Akzente zu setzen.

Insgesamt verschiebe sich die Ordnungsfunktion der USA angesichts der potentiellen Risiken vom Westen zum Osten. Aufgabe der USA sei es daher in dieser instabilen Region für Ordnung zu sorgen, wie auch ein Hinwirken auf die Herausbildung eines kooperativen Sicherheitssystems, welches dann in TESS und OSZEA aufgehen würde.

Die amerikanische Außenpolitik werde nicht vom Ergebnis der US- Wahlen beeinflusst. Die USA und ihre Außenpolitik seien kein Motorboot, das flink seine Richtung wechseln, sondern ein Schlachtschiff, das höchstens  um 1- 2 Grad navigieren könne. Eine Frage der Akzentuierung, nicht aber der prinzipiellen Ausrichtung. Eine Vertiefung der amerikanisch-japanischen Beziehungen sei ebenso Konsens, wie auch Bush jr. nur offener ausspreche , was auch in der Clinton-Administration gedacht werde: China nicht als strategic partner, sondern mehr als strategic competitor. Doch sei dies nicht absolut und statisch-fixiert zu verstehen, sondern flexibel nuancierbar. An dem prinzipiellen Ordnungsanspruch der USA in Asien, ja Eurasien würde nicht gerüttelt. Auch die Präsenz der USA in Europa stehe nicht zur Disposition, eher ihre Intensität und ihr Umfang. Daher müssten die Europäer auch ihren Anteil beitragen.

EU- Reform und Erweiterung

Den Europäern, die in OSZE, EU und NATO eingebunden sind, fiele bei der Entlastung der USA und einer transeurasischen Sicherheitsarchitektur eine wichtige Rolle zu. Wichtig sei es, dass sich die Europäer politisch vereinigen, erweitern und wiederbewaffnen werden. Brzezinski brachte dies implizit auf die Formel: UNITE AND REARM!!!

EUROPE UNITE!! Näheres zur europäisch politischen Einigung angesichts der immer noch existierenden nationalstaatlichen Bedenken westeuropäischer Staaten vor Souveränitätsverlusten, führte Z´Big nicht aus. Ja, er ging hier eher den anstehenden Terminkalender Europas durch. EU-Gipfel in Nizza im Dezember 2000, wobei er skeptisch war, ob hierbei schon ein Fortschritt zu erzielen sei. Wahlen in Frankreich, England und dann abschließend in Deutschland 2002. Hier bestünde die Gefahr, dass in Ländern in denen es kein Referendum bezüglich Europas gibt, die Bevölkerung die Wahlen zu einem Referendum zu Europa machen würde. Bestenfalls 2004 sei dann eine Ratifizierung eventueller Beschlüsse eines EU-Gipfels nach Nizza durch die jeweiligen europäischen Parlamente zu erwarten. Dies war zum einen ein Appell an die EU auf eine möglichst schnelle Zustimmung von unten angesichts eines knappen und dringenden Zeitplans zu drücken, aber auch umgekehrt klang dies nicht sonderlich optimistisch und verlagerte Brzenzinski den Augenmerk auf konkretere Forderungen daher amerikanischerseits institutionell. Die EU müsse sich nach Osteuropa erweitern und bei diesem Prozeß sowohl die USA, wie auch die osteuropäischen Staaten an der Diskussion beteiligen. Hier sprach ein polnisch-stämmiger Interessensvertreter des US-Imperialismus.

Darüberhinaus gehöre auch Russland und die Türkei zu Europa, wie auch die baltischen Staaten. Russland solle zumindestens der EU assoziiert werden, da eine ökonomische Stabilisierung in beiderseitigem Interesse sei und auch essentiell zur Konstruktion einer OSZEA. Denn Russland sehe die Gefahr, die ihm aus seinen südlichen Gebieten, aber auch möglicherweise längerfristig von Seiten der VR China drohen könnten. Ein Kernrußland, das nicht expansionistisch und abenteulerisch agiert, das bis zuVladivostok aber als geopolitischer Einheit erhalten bleibt sei wichtig. Umgekehrt sei es ebenso von Bedeutung die Türkei als Ordnungsmacht zu stützen, wie auch die baltischen Staaten zu verteidigen, die nicht NATO-Mitglieder sind. Hier appellierte Z´Big an das deutsche Hauptstadtgewissen.

