Räumt das Haus an der Evergreen Terrace!

Die Simpsons sind tot, es lebe Futurama.

Die Simpsons sind tot. 11 Jahre nach ihrem Start im US-amerikanischen Fernsehen hat sie das typische Schicksal zahlloser Serien ereilt: Die Simpsons haben ihren subversiven Charme verloren, die Gags sind platt, die Stories zu überdreht, die Figuren beliebig oder starr geworden und statt Akteuren ist die Familie Simpson nurmehr das Dressing der zeichentricktechnischen Verewigung von solchen Vollgasdeppen wie Mel Gibson. Kurz gesagt, die Simpsons haben die geniale Balance zwischen verspielter Komplexität und überladenem Barock, zwischen Plot und Ziellosigkeit, zwischen Eindeutigkeit und Vieldeutigkeit verloren. Während die Hauptfiguren in den älteren Folgen in postmoderner Unschärfe schillern, sind sie in den beiden neuesten Staffeln berechenbar und fade eindimensional. Als trauriger Höhepunkt dieses epigonalen Abgesangs kann etwa die Folge “Bart brütet etwas aus” (‘Bart the Mother’ 98) aus der zehnten Staffel gelten. Schlecht und ohne hintergründigen Witz scheint diese Folge der Versuch zu sein, die Simpsons zu einer Kinderunterhaltung nach Art des blauen Molches “Newton” zu gestalten. Bekanntlich aber sind die meisten Comics allenfalls auch für Kinder - und meistens für Erwachsene, da sie ja von Erwachsenen gemacht werden. Wenn Erwachsene sich vorstellen, was Kinder lustig finden, dann kommt in aller Regel Scheiße dabei raus, zuletzt gesehen bei der zweiten Aufmache des rosaroten Panthers. (Der arme Kerl muß heute auch noch ausgerechnet für die Telekom posieren. Das Paulchen Panther, mit dem wir aufgewachsen sind, das den spießigen Inspektor Clouseau narrt und dem kolonialherrschaftlichen Großwildjäger entwischt, das war jedenfalls ein ganz anderes.) Gänzlich verhauen wurden u.a. auch die Folgen “Das Geheimnis der Lastwagenfahrer” (‘Maximum Homerdrive’ 99) und “Die Stadt der primitiven Langweiler” (‘They saved Lisa’s Brain’ 99) mit Gast-Star Stephen Hawking, keine Kinderfolgen zwar, doch dennoch miserabel, da das Feld der unmöglichen Möglichkeit zugunsten einer beliebig möglichen Unmöglichkeit verlassen wurde. Sehen wir zurück auf die guten alten Staffeln 1-9. Hier wurden beständig Themen behandelt, die tatsächlich innerhalb unseres Alltags in der kapitalistischen Welt liegen, welche mal eher allgemein westlich, mal eher US-amerikanisch geprägt ist:

Patriarchat, Ehe und Rollenzuweisung wie in “Der schöne Jacques” (‘Life on the Fast Lane’ 90), als Marge sich einen Seitensprung überlegt, in “Kampf dem Ehekrieg” (‘The War of the Simpsons’ 91), als ein betrunkener Homer Maude Flanders belästigt, oder in “Marge wird verhaftet” (‘Marge in Chains’ 93), als die völlig überlastete Hausfrau Marge eine Flasche Bourbon im Kwiki-Markt zu zahlen vergißt. Unvergeßlich bleibt die Scheidungsepisode, in welcher Kirk und Luann, die Eltern von Milhouse, sich trennen. Anders als in den meisten Trickserien (symbolisiert durch die Serie in der Serie “Itchy & Scratchy”), in denen einschneidende Veränderungen - wie etwa körperliche Verletzungen - maximal eine Folge lang Wirkung zeigen, bleibt Milhouse von nun an ein Scheidungskind, eine Versöhnung der Eltern scheitert, das Happy End wird ausgespart (“Scheide sich, wer kann”, ‘A Milhouse Divided’ 96).

Konservativismus und die Entwürdigung seiner Vertreter wie in “Frische Fische mit drei Augen” (‘Two Cars in Every Garage and Three Eyes on Every Fish’ 90), als der AKW-Besitzer Montgomery Burns für das Gouverneursamt kandidiert, in “Die Springfield Bürgerwehr” (‘Homer the Vigilante’ 94), als Homer als faschistoider ‘law and order’-Proll durchgreift, oder in “Volksabstimmung in Springfield” (‘Much Apu About Nothing’ 96), als der Vorzeige-Fremde Apu Nahasapeemapetilon ausgewiesen werden soll. Besonders gerne wird in diesem Themenfeld die US-amerikanische Politprominenz abgeschossen wie beispielsweise in “Die bösen Nachbarn” (‘Two Bad Neighbors’ 96), als George Bush, im Ruhestand nach nur einer Amtszeit, sich vor Gorbatschow mit Homer auf der Straße prügelt. Beliebte Ziele der Comic-Konservativen sind desweiteren Franzosen, Ajatollahs und die Demokraten.

