Daheim in der Fremde

Ein Gedächtnisprotokoll

Khartoum. Hans-Martin Freiluft lehnt sich zurück, legt sich seinen Monolog zurecht und atmet noch einmal die erwartungsvolle Stille des vollklimatisierten Raumes ein. Man sieht ja viel, sagt er, sich vorlehnend, wenn man so lange da ist, vier Jahre. Man sieht schon viel. Ich habe eine gute alte Freundin, drüben bei der Mission, da wird das alles immer so religiös verklärt. Wenn ich ihr sag, wie das ist, dann kriegt die schon immer so einen Blick.

Der Sudanese liegt ja in der Sonne und sagt, ich will heute essen... Die Eritreer und die Äthiopier im übrigen ja genauso. Sie werden nie erleben, daß hier der, der einen LKW fährt, auch ablädt. Machen die hier nicht. Selbst unsere nicht. Ich hab uns hier ja so ein Tricycle gekauft, aber da krieg ich unsere Leute nicht rein. Ich kann machen, was ich will, die wollen Mercedes fahren.

Auch die Südsudanesen arbeiten nicht - also ein paar schon, ja, ich kenn da eine Frau in Kairo, die arbeitet. Auch dem German Club hab ich eine vermittelt, die ist ganz fleißig, aber ihre Schwestern sitzen nur in der Ecke. Jedesmal, wenn ich da bin, sitzen die in der Ecke. Jedenfalls leben die in Kairo in Flüchtlingscamps und lassen sich ernähren. Die sagen, wir sind Flüchtlinge, wir arbeiten nicht. Überhaupt gibt es ja gar keine Flüchtlinge. Im Süden ist hier Krieg und da und da. Dabei malt er mit dem Zeigefinger kleine Kreise auf eine imaginäre Landkarte auf seinen Schreibtisch, einen schlichten, genormten Beamtenschreibtisch, der klein genug ist, daß sich ein Botschaftssekretär nicht für den Botschafter selbst halten kann. Das sind in der Regel..., er sucht nach dem richtigen Wort, Wirtschaftsflüchtlinge. Wirtschaftsflüchtlinge. Also wenn ich nach Kairo käm, ich würde arbeiten.

Überhaupt Kairo. Wie die Leute da leben. Ich komm ja gerade aus Kairo zurück, wo wir alle zwei Wochen unsere Post abholen, also die diplomatische Post. Da kenn ich einen Missionar, der hat uns ein bißchen rumgefahren. Da sind viele NGOs, vor allem kirchliche Organisationen, die da im Schutt eine Stelle freiräumen, aber nebendran ist schon wieder alles... Dieses Mal findet Hans-Martin Freiluft keinen passenden Ausdruck. Es ist unsäglich..., aber die Ägypter arbeiten. Wie die da leben können! Er stockt, in Gedanken verhangen.

In Kairo können Sie ja Schwanensee sehen, hier undenkbar! Man weiß nie, ob das nicht in Richtung Afghanistan kippt. Um Ramadan, da werden die Mädchen ja auch immer geschlagen. Vor allem, wenn sie aus der Frauen-Universität kommen. Der Rektor ist ein ganz rühriger, wir unterstützen den ja auch ein bißchen. Aber die Mädchen, die wehren sich schon.

Der Portier tritt ein, ein schüchterner alter Mann, der ungern stört. Hans-Martin Freiluft zieht die Augenbrauen hoch. Es wartet draußen eine Dame. Sie ist etwas in Eile und möchte wissen, ob es sich für sie zu warten lohnt oder ob sie morgen noch mal wieder kommen soll. Freiluft nimmt den Anmeldezettel entgegen und liest mühsam den Namen. Nein, nicht bekannt. Ah, eine Äthiopierin? In wiedergewonnener Selbstsicherheit lehnt er sich zurück in seinen Bürosessel. Die Eritreerinnen und Äthiopierinnen die haben soviel Zeit. Die haben soviel Zeit. Es ist mir egal. Was soll ich ihr, fragt der Portier, denn sagen? Soll sie morgen wiederkommen oder warten? Es ist mir egal, es ist mir vollkommen gleich, antwortet Freiluft. Aber, setzt der Portier erneut an. Die haben soviel Zeit, lassen Sie sie warten, die wird dann schon gehen, wenn es ihr zu lange wird.

Die ganze Entwicklungshilfe hat ja nur geschadet, würgt Hans-Martin Freiluft die Unterbrechung ab. Die hat nur geschadet. Seit der Einstellung 93, 94 hat sich soviel geändert. Die Internetcafés überall und die Turkish Bakeries. Und die Amerikaner bombardieren da einfach die Pharmafabrik... Aber wenn die wieder kämen, das wär schon toll. Das wär schon toll.

Ja, äh, Khartoum ist im übrigen sicher. Klauen. Das machen die hier nicht. Sind auch zu Fremden immer höflich, immer lächeln, auch wenn sie sich selbst die Köpfe einschlagen und ganze Familien ausrotten. Ja, äh, kann ich sonst noch irgendwie... Nehmen Sie ihren Bekannten da noch ein paar Broschüren mit, Sie glauben ja gar nicht, wie die sich freuen werden. Aufstehen, Händeschütteln, gemeinsames Hinuntergehen zum Wartesaal. Dort wartet noch immer die Äthiopierin. Ah, was, geht er strahlend auf sie zu, Sie sind noch nicht in Deutschland? Ein letztes Zunicken. Aber einen guten Kaffee macht sie! Wenn Sie mal Zeit haben... (mt)