Die USA hätten auch Westberlin im Kalten Krieg verteidigt. Auf die Frage, ob Westberlin „defenseable“ sei, wäre die damalige Antwort der USA gewesen: „It is not defenseable, but we are defending it!“. Analoges habe für das Baltikum zu gelten, um Russlands Außenpolitik im wesentlichen kooperativ zu gestalten , wie auch im wesentlichen auf Erhaltung der innenpolitischen Stabilität zu begrenzen, damit der geopolitische Legobaustein Kernrußland für ein Transeurasisches Sicherheitssystem intakt bleibe. Zur Begrenzung Russlands die NATO und Sicherheitsprojektion für das Baltikum, für die ökonomische Stabilisierung Russlands und der Türkei die EU. Als weitere wichtige Forderung wurde gestellt:

EUROPE REARM! Während hier eine EU-Armee von 60000 Mann aufgestellt werden solle, so würden die Rüstungsausgaben gesenkt, ja auch bei  Forschung und Entwicklung. Und dies obwohl seit dem Golfkrieg sich ein rüstungstechnologisches „Gap“ zwischen den Europäern und den USA verbreitere. Die USA würden weiterhin in Europa präsent bleiben, aber zum Beispiel im Falle des Balkans dies lieber gerne den Europäern mehr selbst überlassen, um sich wichtigeren Gebieten zuzuwenden. Daher müsse eine Wiederbewaffnung Europas vorangetrieben werden und zwar schleunigst.

Kurz: EUROPE UNITE AND REARM!

Gesagtes, Zwischenzeiliges und Ungesagtes

Zuerst einmal ist als wichtiger Rahmen zu sehen, dass Brzezinski ungeschminkt die Vorherrschaft der USA proklamierte. Ein Vergleich der USA mit Preußen vor der Vereinigung Deutschlands drängt sich  auf angesichts dieses globalstrategischen Masterplans:

Die USA als ideeler Gesamtidealist eines „globalen Kerns“ , den eine OSZEA darstellen soll. Bzw. Wiener Kongreß global wie ihn ja schon Kissinger und Rockefeller mittels der Trialteralen Kommission der 70er Jahre neben der UNO etablieren wollten..

Die projezierte neue Weltarchitektur als Ausdruck eines fairen globalen New Deal, der die imperialistischen Gesamtinteressen und den gegenseitigen Nutzen als realpolitischen kleinsten Nenner zu organisieren angeht. Option 1: Als Best-Case eine Formierung einer OSZEA  mit Ungewissheiten auf dem Weg dazu, die durch „Taktieren und Manipulieren“ von Seiten der Weltmacht USA geebnet werden soll - in Anlehnung an die Gleichgewichtspolitik des British Empire – nur modern. Ansonsten der Worst-Case , bei dem halt alle verlieren und eine tektonische Erschütterung der Kontinentalplatte Eurasien zu erwarten sei. Falls die Asiaten nicht mitspielen, so folgt als Zwischenstufe:  Krise, Krieg- dann danach die Implementierung.

Falls die politische Union Europas nicht so im Zeitplan von innen kommt, dann Europäische  Sicherheits- und Identitätsstiftung, die dies eventuell vollbringen soll – dazu bedürfte es eines Schurkenstaates, den so eine EU-Armee gemeinsam und schnell niederringen könnte – wohlweislich in der NATO bleibend.

Und auch den deutschen Imperialismus lockt Z´Big in seinem Buch mit einem Angebot, das schon im Kerneuropapapier von Schäuble/ Lammers ambivalent  als Worst-Case, bzw. Option gedacht wurde: „Einige würden es sogar begrüßen, wenn ein von Deutschland angeführtes Mitteleuropa entstünde, da Deutschland als eine positive regionale Macht betrachtet wird“.