Rauschmittel. Ein besonderer Dorn im Auge jeden rechtschaffenen Bürgers dürfte die wiederholte Thematisierung von Drogenkonsum aller Art sein. In “Homers Merkwürdiger Chili-Trip” (‘El Viaje de Nuestro Jomer/The Mysterious Voyage of Homer’ 97) trinkt Homer zu einem ordentlichen Rausch keinen einzigen Tropfen, während er in “Der mysteriöse Bier-Baron” (‘Homer vs. The Eighteenth Amendment’ 97) als mafiöser Pate den Alkoholzufluß in Zeiten der Prohibition organisiert, hierbei die Heuchelei der Bürger aufdeckt und gleichzeitig den Hardliner und FBI-Mann Rex Banner aussticht. Noch ganz passabel, wenn auch schon mit Abstrichen, ist die Folge “Homer ist ein toller Hippie” (‘D’Oh - in the Wind’ 98), in der die gesamte Stadt Springfield durch mesqualinhaltige Gemüsesäfte zu halluzinieren beginnt.

Der freie Westen und seine Entlarvung wie in “Bart gegen Australien” (‘Bart vs. Australia’ 95), eine Episode, die viel mit Patriotismus und Klospülungen zu tun hat, oder in “Einmal Washington und zurück” (‘Mr. Lisa Goes To Washington’ 91), als der Vertrauensverlust Lisas in das politische System der USA das FBI zu sofortigem Handeln veranlaßt. Eine ganz frühe und geradezu grandiose Folge zum Thema West/Ost heißt “Tauschgeschäfte und Spione” (‘The Crepes of Wrath’ 90), in welcher sich der freie Westen dem Vorwurf eines albanischen Kinderspions ausgesetzt sieht, seine Maschinerie mit dem Blut des ausgebeuteten Arbeiters zu ölen - während gleichzeitig Bart in einem französischen Weinberg Sklavenarbeit verrichten muß. Einen eindeutigen Sieg über die freie Welt erringt in der Folge “Die Trillion-Dollar-Note” (‘The Trouble With Trillions’ 98) Fidel Castro der dem steuerflüchtigen Burns den einzigen Trillion-Dollar-Schein abnimmt, der je gedruckt wurde.

Deutschland. Anspielungen auf Deutschland gibt es bei den Simpsons zuhauf, wobei diese sich nicht in haltlosen Erzrivalitäten wie bei den üblichen antifranzösischen Spitzen ergehen, sondern vor allem auf die Entwürdigung Adolf Hitlers und das wiedererstarkte und somit respektable Wirtschaftswunder-Deutschland abzielen (z. B.: “Kraftwerk zu verkaufen”, ‘Burns Verkaufen Der Kraftwerk’ 91; “Kampf um Bobo”, ‘Rosebud’ 93). Besonders boshaft wird das reiche Nachkriegsdeutschland, welches bei den Simpsons mit seiner faschistischen Vergangenheit völlig gebrochen hat (die notwendige geschichtliche Kontinuität wird beiläufig durch das wiederholte Auftreten des Führers provoziert), in der Episode “Simpson und sein Enkel in ‘Die Schatzsuche’” gezeichnet (‘Raging Abe Simpson and His Grumbling Grandson in ‘The Curse of the Flying Hellfish’’ 96). Nach einem ausgiebigen Duell Abe Simpsons und Monty Burns’ um den Besitz im Krieg gestohlener Gemälde, taucht ein jugendlicher Ernst-August-Verschnitt mit Pferdeschwanz auf, der die Bilder seiner ehrwürdigen Vorfahren achtlos in den Kofferraum seines Benz-Cabrios wirft und zu Kraftwerk-Rhythmen Richtung Stuttgart hinfortfährt.

Thematisiert werden desweiteren zum einen gesellschaftlich Diskriminierte wie Juden (“Der Aushilfslehrer”, ‘Lisa’s Substitute’ 91; “Der  Vater eines Clowns”, ‘Like Father Like Clown’ 91), Schwule (“Homer und gewisse Ängste”, ‘Homer’s Phobia’ 97), ‘Fremde’ (s.o.) und Senioren (“Allgemeine Ausgangssperre”, ‘Wild Barts Can’t Be Broken’ 99; “Seid nett zu alten Leuten!”, ‘The Old Man and the ‘C’ Student’ 99), wobei pädagogisch einwandfreie und verantwortliche Aufklärungsarbeit geleistet wird. Die Essenz lautet stets: Auch scheinbare Außenseiter sind ganz normale Menschen, die gute und schlechte Seiten haben, die nett, dickköpfig oder auch verschroben sind, in jedem Fall aber ernstzunehmen. Andererseits kommen Vertreter der NRA, der Medienwelt oder die Freimaurer (“Homer der Auserwählte”, ‘Homer the Great’ 95) weniger gut weg, da sie stets ein würdiges Ziel groben Spotts abgeben.

 

Die Springfield-Charaktere

 

Die Hauptfiguren heißen natürlich Marge, Homer, Bart, Lisa und Maggie Simpson. Doch daß auch die anderen Figuren der Serie mit ihren typenhaften Eigenschaften mehr als nur Staffage sind zeigt spätestens die Pulp-Fiction-Parodie “22 Kurzfilme über Springfield” (‘22 Short Films About Springfield’ 96), die ein meisterhaftes Spiel narrativer Elemente, Beziehungen und Ebenen darstellt. Während die meisten Nebenfiguren jedoch eher semantisch stabil bleiben - der konservative und Bill-Cosby-gleiche Afro-Amerikaner Dr. Hibbert, der wie in Rückblenden ersichtlich seine schwarze Identitätsfindung schließlich bei den Republikanern beendet hat; der schmierige Anwalt und Alkoholiker Lionel Hudds; die ebenso geschwätzige wie boshafte Predigergattin Mrs. Lovejoy - und nur manchmal ihre alltäglichen Lebensräume verlassen - wie der brave Christ Ned Flanders in “Wir fahr’n nach ... Vegas” (‘Viva Ned Flanders’ 99) - bleiben die Hauptfiguren nicht auf einen einzigen Charakterzug beschränkt. Zwar sind Lisa klug und Bart frech, Marge überzeugte Hausfrau und Homer ein Trottel, doch blieb bislang genug Raum für neue Aspekte und Blickwinkel, was das erzählerische Salz der Simpsons ausmacht. Homer etwa kann ebenso faschistoid wie anarchisch sein, ebenso Patriarch wie hilflos Liebender und ebenso dumm wie genial. Marge putzt bis an ihre körperlichen Grenzen hinter Mann und Kindern her, doch kann sie aus ihrer Rolle in der Thelma-und-Louise-Parodie “Die rebellischen Weiber” (‘Marge on the Lam’ 93) auch ausbrechen. Lisa etwa ist Kind und Erwachsene in einer Figur, wehrt sie sich das eine Mal gegen den debilen Verehrer Ralph oder verliebt sich selbst in den Rowdie Nelson, so sorgt sie gleichzeitig im Arbeitskampf der AKW-Belegschaft gegen Mr. Burns für rebellische Streikromantik (“Prinzessin von Zahnstein”, ‘Last Exit to Springfield’ 93). Bart ist boshaft und großherzig, teilt aus, bleibt aber immer selbst potentielles Opfer älterer Mitschüler. Und Maggie schließlich bekommt ihren eigenen Krimi mit der Doppelfolge “Wer erschoß Mr. Burns? Teil 1+2” (‘Who shot Mr. Burns? (Part One/Two)’ 95), in der sie ihre Handlungskompetenz beweist, obwohl sie keine Sprechrolle innehat.

Wollte man von den Simpsons einen guten neuen Aufguß schaffen, so müßte man die Komplexität ihrer Figuren berücksichtigen und die Stories wieder familiär und glaubwürdig gestalten, keine zufälligen Reisen nach Japan oder sonst wohin und keine Fokussierung auf Gast-Stars - die bislang nur gezielt am Rande auftauchen durften und stets nur wenige Sätze hatten. Ja sogar das “Springfield Film-Festival” (‘A Star is Burns’ 95) kam seinerzeit völlig ohne Berühmtheiten aus, die Springfieldianer genügten sich selbst vollkommen, ohne sich an irgendwelche Sternchen anzubiedern. Andernfalls laßt die Simpsons in Ehren und Würden sterben (ein Problem, das übrigens auch Sir Arthur Conan Doyle mit Sherlock Holmes und einem nach neuen Stories lechzenden Lesepublikum hatte). Ohnehin scheint sich der geniale Schöpfer der Simpsons, Matt Groening (*1954), schon seit längerem aus dem Projekt zurückgezogen haben. Vor anderthalb Jahren erschreckte sein und David S. Cohens neues Lieblingskind “Futurama” erstmals die USA und läuft eben bei uns an (“Zeit und Raum 3000”, ‘SPACE PILOT 3000 - PILOT’ 99): Fry, ein delivery-boy beim Pizza-Service und gänzlicher Versager in Karriere, Liebe und Freundschaft, beamt sich versehentlich ins New-York der Zukunft, wo ihm sogleich ein ewiger Schicksalschip eingeimpft werden soll, der ihn erneut zum Lieferjungen machen würde. Doch Fry läuft weg, beeindruckt so seine zyklopische Verfolgerin Leela und freundet sich mit dem trinkfreudigen und suizidgefährdeten Roboter Bender an. Zu dritt beginnen sie ein neues Leben - ironischerweise als Lieferanten in der Raumspedition eines Nachfahren Frys. Die Zukunft ist düster, in der Tat, ihr Motto lautet: Es muß getan werden, was getan werden muß. Doch dies erlaubt jede Menge sprühenden Zynismus - ein essentieller Bestandteil, der den Simpsons von heute verloren gegangen ist.  (mt)