In der Rede fielen so interessante Köder, dass die USA und Deutschland im Zweiten Weltkrieg vielleicht gar nicht im Krieg gewesen wären, hätte Deutschland damals den USA nicht den Krieg erklärt. D.h.: Ein diplomatisches Angebot an den deutschen Imperialismus in Sachen regionaler europäischer Ordnungsmacht, sollte es vorerst nix mit der EU werden.

Auch innerhalb des von ihm prospektierten TESS und einer OSZEA als Fernziel würde nur ein geeintes Europa als Ganzes einen Sitz im Leitungsgremium haben. Die Skepsis bezüglich einer politischen Union war deutlich hörbar, auch was eine Partizipation der Bevölkerung anbetraf. Zwar war dieser Vortrag wie auch Fischers Demokratisierungsvorschlag zwar gemeint als Mobilisierung einer Debatte zur Formierung einer europäischen Identität von innen und von mittel unten aufwärts, doch die Skepsis wegen  Euroskepsis der Bevölkerung und Parlamenten in Europa klang von Seiten Z´Bigs klar hervor.  Ebenso seine Skepsis wegen der nationalstaatlichen Interessen der Old World..

Daher äußerte er sich vor allem bezüglich einer Identitätsstiftung mittels einer Gemeinsamen Europäischen Verteidigungs- und Sicherheitsidentität (ESVI). Hier wurde ein nicht unwichtiger Punkt bei der Finalitätsdebatte von Fischer angesprochen, wenn auch nicht explizit ausgeführt.. Denn wenn europäische Identitätsstiftung nicht von innen und unten her zu bekommen ist, so könnte sie doch mittels eines Feindbildes von oben und außen gefördert werden. Motto: Wenn Europa von außen bedroht wird, so zu den Waffen. Analog zu Bismarcks politischer Einigung Deutschlands. Hierzu sind die Äußerungen etwa eines Stoibers bezüglich einer Gefahr z. B. von Seiten  angeblicher lybischer Raketen, die München und Europa bedrohen könnten, interessant. Auch die Tatsache, dass gleich nach dem Kosovokrieg zusammen mit US-Truppen englisches, französisches und erstmals deutsches Militär 1999 die weltweitgrößten Manöver in Ägypten abhielten und von der Notwendigkeit einer europäisch-ägyptischen Militärallianz gesprochen wurde , spricht dafür, dass derartige Überlegungen schon praktisch angelegt werden sollen.(siehe hierzu auch STREITBLATT 1/2000).

Denn eine so aufgestellte europäische Eingreiftruppe braucht auch ihren Bewährungsfall, muss ihre Funktionsfähigkeit , Schlagkraft und Glaubwürdigkeit in den nächsten Jahren auch einmal praktisch demonstrieren, wie es ja angesichts des Kosovo-Krieg als „Lehre“ eingefordert wird. Doch inwieweit hierüber dann auch eine politische Union zu erreichen wäre, bleibt fraglich. Ebenso, ob die unterschiedlichen , noch existierenden nationalen Interessen überhaupt zu einem gemeinsam erkorenen Schurkenstaat für eine WEU-/ EU-Armee führen können. Zumal auch die USA interessiert sind, dass eine derartige EU-Armee unter der Fuchtel der NATO, bzw. mit Beteiligung der Türkei gestaltet wird. Innerhalb des Rahmens einer amerikanischen Aufrüstung und des Raketenprojekts soll hier eine Entlastung der USA entstehen, keinesfalls aber eine Konkurrenz. Und in diesem Feld sehen dies die USA inzwischen scheinbar relativ gelassen. Aber ungewollte Einmischungen der EU verbietet man sich schon: Daher war auch interessant, dass im Foyer einer der Bertelsmänner düpiert äußerte: „Den Nahen Osten hat er gar nicht angesprochen!“ So was auch. Da werden die Russen von den palästinensisch-israelischen Gesprächen vorndraus gehalten, dürfen die Europäer symbolisch mittels Mr. GASP (Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik) Solana am Tische sitzen. Aber dass ihre vermeintliche Rolle gar nicht erwähnt wird (wegen „fair“ und „gleichberechtigt“) ist ja wohl unerhört, aber wollte Brzezinski möglicherweise damit andeuten. Der Nahe Osten, Lateinamerika, Asien, Kaspisches Meer und Zentralasien sind die Domains der USA. Die Europäer sollen gefälligst den Balkan und Russland ökonomisch stabilisieren und sich wiederbewaffnen, um da wohlfeile Entlastungsdienste in der amerikanischen Globalstrategie zu vollbringen. Gut möglich, dass der  Vorwortschreiber zur deutschen Ausgabe des Brzezinski- Buches „Die einzige Weltmacht“, Hans-Dietrich Genscher  an diesem späten Nachmittag nicht nur aus „zeitlichen“ Gründen die Einführungsrede für den Big Zgib nicht hielt. Denn so wie der leitende Bertelsmann-Mann im Foyer düpiert feststellte, dass Brzezinski den Nahen Osten trotz Brisanz und Mr. GASP Solana nicht einmal kurz erwähnt hatte, so könnte dieser Schluss auch mit der Ankündigung zu Beginn der Veranstaltung stehen, dass Genschmann heute nicht rede, sondern auf einer der nächsten Bertelsmanngesprächsrunden im Literaturhaus. Thema:  Der Nahe Osten – mit Starreferent : Hassan, dem Prinz von Jordanien. Einfühjrung: Hans- Dietrich Genscher. So übergehen lässt sich da ein deutscher Europäer vielleicht doch nicht. (ro)

Literatur:

-- Brzezinski, Z.: Die einzige Weltmacht- Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Frankfurt a. M. 1999

„Eine Geostrategie für Eurasien (...)

Wie beim Schach müssen Amerikas globale Strategen etliche Züge im voraus durchdenken und mögliche Züge des Gegners vorwegnehmen. Eine konsequente Geostrategie muß daher zwischen kurzfristiger Perspektive (grob gesagt, für die nächsten fünf Jahre), einer mittelfristigen (bis zu zwanzig Jahren in etwa) und einer langfristigen (über zwanzig Jahre hinaus) Perspektive unterscheiden. Zudem dürfen diese Zeitabschnitte nicht als in sich abgeschlossen betrachtet werden, sondern als Teile eines Kontinuums. Die erste Phase muß allmählich stetig in die zweite überleiten – ja, muß bewusst auf sie gerichtet sein - , und die zweite muß entsprechend in die dritte übergehen.

Kurzfristig ist es in Amerikas Interesse, den derzeit herrschenden Pluralismus auf der Landkarte Eurasiens zu festigen und fortzuschreiben. Dies erfordert ein hohes Maß an Taktieren und Manipulieren, damit keine gegnerische Koalition kommt, die schließlich Amerikas Vorrangstellung in Frage stellen könnte, ganz abgesehen davon, dass dies einem einzelnen Staat so schnell nicht gelänge, Mittelfristig sollte die eben beschriebene Situation allmählich einer anderen weichen, in der auf zunehmend wichtigere, aber strategisch kompatible Partner größeres Gewicht gelegt wird, die, veranlasst durch die Führungsrolle Amerikas, am Aufbau eines kooperativeren transeurasischen Sicherheitssystems mitwirken können. Schließlich, noch längerfristig gedacht, könnte sich aus diesem ein globaler Kern echter gemeinsamer politischer Verantwortung herausbilden.“

(Brzezinski, Z.: Die einzige Weltmacht, S. 281 ff.)

 

„Einige würden es sogar begrüßen, wenn ein von Deutschland angeführtes Mitteleuropa entstünde, da Deutschland als eine positive regionale Macht betrachtet wird.“ (ebd., S.252)

 

STREITBLATT-Artikel: